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Holocaustforschung

Als Teil der umfassenderen NS-Forschung bezieht sich Holocaustforschung auf historische Entstehungsbedingungen, Entscheidungsprozess, Organisation, Durchführung …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Entwicklung der Forschung
  2. 2. Quellen, Institutionen und Gesamtdarstellungen
  3. 3. Entscheidung und Planung
  4. 4. Singularität und Vergleich
  5. 5. Durchführung und Täterforschung
  6. 6. Kontroversen zum Nahostkonflikt

Gegenstand und Entwicklung der Forschung

Die Holocaustforschung untersucht den Holocaust, die Ermordung von etwa sechs Millionen europäischen Juden (Shoa), sowie sein Verhältnis zu weiteren nationalsozialistischen Massenmorden. Dazu zählen der Völkermord an hunderttausenden Sinti und Roma, die Aktion T4 an über hunderttausenden Behinderten und die millionenfache Ermordung von Slawen. Als Teil der NS-Forschung fragt sie nach Entstehungsbedingungen, Entscheidungen, Organisation und Durchführung, nach Tätern, Mittätern und Opfern sowie nach Folgen und Besonderheiten des Holocaust. Wichtige Forschungszentren liegen besonders in den USA, Großbritannien, Israel, Polen und Deutschland.

Schon während des Holocaust sammelten Zeitzeugen und Widerstandskämpfer Berichte über die systematischen Massenmorde; Veröffentlichungen erschienen ab 1941 bis 1949. Emigrierte Historiker und Überlebende schufen vor allem im angelsächsischen Raum Grundlagen. Das 1940 von Jacob Robinson gegründete Institute for Jewish Affairs ging früh von einem zentral geplanten Verbrechen aus, also von einem intentionalistischen Ansatz. Philip Friedman veröffentlichte frühe historische Arbeiten aus Opferperspektive. Seit 1960 erschienen ein regelmäßiges Fachjournal und umfassende Bibliographien; seit 1967 entwickelten sich Holocaust Studies als eigener Wissenschaftszweig. Opfer- und Täterzeugnisse gelten dabei gleichermaßen als wichtige Quellen.

In Deutschland standen nach 1945 zunächst Fragen nach Schuldigen im Vordergrund, die oft apologetisch, also rechtfertigend oder verharmlosend, behandelt wurden. Beschlagnahmte NS-Archive erschwerten die Forschung. Ab 1950 wurden Akten der Nürnberger Prozesse verfügbar, ab 1960 kehrten Archivbestände schrittweise zurück. NS-Prozesse, besonders der Eichmann-Prozess 1961 und die Auschwitzprozesse 1963–1966, förderten empirische Untersuchungen. Raul Hilbergs Werk von 1961 und Hannah Arendts Formel von der „Banalität des Bösen“ wurden besonders einflussreich. Dennoch richtete sich die deutsche Forschung lange stärker auf Aufstieg, Herrschaft und Kriegführung des NS-Regimes als auf den Holocaust.

Quellen, Institutionen und Gesamtdarstellungen

Die Forschung stützt sich auf gesicherte NS-Archive, Gerichtsakten, Verwaltungsdokumente, Berichte von Opfern und Tätern sowie Oral History, also aufgezeichnete mündliche Erinnerungen. Bereits etwa seit 1942 sammelten das YIVO in New York, die Wiener Library in London, das Centre de documentation juive contemporaine in Paris und das Żydowski Instytut Historyczny in Warschau Dokumente.

Wichtige Einrichtungen sind Yad Vashem in Jerusalem, gegründet 1953, das Leo Baeck Institut von 1955 sowie das Simon Wiesenthal Center von 1977. Das Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., wurde 1980 gegründet und gibt Holocaust and Genocide Studies heraus. Steven Spielbergs Shoah Foundation begann 1994 rund 52.000 Video-Interviews mit Überlebenden zu sammeln; die Freie Universität Berlin hat seit 2006 Zugang zu diesem Archiv. In Deutschland sammelte und publizierte besonders das Institut für Zeitgeschichte Dokumente. Die Reihe Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 ist auf 16 Bände angelegt. Weitere zentrale Einrichtungen sind das Fritz Bauer Institut, gegründet 1995, und das Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München von 2013.

