Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Fatimiden

Die Fatimiden (arabisch الفاطميون , DMG al-Fāṭimiyūn) waren eine ismailitische Dynastie, die 907 ein Gegenkalifat (zum Kalifat der Abbasiden) errichteten …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und religiöse Herkunft
  2. 2. Aufstieg in Nordafrika
  3. 3. Ägypten, Blütezeit und Untergang
  4. 4. Religion und Mission
  5. 5. Kalifen und Wandel des Wesirats

Überblick und religiöse Herkunft

Die Fatimiden waren eine ismailitische Dynastie. Sie errichteten 907 ein Gegenkalifat zum sunnitischen Kalifat der Abbasiden und herrschten von 909 bis 1171 über wechselnde Gebiete in Nordafrika, Ägypten und Syrien. Als Kalifen beanspruchten sie zugleich die politische und religiöse Führung der muslimischen Gemeinschaft. Ihr Reich war zeitweise eine der stärksten Mächte der islamischen Welt; besonders wichtig waren die Eroberung Ägyptens, die Gründung Kairos und die Förderung von Handel, Kultur und Wissenschaft.

Der Ursprung der Dynastie lag in der Spaltung des Islams nach dem Tod Mohammeds 632. Die Schiiten erkannten Imame als Führer an, die von ʿAlī ibn Abī Tālib und Mohammeds Tochter Fatima abstammten. Bei der Frage nach der rechtmäßigen Nachfolge entstanden unter anderem Imamiten, Ismailiten und Zaiditen. Die Ismailiten betrachteten Ismail und nicht Mūsā ibn Dschaʿfar al-Kāzim als Nachfolger Dschafar as-Sadiqs. Ismails Sohn Muhammad galt ihnen als siebenter Imam. Nach ihrer Lehre war er nicht gestorben, sondern in die Verborgenheit gegangen und sollte als Qaim und Mahdi, also als messianischer Erneuerer, zurückkehren.

Abdallah al-Akbar trat seit der Mitte des 9. Jahrhunderts als Stellvertreter dieses erwarteten Mahdis auf. Von Salamya in Syrien aus entstand ein Netzwerk geheimer Gemeinden. Missionare, sogenannte Dāʿīs, verbreiteten die ismailitische Lehre in der islamischen Welt. Später erklärte sich Said ibn al-Husain selbst zum wahren Mahdi. Dadurch spaltete sich die Bewegung: Die Qarmaten und andere Gruppen hielten weiterhin an der erwarteten Rückkehr Muhammad ibn Ismails fest. Said wurde als Abdallah al-Mahdi zum Begründer des Fatimidenreichs. Er leitete seinen Herrschaftsanspruch von Fatima ab, nach der die Dynastie benannt wurde.

Aufstieg in Nordafrika

Der Missionar Abū ʿAbdallāh asch-Schīʿī gewann im Maghreb Berber für die ismailitische Lehre und stürzte die Aghlabiden in Ifrīqiya, dem Gebiet des heutigen Ost-Algerien, Tunesien und Libyen. Damit bereitete er Abdallah al-Mahdi den Weg zur Macht. Dieser regierte von 910 bis 934, nahm den Kalifentitel an und gründete südlich von Sousse die Hauptstadt al-Mahdiya. Von Beginn an wollten die Fatimiden die Abbasiden stürzen, die sie als unrechtmäßige Herrscher betrachteten.

Die Fatimiden unterwarfen Algerien und Sizilien, scheiterten zunächst jedoch bei ihren Feldzügen nach Ägypten. Unter Abu l-Qasim al-Qaim (934–946) wurde Sizilien erneut erobert. Fatimidische Flotten plünderten Küstengebiete Italiens und Frankreichs; zur Verwaltung Siziliens wurden die Kalbiten als Emire eingesetzt. Der Aufstand charidschitischer Berber unter Abu Yazid von 944 bis 947 brachte das Reich in eine schwere Krise und führte zeitweise zur Belagerung al-Mahdiyas.

Ismail al-Mansur (946–953) und Abu Tamin al-Muizz (953–975) ordneten das Reich neu. Der Feldherr Dschauhar as-Siqillī stieß bis zum Atlantik vor, doch ließ sich die Herrschaft über Marokko nicht dauerhaft sichern. Der politische Schwerpunkt verlagerte sich deshalb auf die Eroberung Ägyptens. Die dynastische Farbe der Fatimiden war Weiß als Gegensatz zum Schwarz der Abbasiden; mit dem Kalifen waren außerdem rote und gelbe Banner verbunden.

Ägypten, Blütezeit und Untergang

969 eroberten die Fatimiden Ägypten und stürzten die Ichschididen. Al-Muizz verlegte 972 die Hauptstadt in das neu gegründete Kairo. Im Maghreb setzte er die Ziriden als Vizekönige ein, wodurch Nordwestafrika zu einem Randgebiet des Reiches wurde. Al-ʿAzīz festigte die Herrschaft in Ägypten und tolerierte trotz des ismailitisch-schiitischen Charakters des Staates die sunnitischen Muslime. Bis 978 wurden Palästina und Syrien erobert; außerdem gewannen die Fatimiden die Kontrolle über Mekka und Medina und damit über die wichtigsten Heiligtümer des Islams.

