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Innerer Monolog

Der innere Monolog ist eine Sonderform der Ich-Erzählsituation, die in literarischen Texten zur Vermittlung von Gedankenvorgängen eingesetzt wird.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Definition
  2. 2. Merkmale und Wirkung
  3. 3. Beispiele und Sonderform
  4. 4. Historische Entwicklung
  5. 5. Vom inneren Monolog zum Bewusstseinsstrom
  6. 6. Filmische Umsetzung

Grundidee und Definition

Der innere Monolog ist eine besondere Form der Ich-Erzählsituation. Er wird in literarischen Texten genutzt, um Gedankenvorgänge einer Figur unmittelbar darzustellen. Die Leser erfahren also, was eine Figur denkt, obwohl diese Gedanken nicht laut ausgesprochen werden oder von anderen Figuren nicht bemerkt werden.

Der innere Monolog ist eng mit der Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms, englisch Stream of consciousness, verwandt. Bewusstseinsstrom bedeutet, dass Gedanken, Eindrücke und Wahrnehmungen möglichst direkt und oft ungeordnet wiedergegeben werden. Eine genaue Abgrenzung zwischen innerem Monolog und Bewusstseinsstrom ist nicht immer möglich. Wichtig ist aber: Beim inneren Monolog spricht eine literarische Figur eher aktiv zu sich selbst. Sie stellt sich Fragen, macht sich Vorwürfe, spricht sich an oder formuliert Gedanken in direkter Rede.

Merkmale und Wirkung

Der innere Monolog besteht aus direkter Rede, die innerlich bleibt. Ein Beispiel aus dem Artikel lautet: „Ich weiß nicht, ob ich ihn ansprechen soll. – Hallo, Sie!“ Der erste Satz kann ein innerer Monolog sein, weil er den Gedanken der Figur wiedergibt; der zweite Satz ist dagegen eine ausgesprochene Rede.

Ein wichtiges Merkmal ist der Unterschied zum Bewusstseinsstrom. Beim inneren Monolog sind die Gedanken meist stärker als Mitteilung geformt. Beim Bewusstseinsstrom stehen dagegen oft unvollständige Eindrücke, Fragmente und Wahrnehmungen im Vordergrund. Das Beispiel „Kalt. Schmerz. Immer weiter. – Warum sieht man nichts?“ zeigt diesen Unterschied: Die ersten kurzen Fragmente wirken eher wie Bewusstseinsstrom, der letzte Satz kann ein innerer Monolog sein, weil die Figur sich selbst eine Frage stellt.

Die besondere Wirkung des inneren Monologs liegt in einer Paradoxie: Alle Leser erfahren etwas, das die Figur eigentlich nur zu sich selbst sagt. Dadurch entsteht eine große Nähe zur Figur. Der Artikel vergleicht diese preisgegebene Intimität mit einem veröffentlichten Tagebuch. Was privat ist, wird für die Leser öffentlich.

Beispiele und Sonderform

Ein wichtiges Beispiel ist Arthur Schnitzlers Erzählung Fräulein Else aus dem Jahr 1924. Sie ist konsequent als innerer Monolog gestaltet. Die Figur Else soll für einen Geldbetrag gezwungen werden, sich einem Kunsthändler nackt zu zeigen. Sie betrachtet sich im Spiegel so, wie dieser Kunsthändler sie sehen würde, und spricht zu sich selbst. Die Leser erfahren Elses Gedanken, sehen aber nicht ihr Spiegelbild. Ein zitierter Gedanke lautet: „Ich will Ihre blutroten Lippen küssen. Ich will Ihre Brüste an meine Brüste pressen. Wie schade, dass das Glas zwischen uns ist, das kalte Glas.“

In Fräulein Else wird die Spannung zwischen privater und öffentlicher Wahrnehmung auch Teil der Handlung. Else entblößt sich am Schluss nicht wie erwartet im Zimmer des Kunsthändlers, sondern in der Hotelhalle. Dadurch verursacht sie einen Skandal. Das Private, das im inneren Monolog schon für die Leser sichtbar wurde, tritt nun auch in der Handlung öffentlich hervor.

