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Dschihadismus

Der Dschihadismus bezieht sich dabei auf das islamische Konzept des kleinen Dschihad, das er als religiöse Verpflichtung jedes Muslims zum gewaltsamen Kampf zur …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zentrale Merkmale
  2. 2. Entstehung und internationale Entwicklung
  3. 3. Soziale und psychologische Anziehungskraft
  4. 4. Dschihadismus in Europa
  5. 5. Wichtige Gruppierungen

Begriff und zentrale Merkmale

Dschihadismus ist eine uneinheitliche militante extremistische Strömung des sunnitischen Islamismus in seiner salafistischen Ausprägung. Dschihadisten gehen davon aus, dass der Islam als Religion und politisches System durch Globalisierung, Modernisierung und Kapitalismus Macht, Kultur und Einfluss verloren habe. Daraus leiten sie den kollektiven Anspruch der Muslime beziehungsweise die individuelle Verpflichtung jedes Dschihadisten ab, den Wiederaufstieg eines „Urislam“ zu erreichen.

Als Ideal gilt ihnen der Frühislam, also die Zeit Mohammeds und seiner unmittelbaren Nachfolger beziehungsweise der rechtmäßigen Kalifen. Dieses Bild ist jedoch nicht zwingend historisch belegt. Es beruht auch auf kulturellen Mythen, pseudohistorischen Legenden, politischen Verschwörungstheorien, sexuellen Fantasien und religiösen Versatzstücken. Einige Motive und Symbole des Dschihadismus sind in Jugend- und muslimische Populärkulturen eingedrungen oder aus ihnen hervorgegangen; dies wird teilweise als „Pop-Islamismus“ bezeichnet.

Dschihadisten beziehen sich vor allem auf das islamische Konzept des kleinen Dschihad. Sie deuten es als religiöse Pflicht jedes Muslims zum gewaltsamen Kampf gegen „Ungläubige“, worunter sie neben Angehörigen anderer Religionen auch Muslime mit abweichenden Überzeugungen zählen. In den vergangenen Jahren propagierten sie zunehmend die Errichtung und Ausdehnung eines islamischen Staates mit den Mitteln des islamistischen Terrorismus.

Entstehung und internationale Entwicklung

Zu den ideologischen Wurzeln des Dschihadismus zählen der im 18. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel entstandene Wahhabismus sowie die Mitte des 20. Jahrhunderts von Sayyid Qutb und Hasan al-Bannā aufgebaute Muslimbruderschaft. Als pakistanisches Gegenstück gilt die Jamaat-e-Islami, die von Sayyid Abul Ala Maududi geprägt wurde.

Frühe dschihadistische Gruppierungen waren unter anderem at-Takfir wa-l-Higra und al-Dschihad. Beide entstanden in den 1970er Jahren als Abspaltungen der Muslimbruderschaft und wurden durch Terroranschläge auf ägyptische Staatsvertreter bekannt. Dazu gehörte die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar el-Sadat im Jahr 1981.

In den 1980er Jahren erhielten die organisatorischen Frühformen des Dschihadismus in Afghanistan großen internationalen Zuspruch. Nach der sowjetischen Invasion Ende 1979 kämpften islamistische Mudschaheddin mit Unterstützung Pakistans, Saudi-Arabiens und der Vereinigten Staaten gegen die Sowjetarmee und die von ihr unterstützte kommunistische Regierung. Der palästinensische Theologe Abdallah Azzam förderte besonders die religiös begründete Beteiligung arabischer Muslime an diesem Krieg. Sein Anhänger Osama bin Laden wurde mit dem von ihm aufgebauten Netzwerk al-Qaida ab den 1990er Jahren zum führenden Vertreter der grenzüberschreitenden dschihadistischen Bewegung.

Nach dem Partisanenkrieg in Afghanistan verlagerte sich der Schwerpunkt auf Terrorismus. Besonders große internationale Wirkung hatten die gegen die USA gerichteten Anschläge vom 11. September 2001. Unabhängig von al-Qaida entstanden ab den 1990er Jahren weitere mächtige Gruppierungen, etwa al-Schabaab in Somalia, Laschkar e-Taiba in Pakistan, das Kaukasus-Emirat in Russland und Jemaah Islamiyah in Indonesien.

Die Besetzung des Irak nach dem US-geführten Irakkrieg von 2003 schuf ein neues Kampfgebiet. Dschihadistische Organisationen führten dort Anschläge und Kämpfe durch und erbeuteten vielfältige Ressourcen. Im sogenannten „Irakischen Widerstand“ kämpften mehrere konkurrierende Gruppen gleichzeitig. Al-Qaida regionalisierte ihre Struktur und bildete Schwerpunkte im Maghreb, im Jemen, in Somalia sowie in Afghanistan und Pakistan.

Während des „Arabischen Frühlings“ ab 2010 entstanden in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien weitere dschihadistische Gruppierungen. Zugleich zeigte sich, dass al-Qaidas trans- und international ausgerichtetes Netzwerk zwar flexibler, aber weniger organisationsfähig war als regional verankerte Gruppen. Der Verfolgungsdruck führte zu einer Machtverschiebung zugunsten lokaler und regionaler Strömungen, die sich dauerhafter, zahlreicher, effizienter und politisch mächtiger etablieren konnten als verstreute Einzelpersonen und Kleingruppen.

