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Islam in Indonesien

Der Islam ist in Indonesien die Religion der Mehrheit der Bevölkerung des Landes. 88 % der Indonesier sind Muslime. Mit über 191 Millionen Muslimen ist …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und religiöse Vielfalt
  2. 2. Organisationen, Staat und Bildung
  3. 3. Feste und Beginn der Islamisierung
  4. 4. Kolonialzeit und japanische Besatzung
  5. 5. Unabhängigkeit, Islamstaat und Salafismus
  6. 6. Reformasi, Konflikte und Scharia-Debatte

Bedeutung und religiöse Vielfalt

Der Islam ist die Mehrheitsreligion Indonesiens: 88 % der Indonesier sind Muslime. Mit über 191 Millionen Muslimen ist Indonesien der Staat mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung. Die Mehrheit gehört zum sunnitischen Islam und der schafiitischen Rechtsschule an. Daneben gibt es etwa 100.000 Schiiten sowie eine Minderheit der Ahmadiyya. Seit 2008 ist der Ahmadiyya die öffentliche Religionsausübung untersagt; anschließend kam es zu Übergriffen auf Mitglieder.

Die islamische Praxis ist regional und ethnisch unterschiedlich. Maduresen, Minangkabau, Achinesen und Makassaren gelten als eher orthodox, während Javaner und Osing traditionell eine gemäßigtere Form praktizieren. Bei den Wetu Telu auf Lombok besteht eine islamisch-animistische Mischreligion. Vorislamische Glaubensvorstellungen blieben auch bei Einwohnern Sumatras und Kalimantans erhalten. Auf Java sind die Gräber der Wali Songo, neun Heiliger der Islamverbreitung im 15. und 16. Jahrhundert, wichtige Wallfahrtsorte.

Sufi-Orden, religiöse Bruderschaften mit mystischer Ausrichtung, sind traditionell bedeutsam. Die Tariqa Qadiriyya wa Naqshbandiyya (TQN) wurde im 19. Jahrhundert von Ahmad Chatīb Sambas (gest. 1875) gegründet, verbindet Qādirīya und Naqschbandīya und hat mehrere hunderttausend, überwiegend zur städtischen Elite gehörende Anhänger.

Organisationen, Staat und Bildung

Die größten muslimischen Organisationen sind die traditionalistische Nahdatul Ulama (NU) und die modernistische Muhammadiyah; beide sind dogmatisch an der Aschʿarīya ausgerichtet. Die NU hat über 30 Millionen Mitglieder und ist die größte muslimische Organisation der Welt. Die Front Pembela Islam (FPI, „Front der Islam-Verteidiger“) kämpft für die Einführung der Scharia, des islamischen Rechts, und beruft sich bei gewaltsamem Vorgehen gegen Regelverstöße auf das Gebieten des Rechten und Verbieten des Verwerflichen. Salafistische beziehungsweise wahhabitische Strömungen verbreiteten sich in vielen Provinzen. Der Majelis Mujahidin Indonesia (MMI) ist dschihadistisch ausgerichtet. Daneben bestehen liberale Zusammenschlüsse wie das Jaringan Islam Liberal mit etwa tausend Intellektuellen und Aktivisten.

Der Islam ist rechtlich keine Staatsreligion. Grundlage ist die 1945 von Sukarno formulierte Pancasila, eine Staatsideologie für Ausgleich und Toleranz zwischen Völkern und Religionen. Sie erkennt Islam, Protestantismus, Katholizismus, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus offiziell an. In 16 Provinzen ist die Scharia Grundlage der Rechtsprechung. Berichtet wird besonders aus Aceh von öffentlichem Auspeitschen oder Stockhieben; in Tangerang wurden unter anderem langes öffentliches Küssen und für Frauen das alleinige Spazieren nach 19 Uhr verboten. Die wichtigste islamische Partei ist die ideologisch an der ägyptischen Muslimbruderschaft orientierte PKS.

