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Indischer Schriftenkreis
„Diphthonge“ (Doppellaute); Zusatzlaute zur Nasalierung bzw. Behauchung des vorhergehenden Vokals. Nach glottalem Verschlusslaut. Silbische …
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Begriff, Verbreitung und Entwicklung
Zum indischen Schriftenkreis gehören die Abkömmlinge der Brahmi-Schrift. Sie heißen oft „indische Schriften“, obwohl manche außerhalb Indiens beheimatet sind. In Süd- und Südostasien einschließlich Indonesien werden besonders viele verschiedene Schriften verwendet. Auf dem indischen Subkontinent sind unter anderem Bengalisch, Devanagari, Gujarati, Gurmukhi, Kannada, Malayalam, Oriya, Singhalesisch, Tamil und Telugu verbreitet; außerhalb davon beispielsweise Balinesisch, Birmanisch, Khmer, Laotisch, Thai und Tibetisch.
Nicht jede Schrift dieser Region gehört zum indischen Schriftenkreis. Daneben kommen arabisch-persische Schriften, Thaana für Dhivehi, Ol Chiki für Santali und die lateinische Schrift vor. Brahmi-Abkömmlinge, Ol Chiki und Thaana gelten als autochthon, also in der Region entstanden; die arabische und die lateinische Schrift wurden importiert.
Aus der um 250 v. Chr. in Indien und Sri Lanka belegten Brahmi-Schrift entwickelten sich zahlreiche Zweige. Über die Gupta-, Siddham-, Nagari- und andere Schriften entstanden beispielsweise Devanagari um 1100, Bengalisch um 1050, Oriya um 1100, Gujarati um 1600 und Gurmukhi um 1539. Ein südlicher Entwicklungszweig führte unter anderem zu Tamil, Malayalam, Kannada, Telugu und Singhalesisch. Weitere Zweige verbreiteten sich nach Tibet, Südostasien, Indonesien und auf die Philippinen; dazu gehören Tibetisch, Khmer, Thai, Laotisch, Birmanisch, Javanisch, Balinesisch und mehrere philippinische Schriften.
Wegen des indischen Klimas blieben alte Texte auf Palmblättern und Baumrinden meist nur wenige Jahre erhalten. Frühe Zeugnisse finden sich daher vor allem auf Münzen, Felsen und Bauwerken; die ältesten erhaltenen Manuskripte setzen erst im 11. Jahrhundert n. Chr. ein. Traditionell galt die mündliche Überlieferung in Indien als zuverlässiger als die schriftliche. Die verwendeten Schreibmaterialien beeinflussten teilweise auch die Zeichenformen.
Grundprinzip der Abugida
Die Schriften des indischen Schriftenkreises gehören zum Typ der Abugida, auch Alphasyllabar genannt. Dieser steht zwischen einer Buchstaben- und einer Silbenschrift. Ein Konsonantenzeichen bezeichnet gewöhnlich nicht nur einen Konsonanten, sondern zugleich einen folgenden inhärenten, also automatisch mitgedachten Vokal. Fast alle Schriften besitzen nur einen solchen Grundvokal, meist ein kurzes a.
Ein Vokal am Silbenanfang wird, soweit die jeweilige Schrift ein entsprechendes Zeichen besitzt, als selbstständiger Buchstabe geschrieben. Andere Vokale erscheinen als zwingend erforderliche diakritische Zeichen am vorhergehenden Konsonanten. Diese Vokalzeichen können vor, hinter, über oder unter dem Konsonanten stehen oder ihn umgeben.
Soll nach einem Konsonanten kein Vokal gesprochen werden, zeigt dies meist ein Diakritikum namens Virama oder Halant an. In einigen neuindoarischen Sprachen wie Hindi und Bengalisch wird der Halant jedoch nicht konsequent gesetzt. Im Panjabi fehlt er ganz, sodass die Schrift nicht unmittelbar erkennen lässt, ob nach einem Konsonanten der inhärente Vokal gesprochen wird.
Mehrere aufeinanderfolgende vokallose Konsonanten werden häufig zu einer Ligatur, also einem verbundenen Zeichen, zusammengezogen. Ein Buchstabe bildet mit seinen Diakritika eine Zeichengruppe, die einen Silbenkörper darstellt und Akshara genannt wird. Eine solche Schreibsilbe besteht typischerweise aus „Konsonant oder Konsonantencluster + Vokal ± Vokalzusatzzeichen“. Sie muss nicht mit einer gesprochenen Silbe übereinstimmen; sogar eine Morphemgrenze kann innerhalb eines graphischen Konsonantenclusters liegen. Groß- und Kleinschreibung werden nicht unterschieden. Die Schriften verlaufen insgesamt meist von links nach rechts, können innerhalb eines Akshara aber nichtlinear angeordnet sein.
