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Humanistischer Verband Deutschlands
Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD Bundesverband) ist ein 1993 gegründeter eingetragener Verein zur Förderung und Verbreitung einer humanistischen …
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Aufgabe und humanistisches Selbstverständnis
Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD Bundesverband) ist ein 1993 gegründeter eingetragener Verein mit Sitz in Berlin. Er fördert und verbreitet eine humanistische Weltanschauung und vertritt die Interessen konfessionsloser Menschen in Deutschland. Sein Zweck ist die Förderung und Umsetzung eines praktischen Humanismus.
Praktischer Humanismus bedeutet nach dem Selbstverständnis des Verbandes, eine weltlich-humanistische, nichtreligiöse und ethisch begründete Lebensauffassung nicht nur zu vertreten, sondern in konkreten Angeboten umzusetzen. Menschen sollen in allen Lebensphasen unterstützt werden: „von der Schwangerschaft, über die Kindererziehung, Jugend- und Bildungsarbeit, bis hin zur Sozialarbeit, Altenpflege und Sterbebegleitung“. Damit verbindet der HVD Weltanschauungsarbeit mit pädagogischen, sozialen und weiteren Dienstleistungen.
Der Verband versteht sich als Weltanschauungsgemeinschaft neben religiösen und anderen weltanschaulichen Gemeinschaften. Er will humanistische philosophische und kulturelle Vorstellungen pflegen und verbreiten. Religionspolitisch befürwortet er eine kooperative Laizität: Nichtreligiöse Menschen sollen gegenüber Religionsgemeinschaften gleichbehandelt werden, etwa bei weltanschaulichen Schulen, Humanistischer Lebenskunde, Rundfunkstaatsverträgen sowie öffentlicher Erinnerungs-, Gedenk- und Trauerkultur. Zugleich fordert der HVD, staatliche Privilegien der Kirchen wie historische Staatsleistungen und den staatlichen Einzug der Kirchensteuer abzuschaffen beziehungsweise die finanziellen Grundlagen zwischen Staat und Religionsgemeinschaften zu erneuern und transparent zu machen.
Soziale Hilfe, Bildung und Begleitung
Die Landesverbände bieten Kindertagesstätten, Sozialstationen, Beratungsstellen, Sterbebegleitung, Trauergruppen und nichtreligiöse Feiern an. Die Angebote unterscheiden sich regional stark und konzentrieren sich vor allem auf Berlin und das Umland. In Berlin-Brandenburg, Niedersachsen und Baden-Württemberg tragen die Landesverbände zwei Dutzend Kindertagesstätten, außerdem Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit, Schulstationen, Schülerclubs sowie Kinder- und Jugendzentren. In Berlin gibt es zusätzlich Familienzentren, Sozialstationen, ambulante und stationäre Hospize sowie seit 2012 eine Fachschule für Sozialpädagogik.
Der Jugendverband Junge Humanistinnen und Humanisten in Deutschland (JuHu Bund) hat acht Landesverbände. Er organisiert unter Wahrung seiner organisatorischen Selbstständigkeit gemeinsame Interessenvertretung, Freizeitfahrten, Sommercamps, Jugendarbeit und Jugendbildung sowie Beratung und Durchführung von Jugendfeiern. Der HVD strebt außerdem eine „humanistische Beratung“ an, die mit kirchlicher Seelsorge in der Bundeswehr vergleichbar sein soll.
2021 gründete der HVD gemeinsam mit der Giordano-Bruno-Stiftung, der Humanistischen Akademie Deutschlands und der Bundesarbeitsgemeinschaft humanistischer Studierender das Bertha von Suttner-Studienwerk. Dieses humanistische Begabtenförderwerk soll Studierende bundesweit durch Stipendien unterstützen und vernetzen. Ebenfalls 2021 gründete der Landesverband Berlin-Brandenburg die Humanistische Hochschule Berlin als Anstalt des öffentlichen Rechts; der Berliner Senat erkannte sie am 15. November 2022 staatlich an.
Die 1993 gegründete Zentralstelle Patientenverfügung berät zu selbstbestimmtem und humanem Sterben. Sie bietet zwei Varianten von Patientenverfügungen, eine zentrale Hinterlegung, Unterstützung für Hinterbliebene, Vorträge und Fortbildungen für Beschäftigte in Betreuungseinrichtungen. Zu ihrem Arbeitsfeld gehören auch politische Interessenvertretung zum humanen Sterben.
Unterricht und Feiern im Lebenslauf
Humanistische Lebenskunde ist ein freiwilliger Weltanschauungsunterricht auf Grundlage einer humanistischen Lebensauffassung. In Berlin ist der HVD dafür zuständig. Das Fach ist als Alternative zum konfessionellen Religionsunterricht angelegt, wird seit 1982 in West-Berlin, seit der Deutschen Wiedervereinigung in ganz Berlin und seit 2007 auch an Brandenburger Schulen angeboten. In Bayern ist seit 2008 ein vergleichbares Fach, Humanistischer Unterricht, an einer Grundschule in Fürth als ordentliches Fach zugelassen.
Der Verband setzt sich für die Einführung dieses Unterrichts in allen Bundesländern ein. Er fordert außerdem einen allgemein verbindlichen und verpflichtenden Ethikunterricht an öffentlichen Schulen. Konfessioneller Religionsunterricht soll nach seiner Position ein freiwilliges Zusatzfach sein. Weltanschaulicher Unterricht religiöser wie nichtreligiöser Gemeinschaften soll freiwillig bleiben und von den jeweiligen Gemeinschaften in eigener inhaltlicher und formaler Verantwortung gestaltet werden.
