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Holocaust-Theologie

Die Holocaust-Theologie wird auch als Theologie nach Auschwitz bezeichnet mit Bezug auf das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau als Inbegriff des Holocausts.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundproblem
  2. 2. Jüdische Deutungen des Holocaust
  3. 3. Orthodoxe und moderne orthodoxe Positionen
  4. 4. Wichtige jüdische Denker
  5. 5. Menachem Mendel Schneerson: Holocaust als Mysterium
  6. 6. Christliche Theologie nach Auschwitz

Gegenstand und Grundproblem

Holocaust-Theologie bezeichnet die theologische und philosophische Auseinandersetzung mit der Rolle Gottes und des Bösen angesichts des Holocaust, bei dem sechs Millionen Juden ermordet wurden. Sie wird auch „Theologie nach Auschwitz“ genannt; Auschwitz-Birkenau gilt dabei als Inbegriff des Holocaust.

Judentum, Christentum und Islam lehren traditionell, Gott sei omnipotent (allmächtig), omniszient (allwissend) und omnibenevolent (allgütig). Dem steht die Existenz des Bösen gegenüber. Die daraus entstehende Frage, wie Gottes Existenz mit dem Bösen vereinbar sein kann, heißt Theodizeefrage. Nach dem Holocaust wurden klassische Antworten neu untersucht und nach einem Gottesbegriff „nach Auschwitz“ gefragt.

Jüdische Deutungen des Holocaust

Im jüdischen Denken gibt es keine einheitliche Antwort. Vertreten werden unter anderem folgende Positionen:

  • Der Holocaust erfordere keine grundsätzlich neue Erklärung, sondern stelle erneut die Frage, warum Böses guten Menschen widerfährt.
  • Nach der prophetischen Lehre mi-penei hataeinu („wegen unserer Sünden wurden wir bestraft“) können Leiden als Folge der Missachtung göttlicher Gebote verstanden werden. Einige orthodoxe Vertreter deuteten den Holocaust deshalb als gerechte Strafe Gottes.
  • Der Holocaust könne eine vorübergehende Gottesfinsternis sein, also eine Zeit unerklärlicher göttlicher Abwesenheit.
  • Atheistische Deutungen folgern aus Gottes Nichteingreifen, dass Gott nie existiert habe oder „tot“ sei und die Welt sich selbst überlassen habe.
  • Andere sehen Gräueltaten als Preis des freien Willens: Gott könne oder wolle sich nicht in die Geschichte einmischen, damit menschliche Freiheit bestehen bleibt. Das Versagen liege dann bei der Menschheit, nicht bei Gott.
  • Der Holocaust könne als eine Art Offenbarung oder als Aufruf zur jüdischen Bekräftigung und zum Überleben verstanden werden.
  • Er könne ein Mysterium sein, dessen möglicher Sinn das menschliche Verständnis übersteigt.
  • Nach Ignaz Maybaum wurde das jüdische Volk zum „leidenden Knecht“ aus Jesaja und litt stellvertretend für die Sünden der Welt.
  • Vertreter des offenen Theismus, darunter Harold Kushner und Hans Jonas, nehmen an, Gott existiere, sei aber nicht allmächtig und habe den Genozid deshalb nicht verhindern können. Die moralische Verantwortung liege bei den Menschen.

Elie Wiesel sprach vom Schweigen, Entsetzen und der Entrechtung Gottes. Zugleich hielt er daran fest, Jude zu sein, die Geschichte zu erzählen, zu beten und mit Gott zu ringen.

Orthodoxe und moderne orthodoxe Positionen

Viele ultraorthodoxe Juden sahen die Ursache des Holocaust darin, dass europäische Juden jüdische Traditionen aufgegeben und etwa Sozialismus, Zionismus oder andere nichtorthodoxe Strömungen angenommen hätten. Nach dieser Theodizee habe Gott die Nationalsozialisten als Strafe geschickt; die Juden Europas seien Sünder gewesen und hätten den Tod verdient. Joel Teitelbaum, Leiter der Satmar-Bewegung, machte besonders „Häretiker“ verantwortlich, die nach Souveränität und Freiheit strebten. Auch Gerechte seien wegen des göttlichen Zorns gemeinsam mit den Sündern untergegangen.

