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Iphigénie en Tauride
Iphigénie en Tauride (deutsch: Iphigenie auf Tauris; GluckWV 1.48) ist eine Oper (laut Partitur Tragédie) in vier Akten von Christoph Willibald Gluck, …
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Werk und Grundlagen
„Iphigénie en Tauride“ (deutsch: „Iphigenie auf Tauris“, GluckWV 1.48) ist eine französischsprachige Oper von Christoph Willibald Gluck. Die Partitur bezeichnet sie als „Tragédie“ in vier Akten. Das Libretto schrieb Nicolas François Guillard nach Claude Guimond de La Touches Tragödie „Iphigénie en Tauride“, die ihrerseits auf Euripides’ Drama „Iphigenie bei den Taurern“ von 414/412 v. Chr. beruht. Die Oper dauert ungefähr zwei Stunden und wurde am 18. Mai 1779 an der Pariser Oper uraufgeführt. Eine zweite Fassung entstand zusammen mit Johann Baptist von Alxinger und wurde am 23. Oktober 1781 im Wiener Burgtheater erstmals gespielt.
Die Handlung greift einen Stoff der griechischen Mythologie auf. Sie spielt nach dem Trojanischen Krieg auf Tauris und behandelt das Schicksal der Kinder Agamemnons. Im Mittelpunkt stehen Iphigenie, die Oberpriesterin der Göttin Diana, ihr von Schuldgefühlen verfolgter Bruder Orestes und dessen treuer Freund Pylades. König Thoas verlangt, dass gestrandete Fremde Diana als Menschenopfer dargebracht werden. Die griechische Göttin Artemis wird im französischen Libretto unter ihrem römischen Namen Diana bezeichnet.
Gefangenschaft und Familienfluch
Zu Beginn wütet vor dem Diana-Tempel ein Sturm. Iphigenie und die Priesterinnen beten um dessen Ende. Iphigenie wurde vor fünfzehn Jahren von Diana nach Tauris gebracht, nachdem ihr Vater Agamemnon sie opfern wollte. Obwohl sich das Wetter beruhigt, bleibt sie wegen eines Traums beunruhigt: Darin erscheint ihre Mutter Klytaimnestra, die Agamemnon ermorden ließ; Iphigenie selbst ersticht im Traum ihren Bruder Orestes, um einen Fremden zu retten.
König Thoas fürchtet nach einem schlechten Omen um sein Leben. Zur Abwehr eines göttlichen Fluchs ordnet er nach alter Sitte an, alle auf Tauris gestrandeten Menschen zu opfern. Skythen bringen zwei gefangene Griechen: Orestes und Pylades. Thoas verurteilt sie zum Tod, während die Skythen in ihrem Chor erklären, nur Blut könne den Zorn der Götter besänftigen.
Im Tempelgefängnis versichern sich Orestes und Pylades ihrer Treue. Nachdem Pylades fortgeführt worden ist, bittet Orestes die Götter um den Tod, der seine Gewissensqualen beenden soll. Er schläft nach seiner Arie „Le calme rentre dans mon cœur!“ („Der Frieden kehret in mein Herz!“) ein. Im Traum verfolgen ihn die Eumeniden, auch Erinyen genannt: Rachegöttinnen, die ihn wegen des Mordes an seiner Mutter quälen.
Iphigenie begegnet Orestes, erkennt ihn jedoch nicht. Er verschweigt seinen Namen und erzählt ihr, Klytaimnestra habe Agamemnon ermordet und ihr Sohn daraufhin die Mutter aus Rache für den Vater getötet. Orestes behauptet außerdem, dieser Sohn sei ebenfalls tot und nur Elektra lebe noch. Iphigenie glaubt deshalb, ihren Bruder verloren zu haben, und beklagt gemeinsam mit den Priesterinnen ihr Schicksal.
Freundschaft, Wiedererkennung und Rettung
Iphigenie beschließt, einen der Gefangenen freizulassen. Er soll nach Griechenland fliehen und Elektra über das Schicksal ihrer Schwester informieren. Sie wählt Orestes, weil seine Gesichtszüge sie an ihren Bruder erinnern. Orestes und Pylades wollen jedoch jeweils den Freund retten und selbst sterben. Orestes erklärt, das Weiterleben sei die schwerere Last, und droht schließlich mit Selbstmord, falls Pylades nicht freigelassen werde. Iphigenie gibt nach, überreicht Pylades einen Brief an Elektra und lässt ihn gehen. Pylades beschließt, mithilfe der auf Tauris lebenden Griechen zurückzukehren und Orestes zu retten.
Im Diana-Tempel soll Iphigenie das Menschenopfer vollziehen. Sie bittet die Göttin um die nötige Härte. Als sie bereits das Messer hebt, erinnert Orestes daran, dass seine Schwester Iphigenie einst in Aulis auf dieselbe Weise geopfert worden sei. An dieser Äußerung erkennen sich die Geschwister. Kurz darauf erscheint Thoas und verlangt weiterhin Orestes’ Tod. Iphigenie erklärt, dass er sie damit zum Brudermord zwinge.
