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Nordmärkisch

'n ollen Mann hätt mi dät secht „ein alter Mann hat mir das gesagt“ · ik heff'n ollen Mann sein „ich habe einen alten Mann gesehen“ · ik heff'n oll Fru sein „ich …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Verbreitung
  2. 2. Lautsystem und Kennzeichen
  3. 3. Lautwandel
  4. 4. Nomina, Adjektive und Pronomen
  5. 5. Verben, Wortbildung und Satzbau
  6. 6. Gebrauch, Dokumentation und Texte

Einordnung und Verbreitung

Nordmärkisch ist ein ostniederdeutscher Dialekt in der Altmark, Prignitz, im Ruppiner Land und in der Uckermark. Zusammen mit dem Mittelmärkischen gehört es zu den noch gesprochenen märkischen Dialekten. Im Süden grenzt es an das Mittelmärkische, im Südwesten an das Elbostfälische, im Westen an westniederdeutsche Mundarten und im Norden an das Mecklenburgisch-Vorpommersche.

Die Prignitzer Mundart wird überwiegend als nordmärkisch eingeordnet, weist regional aber Übergänge zum Mecklenburgisch-Vorpommerschen auf. Sondermundarten wurden um Lenzen sowie zwischen Rathenow und Havelberg beschrieben; Letztere heißt „Schollensche Mundart“. Umstritten ist die Stellung des eng verwandten Mittelpommerschen in der nördlichen und östlichen Uckermark sowie in Ostvorpommern. Manche Fachleute trennen es vom Nordmärkischen, andere betrachten es als dessen Varietät. Die Sprecher der Uckermark empfinden ihr „Uckermärkisch“ häufig als weitgehend einheitlich, und auch die Landesgrenze Brandenburgs bildet keine klare Sprachgrenze.

Wie alle märkischen Dialekte ist das Nordmärkische stark niederländisch-niederfränkisch geprägt. Dies hängt mit der Besiedlung Brandenburgs während der deutschen Ostsiedlung im 12. und 13. Jahrhundert zusammen. Hinzu kommen elbostfälische und westfälische Einflüsse sowie Wörter und besonders Ortsnamen aus den slawischen Sprachen der Vorbevölkerung. Beispiele sind Blessnörk „Blesshuhn“ und Kiez, ursprünglich „Fischersiedlung“. Typische Wörter oft niederländischer Herkunft sind leech oder leeg „niedrig“, Molle „kleiner Trog“, Kumm „Gefäß“, Spind „Schrank“ und Tiene „Holzgefäß, Waschfass“.

Lautsystem und Kennzeichen

Ein wichtiges Kennzeichen ist, dass die mittelniederdeutschen Langvokale ô und ê meist nicht zu Diphthongen, also Verbindungen zweier Vokallaute, werden. Deshalb stehen nordmärkisch leef „lieb“, Book „Buch“ und sööt „süß“ den mecklenburgisch-vorpommerschen Formen leif, Bauk und säut gegenüber. Bei mittelniederdeutsch ê² aus germanisch ai tritt jedoch Diphthongierung auf, etwa rain oder rein. Das mittelniederdeutsche â wird als /ɔː/, ein langes dumpfes o, gesprochen: måken „machen“. Im Mittelmärkischen steht dagegen der Diphthong in moaken.

Das Vokalsystem umfasst lange und kurze Vokale sowie die Diphthonge /aɪ̯/, /aʊ̯/ und /ɔʏ̯/. Beispiele sind mien „mein“, Kees „Käse“, Foot „Fuß“, måken „machen“, Buuk „Bauch“, hüüt „heute“, Weiten „Weizen“, rauhen „ruhen“ und Heu „Heu“. Ältere Beschreibungen der Prignitz geben für die Diphthonge regional /ɛɪ̯/, /ɔʊ̯/ und /œʏ̯/ an. Die Hebung von ê und ô vor r, etwa Uhr „Ohr“, mihr „mehr“ und wier „war“, kommt nur regional vor und fehlt beispielsweise in der Prignitz.

Bei den Konsonanten sind unter anderem j statt historischem g, die Aussprache von w meist als /v/ und ein ursprünglich mit der Zungenspitze gesprochenes r auffällig. Postvokalisches r, also r nach einem Vokal, wird meist vokalisiert. Mittelniederdeutsches d zwischen Vokalen kann zu einem Reibelaut und regional weiter zu r werden. Anlautendes /p/, /t/ und /k/ wird in der Uckermark aspiriert, also mit hörbarem Luftstoß gesprochen.

Die Schreibung orientiert sich häufig am Hochdeutschen. Vokallänge wird in geschlossenen Silben durch Verdopplung oder h angezeigt, etwa Eer „Erde“ gegenüber Ehr „Ehre“. In häufigen Funktionswörtern bleibt sie oft unbezeichnet.

