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Bewusstseinsstrom
Bewusstseinsstrom (englisch stream of consciousness) bezeichnet die ungeregelte Folge von Bewusstseinsinhalten. Inneren Monolog 7. Bewusstseinsstrom als …
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Begriff und grundlegende Auffassungen
Bewusstseinsstrom (englisch stream of consciousness) bezeichnet die ungeregelte Folge von Bewusstseinsinhalten. In der Literaturwissenschaft ist damit eine Erzähltechnik gemeint, die die scheinbar ungeordnete Folge der Bewusstseinsinhalte einer oder mehrerer Figuren wiedergibt. Dargestellt werden können Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Reflexionen, Erinnerungen, Assoziationen und auch bloße Lautfolgen.
Eine eindeutige Definition gibt es nicht. Daraus ergibt sich auch, dass der Bewusstseinsstrom nicht genau vom inneren Monolog abgegrenzt werden kann. Nach einer Auffassung ist er ein psychologisches Phänomen, also das „Rohmaterial“ des Bewusstseins, das durch literarische Techniken schriftlich dargestellt wird. In diesem Verständnis sind die freie innere Gedankenwiedergabe und der innere Monolog Unterkategorien des Bewusstseinsstroms. Die Innenwelt der Figur wird möglichst subjektiv und ohne kommentierende Erklärung durch einen Erzähler wiedergegeben. Deshalb wurde der Bewusstseinsstrom auch als „Radikalisierung personalen Erzählens“ bezeichnet.
Nach der anderen Auffassung ist der stream of consciousness ein Erzählverfahren, das den inneren Monolog zuspitzt. Mehrere Regeln und Kohärenzkriterien werden aufgegeben, damit der Bewusstseinsablauf möglichst unmittelbar erscheint. Die nicht rational gesteuerten Bewusstseinsvorgänge werden ohne ordnenden Erzähler und ohne sprachliche oder inhaltliche Ordnung wiedergegeben. Häufig werden dabei auch Satzbau und Grammatik verletzt.
Abgrenzung zum inneren Monolog
Bewusstseinsstrom und innerer Monolog werden häufig synonym verwendet; eine allgemein anerkannte Trennung besteht nicht. Das Oxford Dictionary of Literary Terms unterscheidet eine psychologische und eine literarische Verwendung: Im psychologischen Sinn ist der Bewusstseinsstrom die Sache, also der Bewusstseinsablauf, während der innere Monolog die Technik zu seiner Darstellung ist.
Im inneren Monolog werden Gedanken unmittelbar, also ohne erkennbare Eingriffe eines raffenden oder auswählenden Erzählers, wiedergegeben. Sie müssen jedoch nicht mit Wahrnehmungen vermischt sein und müssen weder die Grammatik noch die Logik verletzen. Die Bewusstseinsstromtechnik tut dies dagegen häufig: Sie verbindet Gedanken mit Eindrücken und Wahrnehmungen oder löst die Regeln von Grammatik, Logik, erzählerischer Knappheit und Stringenz auf. Daher kann sie als eine Unterform des inneren Monologs verstanden werden, die dessen Verfahren besonders stark erweitert.
Typische sprachliche und erzähltechnische Merkmale
Der Bewusstseinsstrom besteht grundsätzlich aus direkter Personenrede mit syntaktischer Unabhängigkeit. Als Normaltempus wird das Präsens verwendet, als Normalmodus der Indikativ. Die denkende Figur spricht meist in der ersten Person, sodass aus der Ich-Perspektive erzählt wird.
Im Unterschied zur gewöhnlichen direkten Personenrede fehlen Verba credendi, also Verben des Denkens oder Sagens wie „dachte ich…“, sowie Anführungszeichen. Das Figurenbewusstsein soll selbst „sprechen“. Wahrnehmungen, Empfindungen, Assoziationen, Erinnerungen und Überlegungen werden ohne ausdrückliche Ankündigung oder Eingriff einer Erzählinstanz aufgezeichnet.
Sachverhalte, die der Figur selbstverständlich sind, etwa weil sie gerade eine Handlung ausführt, werden nicht unbedingt genannt. Der Leser muss sie selbst rekonstruieren. Ein Erzählerbericht kann die Figur und ihren inneren Monolog lediglich in der Außenwelt situieren und so einen Erzählrahmen schaffen. Das äußere Geschehen ist dabei vor allem als Anreiz und Auslöser innerer Prozesse wichtig.
