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Ethnische Religionen
Ethnische Religionen (auch traditionelle Religionen, populär aber veraltet auch Naturreligionen) werden alle mündlich oder durch Rituale überlieferten …
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Grundidee und Bedeutung
Ethnische Religionen sind mündlich oder durch Rituale überlieferte Glaubenssysteme ohne schriftlich festgelegte Lehren. Ihre Anhänger gehören meist zu einer kleinen Zahl miteinander verbundener ethnischer Gruppen. Der Ausdruck wird heute als behelfsmäßige Sammelbezeichnung benutzt; ältere Begriffe wie „primitive Religionen“, „archaische Religionen“, „Urreligion“ oder „Naturreligionen“ gelten als abwertend, ungenau oder missverständlich.
Im Zentrum steht meist nicht die individuelle Erlösung oder eine jenseitige Zukunft, sondern das Heil der Gemeinschaft, die Harmonie mit der Umwelt und der Umgang mit vorgestellten transzendenten Wesen. Traditionelle Glaubenssysteme kennen in der Regel keine Religionsstifter, keinen universellen Geltungsanspruch, keinen missionarischen Auftrag und keinen ausdrücklich festgelegten Moralkodex. Sie sind stark gegenwartsbezogen und oft offen für fremde Einflüsse.
Weltweit gibt es tausende solcher lokalen Glaubensformen. Ihre offiziell angegebene Anhängerschaft beträgt nur noch etwa vier Prozent der Weltbevölkerung; 2016 nennt das Joshua Project 3,75 Prozent. Diese Zahlen sind unsicher, weil viele Menschen sich äußerlich zu einer Weltreligion bekennen, traditionelle Praktiken aber weiter ausüben. Weitgehend unbeeinflusste Formen finden sich nur noch bei wenigen isolierten Völkern, stärker vermischte Formen unter anderem in Teilen Nordkanadas, Sibiriens, Australiens, Subsahara-Afrikas, Indiens sowie in Bergländern Südostasiens und Indonesiens.
Begriffliche Abgrenzung
Als allgemein anerkannte Abgrenzungsmerkmale gelten vor allem drei Punkte: fehlende heilige Schriften, die Verbindung einer Volksgruppe mit ihren Glaubensinhalten und Praktiken sowie eine häufig naturbezogene Spiritualität. Die genaue Abgrenzung ist schwierig, weil europäische Begriffe wie „Religion“, „Gott“, „Natur“, „Seele“ oder „Jenseits“ nicht ohne Weiteres auf andere Kulturen passen.
Ethnische Religionen sind meist ethnisch begrenzt: Sie beziehen sich auf eine bestimmte Gruppe, deren gemeinsame Abstammung, Sprache, Geschichte, Lebensweise und Bräuche das religiöse Selbstverständnis prägen. Ausnahmen in der Größe sind etwa Voodoo mit rund 60 Millionen Anhängern und weltweiter Verbreitung in lokalen Gruppen sowie der Shintoismus Japans mit mindestens vier Millionen Anhängern.
Schriftlosigkeit bedeutet, dass religiöses Wissen vor allem mündlich und durch Rituale weitergegeben wird. Das macht diese Religionen wandelbar, kann aber auch bedeuten, dass religiöse Spezialisten bestimmtes Wissen geheim halten. Grenzfälle sind etwa die germanische Religion, zu der Runentexte und spätere schriftliche Überlieferungen existieren, sowie der Shintoismus mit den Textsammlungen Kojiki und Nihonshoki aus dem 8. Jahrhundert, die erst nach der Meiji-Restauration 1868 im Staats-Shintō kanonisiert wurden.
Weitere typische Merkmale sind das Fehlen von Stifterpersonen, die Orientierung vieler Rituale am Jahreskreislauf oder Mondkalender und das Fehlen eines Bekehrungsauftrags. Mission gilt als fremder Gedanke, da man meist in die eigene Religion hineingeboren wird und ihre Vorstellungen auf das eigene Volk oder die eigene Kulturgruppe bezogen sind.
