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Germania (Personifikation)
Germania ist eine Personifikation mit wechselndem Bedeutungsgehalt. In der Antike, als die Völker Germaniens nur aus dem Blickwinkel der römischen Eroberer …
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Bedeutung und Entwicklung der Figur
Germania ist eine Personifikation, also die Darstellung eines Landes oder Gebiets als menschliche Figur, mit wechselnder Bedeutung. Schon in der Antike bildeten Römer die von ihnen als Einheit wahrgenommenen Völker Germaniens als Frau beziehungsweise Numen (göttliche Macht) ab und gaben der Figur den Namen des Gebiets. Seit dem Mittelalter galt sie unter Rückbezug auf die Germania magna als nationale Personifikation Deutschlands im Gebiet der deutschen Sprachen.
Im 19. Jahrhundert wurde Germania für die demokratische Bewegung zu einem nationalromantischen Sinnbild des angestrebten deutschen Nationalstaats. Zunächst konnte sie friedlich und anmutig erscheinen; später wurde sie zunehmend als wehrhafte, nationalistische Kriegerin und für Kriegspropaganda dargestellt.
Germania in der römischen Antike
Römische Darstellungen von Göttern auf Statuen, Reliefs und Münzen waren die Grundlage für geografische Personifikationen. Solche Figuren lassen sich durch Inschriften, typische Attribute, Kleidung oder Haartracht erkennen. Bei vielen Objekten bleibt die Zuordnung aber unsicher, weil Inschriften fehlen. Besonders Münzen sind wichtig, weil ihre Aufschriften und Herrscherporträts eine genaue Datierung erleichtern.
Die als „trauernde Barbarin“ bekannte Marmorstatue wurde trotz fehlender Beweise oft als Thusnelda gedeutet. Ihre Kleidung entspricht der Beschreibung germanischer Frauen bei Tacitus; außerdem ähnelt sie Germaninnen auf Reliefs der Marcussäule, des Konstantinsbogens und auf Münzen Hadrians und Mark Aurels.
Münzbilder zwischen Unterwerfung und Frieden
Römer gedachten Siegen und Eroberungen häufig auf Münzen. Besiegte Gegner erschienen etwa durch Waffen, Tiere oder Personifikationen. Beispiele sind „ARMENIA DEVICTA“, die Personifikation Afrikas mit Elefantenkappe unter Sulla um 80 v. Chr., Gallier und Gallia auf einem Denar Gaius Iulius Caesars (reg. 49–44 v. Chr.) sowie die trauernde Judäa auf Münzen Vespasians von 71 oder 72 mit der Inschrift „IUDAEA CAPTA“.
Auf Golddenaren Domitians (81–96), erstmals 84 geprägt, sitzt Germania mit entblößtem Oberkörper trauernd auf ihrem Schild und hält einen zerbrochenen Speer. Das Motiv bezog sich auf Siege über die Chatten; Domitian nahm 84 den Beinamen Germanicus an. Sesterzen zeigen außerdem ein Tropäum, also ein Siegeszeichen aus erbeuteten Waffen, mit „GERMANIA CAPTA“, einer sitzenden trauernden Germania und einem Gefangenen. Weitere Münzen zeigen Germania, wie sie Domitian ihren Schild überreicht.
Unter Hadrian (117–138) erscheint Germania dagegen aufrecht, mit Schild und Speer wie Minerva, nur mit der Aufschrift „GERMANIA“. Eine entblößte Brust ist nun kein Zeichen der Demütigung, sondern ein Kleidungsattribut: Tacitus beschrieb um 98 ärmellose Umhänge, die bei beiden Geschlechtern die Brust nicht vollständig bedeckten. Dies passt zu Hadrians Friedenspolitik, seinem Verzicht auf viele militärische Aktionen und seinen Provinzreisen. Er verstand das Reich als Gemeinschaft von Provinzen und Regionen. Nach den Markomannenkriegen zeigen Münzen Mark Aurels (161–180) und Commodus’ (180–192) mit „GERMANIA SVBACTA“ erneut die gedemütigte und trauernde Germania am Fuß eines Tropäums.
