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Deutschsprachige Literatur

Die kurze Epoche kann als eine Gegenreaktion auf die Aufklärung beschrieben werden, wonach die vorrangige Epoche sich der Ratio unterworfen hätte, während …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Literatur des Mittelalters
  2. 2. Humanismus, Reformation und Barock
  3. 3. Aufklärung, Klassik und Romantik
  4. 4. Realismus und literarische Moderne
  5. 5. Diktatur, Exil und Literatur nach 1945
  6. 6. Auslandsliteraturen und Gegenwart

Begriff und Literatur des Mittelalters

Deutschsprachige Literatur umfasst literarische Werke in deutscher Sprache aus Vergangenheit und Gegenwart. Im weitesten Sinn zählen dazu alle deutschsprachigen Texte. Ein engerer Literaturbegriff erfasst vor allem Dramatik, Epik und Lyrik, außerdem sprachlich ausgewählte Autobiografien, Memoiren, Tagebücher, Briefe, Essays, Reisebücher, philosophische und geschichtliche Werke sowie stilistisch herausragende Reden.

Die Überlieferung beginnt um 750 mit althochdeutschen Glossaren und Übersetzungen lateinischer Texte, die vor allem dem Unterricht und der Mission in Klöstern dienten. Der Codex Abrogans gilt als älteste zusammenhängende Überlieferung in deutscher Sprache. Frühe Dichtung war meist religiös: Zu ihr gehören der altsächsische Heliand, Otfrids Evangelienbuch, das Wessobrunner Gebet und das fragmentarische Weltendgedicht Muspilli. Das Hildebrandslied ist das einzige erhaltene Zeugnis germanischer Heldendichtung in althochdeutscher Sprache; die um 950 aufgezeichneten Merseburger Zaubersprüche verbinden heidnische und christliche Elemente. Zwischen 900 und 1050 sind fast nur kirchliche Gebrauchstexte und Übersetzungen erhalten. Notker der Deutsche übertrug antike Philosophie auf hohem sprachlichem Niveau und machte das Althochdeutsche zu einer vollwertigen Literatursprache.

Seit etwa 1050 entstanden in frühem Mittelhochdeutsch wieder Dichtungen, besonders religiöse Lehrtexte, Legenden und Bibelepik. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts wurde die Literatur vielfältiger. Geschichtsepen wie die rund 17.000 Verse umfassende Kaiserchronik sowie Rolandslied und Alexander nahmen weltliche und französische Stoffe auf. Nach 1150 entwickelte sich die höfische Literatur: Minnesang und Sangspruchdichtung sind mit Heinrich von Morungen, Reinmar dem Alten und Walther von der Vogelweide verbunden. Höfische Epen nach französischen Vorlagen sind Hartmanns Erec und Iwein, Gottfrieds Tristan und Isolde sowie Wolframs Parzival. Daneben steht das anonym überlieferte Nibelungenlied. Am Ende des Mittelalters erleichterten Papier und Buchdruck mit beweglichen Lettern die Verbreitung von Texten; am Übergang zur Neuzeit steht Johannes von Tepls Der Ackermann aus Böhmen.

Humanismus, Reformation und Barock

Im Humanismus seit etwa 1450 wandten sich Gelehrte antiken Ideen zu und schrieben häufig lateinisch. Übersetzer wie Niklas von Wyle und Heinrich Steinhöwel bemühten sich zugleich um eine Reform der deutschen Schriftsprache. Sebastian Brants Narrenschiff, Erasmus von Rotterdams Lob der Torheit und anonyme Volksbücher wie die Historia von D. Johann Fausten und die Geschichten um Till Eulenspiegel waren weit verbreitet.

Die Reformation Martin Luthers prägte Sprache und Literatur besonders stark. Seine Bibelübersetzungen von 1522 und 1534 trugen wesentlich zur Verbreitung des heutigen Deutsch bei. Kirchenlieder wie Ein feste Burg ist unser Gott wirkten stilbildend und gingen in die Kirchenmusik ein. Weitere volkstümliche Formen waren Meistersang, Schwank und Fastnachtsspiel, vertreten besonders durch Hans Sachs und Jörg Wickram.

