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Typologisches Modell der Erzählsituationen
Das typologische Modell der Erzählsituationen von Franz Karl Stanzel ist ein gebräuchliches Schema zur Analyse von Prosatexten, das seit den 1950er Jahren …
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Grundidee und Analysemerkmale
Das typologische Modell der Erzählsituationen von Franz Karl Stanzel ist ein in der Literaturwissenschaft verbreitetes Schema zur Analyse von Prosatexten. Es gehört innerhalb der Erzähltheorie zu mehreren Modellen, mit denen Erzählperspektiven unterschieden werden. Seine Grundlage ist die „Mittelbarkeit“: Eine Erzählung stellt ihre Welt nicht unmittelbar dar, sondern vermittelt sie sprachlich und textuell.
Eine typische Erzählsituation wird bei Stanzel durch die Triade Modus, Person und Perspektive bestimmt. Der Modus reicht zwischen Erzähler und Nichterzähler beziehungsweise Reflektorfigur. Die Person betrifft die Frage, ob die Erlebniswelten von Erzähler und Figuren identisch oder getrennt sind. Die Perspektive bewegt sich zwischen Innenperspektive und Außenperspektive; damit ist auch der Gegensatz von Perspektivismus und Aperspektivismus verbunden.
Der Erzähler ist dabei die „Stimme“, die dem Leser die Geschichte vermittelt. Im allgemeinen Überblick werden auktoriale, personale und neutrale Erzählperspektive sowie die besondere Form der Ich-Erzählung unterschieden. Ein auktorialer Erzähler weiß alles über Figuren, Orte und zeitliche Zusammenhänge und kann kommentieren, werten, Gedanken und Gefühle darstellen sowie voraus- oder zurückblicken. Ein personaler Erzähler schildert aus der Sicht einer oder mehrerer Figuren, ohne das Geschehen unmittelbar zu kommentieren oder zu deuten. Ein neutraler Erzähler beschreibt nur äußerlich Wahrnehmbares und erzählt weder aus einer Figurenperspektive noch kommentierend. Die Ich-Erzählung berichtet in der Ich-Form und kann zugleich Merkmale anderer Perspektiven aufweisen.
Der Typenkreis als Werkzeug
Stanzels Typenkreis ist ein konstruiertes Schema zum Verständnis erzähltheoretischer Erscheinungen. Die drei Grundpositionen Person, Perspektive und Modus bilden seine Grundlage. An den Endpunkten der drei Hauptachsen stehen jeweils die Gegensätze; die Darstellung soll erkennen lassen, welches Merkmal dominant und welches subdominant ist.
Die drei Erzählsituationen sind im Kreis so angeordnet, dass sie aneinandergrenzen und sich überlappen. Sie sind komplexe Idealtypen: Jeder Typ verbindet mehrere Merkmale, doch konkrete Erzählungen können davon abweichen oder Mischformen bilden. Das Modell ist daher deskriptiv und analytisch, nicht normativ. Abweichungen gelten nicht als Fehler, sondern zeigen die Vielfalt von Erzählsituationen.
Beim Erzählmodus vermittelt entweder eine Erzählerfigur die Handlung selbst, wie in der auktorialen oder Ich-Erzählung, oder eine Reflektorfigur steht als handelnde Figur nahe beim Geschehen, bleibt aber vom Erzähler getrennt, wie in der personalen Erzählung. Bei der Person sind die Seinsbereiche von Erzähler und Figuren entweder identisch, nämlich in der Ich-Erzählung, oder getrennt, wie in auktorialen und personalen Formen. Die Perspektive ist beim auktorialen Typ außen, beim Ich-Typ innen und beim personalen Typ eine Mischung aus beiden.
Auktorial erzählen
In der auktorialen Erzählsituation gehört der Erzähler nicht zu der Geschichte, die er erzählt. Er erscheint deutlich als Urheber und Vermittler, schildert die Welt von außen und meist in einer „Er/Es-Perspektive“. Weil er mehr weiß als die Figuren, wird er häufig als allwissender Erzähler bezeichnet. Er kann Vergangenes und Zukünftiges verbinden, parallele Handlungen an verschiedenen Orten darstellen, Zusammenhänge erklären, Kommentare und Wertungen in Erzählerrede geben und Gedanken sowie Gefühle der Figuren kennen.
Nach dem Artikel teilen Erzähler, Figuren und Leser hier grundsätzlich ein Wertesystem; anders als in einer antiauktorialen Erzählsituation wird dadurch die Identifikation mit der Hauptfigur erleichtert. Die Aussagen des auktorialen Erzählers gelten als wahr, glaubhaft und dem gesellschaftlichen Konsens der Entstehungszeit entsprechend. Personale Momente können in Figurenrede und Dialogen vorkommen, ohne dass der auktoriale Gestus verloren geht. Figurenrede kann direkt oder indirekt sein.