Weltbild und religiöse Praxis
Viele ethnische Religionen verbinden Menschen emotional und spirituell mit ihrem Lebensraum. Menschen verstehen sich dabei oft nicht als „Krone der Schöpfung“, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs mit Tieren, Pflanzen, Landschaften, Ahnen, Geistern oder Kräften. Diese Nähe zur Umwelt kann Tabus und Regeln hervorbringen, die den Umgang mit Jagd, Pflanzen, heiligen Orten oder lebenswichtigen Ressourcen ordnen.
Spiritualität ist häufig allgegenwärtig: Religion ist kein getrennter Lebensbereich, sondern durchdringt Alltag, Kunst, Tanz, Musik, Heilung, Jagd, Landwirtschaft und soziale Beziehungen. Krankheiten, Unfälle oder Unglück können als Folge von Regelverstößen, mangelnder Achtung vor Geistern oder Schadenzauber gedeutet werden. Häufig gibt es religiöse Spezialisten wie Heiler, Seher, Geisterbeschwörer oder Zauberer, meist aber nicht als hauptberufliche Priester im Sinn einer Kirche.
Wichtig sind Mythen und Kulte. Mythen sind hier nicht bloß Märchen, sondern kollektives Gedächtnis und religiöses Symbolsystem. Sie erzählen oft von einer Urzeit, in der Menschen, Tiere, Geister und Gottheiten noch direkt miteinander kommunizierten. Kulthandlungen können Dank, Demut, Vergebung für Eingriffe in die Natur sowie Respekt gegenüber Leben, Ahnen und Traditionen ausdrücken. Rituale, Opfer, Musik und Tanz kommen in vielen Formen vor.
Viele ethnische Religionen denken Zeit eher zyklisch: Wiederkehrende Jahreszeiten, Lebensphasen, Übergangsriten und natürliche Kreisläufe stehen im Vordergrund. Die religiöse Aufmerksamkeit richtet sich deshalb stark auf die Gegenwart und auf den Fortbestand der urzeitlich geordneten Welt.
Geister, Götter und Religionstypen
In vielen ethnischen Religionen gibt es ein vielfältiges „Jenseits im Diesseits“: Götter, Urahnen, Freiseelen, Tier- und Pflanzengeister, numinöse Kräfte oder Dämonen können in Naturerscheinungen wirken. Ein höchstes Wesen oder ein Schöpfergott kann vorkommen, greift aber oft nicht ständig in den Alltag ein und wird nicht regelmäßig kultisch verehrt. Ein Monotheismus im strengen Sinn wird für lokale Religionen nicht angenommen.
Die Grenzen zwischen Göttern, Geistern und Ahnen sind oft unscharf. Viele Kulturen kennen außerdem besondere Kräfte, etwa Mana in Ozeanien, Manitu bei Algonkin, Orenda bei Irokesen, Wakan bei Sioux, Masala bei Nuba oder Kamuy bei Ainu. Solche Begriffe dürfen aber nicht vorschnell als überall gleiche Vorstellungen gedeutet werden.
Anthony F. C. Wallace unterschied 1966 Religionen nach Kultpraxis. Beim schamanischen Religionstyp gibt es individuelle Rituale und Spezialisten, die etwa Heilung, Jagdglück oder Kontakt zu Toten vermitteln. Beim kommunalen Religionstyp kommen gemeinsame Riten hinzu, oft Initiationen, Tänze oder Opferhandlungen. Beim olympischen Religionstyp führen Vollzeitspezialisten organisierte Kulte aus; typisch sind viele menschenähnlich gedachte Götter in einem Pantheon. Der monotheistische Religionstyp umfasst bei Wallace sehr weit verstanden die Weltreligionen, gehört aber nicht zu den ethnischen Religionen.