Die Barockliteratur von etwa 1600 bis 1720 stand unter dem Eindruck konfessioneller Spaltung und des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Ihre Spannweite reicht von höfischer Dichtung und antiken Vorbildern bis zu Erlebnislyrik und volkstümlichen Romanen; Lebensbejahung steht neben dem Vanitas-Motiv, also dem Bewusstsein der Vergänglichkeit. Sprachgesellschaften wie die Fruchtbringende Gesellschaft förderten das Deutsche. Martin Opitz empfahl im Buch von der Deutschen Poeterey (1624) den Alexandriner, der lange das wichtigste Versmaß blieb. Typische lyrische Formen waren Sonett, Ode und Epigramm; wichtige Dichter waren Paul Fleming, Paul Gerhardt, Angelus Silesius, Andreas Gryphius und Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau.

Das Theater umfasste lateinisches Jesuitentheater, Wanderbühnen, Oper und höfisches Drama. Dabei galt die Ständeklausel: Tragödien behandelten vor allem hochgestellte Personen. Im Roman waren Schäfer-, Staats-, höfisch-galanter und besonders der aus Spanien stammende Schelmenroman verbreitet. Grimmelshausens Simplicissimus schildert Abenteuer im Dreißigjährigen Krieg und gilt als bedeutendster außerspanischer Schelmenroman.

Aufklärung, Klassik und Romantik

Die Aufklärung setzte auf Vernunft, Bildung und eine öffentliche Diskussion über Literatur. Johann Christoph Gottsched formulierte im Versuch einer critischen Dichtkunst (1730) verbindliche Regeln nach französischem Vorbild; Bodmer und Breitinger wandten sich gegen die Überbewertung des Rationalen. Die Empfindsamkeit betonte dagegen Gefühl und Seelenzustände. Klopstocks Epos Der Messias (1748–1773), Matthias Claudius’ Gedichte und Wielands früher Bildungsroman Geschichte des Agathon (1766/67) sind wichtige Beispiele. Gotthold Ephraim Lessing machte Bürger zu gleichrangigen Bühnenfiguren. Emilia Galotti kritisiert adlige Willkür; Nathan der Weise (1779) zeigt, dass der Wert eines Menschen nicht an Religion oder Nationalität gebunden ist.

Der Sturm und Drang (etwa 1767–1786) wandte sich von Regelpoetik und aristotelischem Theater ab, verehrte Shakespeare und stellte Gefühl, schöpferisches Genie und unmittelbaren Ausdruck heraus. Herder entwickelte die Idee einer durch die „Logik des Affekts“ entstehenden Erlebnislyrik. Bedeutende Dramen sind Lenz’ Der Hofmeister, Goethes Götz von Berlichingen und Schillers Die Räuber (UA 1782). Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers (1774) endet nach der unerfüllten Liebe zu Lotte mit Werthers Selbstmord. Gottfried August Bürger prägte die deutschsprachige Ballade und verband den Volkston mit Kritik an Feudalismus und Willkür.

Die Weimarer Klassik wird häufig von Wielands Ankunft in Weimar 1772 bis zu Schillers Tod 1805 datiert, teils aber enger auf Goethe und Schiller bezogen. Wieland, Herder, Goethe und Schiller orientierten sich an humanistischen Idealen und antiken Formen. Goethes Iphigenie auf Tauris behandelt die Überwindung von Vorurteilen; Schiller schrieb Balladen, ästhetische Schriften und historische Dramen wie Wallenstein und Wilhelm Tell. Hölderlins hymnische Lyrik und Moritz’ Anton Reiser, der als erster psychologischer Roman deutscher Sprache gilt, stehen der Klassik nahe.

Die Romantik (etwa 1796–1835) gliedert sich unscharf in Früh-, Hoch-, Spät- und Nachromantik. Die Jenaer Frühromantik um August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Caroline Schlegel, Dorothea Veit, Novalis und Ludwig Tieck verband unterschiedliche Gattungen und Wissensbereiche. Friedrich Schlegels „progressive Universalpoesie“ reflektiert und kritisiert sich selbst; Ironie und Fragment zeigen, dass ein ideales, vollkommen abgeschlossenes Kunstwerk nicht erreichbar ist. Zur Heidelberger Romantik gehören Achim von Arnim und Clemens Brentano mit Des Knaben Wunderhorn; die Brüder Grimm sammelten Volksmärchen. E. T. A. Hoffmann wendete romantische Ironie psychologisch, Joseph von Eichendorff vertrat die Spätromantik.

Realismus und literarische Moderne

Zwischen Romantik und Realismus standen Biedermeier und Vormärz. Das Biedermeier umfasst unter anderem Mörike, Droste-Hülshoff, Stifter sowie das Wiener Volksstück von Nestroy und Raimund. Autoren des Vormärz und des Jungen Deutschland schrieben politisch; dazu gehören Heine, Herwegh, Freiligrath und Büchner.

