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DDR-Literatur
DDR-Literatur ist die Bezeichnung für die gesamte Literatur, die von Autoren der Deutschen Demokratischen Republik verfasst wurde und stark von staatlicher …
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Kern und Bedeutung
DDR-Literatur bezeichnet die gesamte Literatur, die von Autorinnen und Autoren der Deutschen Demokratischen Republik verfasst wurde. Sie war stark von staatlicher Zensur geprägt und stand immer in einem Spannungsfeld: Einerseits sollte sie nach dem Willen der SED den Aufbau und die Ausgestaltung des Sozialismus unterstützen; andererseits konnte sie in begrenztem Maße eine kritische Öffentlichkeit schaffen, weil Presse- und Meinungsfreiheit eingeschränkt waren.
Schriftsteller konnten durch Bücher und öffentliche Auftritte Erfahrungen aus dem Alltag der DDR beschreiben, die in offiziellen Medien oft nicht so vorkamen. Beispiele dafür sind Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, Guten Morgen, du Schöne von Maxie Wander und Störfall von Christa Wolf. Gleichzeitig förderte der Staat Literatur, die seinen ideologischen Vorstellungen entsprach. Auch klassische deutsche und fremdsprachige Literatur wurde geduldet oder gefördert, solange sie den Grundüberzeugungen der Partei nicht grundsätzlich widersprach.
Phasen der Entwicklung
Die Entwicklung der DDR-Literatur wird in mehrere Phasen eingeteilt: Aufbauliteratur der 1950er Jahre, Ankunftsliteratur der 1960er Jahre, eine relative Liberalisierung der 1970er Jahre, eine kritischere Literatur der 1980er Jahre und die Wendeliteratur von 1989/90.
Die Aufbauliteratur entstand in den Anfangsjahren der DDR und knüpfte an antifaschistische Werke heimgekehrter literarischer Emigranten an. Ihr typisches Thema war der Aufbau großer Industrieanlagen, besonders von Chemiewerken. Arbeiter erschienen als Helden, oft ein erfahrener Facharbeiter, der Schwierigkeiten überwindet. Gegner waren häufig Vertreter „der alten Kräfte“, etwa Saboteure, die den Erfolg des Sozialismus verhindern wollten. Am Ende gelang der Aufbau, wodurch eine optimistische, erzieherische Botschaft vermittelt wurde. Ein Beispiel ist Eduard Claudius’ Menschen an unserer Seite.
Nach dem Mauerbau 1961 begann eine Phase der Ankunftsliteratur. Die DDR-Grenze war geschlossen, und viele Figuren mussten sich nun in den Verhältnissen der DDR einrichten. Der Bitterfelder Weg, eingeleitet durch die Bitterfelder Konferenz von 1959, prägte diese Literatur. Hauptfiguren waren oft junge, intellektuelle Menschen, die sich beruflich und privat bewähren mussten. Wichtige Beispiele sind Brigitte Reimanns Ankunft im Alltag von 1961 und Christa Wolfs Der geteilte Himmel von 1963. Auffällig war auch, dass zunehmend weibliche Hauptfiguren auftraten.
Die liberalere Phase endete ab 1965. Auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees forderte Erich Honecker eine „saubere Leinwand“ und kritisierte Skeptizismus, Unmoral und schädliche Tendenzen. Zwölf DEFA-Filme wurden verboten, und Autoren wie Wolf Biermann, Stefan Heym und Robert Havemann wurden erneut durch Verbote eingeschränkt.
Liberalisierung, Krise und Wende
Mit der Ablösung Walter Ulbrichts durch Erich Honecker 1971 begann eine neue Phase. Honecker kündigte ein Liberalisierungsprogramm für Kunst und Literatur an. DDR-Schriftsteller erhielten zunächst mehr Freiheiten, solange die Grundlage des Sozialismus in ihren Werken erhalten blieb. Wichtig wurde der Begriff „subjektive Authentizität“, besonders geprägt durch Christa Wolf, etwa in Nachdenken über Christa T. Dabei standen stärker die Probleme des Individuums in der sozialistischen Gesellschaft im Mittelpunkt.
Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976 und den Protesten vieler Schriftsteller und Künstler wurde die Kulturpolitik wieder intoleranter und ideologischer. Viele Autorinnen und Autoren verließen die DDR, darunter Sarah Kirsch, Erich Loest, Günter Kunert und Reiner Kunze. Andere blieben, durften aber nicht mehr in der DDR publizieren und erhielten oft langfristige Ausreisevisa. Schriftsteller, die blieben, wichen häufig auf historische Stoffe aus, um versteckt Kritik an der Gegenwart zu üben. Beispiele sind Märkische Forschungen von Günter de Bruyn und Kassandra von Christa Wolf; Stefan Heyms Der König David Bericht und Ahasver konnten trotzdem nicht in der DDR erscheinen.
In den 1980er Jahren entstand außerdem eine Untergrundliteratur, besonders im Ostberliner Prenzlauer Berg. Junge Autorinnen und Autoren verzichteten teilweise auf Verlage, veröffentlichten in kleinen Auflagen und verbreiteten ihre Texte durch Lesungen, oft mit Musik. Sie orientierten sich unter anderem an poststrukturalistischen Tendenzen aus Frankreich und wollten eine Literatur schaffen, „die die Stasi nicht versteht“. Ihre bewusst irrationale Schreibweise sollte Opposition gegen den offiziellen Literaturbetrieb und gegen DDR-Strukturen ausdrücken.
Im Herbst 1989 beteiligten sich viele Schriftsteller an Protesten. Bei der Alexanderplatz-Demonstration am 4. November äußerten Christa Wolf, Heiner Müller, Christoph Hein und andere deutliche Kritik und Vorschläge für eine demokratischere Gesellschaft. Nach der Maueröffnung am 9. November gab es mehr Publikationsfreiheit, aber für viele weniger bekannte Autoren brachen Absatzmöglichkeiten weg. Einige bisher verbotene Werke konnten erscheinen, und Autoren verarbeiteten ihre Stasi-Akten literarisch, etwa Reiner Kunze in Deckname „Lyrik“ und Erich Loest in Der Zorn der Schafe sowie Die Stasi war mein Eckermann. Das letzte in der DDR erschienene Buch war Ostberliner Treppengespräche von Jan Silberschuh mit Illustrationen von Hans Ticha, ausgeliefert am 2. Oktober 1990 um 23:59 Uhr in einer Auflage von 999 Stück.
Zensur und Kontrolle
Jedes Buch musste vor der Veröffentlichung ein Druckgenehmigungsverfahren durchlaufen. Diese Vorzensur durfte offiziell nicht so genannt werden. Die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im DDR-Kulturministerium prüfte die Texte, verlangte Änderungen oder verbot Veröffentlichungen. Die Kritik betraf vor allem Inhalte, manchmal aber auch ungewöhnliche sprachliche Formen. Die Behörde bestimmte außerdem, welche Auflage gedruckt werden durfte. Auf dem X. Schriftstellerkongreß 1987 forderten Christoph Hein und Günter de Bruyn die Aufhebung der Zensur.
Auch das Ministerium für Staatssicherheit spielte eine große Rolle. Etwa 1500 Inoffizielle Mitarbeiter beobachteten zwischen 1949 und 1989 die Literaturszene der DDR. Ihre Hauptaufgabe war es, detaillierte Informationen über einzelne Schriftsteller zu sammeln, um mögliche staatsgefährdende Aktivitäten früh zu unterbinden. Auf viele der etwa 1000 Schriftsteller waren IMs angesetzt, auf einige sogar mehrere. Laut Artikel war dies die höchste Dichte in einem gesellschaftlichen Bereich der DDR. Bei einigen jüngeren Autoren führten zersetzende Maßnahmen tatsächlich dazu, dass literarische Veröffentlichungen verhindert wurden.
Zu den aktivsten Schriftstellern als Inoffizielle Mitarbeiter gehörten Paul Wiens, Fritz Rudolf Fries, Jan Koplowitz, Peter Edel und Hermann Kant. Auch andere Schriftsteller, Verlagsmitarbeiter, Wissenschaftler und weitere Personen sammelten Informationen über Autoren.
Gattungen und wichtige Werke
Die DDR-Literatur umfasste viele Gattungen. Lyrik war wichtig, weil Gedichte feste formale Vorgaben umgehen und poetische Inhalte ausdrücken konnten, aber auch zur Propaganda geeignet waren. Die frühe Lyrik knüpfte an avantgardistische Formen der 1920er Jahre und sozialistische Politpropaganda der 1920er und 1930er Jahre an. In den 1960er Jahren suchte eine junge Generation neue sprachliche Formen, in den 1980er Jahren wurde Lyrik subversiver und erschien öfter in Samisdat-Publikationen, also ohne staatliche Genehmigung.
