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Hymnen an die Nacht

Hymnen an die Nacht ist der Titel eines Gedichtzyklus von Novalis (Friedrich von Hardenberg). Der Zyklus wurde zuerst 1800 in der letzten Ausgabe der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Werk, Bedeutung und Fassungen
  2. 2. Aufbau und Leitgedanken
  3. 3. Licht, Nacht und Einweihung
  4. 4. Graberlebnis und Todessehnsucht
  5. 5. Menschheitsgeschichte und Vermittlung
  6. 6. Abschluss und geistige Quellen

Werk, Bedeutung und Fassungen

„Hymnen an die Nacht“ ist ein Gedichtzyklus von Novalis (Friedrich von Hardenberg). Er wurde 1800 in der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Athenäum“ erstmals veröffentlicht. Der Zyklus ist das einzige größere Werk, das Novalis zu Lebzeiten sowohl vollendete als auch veröffentlichte. Zusammen mit den „Geistlichen Liedern“ gilt er als Höhepunkt seiner Lyrik und als eines der bedeutendsten Werke der Frühromantik.

Es existieren zwei Fassungen. Die handschriftliche Versfassung entstand gegen Ende 1799 oder Anfang 1800. Die zweite, für den Druck bestimmte Fassung schrieb Novalis zwischen Ende Januar und Anfang Februar 1800. Sie besteht überwiegend aus rhythmisierter Prosa, enthält aber auch Verspassagen. Novalis wollte sie ursprünglich „Die Nacht“ nennen. Weil er selbst diese Fassung für die Veröffentlichung auswählte, gilt sie als endgültige und seinen Absichten besonders nahe Gestaltung; die Forschung verwendet daher meist die Athenäumsfassung.

Die Druckfassung richtet den Blick weniger stark auf das Private und Subjektive. Dennoch enthält die Rede des lyrischen Ichs – der erfundenen Sprecherfigur eines Gedichts – autobiographisch deutbare Elemente. Dazu gehören der Tod Sophie von Kühns, Novalis’ Verlobung mit Julie von Charpentier, sein Studium an der Freiberger Bergakademie sowie seine Überlegungen zum Verhältnis von Geist und Natur.

Aufbau und Leitgedanken

Der Zyklus umfasst sechs Hymnen, die sich in drei Paare gliedern lassen. In jedem Paar folgt auf eine Hymne der visionären Erfahrung eine zweite, die das ernüchternde Erwachen und die Sehnsucht nach der Rückkehr zur Vision schildert. Die drei Paare bilden zugleich eine Steigerung: Auf jeder Stufe erreicht das lyrische Ich beziehungsweise die Menschheit eine höhere Ebene der Erfahrung und Erkenntnis.

Die jeweils erste Hymne eines Paares folgt einem dreistufigen Modell: Ausgangspunkt ist das glückliche irdische Leben im Reich des Lichts. Darauf folgen schmerzhafte Entfremdung und schließlich die Befreiung in der ewigen Nacht. Licht und Nacht bezeichnen deshalb nicht bloß Tageszeiten. Das Licht steht unter anderem für die sichtbare Welt, den rationalen Verstand und die Aufklärung. Die Nacht wird dagegen zum unendlichen, alles umfassenden und heiligen Raum, in dem Liebe, Tod, religiöse Erfahrung und ewiges Leben miteinander verbunden sind.

Eine zentrale Vorstellung ist die Vermittlung zwischen dem endlichen Menschen und dem Göttlichen oder Unendlichen. In der christlichen Mythologie übernimmt Christus diese Aufgabe; in Novalis’ privater Mythologie kann die verstorbene Geliebte zur Mittlerin werden. Der Zyklus verbindet beide Vorstellungen zu einer frühromantischen Mythologie beziehungsweise Mittlerreligion.