Lautwandel

Mehrere regelmäßige Lautveränderungen prägen den Dialekt. Die Auslautverhärtung macht stimmhafte Konsonanten am Wortende stimmlos und wird meist auch geschrieben: doot „tot“, olt „alt“, af „ab“ und Wief „Weib“. Durch Apokopie, den Wegfall eines Lautes am Wortende, ist auslautendes -e fast überall verschwunden. In der Prignitz trat dieser Verlust nach einer Vermutung erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein; einzelne Reste bestehen etwa in erregten Anreden wie du olle growe Hund.

Mittelniederdeutsch -nd- wird zu -nn-, beispielsweise Kinner „Kinder“ und anner „andere“. Dadurch lässt sich Nordmärkisch vom Mittelmärkischen mit Formen wie änger unterscheiden. Weitere Prozesse sind -ld- zu -ll- in Öllern „Eltern“, der Verlust von r vor einem Dental in swat „schwarz“ und kot „kurz“, n+p zu mp in Sämp „Senf“ sowie der Schwund von g oder h zwischen Vokalen. Inlautendes j und w nach einem Vokal wird häufig velarisiert, also weiter hinten im Mund gebildet. Einige Entwicklungen unterscheiden sich regional: In der Uckermark erscheint dw- als tw-, etwa twingen „zwingen“, während die Prignitz dwing bewahrt.

Das Partizip Präteritum, also die Form wie hochdeutsch „gelaufen“, trägt normalerweise kein Präfix: loopen „gelaufen“. Wo ein Präfix auftritt, lautet es je-, etwa jeloopen. Wie typisch die häufige Verwendung von je- tatsächlich ist, wird unterschiedlich beurteilt. Für die Uckermark wurde sie als städtisch beeinflusst beschrieben; möglicherweise zeigt sie das spätere Vordringen mitteldeutscher oder mittelmärkischer Merkmale.

Nomina, Adjektive und Pronomen

Die ausführlichste Grammatik behandelt die Prignitz insgesamt und beruht teilweise auf einem Übergangsdialekt. Daher lassen sich nicht alle beschriebenen Formen sicher dem Nordmärkischen zuordnen.

Grundsätzlich werden nur Nominativ und Akkusativ unterschieden. Durch den Verlust von auslautendem -e sind Dativ und Akkusativ zu einem Objektfall zusammengefallen. Bei Personalpronomen setzte sich dabei häufig die ältere Dativform durch. Alle Präpositionen regieren diesen Objektfall. So bedeutet Ik heff dän’ Mann dät Bouk gääm’: „Ich habe dem Mann das Buch gegeben.“ Genitiv und Dativ leben nur in festen Wendungen wie åhms „abends“, bi Dåg’ „bei Tage“ und vör Johrn „vor Jahren“ fort.

Nomina haben im Singular meist keine Endung. Schwache Maskulina können im Akkusativ -en erhalten, etwa Hås „Hase“, Akkusativ Håsen. Der Plural wird auf unterschiedliche Weise gebildet: ohne sichtbare Endung, durch Dehnung oder „Überlänge“, durch Umlaut, mit -er, -s oder -en. Beispiele sind Dach – Dåg’ „Tag – Tage“, Gast – Gäst, Kint – Kinner, Hammer – Hämmers und Minsch – Minschen.

Adjektive unterscheiden bestimmte und unbestimmte Flexion. Nach bestimmtem Artikel steht laut der dargestellten Grammatik die bestimmte, nach unbestimmtem oder ohne Artikel die unbestimmte Form. Viele Formen lauten wegen des Endungsverlusts gleich; beim maskulinen Akkusativ und beim unbestimmten Plural erscheint häufig -en. Gelegentliche Endungen wie -er oder -es beruhen auf hochdeutschem Einfluss.

Die Personalpronomen lauten unter anderem ik „ich“, du, hei „er“, dät oder enklitisch ’t „es“, sei „sie“, wi „wir“ und ji „ihr“. Das ältere neutrale et beziehungsweise it wurde durch dät ersetzt. Der bestimmte Artikel lautet im maskulinen Singular dei, im neutralen dät, im femininen dei und im Plural ebenfalls dei; nur das Maskulinum besitzt im Objektfall dänn’. Der unbestimmte Artikel erscheint in allen Formen reduziert als ’n. Der Genitiv wird besitzanzeigend umschrieben, etwa dänn’ sien „dessen“, dei ehr „deren“ und weckern sien „wessen“.

Verben, Wortbildung und Satzbau

Bei Vollverben haben die 1. Person Singular im Präsens und der Imperativ Singular meist keine Endung, die 2. Person Singular trägt -st, die 3. Person -t und der Plural -en. Starke Verben verändern im Präteritum häufig ihren Stammvokal; schwache Verben besitzen ein historisches -(e)de-, das durch Lautangleichung stark verändert wurde. Dadurch sind Präsens und Präteritum in der 2. und 3. Person Singular oft gleich. Dies begünstigte den Rückgang des Präteritums zugunsten des Perfekts mit „haben“ oder „sein“.

