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In die Sonne schauen
In die Sonne schauen ist ein deutscher Spielfilm von Mascha Schilinski aus dem Jahr 2025. Das Drama beschreibt mit diversen Zeitsprüngen einen assoziativen …
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Überblick
In die Sonne schauen ist ein deutscher Spielfilm von Mascha Schilinski aus dem Jahr 2025. Das 149 Minuten lange Drama spielt auf einem altmärkischen Vierseithof und verfolgt das Leben von vier Mädchen beziehungsweise jungen Frauen aus unterschiedlichen Zeiten: von den 1910er Jahren bis in die filmische Gegenwart, also über ungefähr 100 Jahre. Die einzelnen Lebensgeschichten sind durch den Hof, wiederkehrende Ereignisse und Bilder miteinander verbunden. Der Film erzählt nicht chronologisch, sondern als assoziativen Erinnerungsstrom und filmisches Mosaik. Dabei verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen den Figuren.
Im Mittelpunkt stehen Alma, Erika, Angelika sowie Nelly und ihre Schwester Lenka in der Gegenwart. Ihre Erfahrungen handeln unter anderem von Kindheit, Sexualität, familiären Machtverhältnissen, Gewalt, Verlust, Todessehnsucht und den Spuren, die traumatische Erlebnisse über Generationen hinweg hinterlassen. Der Hof ist dabei nicht nur ein Handlungsort, sondern ein emotionaler und historischer Resonanzraum. Die Hauptrollen spielen Hanna Heckt, Lea Drinda, Lena Urzendowsky und Laeni Geiseler.
Regie führte Mascha Schilinski, die das Originaldrehbuch gemeinsam mit Louise Peter verfasste. Produziert wurde der Film von Studio Zentral; als Koproduzent war das ZDF mit dem Kleinen Fernsehspiel beteiligt. Die Originalsprachen sind Deutsch und Plattdeutsch, die Altersfreigabe lautet FSK 16. Teile des Films wurden auf Nordmärkisch, einer Varietät des Ostniederdeutschen, gedreht.
Die vier Zeitebenen
Alma ist sieben Jahre alt und lebt kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Deutschen Kaiserreich auf dem Bauernhof. Neben ihrer Familie leben dort auch „de Lüt“ in der Wirtschaft, also Mägde und Knechte. Almas Eltern sind schweigsam; Religiosität und Aberglauben prägen den Alltag. Durch eine Totenfotografie entdeckt Alma, dass sie eine verstorbene Schwester hatte, nach der sie benannt wurde. Weil sie dieser Schwester stark ähnelt, wird sie von ihren älteren Schwestern verspottet. Alma glaubt daraufhin, für dasselbe Schicksal bestimmt zu sein, und beschäftigt sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit. Um Almas älteren Bruder Fritz vor dem Kriegsdienst zu bewahren, inszeniert die Familie einen Arbeitsunfall. Fritz verliert dadurch einen Unterschenkel; die Hausangestellte Trudi kümmert sich um ihn.
Erika lebt in den 1940er Jahren auf dem Hof. Sie ist von einer erotischen Neugier auf ihren Onkel Fritz fasziniert, der wegen seines amputierten Beins meist im Bett liegt. Erika zeichnet ihn häufig und bindet sich selbst ein Bein hoch, als wäre es amputiert. Nachts schleicht sie in sein Zimmer und kostet den Schweiß, der sich aus seinem Bauchnabel sammelt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geht Erika mit anderen Frauen zu dem Fluss, der später zum Grenzfluss zwischen Ost- und Westdeutschland werden wird. Sie wollen sich offenbar gemeinsam umbringen.
Angelika lebt in den 1980er Jahren in der DDR auf dem Hof. Sie ist die Tochter von Erikas Schwester Irm. Ihr Onkel Uwe versucht, ihre erwachende Sexualität auszubeuten. Auch Uwes Sohn Rainer, Angelikas Cousin, empfindet etwas für sie. Angelika und Rainer flirten und küssen sich. Angelika bewegt sich dabei zwischen großer Lebensgier und Todessehnsucht. Auf einem Polaroidfoto mit der ganzen Familie ist sie zuletzt zu sehen. Ob sie über den Fluss und damit über die innerdeutsche Grenze geflohen ist oder sich darin ertränkt hat, bleibt offen.