Licht, Nacht und Einweihung

Die erste Hymne beginnt mit einem Lob des Lichts als lebenserweckender Kraft der Natur. Zugleich wird der Mensch als „Fremdling“ bezeichnet, wodurch bereits eine Spannung entsteht. Mit dem Auftreten der Nacht empfindet das lyrische Ich zunächst Einsamkeit, Leere und Sehnsucht nach dem Licht. Danach erkennt es jedoch den geheimnisvollen Wert der Nacht: Die als „Weltkönigin“ personifizierte Mutter Nacht schenkt Geborgenheit und geistige Neugeburt.

Die mütterliche Liebe der Nacht geht in die Liebe zur verstorbenen Geliebten über. Mit ihr wird die ewige Brautnacht vollzogen. Als „Sonne der Nacht“ vereinigt die Geliebte Licht und Nacht und deutet damit die Aufhebung aller Grenzen an. Das Ich durchläuft eine Initiation, also eine Einweihung und innere Reifung. Die gewöhnliche christliche Wertung wird umgekehrt: Nicht das Licht, sondern die Nacht erscheint als sakraler Raum religiöser Erfahrung. Auch die Sprache unterstützt den Gegensatz, indem die Lichtdarstellung kurze, helle Vokale wie i und ü, die Nachtdarstellung dagegen lange, dunkle Laute wie a und u häuft.

In der zweiten Hymne folgt die Ernüchterung des Morgens. Das Ich beklagt die Geschäftigkeit des Tages, erkennt aber, dass die Herrschaft des Lichts zeitlich begrenzt ist, während die Nacht zeit- und raumlos bleibt. Ein in ihre Geheimnisse Eingeweihter kann ihr auch am Tag begegnen: im Weinrausch, durch Bittermandelöl, im Opiumrausch – „dem braunen Safte des Mohns“ –, in körperlicher Liebe oder im Zauber alter Geschichten aus der goldenen Zeit. Dieser als Schlaf bezeichnete Zustand unterscheidet sich vom geistlosen Schlaf der „Thoren“, die seine Bedeutung nicht erkennen.

Graberlebnis und Todessehnsucht

Die dritte Hymne wechselt vom Allgemeinen zu einem persönlichen spirituellen Erlebnis. Entsprechend tritt an die Stelle des Präsens das Präteritum einer Ich-Erzählung. Das lyrische Ich steht in tiefem Schmerz am Grab seiner Geliebten. In einer mystischen Vision verlieren Raum und Zeit ihre Gültigkeit; das Ich erlebt eine geistige Neugeburt und sieht die Geliebte. Es erkennt, dass am Ende ein ewiges Bündnis mit ihr und die ewige Brautnacht stehen werden. Tod, Liebe und höhere Welt erschließen sich in einem einzigen Augenblick.

Die Darstellung erinnert beinahe wörtlich an Novalis’ Tagebucheintrag vom 13. Mai 1797 über ein Erlebnis am Grab Sophie von Kühns. Deshalb wurde die dritte Hymne häufig als „Urhymne“ angesehen und ihre Entstehung in die Nähe dieses Datums gerückt. Dagegen spricht, dass der Tagebucheintrag das Erlebnis nur beiläufig zwischen Alltäglichem erwähnt und keine Vorstufen der handschriftlichen Hymnenfassung gefunden wurden. Wahrscheinlicher ist nach der dargestellten Deutung, dass Novalis die Erinnerung bei der späteren Niederschrift bewusst zu einer Initiation auf eine höhere Erkenntnisstufe ausgestaltete. Die Geliebte wird dabei zur Mittlerin zwischen dem Ich und der höheren Welt.

In der vierten Hymne kann das Ich das Tagwerk nun fleißig erfüllen, bleibt im Herzen aber der Nacht treu. Es erwartet einen letzten Morgen, nach dem die Nacht als Teilhabe am höheren Sein ewig sein wird. Der Weg dorthin erscheint als Wallfahrt zum heiligen Grab unter der Last des Kreuzes. Das Grab kann zugleich das Grab der Geliebten und das Grab Christi bedeuten; private und christliche Mythologie verschmelzen. Die Geliebte gilt wie Christus als auferstanden. Die Sehnsucht nach der Nacht ist daher zugleich Todessehnsucht und Hoffnung auf ewiges Leben.