Der poetische Realismus (1848–1890) konzentrierte sich auf Individuen, regionale Lebenswelten und konkrete gesellschaftliche Schwächen, ohne das ganze System anzugreifen. Humor schuf Distanz zur belastenden Wirklichkeit. Bevorzugt wurde zunächst die Novelle, etwa Storms Der Schimmelreiter; später gewann der Roman an Gewicht. Gottfried Keller schrieb Der grüne Heinrich und Die Leute von Seldwyla, Theodor Fontane Gesellschaftsromane wie Effi Briest.

Der Naturalismus (1880–1900) wollte gesellschaftliche Verhältnisse schonungslos und möglichst wirklichkeitsgetreu darstellen. Umgangssprache, Jargon und Dialekt wurden literaturfähig. Der Mensch erschien durch Herkunft, Milieu und Zeitumstände bestimmt. Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang und Die Weber sind zentrale soziale Dramen; Bahnwärter Thiel ist eine wichtige Erzählung. Arno Holz fasste das Programm 1891/1892 in der Gleichung „Kunst = Natur − x“ zusammen, wobei x gegen Null streben sollte.

Um 1900 entstand die Klassische Moderne aus teils gegensätzlichen Strömungen. Impressionistische Texte ordneten Sinneseindrücke seriell an. Der Symbolismus von Stefan George, Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal entfernte sich von wirklichkeitsgetreuer Darstellung und betonte Klang, Sprachkunst und autonome Dichtung. Hofmannsthals Chandos-Brief formuliert eine für die Moderne zentrale Sprachskepsis. Dekadenzliteratur behandelte Künstlichkeit, Verfall, Traum und Tod; bedeutend sind Schnitzlers psychologische Dramen und Novellen sowie Thomas Manns Buddenbrooks und Der Tod in Venedig. Neuromantik und Jugendstil entwarfen Gegenwelten, mystifizierten Natur oder häuften sinnliche Eindrücke an. Die Heimatkunst richtete sich gegen Großstadt und Moderne, war häufig antisemitisch und völkisch und bereitete die Blut-und-Boden-Literatur vor.

Der Expressionismus experimentierte mit Sprache und Form und steigerte Antibürgerlichkeit zur Rebellion. Zentren waren Berlin und Prag. Lasker-Schüler, van Hoddis, Benn, Trakl und Heym prägten die Lyrik; Kafka, Döblin und Musil die Prosa. Der Dadaismus provozierte mit Nonsens und Sprachmaterial. Der Erste Weltkrieg wurde zur Zäsur. In der Weimarer Republik forderte die Neue Sachlichkeit Aktualität, Realismus und Verständlichkeit. Brecht entwickelte das Epische Theater, Horváth erneuerte das Volksstück. Zeit-, Angestellten-, Hotel- und Arbeitslosenromane schilderten moderne Lebenswelten; Beispiele sind Kästners Fabian, Keuns Das kunstseidene Mädchen und Falladas Kleiner Mann – was nun? Zugleich entstanden Hauptwerke wie Der Zauberberg, Der Process, Berlin Alexanderplatz, Der Mann ohne Eigenschaften und Radetzkymarsch, die nicht einfach der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen sind.

Diktatur, Exil und Literatur nach 1945

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30. Januar 1933 zerstörten Zensur, Verfolgung und Bücherverbrennungen das unabhängige Literaturleben; in Österreich geschah dies nach dem „Anschluss“ 1938. Rund 1500 namentlich bekannte Autoren gingen ins Exil. Eine einheitliche Exilliteratur entstand nicht, doch schrieben Thomas und Heinrich Mann, Brecht, Seghers, Werfel, Broch, Döblin, Roth, Musil und Zweig weiter. Zentrale Werke sind Seghers’ Das siebte Kreuz und Transit, Zweigs Schachnovelle und Brechts Svendborger Gedichte. Zur „Inneren Emigration“ werden im Land gebliebene, teils oppositionelle Autoren gerechnet; ihre Haltung reichte jedoch von Widerstand und Verfolgung bis zu Anpassung. Häufig wichen sie auf historische oder fantastische Parabeln aus. Das Regime förderte völkische, Blut-und-Boden- und Parteiliteratur als ideologisches Werkzeug.