2014 erreichte die Miliz Islamischer Staat (IS) einen mit al-Qaida konkurrierenden Führungsstatus. Sie eroberte ein zusammenhängendes Gebiet im Nordwesten des Irak und im Osten Syriens und nahm große Waffenbestände der irakischen Armee an sich. Der IS verfolgte Minderheiten massiv und beging schwere Menschenrechtsverletzungen und Menschenrechtsverbrechen, darunter den Völkermord an den Jesiden im Nordirak. Nach medienwirksam inszenierten Enthauptungen westlicher Geiseln wurde der IS von August 2014 bis März 2019 militärisch bekämpft. Die Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat führte Luftangriffe im Irak und in Syrien durch; Bodenkämpfe wurden unter anderem von irakischen Streitkräften, kurdischen Peschmerga und der kurdischen Yekîneyên-Parastina-Gel-Miliz geführt.

Die einstimmig verabschiedete UN-Sicherheitsratsresolution 2178 vom September 2014 richtete sich gegen internationale Formen des Terrorismus und nannte ausdrücklich den IS, damals ISIL genannt, die al-Nusra-Front sowie weitere mit al-Qaida verbundene oder aus ihr hervorgegangene Gruppen. Zu dieser Zeit schätzten die Vereinten Nationen die Zahl der ausländischen Kämpfer beim IS und bei al-Nusra auf mehr als 13.000 Personen aus über 80 Staaten.

Der Internationale Islamische Gelehrtenrat verurteilte gewalttätigen Dschihadismus bereits im Mekka-Manifest vom Januar 2002 in jeder Form. Das Manifest sprach ihm jede Deckung durch den Islam oder den Koran ab und forderte mit der Aussage „Dschihad ist kein Terrorismus.“ einen unbewaffneten und dem Frieden verpflichteten Dschihad.

Soziale und psychologische Anziehungskraft

Besonders in der außerislamischen Diaspora ist Dschihadismus für gesellschaftlich deklassierte Muslime attraktiv, überwiegend für junge Söhne aus früheren Einwandererfamilien. Fern vom Alltagsislam der muslimischen Welt können sie sich aus ausgewählten Versatzstücken der Ideologie ein individuell passendes Weltbild zusammensetzen.

Dieses Weltbild soll helfen, die eigene soziale Lebenswelt nach subjektiv plausiblen Mustern zu ordnen, Unverständliches folgerichtig zu erklären sowie eigene Wünsche und Ängste zu verarbeiten. Der missionarische Eifer vieler Dschihadisten hängt mit ihrem elitären Selbstverständnis zusammen: Sie sehen sich als vorbildliche Zeugen eines „wahren“ Islam oder als Avantgarde eines islamischen Wiederaufstiegs.

Die Kritik und Gewalt des Dschihadismus richtet sich entgegen seiner Propaganda und verbreiteten öffentlichen Vorstellungen mehrheitlich gegen gewöhnliche Muslime selbst und gegen den Mehrheitsislam in seinen unterschiedlichen Ausprägungen.

Dschihadismus in Europa

Seit dem 11. September 2001 fanden in Europa mehr als 150 islamistisch motivierte Attentate statt. Dabei starben etwa 800 Menschen, etwa 5000 wurden verletzt. Im Artikel werden unter anderem die Anschläge in Madrid (2004), London (2005), auf Charlie Hebdo (2015), in Kopenhagen (2015), Berlin (2016), Brüssel (2016), Nizza (2016), Barcelona (2017), London (2017), Manchester (2017) und Wien (2020) genannt. Der Dschihadismus gilt dadurch als eine wichtige Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Demokratie in Europa.

Eine Untersuchung von Cook und Vale aus dem Jahr 2018 bezog etwa 6000 Personen ein, die in den Irak oder nach Syrien gereist waren, sich dort dem IS angeschlossen hatten und anschließend in ihr Heimatland zurückkehrten. Micheron bezeichnet diese Gruppe als „endogene Dschihadisten“. 90 % dieser Personen kamen aus acht Ländern der Europäischen Union.

Für die in der Untersuchung erfassten Rückkehrer wurden für 2018 folgende Zahlen angegeben: Frankreich 1910 Personen (32 %), Deutschland 950 (16 %), das Vereinigte Königreich 850 (14,5 %), Belgien 498 (8,5 %), Schweden 310 (5 %), die Niederlande 300 (5 %), Spanien 230 (4 %) und Dänemark 145 (2,5 %).

Bezogen auf die Bevölkerungsgröße lagen Belgien, Schweden und Dänemark an der Spitze. Von dort reisten überproportional viele Menschen nach Syrien. Die beiden skandinavischen Länder hatten dabei keine koloniale Vergangenheit, und ihre Gesellschaften zählten zu den egalitärsten der Welt. In Frankreich rekrutierten sich extreme Islamisten offenbar eher aus Clustern, Familien und Freundesgruppen, die häufig aus bestimmten Stadtvierteln stammten, aber nicht unbedingt aus den sozial am stärksten ausgegrenzten Gruppen. In Deutschland kamen nur 3 % der statistisch erfassten Dschihadisten aus den östlichen Bundesländern und Ost-Berlin, dagegen 30 % aus dem wirtschaftlich prosperierenden Nordrhein-Westfalen. Aus der wirtschaftlich schwachen belgischen Region Wallonien reisten ebenfalls nur wenige Personen nach Syrien.

Nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz wurden seit 2015 in Deutschland 15 dschihadistisch motivierte Attentate verhindert.

Wichtige Gruppierungen

Zu den im Artikel ausgewählten dschihadistischen Gruppierungen gehören Ansar al-Scharia, Boko Haram, Chorasan, Dschund al-Chilafa, die Islamische Dschihad-Union, der Islamische Staat, Jemaah Islamiyah, das Kaukasus-Emirat, Laschkar e-Taiba, al-Qaida, al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, al-Qaida im Maghreb und al-Schabaab.

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