Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Salafismus

Die Salafiyya (arabisch السلفية as-salafiyya, eingedeutscht Salafismus) ist eine heterogene Strömung innerhalb des sunnitischen Islams, die eine exklusive …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Begriff
  2. 2. Lehre und Grundbegriffe
  3. 3. Historische Entwicklung und Kontroversen
  4. 4. Wahhabismus und heutige Strömungen
  5. 5. Politik, Terrorismus und Verbreitung

Kernidee und Begriff

Salafismus oder Salafiyya ist eine heterogene Strömung innerhalb des sunnitischen Islams. Sie fordert eine exklusive Rückbesinnung auf den Koran, die Sunna, also die überlieferte Praxis des Propheten Mohammed, und die Praxis der „frommen Altvorderen“ (as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ). Als wichtigste historische Referenz gelten die ersten drei Generationen der muslimischen Gemeinschaft.

Der Begriff Salafiyya bedeutet sinngemäß „Orientierung an den frommen Altvorderen“. Ein Anhänger heißt Salafi; der im Deutschen übliche Ausdruck Salafist bezieht sich meist auf die zeitgenössische Bewegung. Der Begriff bezeichnet kein einheitliches historisches Phänomen. Gemeinsam ist den verschiedenen salafistischen Strömungen ein strikt skripturalistischer Zugang: Sie wollen religiöse Lehre unmittelbar aus Koran und Sunna ableiten und viele Jahrhunderte theologischer Entwicklung überspringen.

Die „frommen Altvorderen“ umfassen nach klassischer Definition die ersten drei Generationen von Muslimen: die Gefährten Mohammeds (Sahāba), deren Nachfolger (Tabi’un) und die Nachfolger der Nachfolger (Atba’ at-tabi’in). Entscheidend ist dabei nach der Lehre, dass die Bekanntschaft im Zustand des Glaubens stattfand und dieser Glaube bis zum Tod anhielt. Der letzte Sahaba war Anas ibn Mālik († 710 oder 712 n. Chr.). Die Grenze der dritten Generation wird meist im späten 2. islamischen Jahrhundert, etwa im 9. Jahrhundert n. Chr., angesetzt.

Lehre und Grundbegriffe

Theologisch steht der Tauhīd im Zentrum, also die Einheit und Einzigkeit Gottes. Im zeitgenössischen Salafismus wird er streng in drei Dimensionen verstanden: die Einheit der Herrschaft Gottes (Tauhīd ar-Rubūbiyya), die Einheit der göttlichen Namen und Eigenschaften (Tauhīd al-Asmāʾ wa-ṣ-Ṣifāt) und die Einheit der Anbetung (Tauhīd al-Ulūhiyya). Metaphorische Deutungen göttlicher Eigenschaften werden abgelehnt.

Ein Gegenbegriff ist Schirk, also die „Beigesellung“ anderer Wesen zu Gott und damit Polytheismus. Als Schirk gelten im salafistischen Verständnis besonders Heiligenverehrung und Grabfrömmigkeit. Ebenfalls abgelehnt werden religiöse Neuerungen (Bidʿa), also Praktiken, die keine Grundlage in Koran und Sunna haben sollen, sowie theologische Spekulation (Kalām).

Salafisten lehnen außerdem Taqlid ab, die unkritische Nachahmung etablierter Rechtsschulen, wenn deren Lehren einem als authentisch angesehenen Textbeleg (Dalīl) widersprechen. Stattdessen betonen sie Idschtihad, also eigenständige Rechtsfindung aus anerkannten Quellen. Nach salafistischem Selbstverständnis ist Salafiyya keine geschichtlich zufällige Richtung, sondern eine zeitlose Methodik (Manhaǧ), die ursprüngliche Glaubenspraxis wiederherstellen soll. Sie beansprucht, die einzig verbliebene Orthodoxie der Ahl as-Sunna wa-l-Dschamāʿa zu vertreten.

