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Ich-bin-Worte

Als Ich-bin-Worte werden in erster Linie verschiedene Selbstaussagen von Jesus von Nazaret bezeichnet, die indirekt sein messianisches Sendungsbewusstsein …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Vorkommen
  2. 2. Der alttestamentliche Hintergrund
  3. 3. Die Aussagen im Johannesevangelium
  4. 4. Theologische Bedeutung und Forschung
  5. 5. Weitere neutestamentliche Verwendungen

Grundidee und Vorkommen

Als Ich-bin-Worte werden vor allem Selbstaussagen Jesu von Nazaret bezeichnet, die indirekt sein messianisches Sendungsbewusstsein erkennen lassen. Jede Aussage beginnt mit dem altgriechischen Ausdruck ἐγὼ εἰμί (ego eimi), auf Deutsch „Ich bin“.

Im Neuen Testament kommen Ich-bin-Aussagen in allen vier Evangelien vor: drei im Markusevangelium, je acht im Matthäus- und Lukasevangelium sowie 24 im Johannesevangelium. Die Häufung im Johannesevangelium zeigt, dass diese Aussagen für Johannes eine hohe theologische Bedeutung hatten. Udo Schnelle bezeichnet sie als „Zentrum joh.[annitischer] Offenbarungstheologie und Hermeneutik“.

Sprachlich ist ἐγὼ εἰμί auffällig, weil die finite Verbform im Koine-Griechisch die grammatische Person normalerweise bereits ausdrückt. Das zusätzliche Personalpronomen ἐγώ (ego, „ich“) betont daher den Sprecher: „Ich bin (es) …“. Im Johannesevangelium gibt es sowohl Aussagen mit einer näheren Bestimmung als auch „absolute“ Ich-bin-Aussagen ohne prädikative Bestimmung, etwa Joh 8,24.25.58; 13,19 und 18,6. Grammatikalisch ist dies ungewöhnlich, da ἐγὼ εἰμί normalerweise eine prädikative Ergänzung erfordert.

Der alttestamentliche Hintergrund

Die Ich-bin-Worte stehen in Verbindung mit der alttestamentlichen Selbstoffenbarung Gottes. In Ex 3,14 offenbart sich Gott Mose auf dessen Frage nach seinem Namen als „Ich bin, der ich bin“. Eine andere Übersetzung lautet: „Ich werde sein, der ich sein werde“.

Aus dem Zusammenhang lässt sich diese geheimnisvolle Aussage als Hinweis auf Gottes Überlegenheit über die Zeit und auf seine Bereitschaft verstehen, in der Geschichte heilsgeschichtlich zu handeln. Konkret wird dies mit der Rettung Israels aus der Versklavung verbunden.

Besonders im Buch Jesaja wird der Gottesname durch Ich-bin-Worte ausgelegt. Zentral ist Jes 45,18. Das dort von Jahwe gesprochene אֲנִי יְהוָה (anî JHWH, „ich bin JHWH“) wurde in der Septuaginta mit dem absoluten ἐγὼ εἰμί (ego eimi, „ich bin“) wiedergegeben. Heinrich Zimmermann zog 1960 daraus den Schluss, dass Jesus mit seinen Ich-bin-Worten diese alttestamentliche Offenbarungsformel aufgreife. Hartwig Thyen stellte unter anderem Parallelen zwischen Jes 43 und Joh 8 heraus und sah dadurch Zimmermanns Auffassung bestätigt.

Die Aussagen im Johannesevangelium

Am bekanntesten sind sieben prädikativ bestimmte Ich-bin-Worte. Eine prädikative Bestimmung ergänzt „Ich bin“ durch ein Bild oder eine Aussage darüber, was Jesus ist:

  • Joh 6,35: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ Die Aussage wird in Vers 48 wiederholt.
  • Joh 8,12: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“
  • Joh 10,9: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.“
  • Joh 10,11: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“ Diese Aussage wird in Vers 14 wieder aufgenommen.
  • Joh 11,25 f.: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“
  • Joh 14,6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“
  • Joh 15,1: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner.“

Gelegentlich wird ein achtes Ich-bin-Wort hinzugezählt: Joh 18,37: „Ich bin ein König.“ Daneben gibt es im Johannesevangelium „implizit prädikative“ oder „elliptische Ich-bin-Worte“. Bei ihnen fehlt zwar die Ergänzung im selben Satz, sie kann aber aus dem Zusammenhang erschlossen werden, etwa in Joh 4,26; 6,20 und 18,5.8.