Gesamtdarstellungen bauten auf vielen Einzelstudien auf. Léon Poliakovs Breviaire de la haine (1951) prägte Fragestellungen der Forschung. Gerald Reitlingers Opferzahl von 4,5 Millionen gilt heute als widerlegt. Als Hauptwerk gilt Raul Hilbergs The Destruction of the European Jews, 1961 erschienen. Hilberg untersuchte ideologische Vorgeschichte, Funktionsweise des NS-Regimes, bürokratische Entscheidungsabläufe und das Zusammenwirken der Behörden. Spätere Darstellungen erweiterten Perspektiven auf Judenräte, Kollaboration, Rettung, Widerstand, das Schicksal Befreiter und regionale Unterschiede. Martin Gilbert setzte die Massenmorde beim Überfall auf Polen 1939 als Beginn des Holocaust an und stellte auch Verbrechen außerhalb der Vernichtungslager anschaulich dar.

Entscheidung und Planung

Seit etwa 1969 wird diskutiert, wie der Holocaust zustande kam. Intentionalisten oder Programmologen erklären ihn vor allem aus langfristigen, ideologisch begründeten Vernichtungsabsichten Hitlers und des Nationalsozialismus. Strukturalisten oder Funktionalisten betonen konkurrierende Behörden, chaotische Entscheidungsstrukturen und eine schrittweise Radikalisierung.

Für eine starke Rolle Hitlers verwiesen Alan Bullock, Eberhard Jäckel, Joachim Fest und Lucy Dawidowicz auf seine antisemitischen Drohungen und Ziele. Dawidowicz nahm an, Hitler habe die Vernichtung seit den 1920er Jahren geplant. Uwe Dietrich Adam und später Martin Broszat betonten dagegen, Hitler habe den Vernichtungsprozess zwar gebilligt, aber nicht langfristig in allen Einzelheiten geplant. Broszat hielt einen einzigen umfassenden Vernichtungsbefehl für unwahrscheinlich und beschrieb die Entwicklung aus Einzelaktionen bis zum Frühjahr 1942. Hans Mommsen erklärte dies als „kumulative Radikalisierung“: Konkurrenz von NS-Stellen, bürokratische Eigendynamik und zersplitterte Verantwortlichkeiten hätten die Gewalt verschärft.

Die Behauptung des späteren Holocaustleugners David Irving von 1977, Hitler habe erst im Oktober 1943 von der Judenvernichtung erfahren, wurde durch Quellenanalysen zurückgewiesen. Peter Longerich stellte für den Prozess Irving gegen Deborah Lipstadt 1996–2000 Dokumente zu Hitlers Wissen und Initiative zusammen. Der weitgehende Forschungskonsens lautet: Mündliche „Führerbefehle“ zur Judenvernichtung sind erwiesen; systematische Ausrottung war nur mit Hitlers Erlaubnis, Billigung und Anordnung möglich.

Christopher Browning betonte zugleich gemeinsame Ergebnisse beider Richtungen: Der Holocaust wurde nicht an einem einzigen Datum beschlossen, sondern entwickelte sich im Zusammenhang mit der Kriegslage; er radikalisierte sich von Massakern im Polenfeldzug über Deportationspläne und Massenerschießungen bis zu Vernichtungslagern; die wichtigsten Entscheidungen fielen in der zweiten Jahreshälfte 1941. Umstritten bleibt der genaue Wendepunkt. Einige Forscher setzen ihn im Herbst oder Oktober 1941, Christian Gerlach genau auf den 12. Dezember 1941; andere erklären den Übergang im Spätherbst 1941 auch mit dem Scheitern des Blitzkriegs und dem Kriegseintritt der USA.