In der Gegenwart leben Nelly und ihre ältere Schwester Lenka mit ihren Eltern auf dem Hof. Die Familie ist aus Berlin in das weitgehend leere und heruntergekommene Gebäude gezogen, das die Eltern selbst renovieren wollen. Obwohl die Schwestern zunächst in scheinbarer Geborgenheit aufwachsen, wird Nelly von intensiven Träumen und einer unbewussten Last der Vergangenheit verfolgt. Lenka freundet sich mit Kaya aus der Nachbarschaft an, deren Mutter gestorben ist. Nelly springt schließlich von einem Balken der Scheune in die Tiefe. Ob sie spielt, gedankenlos handelt oder Selbstmord begehen will, bleibt unklar. Auf ähnliche Weise stürzte früher Fritz ab.
Formale Gestaltung
Der Film verzichtet bewusst auf eine klassische narrative Struktur und auf eine einfache Chronologie. Stattdessen werden Szenen aus vier Zeitebenen – Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, DDR der 1980er Jahre und Gegenwart – assoziativ miteinander verbunden. Erfahrungen, Bilder und Motive tauchen in späteren Zusammenhängen wieder auf. Die Montage von Evelyn Rack, die Kamera von Fabian Gamper, die Bildkomposition, der Rhythmus und die Tongestaltung sind eng miteinander verwoben.
Gedreht wurde im 4:3-Filmformat. Kritiken beschreiben das Bildmaterial teilweise als grobkörnig und unscharf; einzelne Szenen wurden mit einer Lochkamera aufgenommen. Dadurch wirkt das Vertraute des Bauernhofs zugleich fremd und unheimlich. Wiederkehrende Naturbilder ermöglichen sanfte Übergänge zwischen den Zeiten. Auch Wasser ist ein wichtiges Bild- und Klangmotiv. Der Sound von Billie Mind sowie die Filmmusik von Michael Fiedler und Eike Hosenfeld erzeugen eine Atmosphäre aus Brummen, Knacken, Säuseln, Knistern und dröhnender Ambient-Unruhe. Die Musik konzentriert sich besonders auf den Song „Stranger“ von Anna von Hausswolff.
Die Kamera bleibt häufig in der Perspektive der Mädchen. Träume, Erinnerungen und mögliche zukünftige Ereignisse überlagern sich. Eine zentrale Rolle spielt außerdem die Fotografie: Sie verbindet die Generationen und macht sichtbar, wie sich Figuren, Orte und Schicksale wiederholen. Die Kritiken bezeichneten den Film deshalb unter anderem als Filmpoem, Geistergeschichte, Folk-Horror oder „Geistersinfonie“. Die formale Gestaltung soll weniger eine abgeschlossene Erklärung liefern als ein überzeitliches, körperlich und sinnlich erfahrbares Erleben schaffen.
Entstehung und Veröffentlichung
Die Idee entstand, als Mascha Schilinski und Louise Peter einen Vierseithof im Dorf Neulingen in Sachsen-Anhalt besuchten. Der Hof sollte zeigen, welche Erinnerungen und Schicksale sich an einem Ort über Jahrhunderte ansammeln können. Schilinski erklärte, der Hof habe „geatmet“ und sie habe dort die Jahrhunderte gespürt. Von Anfang an war das Projekt auf formale Experimentierfreude mit Bildkomposition, Montage, Rhythmus und Sound angelegt.
Die Dreharbeiten fanden von Mitte Juli bis Anfang September 2023 in Sachsen-Anhalt statt, unter anderem auf einem Vierseitenhof in Neulingen beziehungsweise Arendsee sowie in Vehlgast. Insgesamt waren 34 Drehtage vorgesehen. Dorfbewohner aus Neulingen unterstützten die Produktion beispielsweise beim Umräumen der Scheune und mit Informationen zu historischen Pflugmethoden. Kameramann war Fabian Gamper, für den Schnitt war Evelyn Rack verantwortlich. Die Tongestaltung übernahm Billie Mind.
