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Fräulein Else
Fräulein Else ist eine 1924 erschienene Novelle des österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler, die als innerer Monolog abgefasst ist.
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Erzählweise
„Fräulein Else“ ist eine 1924 erschienene Novelle des österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler. Sie gehört zur Wiener literarischen Moderne und behandelt Liebes-, Geld- und Existenzprobleme der höheren bürgerlichen Schicht. Im Mittelpunkt steht die junge Else T., deren Familie sie unter starken moralischen und psychischen Druck setzt.
Die Novelle ist als innerer Monolog gestaltet. Das bedeutet, dass die Leserinnen und Leser Elses Gedanken unmittelbar aus ihrer Innenperspektive verfolgen. Äußere Dialoge unterbrechen diesen Gedankenstrom nur gelegentlich. Dadurch macht Schnitzler den Gegensatz zwischen Elses innerem Erleben und ihrem Verhalten gegenüber anderen sichtbar. Die Erzählweise erzeugt sowohl Nähe zu Else als auch Distanz: Man erlebt ihre wechselnden Gefühle mit, erkennt aber zugleich ihre Widersprüche und spontanen Gedankenwechsel.
Handlung und zentraler Konflikt
Else verbringt einige von ihrer Tante Emma finanzierte Urlaubstage im Trentiner Kurort San Martino di Castrozza. Nach einem Tennisspiel mit Cissy und ihrem Cousin Paul erhält sie einen Express-Brief ihrer Mutter. Elses Vater, ein Wiener Rechtsanwalt, hat Mündelgelder veruntreut und steht kurz vor der Verhaftung. Else soll deshalb den reichen Kunsthändler Dorsday um ein dringend benötigtes Darlehen bitten.
Else schildert Dorsday die Notlage. Er erklärt sich bereit, die zunächst verlangten 30.000 Gulden bereitzustellen, stellt aber eine Bedingung: Er möchte Else nackt sehen. Else reagiert empört. Sie gerät in ein ausweglos erscheinendes Dilemma: Lehnt sie ab, lässt sie nach ihrem Empfinden den Vater im Stich; stimmt sie zu, gibt sie die selbstbestimmte Verfügung über ihren Körper auf und empfindet dies als Selbstprostitution.
Während des Abends prüft Else in ständig wechselnden Gedanken ihre Möglichkeiten. Dabei treten Todessehnsucht, exhibitionistische Wünsche, Liebesbedürftigkeit und ein kaum eingestandenes Streben nach Emanzipation hervor. Sie stellt sich eine freiwillige öffentliche Entblößung teilweise lustvoll vor, wehrt sich aber gegen die von Dorsday erzwungene private Nacktheit. So verbinden sich persönliche Wünsche mit Scham, familiärer Loyalität und männlichem Zwang.
Else kann sich letztlich weder offen gegen die Forderungen ihres Vaters stellen noch allein in Dorsdays Zimmer gehen. Stattdessen erscheint sie im Musiksalon des Hotels vor der Abendgesellschaft zunächst in einen schwarzen Mantel gehüllt. In Dorsdays Anwesenheit zeigt sie allen ihren nackten Körper und fällt anschließend in eine Schein-Ohnmacht. Damit erfüllt sie seine Forderung auf überraschende Weise, entzieht sich aber der von ihm geplanten privaten Situation.
Nachdem man Else in ihr Zimmer gebracht hat, nimmt sie unbemerkt das Schlafmittel Veronal ein. Sie fällt in einen traumartigen Zustand, den sie als endgültige Befreiung zu erleben scheint.
Gesellschafts- und Figurenanalyse
Geld löst die gesamte Krise aus. Obwohl die Hotelgäste gesellschaftlich angesehen und wohlhabend erscheinen, beurteilt Else sie moralisch sehr kritisch. Sie nennt sogar ihren Vater und andere Personen „Schufte“. Ihre Gedanken enthüllen damit die Brüchigkeit ihrer Familie und die Lebenslügen einer privilegierten Gesellschaft.
Schnitzler kritisiert besonders die Verbindung von wirtschaftlicher Macht und männlicher Herrschaft. Dorsday nutzt die finanzielle Not der Familie aus und verlangt für seine Hilfe, Else eine Viertelstunde lang nackt betrachten zu dürfen. Else wird dadurch zum Gegenstand eines Geschäfts gemacht. Zugleich zwingt auch ihre Familie sie indirekt dazu, ihren Körper und ihre persönliche Integrität für die Rettung des Vaters einzusetzen. Der Konflikt zeigt den Gegensatz zwischen männlicher Dominanz und weiblichem Emanzipationsstreben.