Menschheitsgeschichte und Vermittlung

Die fünfte Hymne ist ungefähr so lang wie die ersten vier zusammen und wechselt zwischen Prosa und Versen. An die Stelle der privaten Ich-Erfahrung tritt eine in der dritten Person erzählte Religionsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart. Auch sie folgt einer romantischen Triade, also einer Entwicklung in drei Stufen.

Die erste Stufe ist die glückliche griechische „Ur-Zeit“. Götter bewohnen die Welt, und die Menschen leben in einem festlichen Rausch. Sie verehren jedoch die Sonne und verleugnen ihre Herkunft aus der Nacht. Deshalb bleibt der Tod ein ungelöstes Problem und bedeutet lediglich das Ende der Existenz. In der zweiten Stufe, der Spätantike, führt die fehlende Einbindung des Todes zum Zerfall. Die Vorstellung vom Tod als Bruder des Schlafes beschönigt das Problem nur. Die dritte Stufe beginnt mit der Geburt Christi. Durch Christus verliert der Tod seinen Schrecken und wird zur Schwelle des ewigen Lebens.

Die Hymne steht in Beziehung zu Schillers „Die Götter Griechenlands“ von 1788, bewertet das Christentum aber anders. Bei Novalis liegen sowohl die Antike als auch das Christentum in Phasen der Götternähe; die Entgötterung findet zwischen ihnen statt. Schiller verbindet sie dagegen mit dem Beginn des Christentums. Beide entwerfen stilisierte Bilder und empfinden die Gegenwart als seelenlos.

Christus übernimmt für die Menschheit dieselbe Mittlerfunktion wie die Geliebte für das Ich: Beide zeigen, dass das endliche Leben nicht alles ist und nur eine vorübergehende Trennung vom Absoluten darstellt. Der Sänger als Vertreter des Dichters verkündet die Botschaft von Tod und Erlösung. Damit übernimmt die Poesie eine Funktion, die im Christentum dem Evangelium zukommt.

Abschluss und geistige Quellen

Die sechste Hymne trägt die Überschrift „Sehnsucht nach dem Tode“ und ist im Ton eines geistlichen Liedes geschrieben. Nach der Glaubensgewissheit der fünften Hymne zeigt sie erneut Ernüchterung und Glaubensunsicherheit. Die Sprecher verwenden die erste Person Plural und schildern eine beängstigende Gottesferne. Ihre Sehnsucht nach dem Tod ist zugleich Sehnsucht nach dem ewigen Leben. Das Verlangen nach Haus und Heimat greift den Beginn des Zyklus wieder auf: Der Mensch, der im Licht ein „Fremdling“ ist, sehnt sich nach seiner eigentlichen Heimat und seinem Ursprung, der Nacht.

Wichtige Anregungen stammen aus Mystik und Pietismus sowie aus Edward Youngs „Nachtgedanken“ in der deutschen Fassung von 1751, Shakespeares „Romeo und Julia“ in der Übersetzung A. W. Schlegels von 1797, Jean Pauls „Unsichtbare Loge“ von 1793 und besonders für die fünfte Hymne aus Schillers „Die Götter Griechenlands“. Dazu kommen möglicherweise die frühitalienische Dichtung des Stil Novo und Dantes „Komödie“, vor allem Beatrice als Vermittlerin zwischen Dichter und Gott. Übernommene Motive sind die Nacht als Mutter, die über den Tod hinaus verbundenen Liebenden und das Grab der Geliebten als heiliger Ort. Novalis verbindet diese Elemente jedoch zu einer eigenen frühromantischen Mythologie, in der private Liebeserfahrung, christliche Auferstehungshoffnung und die vermittelnde Kraft der Poesie eine Einheit bilden.

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