Auch ein auktorialer Erzähler kann behaupten, nicht mehr zu wissen als der Leser. Dann finden sich häufig selbstreflexive Wendungen, in denen er das Erzählen selbst thematisiert, den Leser narrt oder belehrt. In den erzählten Passagen überwiegt die dritte Person („er“ oder „sie“). Die Grundform ist die berichtende Erzählweise; szenische Darstellung kann vorkommen, tritt aber zurück. Als Beispiel nennt der Artikel Hans Christian Andersens Die Prinzessin auf der Erbse von 1840.
Personal und aus der Ich-Perspektive erzählen
Die personale Erzählsituation tritt nach dem Artikel besonders im Roman der Moderne hervor, etwa bei Kafka. Der Erzähler wird dem Leser nicht bewusst. Zwar steht die Erzählung in der dritten Person, sie wird aber subjektiv aus der Sicht einer bestimmten Figur wahrgenommen. Diese Figur heißt Reflektorfigur oder persona. Erzähler und Figur haben getrennte Seinsbereiche. Vorherrschend sind „er“ und „sie“, doch die Innenperspektive der Reflektorfigur prägt das Erzählen.
Daher sind Voraussagen oder Wissen über andere Orte eher nicht zu erwarten; den Aussagen des Erzählers ist nicht zu trauen. Bekannt werden vor allem Gedanken und Gefühle der Reflektorfigur, während der Einblick in andere Figuren eingeschränkt bleibt. Es gibt keinen Wertekonsens zwischen Erzähler, Figur und Leser. Der Leser soll nicht einfach die Erzählerposition übernehmen, sondern sie hinterfragen und selbst urteilen. Stanzel zufolge nehmen personale Elemente im modernen Roman zu, wenn Figurenrede deutlicher vom auktorialen Bericht abgehoben wird. Beispiele im Artikel sind Franz Kafkas Die Verwandlung von 1915 und Georg Büchners Lenz von 1839.
In der Ich-Erzählsituation ist der Erzähler meist mit einer Figur identisch und tritt selbst in die Handlung ein: Die Seinsbereiche von Erzähler und Figuren sind identisch. Das „erzählende Ich“ kann die erfahrenere und reifere Fassung des „erlebenden Ichs“ oder „erzählten Ichs“ sein. Es kann Hauptfigur, Beobachter oder weniger stark beteiligte Nebenfigur sein. Typisch sind direkte Rede, auch ohne besondere Kennzeichnung, sowie subjektive Gefühle, Meinungen und Sichtweisen. Oft fehlt dem Ich-Erzähler kritische Distanz zu seiner Erzählung; die Ich-Perspektive kann beim Leser ein starkes Identitätsgefühl hervorrufen.
Ein Ich-Erzähler kann sich dennoch allwissend geben und Gedanken oder Geheimnisse anderer Figuren kennen. Sonderformen sind der innere Monolog, der Bewusstseinsinhalte scheinbar ohne Distanz vermittelt, und der Bewusstseinsstrom (stream of consciousness), der den Gedankenfluss bis hin zur Auflösung grammatikalischer Formen darstellen kann. Sehr selten ist ein Selbstgespräch in der Du-Form. Ein knappes Beispiel ist der Anfang „Nennt mich Ismael.“ aus Herman Melvilles Moby-Dick; oder: Der Wal von 1851.
Grenzen des Modells
Viele Erzähltheoretiker kritisieren Stanzels Konzept. Anerkannt wird mehrfach die instrumentelle Brauchbarkeit seiner Beschreibungsmerkmale; beanstandet wird jedoch die theoretisch-systematische Grundlegung.
Drei Hauptrichtungen der Kritik werden genannt: Gérard Genette beurteilt Stanzels Typenbildung als analytisch unzureichend. Dorrit Cohn schlägt Veränderungen innerhalb des von Stanzel gesetzten Rahmens vor, ohne dessen Systematik grundsätzlich zu verwerfen. Robert Weimann kritisiert die fehlende Einbettung in eine übergreifende historische Dimension.
Jochen Vogt gesteht dem Modell genaue Beobachtungen an vielen erzählenden Texten zu, sieht darin aber kein eigentliches System. Gerade dieser nichtsystematische Charakter könne zu seiner Brauchbarkeit und Beliebtheit bei unmittelbaren Textinterpretationen beitragen. Sein praktischer Wert liege damit in einer Art erzähltheoretischem „Werkzeugkasten“.