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Rationalismus
Rationalismus (lateinisch ratio Vernunft) bezeichnet verschiedene erkenntnistheoretische Strömungen und Projekte, die das reine Denken beim Erwerb und bei …
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Grundidee und Abgrenzung
Rationalismus bezeichnet verschiedene erkenntnistheoretische Strömungen und Projekte, die dem reinen Denken beim Erwerb und bei der Begründung von Wissen eine vorrangige oder sogar allein hinreichende Rolle zuschreiben. „Erkenntnistheorie“ meint dabei die philosophische Untersuchung, wie Wissen möglich ist und wodurch es begründet wird.
Der rationalistische Standpunkt verlegt sichere Erkenntnisse über die Wirklichkeit in den Bereich angeborener, a priori gegebener Ideen. „A priori“ bedeutet: unabhängig von sinnlicher Erfahrung. Damit steht Rationalismus dem Empirismus gegenüber. Empiristen lassen Erfahrung, also sinnliche Wahrnehmung, als einzige Erkenntnisquelle zu. Ein Rationalist zieht deshalb die Grenze des Wissens gegenüber dem Glauben weiter als ein Empirist: Er hält mehr für grundsätzlich erkennbar. Irrationales fällt in dieser Sicht mit Übernatürlichem, also „Transobjektivem“, zusammen und gilt als „unbekannt, aber prinzipiell erkennbar“.
Als philosophische Position entstand der Rationalismus, ebenso wie der Empirismus, in der Geistesgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts. Als theologische Position wurde der Begriff zugleich auch abwertend verwendet, wenn mit rationalistischen Methoden Auffassungen begründet wurden, die religiösen Traditionen und der christlichen Offenbarung widersprachen.
Begriff in Philosophie und Theologie
In der Philosophiegeschichte bezeichnet Rationalismus im engeren Sinne meist Denker wie René Descartes, Baruch de Spinoza oder Gottfried Wilhelm Leibniz. Sie werden traditionell den Vertretern des britischen Empirismus gegenübergestellt, etwa Thomas Hobbes, John Locke und David Hume, gelegentlich auch George Berkeley. Diese Einteilung ist üblich, wird aber von vielen Philosophiehistorikern inzwischen in Frage gestellt.
Rationalistische Prinzipien wurden nicht nur in der Erkenntnistheorie, sondern auch in anderen Bereichen angewandt, etwa in der Metaphysik, also der Lehre von Grundstrukturen der Wirklichkeit, und in der Ethik, also der Lehre vom moralisch richtigen Handeln. In der Spätaufklärung nutzten katholische Denker rationalistische Methoden, um aus Dogmen komplexe Lehrsysteme zu errichten.
Systematisch kann Rationalismus auch ohne direkten historischen Bezug gebraucht werden. In der Epistemologie bezeichnet er Positionen, nach denen Wissen aus reiner Vernunft möglich ist; als Vertreter wird Laurence BonJour genannt. In der Metaethik bezeichnet er Positionen, nach denen moralisches Handeln rational rekonstruierbar sein muss und moralische Urteile von Normen moralischer Begründung abhängen. In Religionsphilosophie und Theologie hat der Begriff nochmals eine besondere Bedeutung.
Frühneuzeitliche Methode
Der frühneuzeitliche Rationalismus geht davon aus, dass wahre Erkenntnis durch Vernunft Zugang zu Ordnungsstrukturen hinter der Wirklichkeit gewinnt. Schon der früheste Beleg von 1539 beschreibt den Rationalisten als jemanden, „der dem reinen Denken größere Bedeutung für die Erkenntnis beimißt als der Erfahrung“. Das erkennende Subjekt hat nach dieser Auffassung durch Vernunftideen Anteil an objektiven Strukturen, die alle Erfahrungserkenntnisse erst fundieren.
Typisch ist das Zurückgreifen auf axiomatisch-deduktive Argumentationsformen nach dem Vorbild der klassischen Geometrie, auch „more geometrico“ genannt. „Axiomatisch“ bedeutet: von Grundsätzen ausgehend. „Deduktiv“ bedeutet: aus diesen Grundsätzen werden weitere Sätze logisch abgeleitet. Historisch lässt man den Rationalismus meist mit René Descartes beginnen; Gottfried Wilhelm Leibniz und dessen Rezipienten wie Georg Friedrich Meier, Alexander Gottlieb Baumgarten und Christian Wolff gelten als Hauptvertreter.
