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Katholizismus
Katholizismus bezeichnet die Repräsentation des römisch-katholischen Christentums in der Gesellschaft, basierend auf der durch den katholischen Glauben …
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Grundbegriff und Bedeutung
Katholizismus bezeichnet die gesellschaftliche Gestalt des römisch-katholischen Christentums. Gemeint ist nicht nur der persönliche Glaube, sondern auch eine durch katholische Weltanschauung und Wertvorstellungen geprägte Lebensweise in Politik, Staat, Gesellschaft, Organisationen und Brauchtum. Dazu gehören kirchliche Institutionen ebenso wie katholische Gläubige und ihre Vereine, Bewegungen und sozialen Formen.
Der Begriff bekam im 19. Jahrhundert eine politisch-programmatische Bedeutung, besonders im Gegensatz zu Marxismus und Liberalismus. Daraus entwickelte sich der politische Katholizismus. In Deutschland spielte er im Kulturkampf eine wichtige Rolle und wurde Grundlage der Deutschen Zentrumspartei. Als Antwort auf soziale Fragen entstanden nach Ideen von Wilhelm Emmanuel von Ketteler und Adolph Kolping Gesellen- und Arbeitervereine sowie der Volksverein für das katholische Deutschland. Für Wissenschaft und Bildung wurden unter anderem die Görres-Gesellschaft und die Österreichische Leo-Gesellschaft gegründet. Öffentlich sichtbar sind in Deutschland die seit 1848 stattfindenden Katholikentage, international auch die Katholische Aktion.
Viele Gesellschaften in Europa und Lateinamerika sind katholisch geprägt. In Staaten wie Irland und Polen ist der Katholizismus Teil der nationalen Identität. Im deutschsprachigen Raum ist er besonders im Westen und Süden Deutschlands sowie in Österreich verbreitet.
Wortbedeutung
Das Wort „katholisch“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „allumfassend, total, universell“. Es geht auf καθολικός zurück, gebildet aus κατά katá („von […] herab, über […] hin“) und ὅλος hólos („ganz, umfassend“). In dieser allgemeinen Bedeutung wurde das Wort schon bei Aristoteles und Polybios sowie bei frühen christlichen Autoren verwendet.
Im frühen Christentum bezeichnete „katholisch“ etwas Allgemeines oder die gesamte Kirche betreffendes. Justin der Märtyrer sprach etwa von der „katholischen Auferstehung“. Die Bedeutung blieb auch in der Bezeichnung „Katholische Briefe“ für bestimmte neutestamentliche Schriften erhalten. Die Wortverbindung „katholische Kirche“ wurde erstmals von Ignatius von Antiochien um das Jahr 110 verwendet, um die Kirche von kleineren Gruppen abzugrenzen.
Papsttum und kirchlicher Anspruch
Ein zentrales Merkmal der römisch-katholischen Kirche ist ihre Hierarchie mit dem Papst als oberstem Bischof. Die besondere Rolle des Bischofs von Rom wird als „petrinisches Prinzip“ bezeichnet. Der Papst gilt in der römisch-katholischen Kirche als Nachfolger des Apostels Petrus, als Fels der Gesamtkirche und als Stellvertreter Christi auf Erden. Dieses Verständnis unterscheidet die römisch-katholische Kirche sichtbar von anderen christlichen Konfessionen.
Die Kirche weist den Vorwurf politischer Einmischung damit zurück, dass der christliche Glaube über Politik und Gesellschaft hinausreiche. Das Papsttum erhebt damit einen weltweiten religiösen Anspruch, der mit der ursprünglichen Bedeutung von „katholisch“ als „allgemein“ verbunden wird. Aus diesem Anspruch heraus trat der Heilige Stuhl über Jahrhunderte mit Staaten in diplomatische Beziehungen. Heute wird die Institution des Papsttums, nicht nur der Vatikanstaat, von fast allen Staaten der Welt auch völkerrechtlich anerkannt.