Ägyptens Wirtschaft erlebte durch neue Straßen und Kanäle sowie durch den Handel zwischen Indien und dem Mittelmeerraum einen starken Aufschwung. Im 11. Jahrhundert besaß das Fatimidenreich die größte Wirtschaftskraft unter den islamischen Reichen. Die Herrscher unterstützten Kultur und Wissenschaft. Besonders bedeutend war die Gründung der al-Azhar-Universität, die später zu einem sunnitischen Zentrum wurde.

Unter al-Hakim (995–1021) nahm die bisherige Toleranz gegenüber Christen und Juden ab. Öffentliche Prozessionen und Kulthandlungen wurden verboten, ebenso Wein und Bier. Zeitweise ließ der Staat Kirchen und Klöster plündern, um Heer und Moscheebauten zu finanzieren. 1009 wurde die Grabeskirche in Jerusalem zerstört. Um 1017 entstand eine Gemeinschaft, die al-Hakim als Verkörperung Gottes betrachtete; aus ihr entwickelten sich später die Drusen.

Az-Zahir (1021–1036) befriedete das Reich und schlug Beduinenaufstände in Syrien nieder. Unter al-Mustansir (1036–1094) erreichte die fatimidische Macht ihren Höhepunkt. Ismailitische Missionare gewannen im Jemen Einfluss, und 1059 wurden die Abbasiden in Bagdad kurzzeitig gestürzt. Die expansive Politik führte jedoch zum Staatsbankrott. 1076 gingen Syrien und Palästina an die Seldschuken verloren, während im Inneren Truppenführer und Wesire immer mehr Macht übernahmen.

Die Fatimiden konnten 1099 die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer und die Gründung des Königreichs Jerusalem nicht verhindern. Ihre Rückeroberungsversuche, darunter die Schlacht von Ramla, blieben erfolglos. Seit 1130 gerieten sie stärker unter den Einfluss der Kreuzfahrer; 1153 verloren sie nach der Belagerung von Askalon ihren letzten Stützpunkt in Palästina. Um eine Eroberung Ägyptens durch die Kreuzfahrer zu verhindern, griff Nur ad-Din von Damaskus ab 1163 in Ägypten ein. Sein Offizier Saladin stürzte 1171 das Fatimidenkalifat und begründete die Dynastie der Ayyubiden.

Religion und Mission

Das Fatimidenreich war klar ismailitisch ausgerichtet. An der Spitze seiner religiösen Ordnung stand der Ober-Dāʿī, der leitende Missionar, der oft zugleich Ober-Kadi, also höchster Richter, war. Jeden Donnerstag hielt er im Palast von Kairo öffentliche Lehrsitzungen ab. In diesen madschālis al-ḥikma, den „Sitzungen der Weisheit“, wurden Anhänger nach einem Gelübde in die ismailitische Geheimlehre eingeführt. Al-Qāḍī an-Nuʿmān, der den Fatimiden bis 974 als Ober-Dāʿī und Ober-Kadi diente, entwickelte eine eigene ismailitische Schule der Normenlehre.

Die Mission sollte auch außerhalb des Reiches den Sturz der Abbasiden vorbereiten. Ihren größten Erfolg erzielte sie im Jemen: 1047 gründete ʿAlī ibn Muḥammad dort mit den Sulaihiden eine den Fatimiden loyale ismailitische Dynastie und brachte Sanaa und Aden unter seine Kontrolle.

Am Hof wurde die behauptete Abstammung der Fatimiden von Mohammed besonders betont. Im 11. Jahrhundert führte man dazu ein Fest zum Geburtstag des Propheten ein. Es wurde am 12. Rabīʿ al-awwal begangen, der im Artikel zugleich als eigentlicher Todestag Mohammeds bezeichnet wird. Der Kalif stand im Mittelpunkt der Feierlichkeiten mit öffentlichen Predigten und Koranlesungen.

Die Fatimiden zwangen ihren muslimischen Untertanen den ismailitischen Glauben nicht auf. Intensive Werbung führte dennoch zu zahlreichen Übertritten. Im frühen 12. Jahrhundert gelangten zunehmend Sunniten in einflussreiche Ämter und gründeten eigene Madrasas, also religiöse Lehranstalten. Damit begann bereits vor dem Ende der Dynastie die Wiederherstellung des sunnitischen Islams in Ägypten.

Kalifen und Wandel des Wesirats

Die Kalifenfolge führte von al-Mahdi (910–934) über al-Qaim (934–946), al-Mansur (946–953), al-Muizz (953–975), al-Aziz (975–995), al-Hakim (995–1021), az-Zahir (1021–1036) und al-Mustansir (1036–1094). Nach al-Mustansir verzweigte sich die Familie: Nizar starb 1095, während al-Mustali (1094–1101) Kalif wurde. Es folgten al-Amir (1101–1130), al-Hafiz (1130–1149), az-Zafir (1149–1154), al-Faiz (1154–1160) und al-Adid (1160–1171), der letzte fatimidische Kalif.