Der Gegenbegriff ist Empirismus: Danach beruht alle Erkenntnis primär auf sinnlicher Wahrnehmung, und es gibt kein Wissen a priori; der Geist wird als „tabula rasa“ verstanden. Beide Richtungen lehnten meist Offenbarung als Quelle von Weltwissen ab oder hielten sie für überflüssig. Methodisch vereinfacht: Der Rationalist geht von einer logischen Ordnung aus, die durch Deduktion erfasst wird; der Empirist bildet Hypothesen, die induktiv aus Beobachtungen bestätigt werden. Leibniz nannte als oberste Grundsätze etwa den Satz vom Widerspruch und den Satz vom zureichenden Grund. Empiristen bestritten dabei nicht unbedingt den Inhalt solcher Grundsätze, sondern ihren Status als erfahrungsunabhängige Erkenntnis.
Francis Bacon veranschaulichte den Gegensatz 1625 mit einem Vergleich: Empirische Philosophen seien wie Ameisen, die nur Vorräte sammeln; Rationalisten wie Spinnen, die alles aus sich selbst spinnen; der wahre Philosoph sei wie eine Biene, die von außen sammelt, das Gesammelte aber durch eigene Tätigkeit verarbeitet.
Religion und Gotteserkenntnis
In Religionsphilosophie und Theologie bezeichnet Rationalismus Positionen, die der menschlichen Vernunft Wissen vom Göttlichen zutrauen. Eine philosophische Theologie soll demnach ohne Offenbarung oder Gnade zulässig und durchführbar sein. Ein anderer Name dafür ist „Intellektualismus“. Eng verwandt ist dies mit der natürlichen Theologie, also dem Versuch, Aussagen über Gott mit Vernunftgründen zu gewinnen.
Zu solchen Positionen gehört meist die Annahme, dass göttliches Wollen und Handeln logischen und metaphysischen Regeln folgt und aus Gründen geschieht. Außerdem wird oft vorausgesetzt, dass es stabile und erkennbare ontologische Strukturen sowie moralische Prinzipien und Kriterien gibt, denen der göttliche Wille entspricht oder sich fügt. Manche Vertreter identifizieren Gott daher mit einer Art höchster Vernunft.
Gegenpositionen sind der Voluntarismus und der Okkasionalismus. Der Voluntarismus betont, dass göttliches Wollen und Handeln völlig willkürlich erfolgen könne. Der Okkasionalismus nimmt an, dass einzelne Zeitmomente jeweils unmittelbar von Gott verursacht werden und nur scheinbar einen zusammenhängenden Ablauf von Ereignissen bilden. Beide Gegenpositionen wollen erreichen, dass der göttliche Wille an keine logischen oder sonstigen Prinzipien gebunden ist und deshalb rational unverständlich bleiben muss. Solche Kontroversen wurden in islamischer Theologie, christlicher Scholastik und rationaler Theologie der Aufklärung diskutiert.
Entwicklung bis zur Aufklärung
Der Rationalismus knüpft an Begriffe und Methoden der lateinischen Scholastik an, beansprucht aber einen selbständigen Neuansatz. Im frühen 17. Jahrhundert, besonders in Frankreich, wuchs der Unmut über angeblich „unfruchtbare Spitzfindigkeiten“ scholastischer Debatten. Gleichzeitig bestand der Wunsch, konfessionelle Konflikte zu beenden. Rationalistische Argumentation sollte methodisch streng nachvollziehbar sein und in der Begründung auf die Interpretation von Autoritäten verzichten. Die Aufmerksamkeit verschob sich von religiöser Heilslehre hin zur technischen Naturbeherrschung, wie Francis Bacon sie vorgeschlagen hatte.
Der erkenntnistheoretische Rationalismus wirkte auch in Ethik und Rechtsphilosophie. Dort wurde vertreten, dass Grundsätze menschlicher Moral und des Naturrechts aus reiner Vernunft folgen. Genannt werden Samuel von Pufendorf, Thomas Hobbes, Baruch de Spinoza, im weiteren Sinne auch Immanuel Kant und G. W. F. Hegel. In der Religionsphilosophie folgte zunächst der Deismus rationalistischen Ansätzen, weil er erkennbare fundamentale religiöse Prinzipien annahm. Dadurch erschien historische Offenbarung überflüssig und es entstand theologischer Rationalismus.
