Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Indigene Religionen Südamerikas
Die indigenen Religionen Südamerikas umfassen alle ethnischen Glaubensvorstellungen der Eingeborenen Südamerikas. Ein Q'ero-Priester aus den peruanischen …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und gemeinsame Merkmale
Die indigenen Religionen Südamerikas umfassen die ethnischen Glaubensvorstellungen der ursprünglichen Völker Südamerikas. Da der Kontinent sehr viele unterschiedliche Ethnien, Sprachfamilien und Lebensweisen umfasst, sind auch die religiösen Vorstellungen sehr verschieden. Gemeinsame Grundlage vieler Religionen ist ein animistisches Weltbild: Natur, Dinge, Tiere, Pflanzen, Orte und Menschen gelten als beseelt oder von geistigen Kräften bewohnt. Gute und böse Geister, Seelen, Hexen, Zauberer und Medizinmänner können das Leben beeinflussen. Wichtig sind deshalb Rituale, Vorzeichen, Amulette und Träume.
Glaube im Sinn einer persönlichen Überzeugung steht häufig weniger im Mittelpunkt als die korrekte Durchführung von Ritualen. Diese sollen Schaden abwenden, Heilung bringen, Fruchtbarkeit sichern oder das Gleichgewicht zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Geistern erhalten. Viele Völker kennen die Vorstellung, dass Menschen sich in Tiere verwandeln oder mit Tierseelen verbunden sein können. Fast überall besteht eine enge spirituelle Bindung an den eigenen Lebensraum.
Trotz der gewaltsamen Kolonialherrschaft Spaniens und Portugals blieben viele religiöse Traditionen erhalten. Das Christentum überformte sie, konnte sie aber nicht vollständig verdrängen. Besonders häufig ist eine Vermischung mit dem Katholizismus zu beobachten. Heiligenfeste können mit Maskentänzen verbunden sein, Opfer und Naturzeremonien finden weiter an heiligen Orten statt. Berge gelten vielerorts als heilig. Sonne und Mond erscheinen oft als Paar, wobei die Sonne meist männlich und der Mond weiblich gedacht wird. In abgelegenen Gebieten im Inneren Südamerikas konnten sich traditionelle Vorstellungen besonders stark erhalten. Moderne christlich-messianische Bewegungen traten unter anderem bei Guaraní, Ticuna und Canela auf, oft verbunden mit Hoffnungen auf Befreiung von Unterdrückung und ein besseres Leben mit traditionellen Bräuchen.
Klassifizierungen
Ethnische Religionen lassen sich nur selten sinnvoll über die Grenzen einzelner Völker hinweg zusammenfassen. Für Südamerika gilt das besonders stark, weil die religiösen Systeme sehr heterogen sind. Dennoch gibt es verschiedene Versuche der Einteilung.
Hans-Jürgen Prien unterschied für die Theologische Realenzyklopädie drei Gruppen, wobei die zugrunde liegenden „Kulturstufen“ auf überholte Theorien des unilinearen Evolutionismus verweisen. Zur ersten Gruppe gehören Jäger, Fischer und Sammler mit oder ohne beginnende Landwirtschaft, darunter viele Gruppen des tropischen Tieflandes sowie Jägervölker des Chaco und Patagoniens. Typisch sind Kulturheroen, die etwa das Pflanzen lehrten, magisch-kultische Riten, Tiergeister oder Vegetationsgottheiten sowie Geisterbeschwörer, die auf ökologisches Gleichgewicht, Menschenseelen und Tierseelen einwirken sollen.
Die zweite Gruppe bilden Völker einer intermediären Kulturstufe, vor allem in Zirkumkaribik und Anden-Ostrand. Hier verbinden sich Vorstellungen des tropischen Tieflandes mit Einflüssen der Hochkulturen: Tempel, Priester und Idole, Hochgötter, häufig mit dem Jaguar verbunden, Ahnenkult, Opferkulte und bestimmte Grab- oder Tempeltypen. Die dritte Gruppe sind Völker der Hochkulturen, in Südamerika vor allem im Bereich der Zentralanden. Dort war die Religion komplex: Im Inka-Reich bildete der Kult des Sonnengottes Inti die Reichsreligion, während lokale Götter, Ahnengeister und Schutzgeister weiter verehrt wurden. Es gab eine besondere Priesterklasse für den Tempelkult und eher jenseitige Totenreiche als einen starken Einfluss der Toten auf die Lebenden.