Singularität und Vergleich

Die Singularitätsdebatte fragt, welche Merkmale den Holocaust von anderen Völkermorden und Massenmorden unterscheiden. Die Mehrheit der Holocaustforscher betont seine Besonderheit: die tatsächliche und angestrebte Opferzahl, die staatliche Planung als gesellschaftliches Gesamtprojekt sowie die systematische, teilweise industrielle Durchführung. Eine Minderheit hebt Ähnlichkeiten zu anderen Genoziden hervor oder bestreitet die Singularität.

Vergleichende Völkermordforschung lehnt Singularität als Unvergleichbarkeit ab: Gerade Vergleiche können einmalige Merkmale sichtbar machen. Viele Historiker begründen die Beispiellosigkeit vor allem mit dem Ziel, alle Juden unabhängig von Alter, Geschlecht, Anschauung, Beruf oder Stand vollständig zu töten. Eberhard Jäckel hebt hervor, dass ein Staat mit der Autorität seines Führers die möglichst restlose Tötung einer bestimmten Menschengruppe einschließlich von Alten, Frauen, Kindern und Säuglingen beschlossen und angekündigt habe. Dieter Pohl nennt als Besonderheiten ein staatliches Programm, rassistisch begründete Judenfeindschaft als Staatsdoktrin, den Anspruch vollständiger Ausrottung und die Verbindung von Verfolgung mit Enteignung und Raub. Mindestens 1,5 Millionen jüdische Kinder wurden im Zweiten Weltkrieg ermordet.

Yehuda Bauer bezeichnete den Holocaust 2006 als vorher nie dagewesene Form eines Genozids: Nach der NS-Ideologie sollte die Herkunft von drei oder vier jüdischen Großeltern zum Tod führen; Deutschland habe jeden Juden weltweit im Visier gehabt. Später sprach Bauer statt von Einzigartigkeit von Präzedenzlosigkeit. Peter Longerich begründet Singularität besonders mit der Absicht vollständiger Ermordung, der Systematik der Verfolgung und Massentötung sowie der Existenz von „Tötungsfabriken“.

Kritiker wie Christian Meier betonen, Singularität dürfe nicht Unvergleichbarkeit bedeuten. Ernst Nolte und Stéphane Courtois stellten Bezüge zu stalinistischen Verbrechen her; solche Deutungen wurden auch zur Relativierung des Holocaust genutzt. Diskutiert werden außerdem Vergleiche mit den Genoziden an Herero und Nama, an Armeniern sowie an Sinti und Roma. Wolfgang Wippermann bewertete den Genozid an Sinti und Roma als ebenso singulär, weil er rassistisch motiviert, geplant, befohlen, auf Ausrottung gerichtet und systematisch vollzogen worden sei. Neuere Debatten, etwa über Michael Rothbergs „multidirektionale Erinnerung“ und A. Dirk Moses’ Kritik am erinnerungskulturellen „Katechismus“, zeigen fortdauernde Konflikte über Vergleich und Erinnerung.

Durchführung und Täterforschung

Seit Mitte der 1960er Jahre untersuchte die Forschung die Durchführung des Holocaust zunehmend für einzelne Länder, Regionen und Tätergruppen. Studien befassten sich etwa mit den Niederlanden, Dänemark, Bulgarien, Italien, Frankreich und Ungarn, mit Einsatzgruppen, Vernichtungslagern, der Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener, Krankenmorden, Zwangsarbeit und „Vernichtung durch Arbeit“. Die Öffnung osteuropäischer Archive in den 1990er Jahren ermöglichte quellengestützte Regionalstudien, etwa zum Warthegau, zu Lettland, Ostgalizien, Lublin, Belarus und Ostoberschlesien.