Phonetische Ordnung des Alphabets
Die alphabetische Reihenfolge ist streng phonetisch und in den indischen Schriften im Wesentlichen gleich. Zuerst stehen Vokale, danach Konsonanten. Zu den Vokalzeichen zählt die traditionelle Grammatik Monophthonge, sogenannte Diphthonge, silbische Konsonanten sowie Zusatzzeichen für Nasalierung und Behauchung.
Bei einfachen Vokalen und silbischen Konsonanten wird zwischen kurzen und langen Lauten unterschieden: a/ā, i/ī, u/ū, r̥/r̥̄ und l̥/(l̥̄). Das lange silbische l ist allerdings ein aus Symmetriegründen postuliertes Konstrukt und kommt eigentlich nicht vor. Sanskrit-e und -o sind stets lang. Sie werden traditionell als „Diphthonge“ eingeordnet, weil sie historisch durch Monophthongierung aus Doppellauten hervorgingen: ai → ē, āi → ai, au → ō und āu → au. Anusvara ‹ṁ› bezeichnet die Nasalierung, Visarga ‹ḥ› die Behauchung des vorhergehenden Vokals.
Die Verschlusslaute und Nasale lassen sich in fünf Zeilen und fünf Spalten ordnen. Die Zeilen folgen den Artikulationsorten in Richtung des Luftstroms: velar, palatal, retroflex, dental und labial. Die Spalten unterscheiden stimmlos oder stimmhaft sowie unbehaucht oder behaucht; am Ende steht jeweils der Nasal. Daraus ergeben sich die Reihen k–kh–g–gh–ṅ, c–ch–j–jh–ñ, ṭ–ṭh–ḍ–ḍh–ṇ, t–th–d–dh–n und p–ph–b–bh–m.
Danach folgen die Approximanten oder traditionellen „Halbvokale“ y, r, l und v sowie die Frikative ś, ṣ, s und h. Aus moderner phonetischer Sicht sind nur y und v Halbvokale, weil sie als nichtsilbische Entsprechungen von i und u gelten können; r und l zählen unabhängig von ihrer silbischen Funktion zu den Konsonanten. Ältere Fachbegriffe wie „guttural“ für velar sowie „kakuminal“ oder „zerebral“ für retroflex gelten als ungenau.
Devanagari als Beispiel
Devanagari verdeutlicht die typischen Regeln des Schriftenkreises. Silbisches r wird wie ein Vokal behandelt: Nur am Silbenanfang steht seine Vollform, nach einem Konsonanten dagegen ein Vokaldiakritikum. Nichtsilbisches r erscheint nur am Wortanfang und zwischen Vokalen vollständig. Steht r am Anfang einer Konsonantengruppe, wird es graphisch an das Silbenende verschoben und als Häkchen über dem Vokal gesetzt; diese Form heißt Reph. Als letzte Komponente einer Konsonantengruppe erscheint r als kleiner Schrägstrich oder Winkel unter dem vorhergehenden Konsonanten.
Gruppen aus mindestens zwei Konsonanten, bei denen nur auf den letzten ein Vokal oder Diphthong folgt, verschmelzen zu Ligaturen. Meist bleiben ihre Bestandteile erkennbar, in Sonderfällen entsteht jedoch ein völlig neues Zeichen. Devanagari besitzt einige hundert solcher Ligaturen.
Obwohl eine Zeile insgesamt linear verläuft, entspricht die sichtbare Reihenfolge innerhalb eines Akshara nicht immer der gesprochenen Reihenfolge. Im angeführten Hindi-Wort für „Student“ steht das Zeichen für kurzes i vor dem zugehörigen Konsonanten v. In der zweiten Schreibsilbe stehen die Bestandteile der Ligatur dy übereinander. Ein am Anfang der letzten Silbe gesprochenes r erscheint erst am Silbenende als Reph über dem Vokal. Wegen solcher Strukturen ist für sprachwissenschaftliche und didaktische Zwecke häufig eine konsequent lineare Transliteration, etwa in lateinischer Schrift, erforderlich.
Anpassung an verschiedene Sprachen
Moderne Sprachen besitzen teilweise andere Lautsysteme als Sanskrit. Ihre Schriften wurden deshalb erweitert oder, wie im Tamil, stark verkleinert. Nordindische Schriften bilden zusätzliche Zeichen häufig mit einem untergesetzten Punkt namens Nukta oder mit einem Strich; manche Zeichen wurden neu geschaffen.
Dravidische Sprachen unterscheiden kurzes und langes e beziehungsweise o. Zusätzliche Zeichen für ē und ō führte Constanzo Beschi (1680–1774) ein. In ihrer Transliteration stehen e und o für kurze, ē und ō für lange Vokale. Bei Devanagari bezeichnen dagegen ĕ und ŏ die kurzen, e und o die langen Vokale. Südindische Alphabete besitzen außerdem Zeichen für besondere dravidische Laute. Tamil hat deutlich weniger Zeichen, weil es keine Aspiration gibt und stimmhafte Plosive nur Allophone der stimmlosen sind. Für Sanskrit können fehlende Plosive durch diakritische Ziffern oder durch Zeichen der Grantha-Schrift wiedergegeben werden. Die Mischung von Sanskrit und einer dravidischen Sprache heißt Manipravala.