Eine andere Typologie ordnet Religionen nach Lebensweisen: Jäger, Fischer und Sammler haben häufig animistische Geistervorstellungen und Totembezüge; Pflanzer verbinden diese mit umfassenden Mächten wie Mutter Erde; sesshafte Feldbauern entwickeln oft Fruchtbarkeits-, Ahnen- und Himmelsgötter; Viehhirten stellen häufig Himmelsgötter und Nutztiere in den Mittelpunkt; komplexe sesshafte Kulturen bilden abstraktere Götterwelten, Priesterschaften und teils theokratische Strukturen aus.
Geschichte und Wandel
Religiosität entstand irgendwann in der Urgeschichte des Menschen; ob sie genetisch verankert ist und evolutionäre Vorteile bietet, ist umstritten. Sicher ist laut Artikel, dass es keine rezente Menschengruppe ohne Religion gab. Funde aus der jüngeren Altsteinzeit wie Venusstatuetten, Opferplätze und Höhlenmalereien werden möglicherweise religiös gedeutet, doch solche Rekonstruktionen sind hoch spekulativ. Für das beginnende Neolithikum kann man sicherer von bestimmten ethnischen Religionen sprechen.
Mit der Bronzezeit veränderten soziale Differenzierung, wirtschaftliche Konsolidierung und Priesterkasten die religiösen Formen. Später wurden viele ethnische Religionen durch Kontakte mit Weltreligionen beeinflusst oder verdrängt. In Europa und im Nahen Osten wurden sie etwa durch Judentum, Christentum und Islam zurückgedrängt; Beispiele sind die Zwangstaufe der Sachsen durch Karl den Großen, die Christianisierung Skandinaviens und die Islamisierung Zentralasiens. In Zentral- und Südostasien verlief die Ausbreitung des Buddhismus oft friedlicher und führte vielerorts zu Mischsystemen.
Die europäische Expansion und der Kolonialismus brachten ab dem 16. Jahrhundert in Amerika, ab dem 18. Jahrhundert in Afrika und Ozeanien und ab Mitte des 19. Jahrhunderts bei den australischen Aborigines starken Missions- und Anpassungsdruck. Trotzdem konnten sich viele lokale Religionen durch Wandlungsfähigkeit und Synkretismus erhalten, also durch die Verbindung eigener Traditionen mit Elementen anderer Religionen.
Gegenwart, Neubildungen und Forschung
Im 21. Jahrhundert sind fast alle ethnischen Religionen starkem Wandel ausgesetzt. Häufig existiert religiöser Pluralismus: Manche Menschen konvertieren ganz zu einer Weltreligion, andere leben Mischformen, wieder andere halten am traditionellen Glauben fest. Mission, staatliche Entwicklungspolitik, Infrastruktur, Tourismus und Assimilation können alte religiöse Zusammenhänge schwächen. Zugleich kann öffentliches Interesse Religionen als Kulturgut schützen, aber Rituale auch zur bloßen Folklore machen.
Neo-ethnische Religionen sind neue Bewegungen oder Wiederbelebungen, die sich auf überlieferte Traditionen beziehen, aber nicht immer die enge Definition ethnischer Religionen erfüllen. Dazu gehören panindianische Bewegungen in Amerika wie die Native American Church, Revitalisierungen in Russland und Australien, afroamerikanische Religionen wie Umbanda sowie neopagane Traditionen Europas. In Europa gelten Religionen mit heidnischen Wurzeln meist als Neuheidentum, weil ihre Traditionen unterbrochen und oft rekonstruiert sind; genannt werden unter anderem Ásatrúarfélagið, Romuva, Dievturi, Taarausk und Hellenismos.
Die Forschung selbst ist vorsichtig geworden. Frühere Modelle wie Urmonotheismus, Fetischismus, universeller Totemismus, allgemeiner Animismus oder ein weltweiter einheitlicher Schamanismus gelten als problematische Vereinfachungen. Viele ältere Daten wurden durch christlich-europäische Perspektiven, Mission, schlechte Übersetzungen oder evolutionistische Vorurteile verzerrt. Heute werden ethnische Religionen nicht als primitive Vorstufe verstanden, sondern als eigenständige, komplexe und geschichtlich gewachsene Formen religiöser Weltdeutung.