Für die religiöse Sozialisation sind Pesantrens wichtig: kostenpflichtige islamische Privatschulen unter Leitung eines Kyai, eines religiösen Meisters. Ihre Schüler und Absolventen heißen Santri; der Staat beteiligt sich an der Finanzierung. Das staatliche islamische Hochschulwesen (PTAIN) umfasst STAIN mit ein oder zwei Fakultäten, IAIN mit meist mindestens vier oder fünf Fakultäten sowie UIN mit zusätzlich nichtreligiösen Studiengängen. 2021 gab es 18 STAINs, 26 IAINs und 11 UINs. Das private Hochschulwesen zählte 496 STAISs, 36 IAIs und 96 FAIs.

Feste und Beginn der Islamisierung

Die wichtigsten Feste sind Iduladha (Opferfest) vom 10. bis 12. Dhū l-Hiddscha, Idulfitri oder Lebaran zum Ende des Ramadan in den ersten Tagen des Schauwāl sowie der Prophetengeburtstag Maulid Nabi Muhammad am 12. Rabīʿ al-awwal. In Yogyakarta wird der Prophetengeburtstag mit einer Festwoche, Umzügen, Musik, Vorträgen und dem Jahrmarkt Sekaten begangen. In Jambi und auf den Riau-Inseln findet am vorletzten Safar-Mittwoch Mandi Safar statt: Menschen streuen mit Koranversen beschriebene Mangoblätter ins Wasser und baden darin.

In Sumatra gab es laut einer auf 674 datierten chinesischen Quelle in Srivijaya, dem heutigen Palembang, eine Siedlung arabischer Händler. Ende des 9. Jahrhunderts kamen vermutlich aus China vertriebene muslimische Händler arabischer und persischer Herkunft nach Sumatra. Islamgelehrte förderten im 13. Jahrhundert die Islamisierung Nordsumatras. Ein Grabstein aus Lamreh in Aceh von 1211 ist der früheste Beleg für einen zum Islam übergetretenen Herrscher im Gebiet des heutigen Indonesiens. Die Herrscher von Samudera Pasai traten in den 1290er Jahren über. Im 16. Jahrhundert wurde das Sultanat Aceh zu einer zentralen muslimischen Handelsmacht und einem Gelehrsamkeitszentrum.

Der Islam gelangte Anfang des 15. Jahrhunderts nach Java. Um 1475 entstand mit Demak das erste islamische Fürstentum; 1527 zerstörte dessen Sultan Majapahit. Bis 1550 beherrschte Demak wichtige nordjavanische Städte. Die Wali Songo verbreiteten den Glauben auch im Inland und bezogen ältere kulturelle Formen wie Wayang Kulit in die Vermittlung ein. Anfang des 17. Jahrhunderts war die Islamisierung von Sumatra und Java weitgehend abgeschlossen; Pesantrens wurden ab dem 18. Jahrhundert für Java besonders wichtig. Im 17. und 18. Jahrhundert erreichte der Islam weitere Inseln, etwa Sulawesi, Lombok sowie Ost- und Südostborneo. Bali blieb hindu-buddhistisch; auf den Kleinen Sundainseln und Molukken dominieren oft christliche Religionen.

Kolonialzeit und japanische Besatzung

In der Kolonialzeit schwächte die Abhängigkeit Matarams von der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) die Dynastie; 1755 wurde Mataram geteilt. In Westsumatra entstand Anfang des 19. Jahrhunderts die Padri-Bewegung. Von wahhabitischen Ideen beeinflusst, wandte sie sich gegen matrilineare Traditionen der Minangkabau, Tabakgenuss und Hahnenkämpfe sowie gegen die niederländische Kolonialherrschaft. Die Padri-Kriege endeten 1839 mit der Einnahme Bonjols durch die Niederländer.

Auf Java bildeten sich im späten 19. Jahrhundert die Putihan und Abangan. Putihan orientierten sich am normativen Islam, pilgerten nach Mekka und wollten die Religion reinigen; Abangan praktizierten weiter einen synkretistischen Islam. Anfang des 20. Jahrhunderts beeinflusste der ägyptische Reformer Muhammad Abduh viele Muslime. Seine Anhänger wurden kaum muda („Junge“) genannt, ihre Gegner kaum tua („Alte“). 1926 gründeten aschʿaritisch orientierte Gelehrte als Reaktion auf die Wahhabiyya die NU.