Eine Sonderform ist der innere Dialog. Dabei wird im Kopf einer Figur ein Streit oder Disput dargestellt. Als Beispiel nennt der Artikel Gollum/Sméagol aus Der Herr der Ringe, der in zwei widersprüchliche Persönlichkeiten aufgespalten ist. Der Begriff „innerer Dialog“ spielt außerdem in der modernen Hermeneutik von Hans-Georg Gadamer eine Rolle. Hermeneutik bezeichnet allgemein die Lehre vom Verstehen und Auslegen von Texten oder Sinnzusammenhängen.

Historische Entwicklung

Innerer Monolog kommt in vielen Romanen vor: Fast jeder Roman enthält neben erzählenden Passagen und Dialogen auch Stellen, in denen Gedanken einer Figur wiedergegeben werden. In der Oper ist die Arie seit dem 18. Jahrhundert oft als innerer Monolog gestaltet, also als musikalischer Ausdruck innerer Gedanken oder Gefühle.

Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang wurde das individuelle Gefühl ein Gegenstand öffentlichen Interesses. Seit etwa 1770 erscheint der innere Monolog als dominierende Form der Mitteilung in Monodramen. Ein Monodrama ist ein dramatisches Werk, das stark auf eine einzelne Figur und deren inneres Erleben konzentriert ist. Der Artikel nennt Jean-Jacques Rousseaus Pygmalion und Goethes Proserpina als Beispiele.

Am Ende des 19. Jahrhunderts führte der Naturalismus in Literatur und Theater zu einem neuen Interesse am inneren Monolog. Naturalismus ist eine Strömung, die Wirklichkeit möglichst genau und oft ungeschönt darstellen will. Als Beispiel wird Edouard Dujardins Les lauriers sont coupés von 1887 genannt. Arthur Schnitzlers Lieutenant Gustl aus dem Jahr 1900 wird oft als erste Erzählung bezeichnet, die ausschließlich im inneren Monolog gehalten ist.

Schnitzler selbst schrieb am 6. 11. 1924 in einem Brief an Stefan Zweig anlässlich von Fräulein Else, dass er dieselbe Technik schon in Leutnant Gustl angewandt habe. Er betonte, diese Technik biete „ganz ausserordentliche Möglichkeiten“, eigne sich aber nur für wenige Stoffe. Zu Hinweisen auf Dujardin und Dostojewskys Krotkaja meinte Schnitzler, die Ähnlichkeiten träfen nicht ganz beziehungsweise eigentlich nicht zu.

Vom inneren Monolog zum Bewusstseinsstrom

Josep Maria Castellet erklärt die Entwicklung des inneren Monologs mit Veränderungen der bürgerlichen Gesellschaft. Deren „Ordnung und Sicherheit“ zerfalle zunehmend; an ihre Stelle träten „Unbeständigkeit“ und „individuelle Einsamkeit“. Dadurch würden in der Literatur Angst und Furcht des vereinsamten Menschen sichtbar.

Die Avantgarden seit 1900 wandten sich jedoch gegen die sprachliche Ordnung des inneren Monologs. Avantgarden sind künstlerische Bewegungen, die bewusst neue Ausdrucksformen suchen. Sie hielten Gedanken und Selbstgespräche oft für unzusammenhängender, als der geordnete innere Monolog es zeigt. Deshalb bevorzugten sie den freieren Bewusstseinsstrom. Dabei gibt es keinen Erzähler mehr, der Gedanken ordnet und strukturiert.

Kurt Tucholsky beschrieb 1927, dass Menschen meist nicht in grammatikalischen Sätzen denken, weil das mit der großen Geschwindigkeit des Denkens kaum vereinbar sei. Gedanken würden sich vielmehr „wälzen“, „rollen“ und vorüberziehen. Aus dieser Haltung entstanden experimentelle Werke wie Ulysses von James Joyce, das seit 1918 erschien. Marcel Proust verwendete den inneren Monolog häufig in seiner fiktiven Erinnerungschronik Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die seit 1913 erschien.

Filmische Umsetzung

Im Film wird der innere Monolog oft als „Stimme aus dem Off“ umgesetzt. Das bedeutet: Eine Figur ist im Bild zu sehen, während ihre Gedanken als Stimme zu hören sind, ohne dass die Figur diese Worte sichtbar ausspricht.

Der innere Monolog im Film stand außerdem häufig mit melodramatischer Musik in Verbindung, heute allgemeiner mit Filmmusik. Der Artikel nennt zudem Anime als Bereich, in dem der innere Monolog heute sehr häufig verwendet wird.

Lernvideos zu Innerer Monolog

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