Elses Persönlichkeit ist von starker Ambivalenz, also widersprüchlichen, schnell wechselnden Gefühlen und Absichten, geprägt. Einerseits denkt sie über ihren Tod nach und erklärt, sie wolle selbst als Tote nicht mehr zurückkehren. Andererseits verwirft sie den Plan kurz darauf und nennt sich zu feige, um sich umzubringen. Dieses Wechselspiel zieht sich über mehrere Seiten und macht sichtbar, wie verzweifelt sie nach einem Ausweg sucht.
Auch das Bild der Schlange besitzt einen möglichen mythischen Bezug. Else denkt: „Vor den Schlangen habe ich keine Angst. Wenn mich nur keine in den Fuß beißt.“ Dies verweist auf Eurydike, die auf der Flucht vor einem Vergewaltiger auf eine Giftschlange tritt und an deren Biss stirbt.
Die Novelle lässt sich außerdem als „Exemplifikation orthodox freudianischer Theoreme“ lesen. Nach dieser Deutung durchlebt Else psychologische Verhaltensmuster, die den Lehren Sigmund Freuds entsprechen. Schnitzler verbindet sie jedoch mit dem gesellschaftlichen Milieu des zeitgenössischen Wien. Obwohl Schnitzler Freud persönlich und gedanklich nahestand und beide Briefe wechselten, betrachtete er sich nicht als dessen Anhänger.
Offenes Ende
Am Ende wird Else von ihren Mitmenschen nicht verstanden. Obwohl sie innerlich noch sprechen und wahrnehmen kann, kann sie ihre Lippen und ihre Zunge nicht mehr bewegen. Sie fragt sich, ob das Geld tatsächlich abgeschickt wird, und möchte die anderen auffordern, Dorsday dazu zu zwingen. In ihren Gedanken bezeichnet sie ihre Familie und ihre Umgebung als Mörder. Dies kann nicht nur körperlich, sondern auch sozial und psychisch verstanden werden: Die Erwartungen und Machtverhältnisse ihrer Umwelt haben zu ihrer Selbstaufgabe beigetragen.
Der Ausgang bleibt bewusst offen. Es ist nicht eindeutig, ob Else an einer Überdosis Veronal stirbt oder lediglich dessen halluzinogene Wirkung erlebt und einschläft. Als Hinweis gegen eine sichere Todesdeutung wird genannt, dass sie schon früher zwei Päckchen Pulver auf einmal genommen hat. Ebenso ungeklärt bleibt, ob die schließlich genannten 50.000 Gulden überwiesen werden und der Vater gerettet wird oder ob er ins Gefängnis kommt beziehungsweise Selbstmord begeht.
Ausgaben und Bearbeitungen
Die Erstausgabe erschien 1924 bei Zsolnay in Berlin, Wien und Leipzig. Zu den späteren Ausgaben gehören eine Reclam-Ausgabe von 2003, eine digitale historisch-kritische Edition von 2018 und eine kommentierte Studienausgabe, herausgegeben von Michael Scheffel, aus dem Jahr 2025.
Der Stoff wurde vielfach für Film, Hörspiel, Bühne, Musik und Comic bearbeitet. Die erste genannte Verfilmung ist Paul Czinners Stummfilm „Fräulein Else“ von 1929 mit Elisabeth Bergner. Spätere Fassungen veränderten teilweise Ort, Zeit und Handlung: Pierre Boutrons Film von 2002 fügt unter anderem Elses Vater und einen Staatsanwalt in einer Rahmenhandlung hinzu. Anna Martinetz verlegte die Geschichte 2013 in die Gegenwart und in ein Hotel in den Bergen Nordindiens. 2025 erschienen Thomas Imbachs „Nacktgeld (The Exposure)“ sowie die spanische Adaption „El talento“, in der die Cellistin Elsa im Mittelpunkt steht.
Zu den Hörspiel- und Hörbuchfassungen zählen Produktionen von 1946, 1949, 1951 und 2002. Bühnenfassungen wurden unter anderem 1936, 2004, 2006 und 2025 aufgeführt. Manuele Fior veröffentlichte 2009 zunächst auf Französisch eine Comic-Adaption; die deutsche Ausgabe erschien 2010.