Theologische Bedeutung und Forschung

Die Ich-bin-Worte im Johannesevangelium gelten als „Spitzensätze neutestamentlicher Christologie“. Mit verständlichen Bildern und Symbolen beschreiben sie die Heilsbedeutung Jesu Christi. Die Aussagen müssen dabei nicht unbedingt wörtliche Zitate aus Reden des historischen Jesus sein. Die historisch-kritische Forschung nimmt an, dass sie sich als „Herrenworte“ durch „christologisch stimulierte Erinnerungsarbeit“ herausgebildet haben. In ihnen wurden typische Verkündigungsthemen, Redeformen und Sprachbilder Jesu sowie sein messianischer Anspruch verarbeitet.

Die Symbole Brot, Licht, Tür, Hirt, Weg und Weinstock sowie die Grundbegriffe Leben und Wahrheit sind in der Religionsgeschichte und in der Theologie des Alten Testaments verwurzelt. Dadurch bieten sie Anknüpfungspunkte für das Verständnis der neutestamentlichen Botschaft von Jesus Christus. Zugleich laden sie in einfacher Sprache dazu ein, von Jesus Gemeinschaft mit dem Vater zu empfangen, und verbinden dies mit dem Anspruch, Jesus nachzufolgen.

Die ältere Forschung unterschied deutlich zwischen absoluten und prädikativen Ich-bin-Worten und maß den absoluten Aussagen ein größeres theologisches Gewicht bei. Rudolf Bultmann und andere führten die prädikativen Worte auf gnostisch-mandäische Quellen zurück, während sie die absoluten Ich-bin-Worte als „eigentliche Rede“ verstanden, die in der alttestamentlichen Selbstoffenbarungsformel JHWHs verankert sei. Diese scharfe Unterscheidung wurde in der neueren Forschung überwiegend aufgegeben. Umstritten bleibt, ob die absoluten Ich-bin-Worte der Schlüssel zum Verständnis der prädikativen Worte sind. Hartwig Thyen spricht von einem „Prozess der wechselseitigen Metaphorisierung der beiden Gruppen von Ich-bin-Worten“.

Weitere neutestamentliche Verwendungen

In den synoptischen Evangelien antwortet Jesus auf die Frage des Hohenpriesters Kajaphas, ob er „der Christus, der Sohn des Hochgelobten“ sei, mit „Ich bin es“ (Mk 14,61–62). Diese Antwort führt zu seinem Todesurteil. Der Grund ist nach dem Artikel nicht die Aussprache des verbotenen Gottesnamens, sondern der als blasphemisch bewertete Anspruch Jesu, der Messias zu sein.

Die Aussage steht im Zusammenhang mit den sogenannten „Elthon-Worten“. Das sind Formulierungen mit „Ich bin gekommen, um …“ oder „Der Menschensohn ist gekommen, um …“. Der Ausdruck geht auf das altgriechische ἦλθον (elthon, „ich bin gekommen“) zurück; genannt werden Mt 5,17; 11,19; Mk 2,17; 10,45 und Lk 19,10. Jesus deutet seine messianische Sendung darin indirekt an. Davon unterscheiden sich die falschen Messiasse, die von sich selbst sagen: „Ich bin der Christus!“ (Mt 24,5).

In der Offenbarung des Johannes spricht zunächst Gott das „Ich bin“ und offenbart sich dem Propheten als „Alpha und Omega“ (Offb 1,8). Wenige Verse später bezeichnet sich der erhöhte Menschensohn als „der Erste und der Letzte und der Lebendige“ (Offb 1,17 f.). In Offb 22,13 werden die Aussagen von Christus wiederholt: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ Christus offenbart sich dabei als Richter (22,12.15) und als Geber des ewigen Lebens (22,14). Die Ich-bin-Aussagen erhalten dadurch in der Johannesapokalypse einen eschatologischen Charakter: Sie weisen auf den Bringer des ewigen Heils hin.

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