Die japanische Besatzungsmacht förderte 1941/42 anti-niederländische islamische Gruppen, fasste sie im Masjumi-Konsultativrat zusammen und unterstützte islamische Milizen. Dadurch wurden politischer und militanter Islam gestärkt. US-Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg belegen nach dem Artikel, dass Japan islamische Gruppen über Jahrzehnte als politischen Faktor für eigene Ziele radikalisierte.

Unabhängigkeit, Islamstaat und Salafismus

1945 stritten Säkularisten und Vertreter des politischen Islams über die Stellung des Islam im neuen Staat. Die Jakarta-Charta vom Juni 1945 ergänzte das erste Pancasila-Prinzip um die Formel „mit der Verpflichtung der Einhaltung der Scharia des Islams durch seine Anhänger“ (dengan kewajiban menjalankan syariat Islam bagi pemeluk-pemeluknya). Diese „sieben Worte“ (tujuh kata) wurden jedoch nicht in die Verfassungspräambel aufgenommen. Die im November 1945 gegründete Masjumi-Partei verlangte ihre Wiedereinsetzung.

Nach dem Renville-Abkommen von Januar 1948 führte Sekarmadji Maridjan Kartosuwirjo in Westjava eine Absetzungsbewegung an. Er formte Milizen zum Tentara Islam Indonesia (TII), errichtete Darul-Islam-Strukturen und proklamierte am 5. August 1949 den „Islamischen Staat von Indonesien“ (Negara Islam Indonesia). 1952 schloss sich ein Guerilla-Führer in Süd-Sulawesi an, 1953 erklärte der Militärgouverneur von Aceh sein Gebiet zum Bestandteil des Darul Islam. Sukarno reagierte 1957 autoritär, verbot 1960 die Masjumi; Kartosuwiryo wurde 1962 gefangen genommen, die „Islamische Armee“ erst 1965 endgültig besiegt.

In den 1970er Jahren wurde die Pancasila strenger durchgesetzt, während zugleich eine Re-Islamisierung begann. Der 1967 gegründete DDII und das 1980 gegründete saudische Institut LIPIA förderten wahhabitische und salafistische Lehren. Präsident Suharto setzte ab Anfang der 1990er Jahre stärker auf islamische Politik, ließ 1990 die ICMI gründen und reiste 1991 zum Haddsch nach Saudi-Arabien.

Reformasi, Konflikte und Scharia-Debatte

Nach Suhartos Rücktritt im Mai 1998 erstarkte der politische Islam; innerhalb von sechs Monaten entstanden 42 islamische Parteien, darunter die PKS. Muhammad Rizieq Syihab gründete im August 1998 die Islamische Verteidigungsfront. In Westneuguinea kam es zu schweren Übergriffen durch Milizen muslimischer Siedler aus Java und durch das Militär auf die überwiegend christliche Papua-Bevölkerung. Unabhängige Schätzungen nennen bis zu 100.000 Opfer politisch und religiös motivierter Gewalt seit der Besetzung durch Indonesien. In Zentral-Sulawesi starben durch ähnliche Konflikte mehr als 1.000 Menschen.

Auf den Molukken entstanden 1999 im Konflikt zwischen Christen und Muslimen salafistische Dschihad-Milizen wie Laskar Jihad und Laskar Mujahidin Indonesia. Bis 2002 kamen dort etwa 10.000 Menschen ums Leben, überwiegend ambonesische Christen. Nach dem Anschlag von Bali 2002 wurden diese beiden Milizen aufgelöst; der MMI besteht als dschihadistische Dachorganisation weiter.

Islamische Parteien forderten ab 2000 erneut die „sieben Worte“ der Jakarta-Charta für Artikel 29 der Verfassung. NU und Muhammadiyah lehnten dies ab. Eine gemäßigte Alternative, die sogenannte Medina-Charta, sollte alle Religionen zur Einhaltung ihrer jeweiligen Vorschriften verpflichten. Nach langen Beratungen wurde die Verfassungsänderung nicht weiterverfolgt. 2006 wurde auf Druck islamischer Gruppen ein Anti-Pornographie-Gesetz verabschiedet. Weil es teilweise auch traditionelle Kleidung erfassen kann, stieß es bei Intellektuellen, Künstlern und Frauenrechtsorganisationen auf starken Widerstand.

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