Als Begründer des klassischen Rationalismus gilt René Descartes, der Anregungen von Marin Mersenne erhielt. Descartes wollte Wissenschaft und Philosophie nach dem Vorbild der Geometrie reformieren. Euklids Elemente dienten ihm als Muster: Aus Grundbegriffen sollen mit Hilfe des Verstandes universelle Grundsätze erschlossen werden; weitere Fragen werden durch Deduktion beantwortet. Sinneswahrnehmung galt ihm als unscharf und ungewiss und hielt seinem methodischen Zweifel nicht stand. Offen blieb im rationalistischen Forschungsprogramm, woher die Grundbegriffe stammen und was genau zu ihnen gehört.
Im 18. Jahrhundert entwickelten Nicolas Malebranche, Baruch Spinoza, Gottfried Wilhelm Leibniz und andere den cartesianischen Rationalismus weiter. Er wurde zu einer philosophischen Hauptströmung an kontinentaleuropäischen Universitäten. Der Empirismus kritisierte die rationalistischen Grundbegriffe, weil sie nicht aus Sinneswahrnehmung stammen sollten. David Hume nahm Kritikpunkte beider Seiten auf: Empiristische Induktion führt nicht zu streng allgemeingültigen Sätzen; rationalistische Deduktion beruht auf ungewissen Voraussetzungen. Christian Wolff baute den Rationalismus schließlich zu einem System von enzyklopädischer Vollständigkeit aus. Immanuel Kant verstand seine Transzendentalphilosophie ausdrücklich als Vermittlung von Rationalismus und Empirismus. Für ihn entstehen synthetische Urteile a priori aus der Verbindung der Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes; Sinnlichkeit und Vernunft sind gemeinsam die „Stämme“ der Erfahrung.
Neuere Bedeutung und Kritik
In der Erkenntnistheorie des dialektischen Materialismus galten positive Elemente des Rationalismus als „aufgehoben“, der Rationalismus selbst aber als erkenntnistheoretische Haltung „überwunden“. Positionen, die der menschlichen Vernunft nur begrenztes oder gar kein objektives Wissen zutrauen, gelten als anti-rationalistisch. Dazu werden Spielarten des Irrationalismus und der „Vernunftskepsis“ gezählt, die auch einigen Vertretern der Postmoderne zugeschrieben werden.
Heute finden sich rationalistische Positionen in unterschiedlichen Erkenntnistheorien, in überwiegend deutschen Diskurstheorien, in ökonomischen Theorien wie Spieltheorie und Rationaler Entscheidungstheorie sowie in überwiegend anglo-amerikanischen Theorien internationaler Beziehungen. Diese Positionen sind nicht immer Rationalismus im engeren historischen Sinn. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie Rationalität in Denken und Handeln voraussetzen. Der Unterschied zwischen Rationalismus und Rationalitätstheorien wird oft unscharf gesehen.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Irrationalismus als Gegenbegriff aufgebaut. In der Kulturkritik entstand eine breite Kritik am Rationalismus, unter anderem bei Oswald Spengler und Martin Heidegger, später bei Philosophen der französischen Nietzsche-Rezeption und des Poststrukturalismus. Zugleich entstanden rationalistische Neuansätze, etwa im modernen theologischen Rationalismus oder im Kritischen Rationalismus der Wissenschaftstheorie.
Der Begriff der Rationalität wurde dabei weiter ausdifferenziert. Besonders einflussreich ist die „kommunikative Rationalität“, geprägt von Jürgen Habermas und gemeinsam mit Karl-Otto Apel und vielen anderen weiterentwickelt. Julian Nida-Rümelin vertritt im deutschen Sprachraum eine „strukturelle Rationalität“, auf der auch seine „rationale Ethik“ beruht. Herbert Schnädelbach unterschied drei basale Typen der Rationalität; die dadurch angestoßene Debatte unterscheidet inzwischen rund fünfzig Rationalitätstypen.