In der Dramatik gab es nur wenige DDR-Autoren, deren Stücke häufig gespielt wurden. Bertolt Brecht hatte seine wichtigsten Dramen schon vor 1949 geschrieben. Peter Hacks und Rudi Strahl wurden viel gespielt, während Heiner Müllers Werk erst später häufiger aufgeführt wurde und für viele Zuschauer schwer verständlich blieb. An DDR-Theatern standen außerdem deutsche Klassiker wie Goethe, Schiller und Lessing sowie russische, sowjetische und andere ausländische Autoren auf dem Spielplan.
Dokumentarliteratur verband reale Erlebnisse mit literarischen Mitteln. Dazu gehörten Reportagen, Reiseberichte, Interviews und Tagebücher. Besonders wichtig waren Maxie Wanders Interviewband Guten Morgen, du Schöne sowie Tagebücher von Brigitte Reimann und Maxie Wander. Diese Texte hatten Bedeutung als Ersatz für eingeschränkte Presse- und Reisefreiheit.
Unterhaltungsliteratur erzielte besonders hohe Verkaufszahlen, vor allem Kriminalromane, Abenteuergeschichten und Science-Fiction. Staatlich gefördert wurden unter anderem Kundschafterromane, in denen Aktivitäten westlicher Länder gegen realsozialistische Staaten entlarvt wurden. Kinder- und Jugendliteratur war ebenfalls sehr populär und erschien häufig im Kinderbuchverlag Berlin. In den 1950er und 1960er Jahren wirkte der sozialistische Realismus noch stark, später konnten Bücher stärker kindgerecht ausgerichtet werden. Das Sachbuch hatte ebenfalls Bedeutung; zu den meistgedruckten Büchern gehörte Weltall Erde Mensch, das zwischen 1954 und 1974 zur Jugendweihe überreicht wurde, später Der Sozialismus, Deine Welt und Vom Sinn unseres Lebens.
Autoren, Auflagen und Einordnung
Zu den wichtigen Autorinnen und Autoren der DDR-Literatur gehörten unter anderem Anna Seghers, Bertolt Brecht, Bruno Apitz, Jurek Becker, Günter de Bruyn, Franz Fühmann, Stefan Heym, Hermann Kant, Erich Loest, Brigitte Reimann, Maxie Wander und Christa Wolf. Wichtige Werke waren zum Beispiel Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz, Jakob der Lügner von Jurek Becker, Der geteilte Himmel und Kassandra von Christa Wolf, Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, Der fremde Freund von Christoph Hein und Guten Morgen, du Schöne von Maxie Wander.
Die Verkaufszahlen hingen stark von staatlicher Förderung oder Einschränkung ab. Werke, die dem ideologischen Wunschbild der DDR entsprachen, wurden in großen Mengen für Betriebe, Organisationen und Bibliotheken gekauft oder als Geschenke genutzt. Kritischere Bücher erschienen oft in kleineren Auflagen und waren schwer erhältlich. Nackt unter Wölfen hatte 77 DDR-Auflagen und gilt wahrscheinlich als auflagenstärkstes belletristisches Buch, das in der DDR entstand. Die Abenteuer des Werner Holt erreichte etwa 41 DDR-Auflagen, aber keine westdeutsche Auflage. Christa Wolfs Kassandra hatte 8 DDR-Auflagen, aber zahlreiche westdeutsche Auflagen und Übersetzungen.
Einige Werke erschienen bis 1989 nur in der Bundesrepublik, also als Tamisdat. Dazu gehörten unter anderem Texte von Wolf Biermann, Thomas Brasch, Wolfgang Hilbig, Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Erich Loest, Monika Maron und Lutz Rathenow.
Im Außenvergleich wurde diskutiert, ob DDR-Literatur als eigenständige Literatur gelten sollte. Der Artikel hält fest, dass sie keine eigene Sprache hatte, aber eine eigene Thematik, die aus der Realität der DDR entstand. Anfangs waren die Unterschiede zur westdeutschen Literatur sehr groß, später näherten sie sich an. In den späten 1980er Jahren war laut Artikel kaum noch ein Unterschied zwischen westdeutscher und DDR-Literatur erkennbar.