Eine weitere wichtige Einteilung stammt von Mark Münzel, der Ende der 1970er Jahre auf Grundlage von Clark Wissler und Alfred Kroeber neun beziehungsweise elf Kulturareale Mittel- und Südamerikas unterschied und ihre Religionen charakterisierte. Ähnliche Einteilungen finden sich bei Julian Steward und John Bierhorst.
Zentralanden und Zirkumkaribik
In der Zirkumkaribik bestanden Kontakte sowohl zu mittelamerikanischen als auch zu südamerikanischen Hochkulturen. Gemeinsamkeiten zeigen sich etwa in Mythen um den Jaguar, der teilweise als Personifizierung der Mutter Erde gesehen wird. In dieser Region gibt es einen deutlichen Hochgottglauben, der aber früh vom Christentum beeinflusst wurde. Der Hochgott ist oft zugleich Kulturheros, also eine Gestalt, die den Menschen wichtige Kulturtechniken brachte, etwa den Anbau von Bananen und Mais oder die Herstellung von Chicha, einem Maisbier. Daneben existieren viele weitere Götter und Geister. Anders als in den Andenkulturen gab es keine Priester, sondern verschiedene Arten von Medizinmännern. Wichtige Riten waren die Initiation Jugendlicher in das Erwachsenenleben und die Krankenheilung.
In den Zentralanden sind traditionelle religiöse Praktiken trotz starker europäischer und christlicher Einflüsse weiter verbreitet. Viele Menschen nennen sich Christen, unterscheiden aber zwischen einem synkretistischen Christentum der „Weißen“ und Mestizen und den indigenen Religionen, die selbst christliche Elemente aufgenommen haben. Die Göttin Pachamama kann zugleich als traditionelle, nicht personifizierte Mutter Erde und in Verbindung mit der Jungfrau Maria verstanden werden.
Das Inka-Reich deckte sich ungefähr mit dem heutigen Peru, reichte in seiner größten Ausdehnung aber bis nach Bolivien, Ecuador, Argentinien und Chile. Inka-Mythen blieben teilweise lebendig, etwa der Mythos des Inkarrí, einer Zusammensetzung aus Inka und spanisch rey („König“). Darin spielen Berggeister, die apus, eine wichtige Rolle bei der Erschaffung von Sonne und Menschen. In der heutigen zentralandinen Religion werden christliche Elemente oft negativ eingeordnet: Gott achtet wenig auf die Menschen, Jesus und die Heiligen symbolisieren die Konquistadores, während alte Gottheiten und Mächte für Fruchtbarkeit und Leben stehen.
Viele überlieferte Riten werden weiterhin ausgeführt, besonders in abgelegenen Dörfern. Dazu gehören Opfer zur Erhaltung der Fruchtbarkeit von Boden oder Lamas. Religiöse Spezialisten gehen auf das Inkareich zurück: drei Priesterklassen, Pflanzenheiler, Wahrsager und Magier. Die Andenindigenen kennen zudem die Seelen Animu und Alma. Animu entspricht dem Charakter eines Menschen und kann sich durch Angst oder bösen Zauber entfernen. Alma ist die überdauernde Seele; ihre Trennung vom Körper bedeutet den Tod.
Tiefland, Guyana, Amazonien und Anden-Ostrand
In Guyana und bei marginalen Gruppen im Llanos beruht die Spiritualität besonders auf den ewigen Kreisläufen der Natur. Anthropomorphe, also menschengestaltige, Götter sind meist unbekannt. Stattdessen gibt es die Vorstellung einer pantheistischen Weltseele, bei der das Göttliche oder Geistige in der ganzen Welt gegenwärtig ist. Die Sonne gilt oft als sichtbare Äußerung dieser Weltseele. Darunter steht eine umfangreiche animistische Geisterwelt. Tiergeister gelten als Erscheinungen der Weltseele. Jeder Mensch kann einen persönlichen Schutzgeist besitzen, der in Gestalt eines anderen Lebewesens mit ihm verbunden ist. Medizinmänner haben hier große Bedeutung; sie treiben böse Geister, die Krankheiten bringen, mit stark inszenierten Ritualen aus und verwenden dabei geschnupfte Rauschmittel.