Diese Forschung korrigierte das Bild eines bloßen bürokratischen „Verwaltungsmordes“ durch einen kleinen Täterkreis. Nach Peter Longerich handelte es sich um ein Massaker, das von mehr als hunderttausend Tätern und Helfern unter den Augen einer sehr großen Zahl passiver Zeugen verübt wurde. Untersucht werden auch die Zusammenarbeit von Staatsbehörden, Wehrmacht und Einsatzgruppen sowie die Priorität, die Deportationen und Vernichtung selbst gegenüber militärischen Bedürfnissen erhielten.

Opfer- und Täterforschung ergänzen einander. Überlebendenberichte sind für die Opferforschung zentral; Täterberichte sind seltener, weil Täter sich häufig versteckten oder verleugneten. Viele extreme SS-Täter aus Lagern und Einsatzgruppen kamen wahrscheinlich nie vor Gericht. Täterforschung verbindet Geschichtswissenschaft mit Sozialpsychologie und Soziologie. Sie untersucht das Verhältnis von Sozialcharakter, individuellen Eigenschaften, Ideologie, Befehlen, Handlungsspielräumen und Situation. Erinnerungen und Selbstdarstellungen von Tätern müssen dabei kritisch geprüft werden.

Psychiatrische und psychologische Untersuchungen der 22 Nürnberger Angeklagten durch Douglas M. Kelley, Gustave Gilbert und Leon Goldensohn ergaben – außer bei Rudolf Heß – weitgehend keine psychiatrischen Auffälligkeiten. Daraus folgte nicht, dass die Täter harmlos waren, sondern dass die Verbrechen nicht durch ein einfaches Bild „abnormer“ Einzelpersonen erklärt werden können. Die Forschung zur autoritären Persönlichkeit, unter anderem mit der F-Skala, erfasste Einstellungen zu Antisemitismus und Faschismus. Untersuchungen von Henry V. Dicks und John Michael Steiner fanden bei ehemaligen SS-Angehörigen im Vergleich zu Wehrmachtangehörigen stärkere Autoritätsbindung, Konformismus, Gehorsam, Intoleranz und Rigidität. Die Ergebnisse sozialpsychologischer Studien von Stanley Milgram und Philip Zimbardo sowie ihre Verallgemeinerungen sind fachlich umstritten; vergleichbare Experimente sind heute aus forschungsethischen Gründen nicht zulässig.

Kontroversen zum Nahostkonflikt

Frühe Holocaustforscher solidarisierten sich im Nahostkonflikt klar mit Israel. Raul Hilberg betrachtete die Gründung Israels als große historische Errungenschaft und Antizionisten grundsätzlich als „Hauptfeinde des Judentums“. Teilweise wurde die Einzigartigkeit der Shoa als Argument verstanden, Israel müsse besonders geschützt werden, um eine Wiederholung zu verhindern.

Seit den 1990er Jahren gibt es Widerspruch. Neue israelische Historiker verwiesen unter anderem auf die gewaltsame Vertreibung von Palästinensern 1948. Vertreter vergleichender Völkermordforschung ordnen den Holocaust als einen Völkermord unter anderen ein und vergleichen ihn auch mit kolonialen Verbrechen. Forschende wie Michael Rothberg, A. Dirk Moses, Amos Goldberg, Moshe Zimmermann und Omer Bartov kritisieren seit den 2010er Jahren die israelische Besatzungspolitik zunehmend scharf.

Strittig sind auch Definitionen von Antisemitismus. Die Definition der International Holocaust Remembrance Alliance von 2016 bezieht ausdrücklich israelkritische und antizionistische Positionen wie Boycott, Divestment and Sanctions ein. Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus von 2021 bewertet solche Positionen nicht zwingend als antisemitisch. Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 und dem folgenden Krieg in Gaza verschärfte sich die Spaltung: Einige vergleichende Genozidforscher sehen in der Kriegführung der israelischen Verteidigungsstreitkräfte Züge eines Völkermords, während eine Mehrheit der Holocaustforscher dies zurückweist. Shira Klein vergleicht die Bitterkeit dieser Auseinandersetzung mit dem Streit zwischen Intentionalisten und Funktionalisten in den 1970er Jahren.

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