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Generalplan Ost

Unter dem Begriff Generalplan Ost (GPO) werden eine Reihe von Plänen, Planungsskizzen und Vortragsmaterialien zu einer möglichen neuen Siedlungsstruktur im …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Ziel des Generalplans Ost
  2. 2. Ideologischer und politischer Hintergrund
  3. 3. Geplante Vertreibung, Vernichtung und Besiedlung
  4. 4. Wichtige Planvarianten
  5. 5. Tatsächliche Umsetzung und spätere Aufarbeitung

Kern und Ziel des Generalplans Ost

Der Begriff Generalplan Ost (GPO) bezeichnet mehrere nationalsozialistische Pläne, Planungsskizzen und Vortragsmaterialien zur Neuordnung, Besiedlung und Beherrschung Ostmittel- und Osteuropas. Auf Grundlage der NS-Rassendoktrin sollten große Teile Polens, der Ukraine, Weißrusslands und Russlands „entvölkert“ und anschließend von Deutschen beziehungsweise sogenannten Volksdeutschen und Nordeuropäern besiedelt werden. Vorgesehen waren Genozid, Vertreibung, Deportation, Versklavung und Zwangsarbeit. Die bestehende Konzentrationslager-Infrastruktur sollte dem Massenmord, der Zwangsarbeit und der rassistischen „Aussortierung“ dienen. Bis zu 50 Millionen Slawen galten in diesen Vorstellungen als verfügbare „Dispositionsmasse“ oder als für die geplante Siedlungsordnung „nicht geeignet“.

Die Unterlagen entstanden von 1940 bis 1942 vor allem im Planungsamt des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums (RKF), in der Planungsgruppe III B des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und im Institut für Agrarwesen und Agrarpolitik der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Zunächst arbeitete man im Auftrag des Reichsführers SS Heinrich Himmler, später auch für Alfred Rosenberg. Der GPO war kein einzelner, endgültig festgelegter Plan, sondern bestand aus teilweise konkurrierenden Entwürfen verschiedener Einrichtungen. Mehrere wichtige Dokumente sind seit 1945 verschollen. Deshalb ist umstritten, welcher Entwurf letztlich maßgeblich geworden wäre und in welchem Umfang einzelne Bestandteile tatsächlich umgesetzt wurden. Nach der Kriegswende 1943 waren der Generalplan Ost und der darauf aufbauende Generalsiedlungsplan nicht mehr vollständig durchführbar.

Ideologischer und politischer Hintergrund

Der GPO verband ältere Vorstellungen deutscher Grenzkolonisation mit der nationalsozialistischen Idee vom „Lebensraum im Osten“. Seit dem 19. Jahrhundert hatten nationalistische Autoren und Organisationen die mittelalterliche deutsche Ostsiedlung als Vorbild für eine neue Expansion dargestellt. Paul de Lagarde forderte seit 1875 eine „allmähliche Germanisierung Polens“. Der Alldeutsche Verband verlangte 1891, den „alten Drang nach dem Osten“ wiederzubeleben. In der Weimarer Republik verbreiteten unter anderem Hans Grimm mit dem Schlagwort „Volk ohne Raum“ und der Geograf Karl Haushofer die Vorstellung, soziale Probleme und eine vermeintliche Überbevölkerung Deutschlands könnten durch neues Siedlungsgebiet in Osteuropa gelöst werden.

Nach dem Überfall auf Polen begann das NS-Regime, diese Vorstellungen praktisch umzusetzen. Hitlers Geheimerlass vom 7. Oktober 1939 übertrug Heinrich Himmler Aufgaben zur „Festigung deutschen Volkstums“. Der Agrarwissenschaftler Konrad Meyer plante 1940 den „deutschen Neuaufbau im Osten“ in den eingegliederten Reichsgauen Wartheland und Danzig-Westpreußen. Zwei Tage nach dem Angriff auf die Sowjetunion vom 22. Juni 1941 beauftragte Himmler ihn mit einem umfassenderen Plan; dessen erste Fassung lag am 15. Juli 1941 vor.

Spätere Entwürfe sahen neben der vollständigen „Eindeutschung“ des Warthelands, Ostoberschlesiens, Westpreußens und von Teilen des Generalgouvernements drei „Reichsmarken“ vor: „Ingermanland“ südlich von Leningrad, das Narewgebiet mit Białystok und Litauen sowie den „Gotengau“ auf der Krim und um Cherson. Die Frist für die „Eindeutschung“ wurde am 23. Dezember 1942 von 25 auf 20 Jahre verkürzt. Zusätzlich bezog man Böhmen und Mähren, Elsaß-Lothringen, die Untersteiermark und Oberkrain ein. Voraussetzung wäre ein deutscher Sieg über die Sowjetunion gewesen. Die Niederlagen vor Moskau im Winter 1941/1942 und bei Stalingrad im Winter 1942/43 machten die vollständige Verwirklichung zunehmend unmöglich.

Geplante Vertreibung, Vernichtung und Besiedlung

Nur ein kleiner Teil der einheimischen Bevölkerung sollte nach rassistischen Kriterien „germanisiert“ werden. Gleichzeitig planten die Verantwortlichen eine drastische Verringerung der Bevölkerung um insgesamt 30 Millionen Menschen. Vorgesehen waren die Vernichtung oder Vertreibung von 80–85 % der Polen und 50–75 % der Tschechen. Von den Russen im europäischen Teil der Sowjetunion sollten 50–60 % vernichtet und weitere 15–25 % hinter den Ural beziehungsweise nach Sibirien vertrieben werden. Bei den Ukrainern sollten 25 % vernichtet und 30–40 % ausgewiesen werden; bei den Weißrussen waren 25 % beziehungsweise 30–50 % vorgesehen.