Die religiösen Zionisten vertraten teilweise die umgekehrte Deutung: Der Holocaust sei eine kollektive Strafe für die jüdische Untreue gegenüber dem Land Israel. Mordecai Atiyah war ein wichtiger Vertreter. Zwi Jehuda Kook und seine Schüler vermieden diese harte Formulierung, verbanden den Holocaust aber mit dem Wiedererkennen Zions und einer eschatologisch notwendigen Befreiung aus dem Exil. Chaim Ozer Grodzinski erklärte bereits 1939, die Verfolgung beruhe auf Fehlern nichtorthodoxer Juden; Eliyahu Eliezer Dessler vertrat ähnliche Ansichten. Elasar Menachem Schach warnte 1991 sogar vor einem neuen Holocaust als Strafe für die Vernachlässigung der Religion und die „Entweihung“ des Sabbats in Israel.

Die meisten modernen orthodoxen Juden weisen dagegen die Vorstellung zurück, der Holocaust sei Gottes Fehler gewesen. Zu den Autoren, die sich damit befassten, gehören Joseph Ber Soloveitchik, Norman Lamm, Abraham Besdin, Emanuel Rackman und Eliezer Berkovits. Ihre Texte wurden unter anderem im Sammelband Theological and Halakhic Reflections on the Holocaust (1992) veröffentlicht.

Wichtige jüdische Denker

Richard Rubenstein vertrat in After Auschwitz zunächst die Ansicht, die einzig ehrliche Reaktion sei die Ablehnung Gottes und die Erkenntnis, dass das Leben vollkommen sinnlos sei. Es gebe keinen göttlichen Plan, keinen offenbarten Sinn und keinen Gott, der sich um die Welt kümmere. Der Mensch müsse den Wert seines Lebens selbst schaffen. In späteren Werken rückte Rubenstein davon ab und vertrat eine Form des Deismus, nach der Gott als Grundlage der Wirklichkeit existieren könne; dabei nahm er auch kabbalistische Ideen auf.

Emil Fackenheim bezeichnete den Holocaust als „epochemachendes Ereignis“ und sah darin eine neue Offenbarung Gottes. Die Menschen müssten ihren Glauben und Gottes fortdauernde Rolle in der Welt bekräftigen. Daraus leitete er ein neues Gebot ab: „Du sollst Hitler keine postumen Siege überlassen!“

Ignaz Maybaum deutete Auschwitz als ultimative stellvertretende Versöhnung: Die Juden hätten für die Sünden der Menschheit gelitten. Diese Auffassung fand sowohl im Judentum als auch im Christentum wenig Zustimmung. Eliezer Berkovits erklärte, der freie Wille hänge davon ab, dass Gott seine Entscheidungen verborgen halte; ein sichtbares Eingreifen gegen Tyrannen würde die menschliche Freiheit nahezu aufheben.

Harold Kushner, William E. Kaufman und Milton Steinberg gingen davon aus, dass Gott nicht allmächtig sei. Deshalb sei Gott nicht verantwortlich, wenn Menschen ihren freien Willen missbrauchen. Sie beriefen sich dabei auch auf Abraham ibn Daud, Abraham ibn Ezra und Gersonides.

Irving Greenberg argumentierte, der Holocaust habe den Bund zwischen Gott und dem jüdischen Volk zerbrochen. Da Gott die Juden nicht zwinge, das jüdische Gesetz zu befolgen, könne dieses Gesetz nach Auschwitz nicht mehr als durchsetzbare Verpflichtung gelten. Gott habe seine moralische Autorität verloren; dennoch sollten Juden den Bund heilen und das Gesetz freiwillig annehmen. Diese Position stieß innerhalb des orthodoxen Judentums auf scharfe Kritik.