In der lateinischen Kirche trat der päpstliche Primatsanspruch besonders im 11. Jahrhundert deutlich hervor, etwa unter Gregor VII. und im Dictatus Papae. Seit dem Spätmittelalter nahm die Macht der Territorialstaaten zu. Die Reformation wurde von Staaten, auch in katholischen Monarchien, zur Stärkung ihrer Autorität genutzt. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 war das Papsttum fast vom diplomatischen Parkett verschwunden und schien vor 1789 den absoluten Monarchien unterlegen. In der nachnapoleonischen Zeit gelang jedoch ein schrittweiser Wiederaufstieg.
Katholizismus im deutschsprachigen Raum
In Deutschland waren Katholiken seit der Reichsgründung 1871 mit etwa einem Drittel der Bevölkerung eine Minderheit. Nach 1945 änderte sich die Lage, weil vorwiegend protestantische Gebiete im Nordosten verloren gingen oder Kerngebiete der Reformation in Mitteldeutschland zur sowjetischen Besatzungszone wurden. In der Bundesrepublik stellten evangelische und katholische Christen jeweils fast die Hälfte der Bevölkerung, mit einem knappen evangelischen Überhang bis in die 1990er Jahre. Das katholische Milieu hatte dennoch großen gesellschaftspolitischen Einfluss, besonders durch sein Engagement in der bewusst überkonfessionellen CDU.
Von 1949 bis 1989 prägte das römisch-katholische Milieu die Bundesrepublik bis in die 1970er Jahre stark. Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Helmut Kohl und auch Heinrich Böll waren im rheinischen Katholizismus verwurzelt. Kirchenführer wie Joseph Frings, Julius Döpfner, Joseph Höffner und später Karl Lehmann wurden öffentlich stark beachtet. 2020 lag der Anteil katholischer Kirchenmitglieder in Deutschland bei 27,2 Prozent, also 22.600.000 Personen. Seit 2010 lagen die Kirchenaustritte zwischen 118.000 und 273.000 Personen pro Jahr. 2020 nahmen nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz 5,9 Prozent der Katholiken regelmäßig am Gottesdienst teil, 2019 waren es 9,1 Prozent. Auch Trauungen, Taufen und Erstkommunionen gingen 2020 gegenüber 2019 zurück; die Veränderungen werden vor allem mit der Corona-Pandemie erklärt.
In Österreich war der Katholizismus während der Habsburgermonarchie durch den Josephinismus stark staatsnah geprägt. Während des Austrofaschismus von 1933 bis 1938 galt Österreich manchen konservativen Katholiken als „Musterstaat“. Österreichische Bischöfe begrüßten den Anschluss 1938 an das Großdeutsche Reich deutlich wohlwollender als deutsche Bischöfe. Nach dieser belasteten Vorgeschichte nutzte der Episkopat das Zweite Vatikanum, um sich weitgehend liberal zu profilieren; seit etwa 1990 verstärkten sich jedoch konservative Tendenzen.
In der Schweiz ist die Lage schwer zusammenzufassen, weil jeder Kanton eigene konfessionelle und staatskirchenrechtliche Besonderheiten hat. In manchen Kantonen üben staatliche Stellen über eigene Organe mittelbar Kontrolle über kirchliche Angelegenheiten aus.
Politik, Gesellschaft und Weltkirche
Das Verhältnis der katholischen Kirche zu Politik und Gesellschaft veränderte sich stark seit dem 19. Jahrhundert. Papst Pius IX. verurteilte im Syllabus errorum viele weltliche Auffassungen als falsch und setzte 1870 die Dogmen von der päpstlichen Unfehlbarkeit in Lehrfragen und von der allumfassenden päpstlichen Jurisdiktion durch. Damit wurde der moderne römische Anspruch des Papsttums gestärkt, zugleich aber stärker dem „geistlichen Bereich“ zugeordnet. Papst Leo XIII., der Begründer der neueren katholischen Soziallehre, gewann dadurch großes Ansehen. Papst Pius X. wollte von 1903 bis 1914 die religiöse Wirksamkeit der Kirche in der Gesellschaft stärken. Im Ersten Weltkrieg festigte Papst Benedikt XV. den Katholizismus als überparteilich und supranational. Seitdem integrierte die Kirche wichtige Forderungen der internationalen Friedensbewegung, etwa Schiedsgerichtsbarkeit und Abrüstung.