Historische Entwicklung und Kontroversen

Die Anfänge des Salafismus sind in der Forschung umstritten. Ältere Darstellungen sahen die Salafiyya bereits bei Reformdenkern des späten 19. Jahrhunderts wie Dschamāl ad-Dīn al-Afghānī und Muḥammad ʿAbduh. Henri Lauzière widersprach dieser Sicht 2010 und später ausführlich in The Making of Salafism. Islamic Reform in the Twentieth Century (2016). Nach ihm spielte das Konzept der „frommen Altvorderen“ bei al-Afghānī und ʿAbduh kaum eine Rolle; die Salafiyya habe erst Mitte der 1920er Jahre mit der Verbreitung wahhabitischer Ideen über die Salafiyya-Buchhandlung von Muhibb ad-Dīn al-Chatīb in Mekka begonnen. Frank Griffel widersprach 2015 und sah das Wesen der Salafiyya vor allem in der Ablehnung der Rechtsschulen, wodurch auch frühere Reformdenker darunterfallen könnten.

Als vormoderne Bezugsperson wird häufig Ibn Taimīya (1263–1328) genannt. Er lehnte rationalistische Theologie und metaphorische Koranauslegung ab, betonte eine wörtliche Bestätigung göttlicher Eigenschaften und kritisierte Formen der Heiligenverehrung. Zugleich weist der Artikel darauf hin, dass seine moderne Rezeption selektiv ist, da Ibn Taimīya selbst in sufische Netzwerke eingebunden war.

Die islamische Reformbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, oft Islāḥ-Bewegung genannt, wollte Islam und Moderne vereinbaren. Zu ihren Vertretern gehörten al-Afghānī, Muḥammad ʿAbduh, Rašīd Riḍā, ʿAbd al-Ḥamīd ibn Bādīs und al-Kawākibī. Sie wollten gesellschaftliche, technische und bildungspolitische Reformen nicht durch bloße Übernahme westlicher Lebensweisen, sondern durch Rückgriff auf islamische Grundprinzipien erreichen. Rašīd Riḍā spielte später eine Schlüsselrolle beim Übergang zum puristischen Salafismus: In den 1920er Jahren näherte er sich dem Wahhabismus an, rehabilitierte ihn publizistisch und verband ihn zunehmend mit dem Begriff Salafiyya.

Wahhabismus und heutige Strömungen

Das Verhältnis von Salafismus und Wahhabismus wird als Konvergenz beschrieben. Der Wahhabismus war ursprünglich eine regional begrenzte, hanbalitisch geprägte Erneuerungsbewegung auf der Arabischen Halbinsel. Durch die politische Allianz Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhābs mit dem Haus Saʿūd im 18. Jahrhundert gewann er institutionelle Macht; im 20. Jahrhundert verbreitete er sich durch saudi-arabische Finanzierung weltweit. Salafismus und Wahhabismus sind aber nicht deckungsgleich: Salafismus bezeichnet ein breiteres Spektrum puristischer Strömungen, darunter Ahl-i Hadīth auf dem Indischen Subkontinent, Anṣār as-sunna al-Muḥammadīya in Ägypten und Sudan sowie Ǧamāʿat Izālat al-bidʿa wa-iḥyāʾ as-sunna in Nigeria.

In der Konflikt- und Sozialforschung wird der zeitgenössische Salafismus meist in drei Richtungen unterschieden: apolitische Puristen, die sich auf Frömmigkeit und Missionierung (Daʿwa) konzentrieren; politische Salafisten, die gesellschaftliche Veränderungen anstreben, die mit Menschenrechten in Konflikt stehen können; und Dschihadisten, die Gewalt als legitimes Mittel betrachten.

Olivier Roy verwendet für die heutige Bewegung den Begriff Neofundamentalismus. Dieser umfasst sehr unterschiedliche Gruppen und hat einen konservativen Teil sowie einen dschihadistischen Flügel. Die heutige Salafiyya unterscheidet sich deutlich von der modernistischen Reformbewegung: Sie will nicht vor allem eine zivilisatorische Erneuerung im Sinne der Moderne, sondern eine „gereinigte“ Religion frei von kulturellen und theologischen Einflüssen. Der Artikel nennt aber auch kleinere Gruppen und Einzelpersonen, die Salafismus anders verstehen und etwa Toleranz oder zivilgesellschaftliche Rechte betonen.

Politik, Terrorismus und Verbreitung

Die modernistische Islāḥ-Bewegung beeinflusste sowohl den Islamismus als politische Ideologie als auch säkulare Formen von Liberalismus und Nationalismus. Besonders die Muslimbruderschaft übernahm Teile des Bildungs- und Moralgedankens. Gleichzeitig verloren die Modernisten im 20. Jahrhundert an Einfluss, als nationalistische und sozialistische Bewegungen in vielen arabischen Staaten wichtiger wurden.