Der Infinitiv endet auf -en. Substantivierte Nebenformen können -t tragen und sich in der Bedeutung unterscheiden: dät Äten bezeichnet den Vorgang des Essens, dät Ätent das auf dem Tisch stehende Essen. Das Partizip Präsens ist formal mit dem Infinitiv zusammengefallen, bleibt aber in festen Verbindungen wie loopen Wåter „laufendes Wasser“ erhalten. Der Konjunktiv gilt weitgehend als verloren und wird vor allem mit Hilfsverben umschrieben; einzelne Quellen belegen jedoch Formen wie weer „wäre“ und künn „könnte“. Das Futur entsteht mit willen „wollen“ oder werren „werden“, beispielsweise hei will woll kåm’ „er wird wohl kommen“.

Wichtige Wortbildungsmittel sind Suffixe, also angehängte Wortbausteine. Das Diminutivsuffix -ken, etwa in Köppken „Obertasse“, war Anfang des 20. Jahrhunderts bereits nicht mehr produktiv und wurde durch lütt „klein“ ersetzt. Adjektive bilden Komparativ und Superlativ mit -er und -st, etwa klouk – kläuker – kläukst „klug“. Das Suffix -ich kann attributive Adjektive kennzeichnen, beispielsweise doorich „tot“ vor einem Nomen gegenüber prädikativem doot. Adverbien entstehen häufig mit -s, Verben unter anderem mit -ern, -eln, -sen oder -schen. Zusammensetzungen verwenden Fugenelemente wie -en-, -s- und -el-.

Im Satz wird der verlorene Genitiv durch den Objektfall plus Possessivpronomen ersetzt: dänn’ Mann sien Kou „des Mannes Kuh“ und dät Kint sien Bouk „das Buch des Kindes“. Auch das Prädikatsnomen in Kopulasätzen steht im Objektfall: Hei is’n gourn’ Keerdl „er ist ein guter Mensch“. Im Verbalkomplex sind neben der standarddeutschen Reihenfolge Umstellungen möglich, etwa as ick Murer bin west „als ich Maurer gewesen bin“.

Gebrauch, Dokumentation und Texte

Nordmärkisch besitzt eigene Dialektliteratur. Zu ihren Autoren gehören Wilhelm Bornemann, Herrmann Graebke, Max Lindow und Erna Taege-Röhnisch. Die wichtigsten wissenschaftlichen Beschreibungen sind Mackels Grammatik der Prignitz von 1905, Teucherts Untersuchung des uckermärkischen Vokalismus von 1907 und Pfaffs Darstellung des Mittelpommerschen von 1898. Insgesamt ist Nordmärkisch im Vergleich zum Mittelmärkischen nur unzureichend dokumentiert. Sprachaufnahmen sind teilweise im IDS-Korpus „Deutsche Mundarten: DDR“ transkribiert. Der Wortschatz findet sich vor allem im Brandenburg-Berlinischen Wörterbuch, teilweise im Mittelelbischen Wörterbuch und für die Altmark im Wörterbuch von Danneil aus dem Jahr 1859.

Gegen Ende der DDR-Zeit galt der Dialekt in Uckermark und Prignitz als relativ gut erhalten. Heute wird er fast ausschließlich von Menschen gesprochen, die vor 1975 geboren wurden. Eine Erhebung Mitte der 1990er Jahre ergab für die Uckermark, dass 5–15 % der Bevölkerung regelmäßig oder gelegentlich Platt sprachen; unter Jugendlichen war aktive Beherrschung bereits eine seltene Ausnahme. Vereine pflegen den Dialekt und veröffentlichen Literatur. 2019 wurde eine Plattfibel für Drittklässler auf Grundlage des uckermärkischen und Prignitzer Platts erarbeitet und 2020 veröffentlicht.

Die Leseproben zeigen Nordmärkisch als Literatursprache. Max Lindows „Uckermarkerlied“ beschreibt Landschaft und bäuerliche Arbeit, etwa mit „Grön steiht de Soot! / ’t giff wedder Brot!“. Erna Taege-Röhnischs „Kriegswitfru“ schildert die Erinnerung einer Kriegswitwe an den Abschied auf dem Bahnhof und das vergebliche Warten auf die Rückkehr ihres Mannes. Ihr Regiolekt war stärker hochdeutsch geprägt, was im Artikel auf den Einfluss einer im 18. Jahrhundert entstandenen hessisch-pfälzischen Siedlungsenklave in ihrem Heimatdorf zurückgeführt wird.

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