Singhalesisch erhielt zusätzliche Zeichen für weitere Vokale, pränasalierte Konsonanten und [f]. Tibetisch bildete neue Zeichen durch Diakritika, Neuschöpfung oder Spiegelung vorhandener Zeichen. Für die Transliteration von Sanskrit kamen später insbesondere Zeichen für Retroflexe und aspirierte stimmhafte Plosive hinzu.
Khmer besitzt mit Diphthongen mehr als 30 Vokale. Um die Zahl der Vokalzeichen zu begrenzen, werden Konsonanten in zwei Serien eingeteilt; dasselbe Vokalzeichen bezeichnet je nach Serie einen anderen Vokal. Zusätzliche Diakritika können die jeweils andere Aussprache anzeigen. Birmanisch, Laotisch und Thai führten Tonmarken ein, weil die zugehörigen Sprachen Tonsprachen sind. Thai und Laotisch teilen Konsonanten außerdem in drei Klassen ein. Die laotische Schrift verringerte ihren Konsonantenbestand im 20. Jahrhundert durch eine Rechtschreibreform auf ein Minimum.
Auch Ligaturen werden unterschiedlich behandelt. In nordindischen Schriften behält häufig der letzte Konsonant seine Grundform. Kannada und Telugu schreiben den ersten vollständig und fügen weitere Konsonanten verkleinert darunter oder dahinter an. Tibetisch, Birmanisch, Khmer und Laotisch verwenden ebenfalls gestapelte Formen. Gurmukhi, modernes Singhalesisch und Tamil haben fast keine Ligaturen, modernes Thai gar keine.
Viele Orthographien sind historisch. In Bengali, Oriya und Assamesisch wird der inhärente Vokal als [ɔ] oder [ɒ] gesprochen; außerdem fielen ältere Lautunterschiede zusammen. In vielen neuindoarischen Sprachen bleibt der inhärente Vokal ungesprochen, ohne dass Halant oder Ligatur dies anzeigen. Panjabi schreibt weiterhin Zeichen für aspirierte stimmhafte Plosive, obwohl diese Aspiration und Stimmhaftigkeit verloren haben; stattdessen trägt die betonte Silbe einen Hoch- oder Tiefton. Malayalam schreibt dravidische Wörter nach dem dravidischen Lautsystem, Sanskrit-Wörter dagegen in Sanskrit-Orthographie; Kannada und Telugu schreiben alle Wörter unabhängig von ihrer Herkunft phonetisch. Die tibetische Orthographie bewahrt sogar einen Sprachstand von vor mehr als 1000 Jahren und enthält viele heute nicht mehr gesprochene Buchstaben.
Transliteration und digitale Darstellung
Sanskrit wurde zunächst mündlich überliefert. Um 400–300 v. Chr. entstanden Kharoshti und Brahmi zur Wiedergabe gesprochener Sprache; für die genaue Darstellung des klassischen Sanskrit wurden sie später angepasst. Sanskrit kann in allen Brahmi-Abkömmlingen geschrieben werden, doch Devanagari setzte sich als wichtigste Schriftform durch.
Für die Wiedergabe mit lateinischen Zeichen existieren mehrere Transliterationssysteme. IAST, das Internationale Alphabet der Sanskrit-Transliteration, ist der gebräuchlichste akademische Standard für Sanskrit. Der Standard der National Library at Calcutta, NLAC, beruht auf IAST und gilt für alle indischen Schriften. ISO 15919 ist für alle Sprachen Südasiens bestimmt; IAST und NLAC sind Teilmengen von ISO 15919/2001. ISO 15919 nutzt Unicode und Diakritika zur eindeutigen Darstellung der Grapheme, also der Schriftzeichen, und ist plattformunabhängig.
ASCII-Systeme verzichten auf Diakritika und sind nichtoffizielle Konventionen. Harvard-Kyoto verwendet ausschließlich ASCII, vor allem in E-Mail und Internet, nicht im akademischen Bereich. ITRANS („Indian languages TRANSliteration“) wurde von Avinash Chopde entwickelt, ist umfangreicher als Harvard-Kyoto und stimmt weitgehend damit überein. Durch Unicode sind solche Systeme technisch weitgehend überholt, im Internet aber weiterhin verbreitet.
In Unicode 5.2 waren zahlreiche südasiatische Schriften wie Bengalisch, Devanagari, Gujarati, Gurmukhi, Kannada, Malayalam, Oriya, Singhalesisch, Tamil, Telugu und Tibetisch sowie südostasiatische Schriften wie Balinesisch, Khmer, Laotisch, Myanmar und Thailändisch kodiert. Weil Zeichen innerhalb eines Akshara umgeordnet, verbunden oder übereinandergeschrieben werden können, benötigt ihre korrekte Bildschirmdarstellung komplexe Darstellungsalgorithmen. Viele dieser Schriften besitzen außerdem eigene Zahlzeichen für 0 bis 9.