Zu den Feiern gehören Jugendfeiern als nichtreligiöse Alternative zu Konfirmation oder Firmung. Ein Kulturprogramm und ein Festakt würdigen dabei symbolisch den Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter. Angeboten werden ferner Namensfeiern, humanistische Hochzeitsfeiern und weltliche Trauerfeiern. An den Jugendfeiern des Landesverbandes Berlin-Brandenburg nahmen 2014 4.042 Jugendliche teil; 2018 waren es insgesamt etwa 6.400 Jugendliche bei Jugendfeiern des HVD und seiner Regionalverbände in Berlin und Brandenburg.
Öffentlichkeitsarbeit, Wissenschaft und Projekte
Der HVD äußert sich zu Themen, die konfessionslose und nichtreligiöse Menschen betreffen. Dazu zählen das Verhältnis von Staat und Religion, kirchliches Arbeitsrecht, Diskriminierung wegen des Bekenntnisses, Familien- und Gleichstellungspolitik sowie Selbstbestimmung am Lebensende. Auf europäischer und internationaler Ebene arbeitet der Verband über die Europäische Humanistische Föderation und Humanists International unter anderem zu Menschenrechten, Meinungsfreiheit, der Trennung staatlicher und religiöser Instanzen und dem Dialog nach Artikel 17 VAEU mit EU-Institutionen.
Humanistische Akademien sind rechtlich selbstständige Studien- und Bildungswerke. Die Bundesakademie ist Dachorganisation; aktiv ist vor allem die Landesakademie Berlin-Brandenburg. Sie befassen sich wissenschaftlich mit Fragen von Natur, Mensch und Gesellschaft unter humanistischen Prinzipien. Die Bundesakademie ist seit 2009 von der Bundeszentrale für politische Bildung als Bildungseinrichtung anerkannt. Die Berliner Akademie veranstaltet etwa Vorträge, Podiumsdiskussionen, Symposien, Arbeitskreise und Tagungen sowie Aus-, Fort- und Weiterbildungen. Die Humanistische Akademie Deutschland gibt die Zeitschrift humanismus aktuell heraus.
Die Humanismus Stiftung Berlin unterstützte Hospize, ein 2008 errichtetes Giordano-Bruno-Denkmal am Potsdamer Platz und Kinderrechtsprojekte. Sie verleiht seit 2003 den mit 2.500 Euro dotierten Ossip-K.-Flechtheim-Preis für Verdienste um Aufklärung, Toleranz und Selbstbestimmung. Seit 2020 gehört der HVD zur Arbeitsgruppe Orte der Demokratiegeschichte. Zur Pflege humanistischer Weltanschauung gehören außerdem Begegnungen, Feiern, Diskussionen über Wissenschaft und Philosophie, Archivierung von Dokumenten des weltlichen Humanismus und die Veröffentlichung von Schriften. Das Magazin diesseits erscheint seit 2011 mehrmals jährlich und wird durch ein Online-Magazin ergänzt.
Aufbau, Mitgliedschaft und Entwicklung
Nach eigener Auskunft hat der HVD Bundesverband über 25.000 Mitglieder. Der größte Landesverband ist der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg mit rund 14.000 Mitgliedern. Neun Landesverbände sind in zehn Bundesländern vertreten. Fünf sind Körperschaften des öffentlichen Rechts: Die Humanisten Baden-Württemberg, die Humanistische Gemeinschaft Hessen sowie die Humanistischen Verbände Berlin-Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Vier weitere Landesverbände sind gemeinnützige Vereine: Bayern, Bremen, Metropolregion Hamburg und Thüringen. Diese Landesverbände bilden den ebenfalls gemeinnützigen Bundesverband.
Der Bundesverband unterstützt die Interessen und Rechte seiner Mitgliedsverbände. Wo kein Landesverband besteht, kann er Interessen und Rechtsvertretung von Mitgliedern und weiteren Bekenntniszugehörigen unmittelbar übernehmen. Seit einer Satzungsänderung 2019 ist der jährlich tagende Delegiertenrat das höchste Organ und übernimmt die Funktion einer Mitgliederversammlung. Ein Vorstand leitet den Verband; seine Arbeitsfelder sind Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit, Weltanschauung, gesellschaftspolitische Netzwerkarbeit und Jugend. Vorstandssprecherin ist seit 2024 Katrin Raczynski.
Der HVD entstand am 14. Januar 1993 in Berlin durch den Zusammenschluss von sieben freidenkerischen, freireligiösen und humanistisch orientierten Vereinigungen. 1997 wurde die Humanistische Akademie gegründet, 2000 trat ein Landesverband aus Niedersachsen bei. 2019 schied der damalige Landesverband Bayern aus und benannte sich in Humanistische Vereinigung um; im selben Jahr trat die Humanistische Gemeinschaft Hessen bei. Ende 2020 entstand in München der HVD Bayern als Mitglied des Bundesverbandes.
Der HVD ist mit seinen Landesverbänden Träger des Humanistischen Hilfswerks Deutschland, das Projekte für Verletzte, Kranke, Behinderte, Sterbende und von Not oder Katastrophen betroffene Menschen fördert. Er initiierte außerdem Bündnisse für sexuelle Selbstbestimmung und gegen die Kriminalisierung der Suizidbeihilfe. Der 2015 beschlossene § 217 StGB zum Verbot geschäftsmäßiger Suizidbeihilfe wurde am 26. Februar 2020 vom Bundesverfassungsgericht als nicht verfassungskonform und ungültig erklärt.