Als Thoas Orestes selbst töten will, dringt Pylades mit einer Gruppe Griechen in den Tempel ein und tötet den König. Zwischen Griechen und Skythen beginnt ein Kampf. Diana erscheint und beendet das Blutvergießen. Sie erklärt die Menschenopfer zur Entweihung ihres Tempels und vergibt Orestes seine Schuld. Die Griechen sollen ihren Altar und ihr Bildnis nach Griechenland bringen. Schließlich schließen Griechen und Skythen Frieden und preisen gemeinsam mit den Priesterinnen die Versöhnung der Götter.
Musikalische Gestaltung
Die Oper verbindet Rezitative, Arien, Chöre, Duette, ein Terzett, Ballette und pantomimische Abschnitte. Rezitative sind vertonte, sprachnahe Dialoge, die vor allem die Handlung weiterführen; Arien gestalten die Gefühle einzelner Figuren ausführlicher. Ensembles wie Duett und Terzett lassen mehrere Figuren gleichzeitig auftreten, während die Chöre Priesterinnen, Skythen, Griechen oder Eumeniden darstellen.
Die Musik ist eng mit dem dramatischen Geschehen verbunden. Im ersten Akt wechseln in der einleitenden Sturmsequenz ruhige und schnelle Abschnitte; beteiligt sind Iphigenie, die Priesterinnen und ein großes Orchester. Kriegerische Chöre und Ballette kennzeichnen die Skythen und das geforderte Opfer. Im zweiten Akt stehen Orestes’ seelische Qualen im Mittelpunkt: Seine scheinbar beruhigte Arie „Le calme rentre dans mon cœur“ führt unmittelbar zur von drei Posaunen begleiteten Erscheinung der Eumeniden. Der dritte Akt wird besonders durch das Terzett von Iphigenie, Orestes und Pylades sowie die Duette der beiden Freunde geprägt. Im vierten Akt steigern Gebete, Opferhymnen, Wiedererkennung und Kampf die Spannung bis zum Eingreifen Dianas und zum gemeinsamen Schlusschor.
Das Orchester umfasst zwei Piccoloflöten, wobei die zweite auch Flöte spielt, zwei Oboen, zwei Klarinetten und zwei Fagotte. Hinzu kommen zwei Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Pauken, Trommel, Becken, Triangel und Streicher. Je nach Szene verwendet Gluck unterschiedliche Gruppen und Klangfarben; nicht jede Nummer setzt das gesamte Orchester ein.
Entstehung und Bedeutung
Die Oper entstand während Glucks Pariser Zeit. In einem Vertrag mit der Pariser Operndirektion hatte er sich zu sechs Opern verpflichtet; „Iphigénie en Tauride“ war die fünfte. Vorausgegangen waren „Iphigénie en Aulide“ und „Orphée et Euridice“ von 1774, „Alceste“ von 1776 und „Armide“ von 1777.
Der Stoff war damals sehr bekannt: In den hundert Jahren vor 1779 waren mindestens fünf Tragödien und dreizehn Opern über Iphigenie und Orestes auf Tauris erschienen. Zu den wichtigen Vorlagen gehörten Claude Guimond de La Touches erfolgreiches Bühnenstück von 1757 sowie frühere Opernbearbeitungen von Georg Friedrich Händel, Tommaso Traetta, Gian Francesco de Majo und Niccolò Jommelli.
Nur sechs Wochen trennten die Uraufführungen von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ am 6. April 1779 in Weimar und Glucks Oper am 18. Mai 1779 in Paris. Goethe und Gluck kannten einander nicht und scheinen den Stoff unabhängig voneinander bearbeitet zu haben. Glucks Libretto stand bereits in Einzelheiten fest, als Goethe sein Werk kurz vor dessen Aufführung niederschrieb. Ähnlichkeiten werden vor allem mit dem Denken der Aufklärung verbunden: In beiden Werken ahnt Orestes früh seine Erlösung, und die Eumeniden erscheinen als innere Furien seiner schuldbeladenen Psyche statt als äußere moralische Mächte.
Der Chor „Chaste fille de Latone“ aus dem vierten Akt wurde im deutschsprachigen Raum unabhängig von der Oper verbreitet. Johann Daniel Sanders Textfassung beginnt mit „Leih' aus deines Himmels Höhen uns, o Gott, ein gnädig Ohr“. Es entstanden zahlreiche Bearbeitungen für verschiedene Chor- und Instrumentalbesetzungen sowie für den liturgischen Gemeindegesang. Von der vollständigen Oper existieren Einspielungen in zweistelliger Anzahl sowie Filmaufnahmen.
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