Typisch ist außerdem die psychologisch-syntaktische Verkürzung. Nomen, Personalpronomen oder finite Verbformen können fehlen; gelegentlich entfallen auch Artikel, Präpositionen und Konjunktionen. Die Bewusstseinsinhalte greifen frei assoziiert ineinander und sind nicht notwendig linear oder chronologisch geordnet. Da es keine reglementierte Technik ist, können die konkreten Merkmale je nach Autor unterschiedlich ausfallen.
Entstehung und Entwicklung
Der Begriff wurde 1890 geprägt. Der US-amerikanische Psychologe William James verwendete ihn in seinem Hauptwerk The principles of psychology (New York: H. Holt and Company). Dabei bezog er sich auf die Idee eines kontinuierlich ablaufenden, unverbundenen „Bewusstseinsstroms“, die auf Charles S. Peirce zurückgeht, und auf Édouard Dujardins Roman Les lauriers sont coupés (1888; „Geschnittene Lorbeeren“). Der Begriff umfasst nicht nur sprachliche Vorgänge, sondern auch sinnliche, beispielsweise visuelle, Wahrnehmungen.
Als Vorläufer oder frühe Hinweise gelten bestimmte Passagen in Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman (1757) von Laurence Sterne, Das verräterische Herz von Edgar Allan Poe, An Occurrence at Owl Creek Bridge von Ambrose Bierce und Anna Karenina von Lew Tolstoi. Auch Werke von Henry James, etwa Bildnis einer Dame, sowie Knut Hamsuns Hunger wurden als Vorläufer genannt. Im Artikel wird Hamsuns Hunger dabei einmal mit 1892 und in der Liste bekannter Texte mit 1890 datiert.
Arthur Schnitzler las Dujardins Roman und schrieb mit Lieutenant Gustl (1900) die erste deutschsprachige Erzählung, die vollständig dem Bewusstseinsstrom folgt. Später verwendete Schnitzler die Technik noch einmal in Fräulein Else. James Joyce und Virginia Woolf nannten Dujardin ebenfalls als Vorlage. Der Ausdruck stream of consciousness setzte sich erst ab 1918 durch, nachdem ihn May Sinclair in einer Rezension zu Dorothy Richardsons Pilgrimage verwendet hatte.
Vladimir Nabokov vertrat 1940 die Ansicht, Leo Tolstoi habe die literarische Technik im eigentlichen Sinne für Anna Karenina erfunden. In Kapitel XXIX des siebten Teils werden während Annas Fahrt zum Bahnhof Reflexionen, Wahrnehmungen aus dem Fenster der Kalesche und Reklametexte in Moskauer Schaufenstern unterschiedslos nebeneinandergestellt. Als prototypisches Beispiel gilt außerdem das letzte Kapitel von James Joyces Ulysses (1921), „Mollys Monolog“. Bei Joyce treten unter anderem verkürzte Syntax, ein persönliches Idiom, willkürliche Wortbildungen, Lautmalerei und Sprachspiele auf.
Besonders verbreitet war die Technik im englischen und amerikanischen Modernismus, der sich im späten 19. Jahrhundert als Gegenbewegung zum literarischen Realismus und Naturalismus entwickelte. Auch die Surrealisten arbeiteten mit ähnlichen Verfahren. Später wurde der Bewusstseinsstrom unter anderem in China nach 1979, nach der politischen Öffnung und der Loslösung von der kommunistisch-sozialistischen Ideologie, nachgebildet; als Beispiel nennt der Artikel Das Auge der Nacht von Wang Meng. Auch moderner Film und Experimentalfilm wurden davon beeinflusst, meist außerhalb des Mainstreams.
Bekannte literarische Beispiele
Der Artikel nennt folgende bekannte Texte, in denen die Bewusstseinsstromtechnik verwendet wird:
- Lew Tolstoi: Anna Karenina (1877/78)
- Édouard Dujardin: Les lauriers sont coupés (1888)
- Knut Hamsun: Hunger (1890)
- Arthur Schnitzler: Lieutenant Gustl (1900)
- James Joyce: Ulysses (1921)
- Virginia Woolf: Mrs. Dalloway (1925), Die Fahrt zum Leuchtturm (1927) und Die Wellen (1931)
- Italo Svevo: Zenos Gewissen (1923)
- Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz (1929)
- William Faulkner: Schall und Wahn (1929)
- Edlef Köppen: Heeresbericht (1930)
- Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras (1951) und Das Treibhaus (1953)
- Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957)
- Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium (1960)
- Luis Martín-Santos: Tiempo de Silencio (1962)
- Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr (1968)
- Günter Steffens: Die Annäherung an das Glück (1976)
- Caroline Janice Cherryh: Pells Stern (1982)