Nach 1945 sprach man von einem literarischen Nullpunkt. Die Trümmerliteratur schilderte Krieg, Zerstörung und Heimkehr in knapper Sprache. Böll, Borchert und Schnurre prägten die Kurzgeschichte, Günter Eich die Lyrik. Die Gruppe 47 wurde in Westdeutschland zu einem wichtigen Forum. Grass’ Die Blechtrommel (1959) verband moderne Erzählverfahren mit dem Schelmenroman und setzte sich mit der NS-Vergangenheit auseinander. Paul Celans Todesfuge und die Bände Mohn und Gedächtnis sowie Sprachgitter stehen für die sprachlich schwierige Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Später folgten politische Literatur, Neue Subjektivität, konkrete Poesie, experimentelle Prosa und postmoderne Formen.

Die DDR verstand sich als „Literaturgesellschaft“, instrumentalisierte Literatur jedoch durch Zensur für den Realsozialismus. Brecht und Seghers führten ihre Arbeit fort; wichtige eigenständige Stimmen waren Johannes Bobrowski und Sarah Kirsch. Heiner Müller, Peter Hacks und Volker Braun prägten das Drama. Christa Wolf und Irmtraud Morgner schrieben feministische Literatur; Brigitte Reimann, Wolfgang Hilbig, Jurek Becker und Ulrich Plenzdorf setzten unterschiedliche erzählerische Akzente. Jakob der Lügner (1969) gilt als bedeutendstes Erzählwerk eines DDR-Autors.

In Österreich knüpften die Wiener Gruppe, H. C. Artmann, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker an moderne Sprachkunst an. Seit den 1960er und 1970er Jahren veränderten Handke, Bachmann und Bernhard die deutschsprachige Literatur nachhaltig. In der Schweiz bedeutete 1945 keinen vergleichbaren Einschnitt. Dürrenmatts grotesk-pointierte Dramen Der Besuch der alten Dame und Die Physiker sowie Frischs Romane Stiller und Homo faber wurden besonders einflussreich.

Auslandsliteraturen und Gegenwart

Außerhalb des deutschen Binnensprachraums entstanden eigenständige deutschsprachige Literaturen, unter anderem in Nord- und Südamerika, Namibia, Südafrika, Südtirol, Elsass, Ostbelgien, Nordschleswig, Polen, Russland, Rumänien und im Baltikum. Häufig wurden Texte in Kalendern, Jahrbüchern und der deutschsprachigen Auslandspresse veröffentlicht. Zur rumäniendeutschen Literatur gehören Adolf Meschendörfer, Eginald Schlattner und Herta Müller. In Palästina und Israel war Deutsch nach der Flucht vor dem Nationalsozialismus als Sprache der Verfolger belastet; dennoch nahmen einige Migranten ihre deutschsprachige Arbeit wieder auf. Der 1975 gegründete Verband deutschsprachiger Schriftsteller Israels bestand bis 2005.

Die Gegenwartsliteratur ist stark pluralistisch und wird zugleich von einem großen, medienabhängigen Buchmarkt geprägt. Seit den 1960er Jahren und erneut um 1990 gewann postmodernes Schreiben an Bedeutung. Es überschreitet feste Gattungsgrenzen und verbindet teilweise Schrift und Bild, etwa bei W. G. Sebald. Christoph Ransmayrs Die letzte Welt und Austerlitz von Sebald sind wichtige Beispiele. Die Popliteratur der 1990er Jahre orientierte sich teilweise an US-amerikanischen Vorbildern; genannt werden Rainald Goetz, Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre und Alexa Hennig von Lange.

Seit den 1990er Jahren wurde außerdem multikulturelle, interkulturelle und Migrationsliteratur wichtiger. Feridun Zaimoglu und Emine Sevgi Özdamar gehören zu ihren prominenten Stimmen; neuere Literatur der Hybridität verbindet unterschiedliche kulturelle Zugehörigkeiten. Der Gegenwartsroman reicht von Satire, Autofiktion und Milieuschilderung bis zu Gesellschaftskritik, Bildungsroman, Unterhaltung und Postmoderne. Elfriede Jelineks Literaturnobelpreis von 2004 steht für politisch und feministisch engagiertes Schreiben. In der Lyrik wirkten seit den späten 1980er Jahren besonders Thomas Kling, Marcel Beyer, Durs Grünbein und Uwe Kolbe; im 21. Jahrhundert gehören Nora Gomringer, Monika Rinck, Jan Wagner, Ann Cotten und Safiye Can zu bekannten Stimmen. Neben anspruchsvoller Literatur gehören auch Übersetzungen und Unterhaltungsliteratur zum deutschsprachigen Buchmarkt; Übersetzungen machen in der Belletristik etwa die Hälfte aller Neuerscheinungen aus.

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