Die Religionen Amazoniens ähneln denen Guyanas, unterscheiden sich aber in Gottheiten, Riten und Festen. Viele Gruppen betreiben neben Jagd auch Gartenbau oder Wanderfeldbau; daher wird häufig eine Erdmutter verehrt, die für das Wachstum der Kulturpflanzen zuständig ist. Medizinmänner haben in Amazonien nicht denselben hohen Status wie in Guyana. Die kleinen Gemeinschaften besitzen eigene Mythen, die Gegenwart und Vergangenheit verbinden. Menschen und Tiere können in diesen Mythen ineinander übergehen. Verbreitet ist der Mythos von der Anakonda als Herrin der Kulturpflanzen und dem Jaguar als Herrn des Feuers. Zentral ist die Bewahrung harmonischer Beziehungen zwischen allen Kräften, damit die Gemeinschaft überleben kann.
Am regenwaldbestandenen Ostabhang der Anden ähnelt die religiöse Grundstruktur dem Amazonas-Tiefland. Das Wohlergehen hängt von der Kontrolle übernatürlicher Kräfte ab, die Dinge, Tiere, Pflanzen und die Natur bewohnen. Schamanische Riten, kollektive Zeremonien und magische Mittel sollen die universale Harmonie sichern. Viele Pflanzen und Tiere, etwa Maniok oder Jagdtiere, haben einen Herrn oder eine Herrin als Schutzgottheit oder Schutzgeist. Besonders wichtig ist der Gebrauch von Drogen wie Tabak, Alkohol, Kokablättern und vor allem Ayahuasca. Die dadurch erzeugte Trance gilt teilweise als Zugang zur eigentlichen Wirklichkeit. Moderne synkretistische Religionen in Westbrasilien, etwa Santo Daime und União do Vegetal, greifen Elemente traditioneller Kulte und besonders die Ayahuasca-Trance auf.
Ostbrasilien, Chaco und südliche Regionen
In Ostbrasilien entsprechen die Religionen grundsätzlich dem Amazonas-Tiefland, doch Medizinmänner sind noch weniger bedeutend und Rauschmittel werden nicht verwendet. Gemeinschaftliche Zeremonien spielen dafür eine größere Rolle. Sie dienen oft der Initiation und der rituellen Darstellung von Gegensätzen in der Welt. Bei den Guaraní stand der Kontakt mit den Göttern im Mittelpunkt. Ihre Bestattungsbräuche reichten von Urnen- und Erdbestattung bis zu Sekundärbestattung und Endokannibalismus. Marginale Gruppen wie die Aché zeigen die Heterogenität der südamerikanischen Religionen: Sie glauben an einen Wiedergeburtskreislauf von Mensch zu Mensch über einen Zwischenaufenthalt in Tieren oder Pflanzen.
Im Chaco ist die wichtigste transzendente Vorstellung anders als in vielen Tieflandkulturen. Die Ursache der äußeren, wahrnehmbaren Wirklichkeit ist eine abstrakte innere Realität oder Kraft, die nur der menschlichen Seele zugänglich ist. Göttliche Wesen sind unbekannt. Medizinmänner versetzen sich durch Zauberlieder, intensives Tabakrauchen oder das Schnupfen eines Pulvers aus Anadenanthera peregrina in leichte Trance, verwandeln sich in eine Tierseele, reisen in die Geisterwelt und kämpfen dort gegen böse Geister, um Kranke zu heilen. Während der Chaco-Reiterkulturen vom 17. bis 19. Jahrhundert wurden zeitweise Kazikentümer wichtiger und einige Vorstellungen aus Patagonien übernommen.
In Patagonien sind besonders die Mapuche wichtig. Ihr oberster Gott ist Gynechen, auch Ngenechén oder Ngünechén, ein allmächtiger Schöpfer- und Sonnengott. Daneben gibt es weitere Gottheiten, gute und böse Geister sowie heilige Tiere. Bedeutend sind große religiöse Feste wie We Tripantu, das neue Jahr der Mapuche, sowie kollektive Bitt- und Dankesrituale mit Tieropfern. Die meist weiblichen Machi werden häufig als „Schamaninnen“ bezeichnet; Vergleiche mit sibirischem Schamanismus gelten jedoch als höchst spekulativ. Bei den Tehuelche gab es personalisierte Götter, einen Hochgott, Tieropfer, Kulturheroen und viele Geister. In Feuerland, bei Gruppen wie Kawesqar und Yámana, beherrschte ein höchstes Wesen die Religion, das Nahrung und Gesundheit sichern sollte. Medizinmänner galten als übernatürlich begabt, besonders als Heiler, und erhielten ihre Macht von toten Vorfahren und Schutzgeistern.