Schon al-Mahdi übertrug nach seiner Proklamation 910 die täglichen Staatsgeschäfte einem leitenden Chefminister. Die frühen Amtsinhaber hießen zunächst „Sekretär“ (kātib), obwohl sie bereits die Ministerien, die dīwāne, beaufsichtigten. Der Titel Wesir, arabisch wazīr, wurde anfangs vermutlich gemieden, weil ihn auch die abbasidischen Gegner verwendeten. Yaqub ibn Killis erhielt ihn am 18. April 979 als besondere Ehrung von al-Aziz. Seine Nachfolger hießen wieder meist „Mittler“ (wāsiṭa). Erst seit al-Dschardscharai, der 1045 starb, war der Wesirstitel bis zum Ende des Kalifats üblich.

Anfangs waren Wesire vor allem zivile Verwalter. Solche Amtsträger wurden als „jene mit dem Schreibrohr“ bezeichnet und übten ein „Wesirat der Ausführung“ aus: Der Kalif herrschte, der Wesir setzte dessen Entscheidungen um. Seit der Regierungszeit az-Zahirs und al-Mustansirs übernahmen Wesire jedoch zunehmend selbst die Regentschaft. Nach dem Sturz al-Yazuris 1058 folgten Krise, Anarchie und häufige Amtswechsel.

General Badr al-Dschamali beendete diese Lage 1074. Spätestens 1078 vereinigte er das Wesirat, die höchste Gerichtsbarkeit, die Leitung der ismailitischen Mission und den militärischen Oberbefehl. Dieses „Wesirat der Bevollmächtigung“ machte die Wesire „mit dem Schwert“ zu nahezu unbeschränkten Herrschern; einige führten sogar den Fürsten- oder Königstitel malik. Die Kalifen wurden weitgehend zu Marionetten, die der Herrschaft der Wesire nur noch Legitimation verliehen. Al-Amir und al-Hafiz versuchten zeitweise, ohne Wesir persönlich zu regieren, doch endeten diese Versuche jeweils mit ihrem Tod.

1169 musste al-Adid nach der Eroberung Ägyptens durch syrische Truppen zunächst Schirkuh und nach dessen Tod Saladin zu Wesiren ernennen. Saladin erkannte noch zu Lebzeiten al-Adids die formelle Oberhoheit des abbasidischen Kalifen an und beseitigte damit das Fatimidenkalifat. Das mächtige fatimidische Wesirat ging dabei unmittelbar in das Sultanat der Ayyubiden über.

Weiterlesen

Ismailiten Für die heute existierenden Ismailiten gilt diese Bezeichnung allerdings als irreführend, da deren Imamlinie letztlich doch nicht mit dem siebten Imam endete. Kalifat Ausbreitung unter dem Propheten Mohammed, 622–632 · Ausbreitung unter den vier „rechtgeleiteten Kalifen“, 632–661 · Ausbreitung unter den Umayyaden, 661–750 … Ägypten Ägypten hat vor allem wegen seiner hohen Bevölkerungszahl eine enorme politische und kulturelle Ausstrahlung in der arabischen und islamischen Welt. Auch in der … Syrien Wirtschaftlich sind für Syrien die Landwirtschaft, die Förderung und der Export von Erdöl sowie die Erzeugung von Textilien und Nahrungsmitteln bedeutend. Durch … Mohammed Inhaltsverzeichnis · 1 Herkunft und Familie · 2 Die mekkanische Zeit (bis 622) · 3 Die medinensische Periode der Prophetie (622–630) · 4 Nach der Einnahme Mekkas: … Beziehungen zwischen Sunniten und Schiiten Gläubige Sunniten und Schiiten glauben beide an die göttliche Herkunft des Korans und sind sich auch hinsichtlich der Bedeutung der Fünf Säulen des Islam einig. Sunniten Heute gelten die Schiiten als die wichtigste Gegengruppe zu den Sunniten, allerdings hat sich das sunnitische Selbstbewusstsein im Mittelalter nicht nur in … Imam In der klassisch-islamischen Staatstheorie ist der Imam das religiös-politische Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft in Nachfolge des Propheten und … Mahdi Dieser Artikel beschreibt die Person des Islam; für Namensträger siehe Mahdi (Begriffsklärung). Der Mahdi (von arabisch المهدي , DMG al … Messias Messianische Juden verbinden dabei Elemente des Judentums mit dem Glauben an Jesus als Erlöser. Dabei enthält der Tanach keine eindeutig formulierte … Christentum Das Christentum ist eine Weltreligion, die aus dem Judentum hervorging und sich ab dem 4. Jahrzehnt n. Chr. über Judäa hinaus ausbreitete. Judentum Das jüdische Volk entstand ab etwa 1200 v. Chr. und entwickelte den JHWH-Monotheismus, aus dem später die weiteren abrahamitischen Religionen Christentum und …