Mittelalter, Nationalbewegung und Revolution
Um das Jahr 1000 erscheint Germania als Deutschland-Personifikation im Evangeliar Ottos III. zusammen mit Roma, Gallia und Sclavinia sowie im Perikopenbuch Heinrichs II. zusammen mit Roma und Gallia.
Nach den Napoleonischen Kriegen nahm ihre Bedeutung zu, blieb gegenüber der französischen Marianne aber weitgehend unpolitisch in Bezug auf das Herrschaftssystem. Karl Ruß’ Zeichnung Hermann befreit Germania (1818) verbindet die Völkerschlacht bei Leipzig mit Arminius’ Sieg über die Römer: Die Römer stehen für die zuvor aus Deutschland vertriebenen „französischen Feinde“.
Friedrich Overbecks Italia und Germania (1828) zeigt Italien und Deutschland als einander freundlich zugeneigte Jungfrauen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbanden sich die Einigungsbestrebungen im zersplitterten Deutschland mit wachsendem Nationalismus. Dabei wurde Tacitus’ Germania als Gegenbild zum Topos des rohen, unzivilisierten und trinkfesten Deutschen benutzt: Die Germanen galten als gemeinsame, einfache, treue und tapfere Vorfahren.
Die Frankfurter Nationalversammlung tagte 1848 und 1849 unter der Germania in der Paulskirche. Die Figur hält die schwarz-rot-goldene Nationalfahne rechts und das Reichsschwert links. Sie ähnelt Philipp Veits Germania von 1836 mit Eichenlaub, Reichsschwert, Wappen des Heiligen Römischen Reichs und Kurfürstenwappen. Christian Köhlers Erwachende Germania (1849) verwendet ähnliche Attribute. Lorenz Clasen schuf 1860 mit Germania auf der Wacht am Rhein einen betont wehrhaften Typus: eine bewaffnete, walkürenhafte Germania mit Schwert und Reichsadlerschild, die nach Westen blickt; auf dem Schild steht: „Das deutsche Schwert beschützt den deutschen Rhein.“
Kaiserreich bis Gegenwart
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870 und 1871 verbreitete sich die zum Krieg gerüstete Germania stark. In der Historien- und Monumentalmalerei der Wilhelminischen Ära sollte sie nationale Geschichte vermitteln. Sie erscheint meist als glorreiche Kriegerin mit Waffen und Reichsinsignien, seltener als Trauernde für deutsche Gefallene. Sie kann als Verbindung von Walküre und „deutscher Mutter“ als Sinnbild des Vaterlands gedeutet werden. Bekannt wurde besonders Johannes Schillings Germania auf dem 1883 eingeweihten Niederwalddenkmal.
Wilhelm II. entwarf 1895 das von Hermann Knackfuß ausgeführte Bild Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter. Der Erzengel Michael warnt darin die Nationalallegorien europäischer Großmächte, darunter Germania, Mütterchen Russland, Marianne und Britannia, vor der als Buddha dargestellten „gelben Gefahr“. Friedrich August von Kaulbach stellte 1914 Germania mit Bezug auf Jeanne d’Arc als wehrhaft zu Beginn des Ersten Weltkriegs dar. Von 1900 bis 1922 gab die Reichspost eine Briefmarkenserie mit gekrönter Germania im Profil heraus. 1916 kritisierte Hermann Muthesius die Abnutzung von Sinnbildern wie Germania, Reichsadler und Viktoria.
Zur Saarabstimmung erschien am 16. Januar 1935 eine Briefmarkenreihe mit Die Saar kehrt zur Mutter Deutschland zurück. Statt einer deutlich allegorischen Figur zeigt sie eine realistische Mutter mit Tochter; nur der Eichenkranz kennzeichnet sie als Germania. Im 21. Jahrhundert ist Germania im Alltag fast bedeutungslos, kommt aber weiter in Namen vor allem älterer studentischer Verbindungen und Sportvereine vor. Im Ende März 2019 veröffentlichten Musikvideo Deutschland von Rammstein spielt die afrodeutsche Schauspielerin Ruby Commey Germania in Episoden deutscher Geschichte.