Nach 1918 entstanden durch den Sturz vieler europäischer Monarchien und die Befreiung nichtkatholischer Staatskirchen neue Möglichkeiten des Dialogs zwischen Konfessionen. Auf römisch-katholischer Seite wurde dieser interkonfessionelle Dialog jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg breit akzeptiert. Das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965, vorbereitet durch Pius XI. und Pius XII. und durchgeführt von Johannes XXIII. und Paul VI., brachte eine programmatische Selbstkorrektur. In katholisch geprägten Ländern löste dies aber auch innere Krisen aus, weil politische Belastungen fortwirkten, etwa die Nähe der Kirche zum Franco-Regime in Spanien oder Spannungen in Frankreich zwischen nationalem Katholizismus und Republik.
Seit den 1980er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt des weltweiten Katholizismus stärker nach Lateinamerika, Afrika und allmählich auch Asien. Afrika südlich der Sahara wandte sich verstärkt dem Christentum zu. In Lateinamerika stand die Kirche wegen ihrer langen Bindung an europäisch-katholische Traditionen vor besonderen Herausforderungen. Die seit den 1960er Jahren entstandene Befreiungstheologie wurde von der Kirche bekämpft, weil sie als Rückfall in eine politische Theologie unter marxistischer Perspektive gesehen wurde. Im anglo-amerikanischen Raum gewann die römisch-katholische Kirche seit dem 19. Jahrhundert schrittweise an Akzeptanz, blieb aber eine konfessionelle Minderheit.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sieht der Artikel den Katholizismus weiterhin vor der Aufgabe des Zweiten Vatikanischen Konzils: religiöse Tradition fortzuführen und zugleich im jeweiligen kulturellen Umfeld zeitgemäß mitzuwirken. Papst Johannes Paul II. machte die Kirche als Weltkirche durch Reisen, Lehrschreiben, Weltjugendtage und Heiligsprechungen besonders sichtbar. Direkte Sonderrechte in Staatsordnungen strebt der Katholizismus ausdrücklich nicht mehr an; 1984 vereinbarten Italien und der Heilige Stuhl den Verzicht auf die römisch-katholische Staatsreligion.
Wissenschaftliche Sicht und Strömungen
In der Wissenschaft wird der Begriff Katholizismus von Konfessionskunde, Phänomenologie und Soziologie verwendet. Er beschreibt die Praxis des katholischen Glaubens einzelner Gläubiger und zugleich die gesellschaftliche Bedeutung dieses Glaubens. Vergleichbar wird „Protestantismus“ für protestantische Christen verwendet.
Traditionell gilt der Katholizismus in moralischen und politischen Fragen als konservativ, zugleich aber auch als volkstümlich, besonders in Formen der Volksfrömmigkeit. Wichtig bleiben Gemeinschaftsbewusstsein sowie religiös-kulturelle Tradition. Innerhalb des Katholizismus gibt es verschiedene Strömungen, die oft mit politischen Begriffen bezeichnet werden, etwa Linkskatholizismus, oder als „Progressisten“ und „Traditionalisten“.
Durch globale gesellschaftliche Veränderungen befindet sich der Katholizismus in einem grundlegenden Umgestaltungsprozess, besonders dort, wo er früher einen traditionellen Kulturkreis prägte. Unter Jugendlichen in Europa ist der überlieferte Katholizismus weiterhin ein Minderheitenphänomen. Die Auflösung typischer katholischer Milieus führt bei progressiven und konservativen Kräften zu gegensätzlichen Reaktionen. Integralistische Gegenbewegungen ziehen laut Artikel nur eine sehr kleine Minderheit an; als Beispiel nennt der Text die Lefebvre-Bewegung, mit der höchstens 0,015 Prozent der 1,1 Milliarden Katholiken sympathisieren. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht wirken konfessionelle Milieus aber auch dann noch auf persönliche Verhaltensmuster, wenn eine bewusste kirchliche Bindung nicht mehr besteht.