Der deutsche Hungerplan vom Mai 1941 sah vor, landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der Ukraine und Südrussland nach Deutschland zu bringen und dadurch rund 30 Millionen Menschen in Weißrussland, Nordrussland und sowjetischen Großstädten dem Hungertod preiszugeben. Der Historiker Timothy Snyder bewertet ihn als Vorspiel zum Generalplan Ost.

Im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg wurden bis Kriegsende tatsächlich mehr als 30 Millionen Militärangehörige und Zivilisten osteuropäischer Staaten getötet. Die Sowjetunion verlor 10 % ihrer Bevölkerung, wobei die Verluste in der Ukraine und in Weißrussland jeweils 25 % betrugen; Polen verlor 17 %. Zu den Opfern gehörten neben slawischen Bevölkerungsgruppen auch Juden, Roma und Sinti sowie unter anderem Esten, Letten, Litauer, Tataren, Kaukasier und Karelier.

Wichtige Planvarianten

Die erhaltenen und bekannten Entwürfe zeigen, wie sich die Planungen räumlich und zahlenmäßig ausweiteten:

• Die „Planungsgrundlagen“ vom Februar 1940 betrafen 87.600 km² in Westpreußen und im Wartheland. Geplant waren etwa 100.000 Siedlerhöfe zu je 29 ha und die Ansiedlung von 4,3 Millionen Deutschen. Dafür sollten 560.000 Juden und 3,4 Millionen Polen entfernt werden.

• Die Vortragsmaterialien „Siedlung“ vom Dezember 1940 forderten 130.000 km² für 480.000 neue Höfe zu je 25 ha; hinzu kam ein Zuschlag von 40 % für Wald, Wehrmacht und Reserveflächen.

• Ein „Generalplan Ost“ vom Juli 1941 und ein „Gesamtplan Ost“ vom Dezember 1941 beschrieben Siedlungsgebiete in der Sowjetunion beziehungsweise zusätzlich im Generalgouvernement. Beide Dokumente sind verschollen, ihr genauer Inhalt ist unbekannt.

• Der „Generalplan Ost“ vom 28. Mai 1942 umfasste 364.231 km², 36 „Siedlungsstützpunkte“ und drei „Siedlungsmarken“ im Großraum Leningrad, im Krim-Cherson-Gebiet und im Memel-Narew-Gebiet. Vorgesehen waren Höfe von 40–100 ha und Großbetriebe von mindestens 250 ha. Für 5,65 Millionen Siedler sollten rund 31 Millionen Menschen deportiert oder ermordet werden. Die geschätzten Kosten betrugen 66,6 Milliarden Reichsmark.

• Der „Generalsiedlungsplan“ vom September 1942 erfasste 330.000 km² mit 360.100 landwirtschaftlichen Betrieben. Er kalkulierte 12,21 Millionen Siedler, die Entfernung von rund 30,8 Millionen Menschen und Kosten von 144 Milliarden Reichsmark.

Die geplanten Siedler wurden als „Lehnsnehmer“, die Siedlungsräume als „Siedlungsmarken“ oder „Reichsmarken“ bezeichnet. Diese mittelalterlich geprägten Begriffe sollten Besitz- und Grenzordnungen ausdrücken. An der Spitze jeder „Mark“ sollte ein „Markhauptmann“ stehen; die Hoheitsgewalt wäre beim Reichsführer SS gelegen.

Tatsächliche Umsetzung und spätere Aufarbeitung

Obwohl der gesamte GPO am Kriegsverlauf scheiterte, wurden mehrere Teile seiner Vertreibungs- und Siedlungspolitik umgesetzt. Aus dem Reichsgau Wartheland wurden nach drei Deportationsplänen und weiteren Maßnahmen bis zum 15. März 1941 insgesamt 280.606 ethnische Polen und Juden ins Generalgouvernement gebracht. Einige Historiker schätzen für das Wartheland bis zu 650.000 Deportierte. Aus Danzig-Westpreußen wurden bis zum Stopp der Deportationen 1942 mehrere zehntausend Menschen verschleppt.

Bei der Aktion Zamość sollten 60.000 Ansiedler an die Stelle der polnischen Bevölkerung treten. Rund 110.000 Polen wurden aus 300 Dörfern ausgesiedelt, tatsächlich aber nur 9000 deutsche Siedler angesiedelt. Wegen des starken Wachstums der Partisanenbewegung endeten die Maßnahmen im August 1943. Im Gebiet Hegewald bei Schytomyr wurden zwischen Herbst 1942 und Ende 1943 rund 15.000 Ukrainer deportiert und 10.000 Volksdeutsche angesiedelt. Im sogenannten Ranner Dreieck in der heutigen Republik Slowenien vertrieb das Regime etwa 40.000 Slowenen, um Platz für 12.000 Deutsche aus der Gottscheer Sprachinsel zu schaffen. Rund 100.000 französischsprachige Menschen wurden außerdem aus dem Elsass, Lothringen und Luxemburg in das unbesetzte Frankreich deportiert.

Im Nürnberger Prozess gegen das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS legte die Anklage den Plan als Beweis einer verbrecherischen Umvolkungspolitik vor. Ehemalige Mitarbeiter des RKF-Planungshauptamtes behaupteten dagegen, es habe sich lediglich um theoretische Grundlagenforschung gehandelt. Das Urteil folgte der Darstellung, der Plan selbst habe einen ordnungsgemäßen Wiederaufbau vorgesehen und keine Evakuierungen oder einschneidenden Maßnahmen enthalten. Tatsächlich waren solche Maßnahmen jedoch im Rahmen des nationalsozialistischen Wiedereindeutschungsprogramms durchgeführt worden.

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