Eine Episode enthält Sequenzen auf Nordmärkisch. Diese Sprachvarietät des Ostniederdeutschen ist in Brandenburg und Sachsen-Anhalt offiziell als Minderheitensprache geschützt, wird aber nur noch von relativ wenigen Menschen als Muttersprache gesprochen. Die Rentnerin Helga Lechler aus Neulingen übersetzte die entsprechenden Drehbuchteile in den nordmärkischen Dialekt der Altmark.
Im März 2023 wurde das noch unverfilmte Drehbuch mit dem Thomas-Strittmatter-Preis ausgezeichnet. Damals trug es den Arbeitstitel The Doctor Says I’ll Be Alright, But I’m Feelin Blue. Die Uraufführung erfolgte am 14. Mai 2025 im Hauptwettbewerb des Filmfestivals von Cannes; ein erster Trailer erschien zur gleichen Zeit. Der reguläre Kinostart in Deutschland war am 28. August 2025 im Verleih von Neue Visionen. Der englischsprachige Titel lautet Sound of Falling. Mubi sicherte sich nach einem Bieterwettstreit unter anderem die Veröffentlichungsrechte für Nordamerika und das Vereinigte Königreich.
Kritische Aufnahme und Auszeichnungen
Die Mehrheit der deutschsprachigen und internationalen Kritiker reagierte nach der Premiere in Cannes beeindruckt. Hervorgehoben wurden die eigenständige Filmsprache, die dichte Verbindung von Bild, Montage und Ton sowie die intensive Darstellung der vier weiblichen Figuren. Mehrere Kritiker sahen den Film als Geistergeschichte oder Folk-Horror und betonten die Themen Schuld, Scham, Sehnsucht, Missbrauch, häusliche Gewalt und über Generationen weiterwirkende Traumata. Andere lobten besonders die Naturbilder, das 4:3-Format, das samtige Licht der Innenräume und die unheimliche Klanglandschaft.
Einige Kritiker sahen die anspruchsvolle Form als besondere Stärke, während andere den Film als zu literarisch, zu stark inszeniert oder zu langatmig empfanden. Sandra Kegel kritisierte den ausgeprägten Kunstwillen und die aus ihrer Sicht überdehnte Verwendung von Zeitsprüngen und Bewusstseinsstrom. Daniel Kothenschulte würdigte die sinnlichen Beobachtungen und die Beschäftigung mit Erinnerungen, fand manche Bilder aber zu gesetzt. Die Bewertungen fielen daher trotz überwiegend positiver Aufnahme nicht einheitlich aus. Bei Metacritic erreichte der Film 90 von 100 Punkten auf Grundlage von zwölf englischsprachigen Kritiken und erhielt die Einstufung „universal acclaim“. Bei Rotten Tomatoes wurden nach der Premiere über 94 Prozent von etwa zwei Dutzend Kritiken als positiv bewertet.
In Cannes gewann In die Sonne schauen gemeinsam mit dem spanisch-französischen Beitrag Sirāt den Preis der Jury. Weitere Auszeichnungen waren unter anderem die Hauptpreise in Athen und Simmern, Regiepreise in Chicago und Stockholm, der Silberne Frosch für die Kameraarbeit bei Camerimage sowie eine lobende Erwähnung für Hanna Heckt in Hamptons. Im August 2025 wurde der Film als deutscher Vorschlag für die Kategorie Bester Internationaler Film der Oscarverleihung 2026 ausgewählt.
In der Filmpreissaison 2025/26 wurde die Produktion für über 60 Auszeichnungen nominiert und gewann fast zwei Dutzend. Beim Europäischen Filmpreis 2026 erhielt sie acht Nominierungen und gewann das Kostümbild für Sabrina Krämer. Beim Deutschen Filmpreis 2026 gewann der Film zehn Preise, darunter Bester Spielfilm, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Beste weibliche Nebenrolle für Lena Urzendowsky, Beste Kamera, Bester Schnitt, Beste Tongestaltung, Szenenbild, Kostümbild und Maskenbild. Außerdem gewann Schilinski den Preis der deutschen Filmkritik für den Besten Spielfilm sowie einen Bayerischen Filmpreis für die Regie; Fabian Gamper erhielt dort die Auszeichnung für die Bildgestaltung.