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Iphigenie

Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris im Project Gutenberg · Iphigenie auf Tauris. litura.de (Referat); Datensatz „Iphigenie“ im Mythoskop, dem …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Figur und Grundkonflikt
  2. 2. Opferung und Rettung
  3. 3. Orestes in Tauris
  4. 4. Deutung der Gestalt
  5. 5. Antike und frühneuzeitliche Literatur
  6. 6. Neuere Bearbeitungen und moderne Medien

Figur und Grundkonflikt

Iphigenie, auch Iphigeneía, Iphigenia oder Iphianassa, ist eine Gestalt der griechischen Mythologie. Sie gilt als älteste Tochter von Agamemnon und Klytaimnestra. Agamemnon ist König von Mykene auf der Peloponnes; nach einer anderen, wohl älteren Sagentradition ist er König von Sparta in Lakonien. Iphigenies Geschwister sind Orestes, Elektra und Chrysothemis.

Die Figur ist vor allem mit zwei Erzählkomplexen verbunden: mit ihrer beinahe oder tatsächlich vollzogenen Opferung vor dem Trojanischen Krieg und mit ihrer späteren Rolle als Priesterin der Artemis bei den Taurern. Der zentrale Konflikt besteht darin, dass Agamemnon als Heerführer der Griechen seine Tochter opfern soll, damit die Flotte nach Troja weiterfahren kann. Iphigenie wird dadurch zu einer Figur, an der sich Fragen von Schuld, göttlichem Willen, familiärer Bindung, Opfer und Rettung bündeln.

Opferung und Rettung

Nach der mythologischen Erzählung bestrafte Artemis Agamemnon, weil er einen Hirsch in ihrem heiligen Hain getötet und sich gerühmt hatte, er sei im Vergleich mit der Göttin der bessere Jäger. Zu Beginn des Trojanischen Krieges verhinderte Artemis deshalb die Weiterfahrt der griechischen Flotte unter Agamemnons Kommando nach Troja: Bei Aulis ließ sie eine Windstille entstehen.

Der Seher Kalchas weissagte, Agamemnon müsse seine Tochter Iphigenie der Göttin zur Sühne opfern, damit die Fahrt fortgesetzt werden könne. Es gibt zwei Versionen dieser Geschichte. Nach der einen führt Agamemnon das Opfer aus. Nach der anderen wird an Iphigenies Stelle eine Hirschkuh geopfert; Iphigenie selbst wird von Artemis in das Land der Taurer entrückt. Dort soll sie der Göttin als Priesterin im Artemistempel dienen.

Diese unterschiedlichen Fassungen sind wichtig, weil sie erklären, warum Iphigenie in späteren Erzählungen entweder als geopfertes Opfer oder als gerettete Priesterin erscheint. Die Rettungsfassung verbindet ihre Geschichte mit dem Schicksal ihres Bruders Orestes.

Orestes in Tauris

Bei Euripides tritt Iphigenie in der Geschichte ihres Bruders Orestes auf. Orestes wird von den Erinnyen verfolgt, weil er seine Mutter Klytaimnestra und deren Liebhaber Aigisthos getötet hat. Apollon trägt ihm auf, nach Tauris zu fahren. Dort soll er die hölzerne Statue der Artemis holen, die vom Himmel gefallen sei, und sie nach Athen bringen.

Orestes reist mit seinem Freund Pylades, dem Sohn des Strophios, zu den Taurern. Die Einheimischen nehmen beide gefangen, denn alle Fremden sollen dort der Artemis geopfert werden. Die Priesterin, die dieses Opfer vollziehen soll, ist Iphigenie. Sie erkennt Orestes zunächst nicht als ihren Bruder.

Iphigenie bietet Orestes an, ihn freizulassen, wenn er einen Brief von ihr nach Griechenland bringe. Orestes lehnt ab: Er will in Tauris bleiben und getötet werden, schlägt aber vor, Pylades solle den Brief überbringen. Nach einem Streit zwischen Orestes und Pylades stimmt Pylades zu. Durch den Brief wird die Verwandtschaft zwischen Orestes und Iphigenie erkannt. Danach fliehen Iphigenie, Orestes und Pylades gemeinsam aus Tauris und nehmen das Artemis-Bild mit.

Nach der Rückkehr nach Griechenland nimmt Orestes Mykene in Besitz, das Königreich seines Vaters Agamemnon. Außerdem fügt er Argos und Lakonien hinzu. Iphigenie wird Priesterin des Artemis-Heiligtums in Brauron.