Eine Verbindung von Salafismus und Terrorismus wird im Artikel ausdrücklich thematisiert. Alle Terroristen des 11. September 2001 gehörten der salafistischen Strömung an. In Deutschland folgt laut Artikel nur eine Minderheit der Salafisten einer gewaltbereiten dschihadistischen Ideologie. Der deutsche Verfassungsschutz sieht salafistisches Gedankengut jedoch als Nährboden islamistischer Radikalisierung und stellt fest, dass fast alle in Deutschland identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen salafistisch geprägt waren oder sich im salafistischen Milieu entwickelt hatten.

Für Deutschland nennt das Bundesamt für Verfassungsschutz die ideologischen Grundsätze des Salafismus als unvereinbar mit Demokratie, Rechtsstaat und einer auf Menschenwürde beruhenden politischen Ordnung. 2011 gab es nach BfV-Angaben rund 4000 Salafisten in Deutschland, im Dezember 2017 etwa 10.800 und im Dezember 2019 rund 12.150. Ein Gutachten der Innenministerkonferenz von 2011 beschrieb salafistische Strukturen in Vereinen, Moscheen, Internetseiten, Verlagen, informellen Zusammenschlüssen und bei Einzelpersonen.

Weltweit werden sehr unterschiedliche Organisationen dem heutigen Salafismus zugerechnet, unter anderem Gruppen in den USA, Großbritannien, Kuwait, Ägypten, Afghanistan, Pakistan, Algerien, Libyen, Libanon sowie Syrien und Irak. In Ägypten trat bei den Parlamentswahlen 2011/2012 mit der Partei des Lichts erstmals eine salafistische Partei bei demokratischen Wahlen an und wurde zweitgrößte Fraktion. Als dschihadistisch-salafistische Terrororganisation nennt der Artikel den Islamischen Staat (IS), dessen Ziel die gewaltsame Errichtung eines Kalifats in Syrien und Irak sowie darüber hinaus war.

Weiterlesen

Sunniten Heute gelten die Schiiten als die wichtigste Gegengruppe zu den Sunniten, allerdings hat sich das sunnitische Selbstbewusstsein im Mittelalter nicht nur in … Koran Nach dem Glauben der sunnitischen Muslime ist der Koran die unerschaffene Rede Gottes oder zumindest ein Ausdruck davon. Eine Minderheit von Muslimen ist … Sunna In diesem Sinne ist Sunna die Grundlage der islamischen Jurisprudenz und Traditionswissenschaft. Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Verschiebungen in der … Menschenrechte Die Wurzeln der Menschenrechte in der Antike · Es gab im antiken Europa schon früh Versuche, Staaten eine menschenrechtsähnliche Basis zu geben. 624 v. Chr. · Im … Dschihadismus Der Dschihadismus bezieht sich dabei auf das islamische Konzept des kleinen Dschihad, das er als religiöse Verpflichtung jedes Muslims zum gewaltsamen Kampf zur … Muhammad Abduh Sein wichtigster Beitrag zur islamischen Reformbewegung stellte die Vermittlung der Sicht auf den Islam als eine rationale Religion dar, die zu modernen … Algerien Algerien gilt als das Land mit den meisten Französischsprechenden außerhalb Frankreichs; aus politischen Gründen bekennt es sich jedoch nicht zur Frankophonie. Mohammed Inhaltsverzeichnis · 1 Herkunft und Familie · 2 Die mekkanische Zeit (bis 622) · 3 Die medinensische Periode der Prophetie (622–630) · 4 Nach der Einnahme Mekkas: … Ilm al-Kalam Kalām (arabisch كلام ‚Rede, Gespräch, Debatte') bezeichnet im Islam die Wissenschaft, welche die Fähigkeit verleiht, die eigenen Glaubenslehren mit … Imperialismus Als eigentliches Zeitalter des Imperialismus gilt das späte 19. Jahrhundert, wozu auch die verschiedenen marxistischen Imperialismustheorien beitrugen. Im … Islam Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert in Arabien durch den Mekkaner Mohammed gestiftet wurde. Koranexegese Als Koranexegese bezeichnet man die Auslegung bzw. Interpretation des Korans. Im islamisch-religiösen Kontext wird der arabische Begriff Tafsīr (arabisch …