Menachem Mendel Schneerson: Holocaust als Mysterium

Menachem Mendel Schneerson verwarf Erklärungen, die den Tod und das Leiden von Millionen unschuldiger Menschen verständlich machen wollen. Der Holocaust liege jenseits der Grenzen des menschlichen Geistes; nur Gott selbst könne erklären, warum er ihn zuließ. Die angemessene Antwort sei die Erwartung einer vollständigen Erlösung, die das Böse endgültig aus der Welt verbanne.

Schneerson widersprach auch der Ansicht, der Holocaust widerlege Gott. Für ihn zeigte das Beispiel des kulturell und wissenschaftlich fortgeschrittenen Deutschlands, dass eine allein auf den Menschen gegründete Moral keine sichere Grundlage bilde. Die Empörung über das Böse setze vielmehr den Glauben an Richtig und Falsch sowie an Gottes Güte voraus.

Entschieden lehnte Schneerson den Holocaust als Strafe für Sünden ab. Die Vernichtung von sechs Millionen Juden könne keine angemessene Bestrafung sein. Die Ermordeten bezeichnete er als Kedoschim („Heilige“), die für die Heiligung des göttlichen Namens getötet worden seien; Gott werde ihr Blut rächen. Der Artikel weist darauf hin, dass dieser Abschnitt nicht hinreichend mit Belegen ausgestattet ist.

Christliche Theologie nach Auschwitz

In der christlich-orthodoxen Theologie gilt die Kirche als „Neues Israel“. Gott strafe demnach Völker und Nationen, die sich selbst für Gottes geliebtes Israel halten. Durch Jesus Christus sei der „Zaun“ zwischen Juden und Heiden abgebrochen und der Bund auf alle Völker ausgeweitet worden. In der Russisch-Orthodoxen Kirche wird parallel zur Theologie nach Auschwitz eine „Theologie nach dem Gulag“ diskutiert.

In evangelischer und katholischer Theologie wurde die bleibende Angewiesenheit des Christentums auf das Judentum nach Auschwitz hervorgehoben. Berthold Klappert nennt dabei das Judentum als Zeugen der Erinnerung, die gemeinsame messianische Hoffnung, die Erfahrung und das Reden von Gott sowie die Beziehung zwischen Israel als Gottesgemeinde und Kirche als ökumenischem Gottesvolk. Christliche Theologie müsse daraus einen dringlichen Dienst an der leidenden Menschheit ableiten.

Norbert Reck warnt davor, „Auschwitz“ nur noch symbolisch als Beispiel für das Böse oder als Station einer allgemeinen Gewaltgeschichte zu verwenden. Dadurch könnten die Erfahrungen und das Selbstbewusstsein der Opfer unsichtbar werden. Ausgangspunkt jeder theologischen Reflexion müssten daher ihre Tagebücher, Chroniken, Briefe und Kassiber sein, etwa von Chaim Kaplan, Eugène Heimler, Robert Antelme und Elie Wiesel.

Friedrich-Wilhelm Marquardt unterscheidet abstraktes systematisches Denken von einer für geschichtliche Erschütterungen offenen Dogmatik. Wahre Gotteserkenntnis sei nur möglich, wenn die Geschichte vor und nach Auschwitz erzählt werde. Johann Baptist Metz formulierte als Prüfmaßstab: Eine Theologie, die vor und nach Auschwitz unverändert gleich sein könnte, sei kritisch zu hinterfragen. Eine Theodizee oder Sinnrede, die außerhalb oder oberhalb der Katastrophe ansetzt, bezeichnete er als Blasphemie. Weitere genannte Theologen sind Hans Joachim Iwand, Walther Zimmerli, Jürgen Moltmann, Dorothee Sölle, Franz Mußner und Tiemo Rainer Peters.

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