Deutung der Gestalt

Iphigenie wird erst spät in der griechischen Mythologie erwähnt, nämlich erst nachdem die Geschichten von Agamemnon und Klytaimnestra bereits aufgezeichnet worden waren. In den überlieferten Stoffen ist sie eng mit Artemis verbunden. Einige Interpreten vermuten deshalb, Iphigenie sei ursprünglich eine rivalisierende Jagdgöttin gewesen, deren Kult später mit dem Kult der Artemis zusammengeführt wurde.

Eine andere antike Deutung findet sich bei Hesiod: Er berichtet, aus Iphigenie sei die Göttin Hekate geworden. Der Artikel stellt diese Überlieferungen nebeneinander, ohne eine davon als eindeutig historisch gesichert darzustellen.

Antike und frühneuzeitliche Literatur

Der Iphigenienstoff wurde schon in der Antike literarisch gestaltet. Besonders wichtig ist der griechische Dichter Euripides (480–406 v. Chr.). Von ihm stammen die Tragödien Iphigenie in Aulis und Iphigenie bei den Taurern. Diese Werke prägten spätere Bearbeitungen stark.

In der italienischen Renaissance wurden die antiken Texte nicht nur herausgegeben und übersetzt, sondern auch weiterverarbeitet. Ein Beispiel ist Giovanni Boccaccio: Im Decamerone erzählt er in der ersten Geschichte des fünften Tages die Geschichte vom Raub der Iphigenie durch Cimon. Über die italienische Renaissance gelangte der Stoff in italienischer Übersetzung in den französischen Sprachraum.

Im französischen Klassizismus entstanden ausgehend von Euripides erneut Schauspiele über die Iphigenie-Sage, darunter Racines Tragödie Iphigénie aus dem Jahr 1674. Die klassische französische Tragödie wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch in Deutschland zum Vorbild. In neuen Bearbeitungen der euripideischen Iphigenie bei den Tauriern wurde versucht, die alte Fabel glaubhafter zu machen und an zeitgenössische Vorstellungen anzupassen. Frühe deutsche Beispiele sind Johann Christoph Gottscheds Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche von 1732 und Johann Elias Schlegels Die Geschwister in Taurien von 1737, später Orest und Pylades. 1779 erschien Christoph Willibald Glucks Oper Iphigenie auf Tauris.

Neuere Bearbeitungen und moderne Medien

Die bekannteste Bearbeitung des 18. Jahrhunderts ist Goethes Schauspiel Iphigenie auf Tauris, entstanden 1779 und 1786. Friedrich Schillers Übersetzung der euripideischen Iphigenie entstand erst nach Goethes Werk und war eine private Gefälligkeit gegenüber den Geschwistern Lengefeld. Für das 19. Jahrhundert nennt der Artikel zahlreiche Schauspiele, die sich besonders mit der abschließenden Episode des Iphigenienstoffes beschäftigen, darunter mehrere Werke mit dem Titel Iphigenie in Delphi. Von Goethe ist außerdem ein Handlungsentwurf eines Iphigenie in Delphi-Schauspiels aus dem Jahr 1786 überliefert.

Im 20. Jahrhundert entstanden weitere Bearbeitungen, unter anderem Gerhart Hauptmanns Iphigenie in Delphi von 1941 und Iphigenie in Aulis von 1943, Rainer Werner Fassbinders Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang von Goethe von 1968, Jochen Bergs Im Taurerland von 1977 und Volker Brauns Iphigenie in Freiheit von 1992.

Auch in der Musik war Iphigenie ein wichtiges Sujet. Die erste Iphigenie-Oper scheint Johann Jacob Löwe im Jahr 1661 komponiert zu haben, mit einem Text von Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel. Besonders bekannt sind Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Aulide von 1774 und Iphigénie en Tauride von 1779; sie werden heute am meisten gespielt. Weitere Opern und Bühnenmusiken stammen unter anderem von Domenico Scarlatti, Antonio Caldara, Luigi Cherubini, Johann Friedrich Reichardt, Walter Damrosch und Ildebrando Pizzetti. 2021 wurde die Oper Iphigenia von Wayne Shorter nach einem Libretto von Esperanza Spalding am Cutler Majestic Theatre in Boston uraufgeführt.

Moderne Interpretationen greifen den Stoff ebenfalls auf. 1977 erschien der griechische Film Iphigenie von Michael Cacoyannis, beruhend auf Euripides; Tatiana Papamoschou spielte die Hauptrolle. Der Film wurde 1977 für die Goldene Palme in Cannes und 1978 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Mikis Theodorakis schrieb 1976 die Filmmusik Iphigenia. Weitere moderne Bezüge sind das Lied Iphigenie der Gruppe Goethes Erben auf dem Album Der Traum an die Erinnerung von 1992, der Film The Killing of a Sacred Deer von 2017 und K. Arsenault Riveras Roman Daughter of the Hunt.

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