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Friedrich Meinecke
Er wurde „in der Zeit der Weimarer Republik und den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik und wohl noch mehr im westlichen Ausland …
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Bedeutung und historischer Ansatz
Friedrich Meinecke (30. Oktober 1862–6. Februar 1954) war ein deutscher Historiker und Universitätsprofessor in Straßburg, Freiburg und Berlin. In der Zeit der Weimarer Republik und in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg galt er in Deutschland und besonders im westlichen Ausland als führender Vertreter der deutschen Geschichtswissenschaft. Er gilt außerdem als Begründer beziehungsweise Erfinder der Ideengeschichte. Dieser Ansatz untersucht, wie politische und geschichtliche Vorstellungen entstehen, sich verändern und geschichtliche Entwicklungen beeinflussen.
Zu Meineckes zentralen Themen gehörten das Verhältnis von Weltbürgertum und Nationalstaat, die Staatsräson und die Entstehung des Historismus. Historismus bezeichnet in diesem Zusammenhang eine geschichtswissenschaftliche Denkweise, die historische Entwicklungen aus ihrer jeweiligen Zeit, ihren besonderen Bedingungen und den Vorstellungen der handelnden Menschen heraus verstehen will.
Eine bekannte Deutung Meineckes lautet, dass die Deutschen durch die Erfahrung der napoleonischen Besatzungszeit von „Weltbürgern“ zu „Nationalisten“ wurden. Meinecke bekannte sich selbst zu diesem Nationalismus, lehnte im Ersten Weltkrieg jedoch Annexionen über die deutschen Sprachgrenzen hinaus ab. Bis 1917 erwog er allerdings auch Umsiedlungsaktionen, bei denen polnische Großgrundbesitzer aus Westpreußen und Posen sowie Letten aus Kurland abgeschoben werden sollten.
Ausbildung, akademische Laufbahn und politisches Wirken
Meinecke studierte nach dem Abitur 1882 an der Universität Berlin Germanistik und Geschichte. 1886 promovierte er mit Das Stralendorffsche Gutachten und der Jülicher Erbfolgestreit. Zu seinen einflussreichen akademischen Lehrern gehörten Heinrich von Sybel, Heinrich von Treitschke, Johann Gustav Droysen und Wilhelm Dilthey. 1893 übernahm er auf Wunsch Sybels die Redaktion der Historischen Zeitschrift, des Hauptorgans der deutschen Geschichtswissenschaft. Nach Treitschkes Tod gab er sie von 1896 bis 1935 allein oder federführend heraus. 1896 habilitierte er sich in Berlin mit einer Biographie über Hermann von Boyen.
1901 erhielt Meinecke einen Ruf an die Universität Straßburg, 1906 an die Universität Freiburg. Seit dem Winter 1914 war er Professor in Berlin. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit wirkte er als historisch-politischer Kommentator. Ab 1915 trat er für einen Verständigungsfrieden ein. 1917 beteiligte er sich an der Gründung des Volksbundes für Freiheit und Vaterland, der ein Gegengewicht zur extremistischen Deutschen Vaterlandspartei bilden sollte. Nach dem Ersten Weltkrieg unterstützte er die neue Republik, obwohl er sich zugleich als „Herzensmonarchist“ bezeichnete und für die Zukunft ein „Vernunftrepublikaner“ sein wollte. 1918 war er Mitgründer der Deutschen Demokratischen Partei.
Meinecke war Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Akademien: Seit 1909 gehörte er der Heidelberger Akademie der Wissenschaften an, 1911 wurde er korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und 1915 ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Diese Mitgliedschaft legte er 1950 aus Altersgründen nieder. Im selben Jahr wurde er auswärtiges Mitglied der Accademia Nazionale dei Lincei.
Nach seiner Emeritierung 1932 zog sich Meinecke während des Nationalsozialismus aus öffentlichen Ämtern zurück. 1934 gab er den Vorsitz der Historischen Reichskommission auf, die 1928 auf seine Initiative gegründet worden war. 1935 schied er nach einem Angriff auf Walter Frank aus der Redaktion der Historischen Zeitschrift aus. Er veröffentlichte aber weiterhin Bücher, darunter Die Entstehung des Historismus und den ersten Teil seiner Autobiographie Erlebtes. 1862–1901.
Im März 1945 floh der 82-jährige Meinecke mit seiner Frau Antonie aus Berlin-Dahlem nach Franken. Im Sommer kam er nach Göttingen; im Juli 1946 kehrte er mit amerikanischer Hilfe und durch die Vermittlung emigrierter Schüler nach Berlin zurück. 1948 wurde er zum ersten, eher ehrenamtlichen Rektor der Freien Universität Berlin gewählt. 1949 erhielt er die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main.
Die deutsche Katastrophe und umstrittene Aussagen
Meinecke lehnte den Nationalsozialismus aus persönlicher und politischer Überzeugung ab. Dennoch empfand er die Niederlage im Zweiten Weltkrieg und die Zerstörung des Deutschen Reichs durch die Alliierten als „Die deutsche Katastrophe“. So lautet der Titel seines in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg einflussreichsten Werkes.
Dieses Werk brachte ihm in jüngster Zeit, besonders im Ausland, postume Kritik ein. Umstritten sind vor allem Passagen über die Judenemanzipation und den Antisemitismus in der Weimarer Republik. Meinecke schrieb unter anderem, viele Juden hätten den „Becher der ihnen zugefallenen Macht“ zu rasch und gierig an den Mund geführt; antisemitisch Gesinnte hätten sie deshalb als Nutznießer der deutschen Niederlage und Revolution gesehen. Zugleich schrieb er 1941 in seiner Autobiographie Erlebtes anerkennend über einige jüdische oder „jüdisch versippte“ Freunde und Kollegen. Die Bewertung Meineckes muss daher sowohl seine Ablehnung des Nationalsozialismus als auch die problematischen und umstrittenen Aussagen berücksichtigen.
Hauptwerke und Nachleben
Meineckes drei Hauptwerke sind Weltbürgertum und Nationalstaat. Studien zur Genesis des deutschen Nationalstaates (1908), Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte (1924) und Die Entstehung des Historismus (1936). In Die Entstehung des Historismus untersuchte er dessen Vorstufen und die Aufklärungshistorie sowie die Deutsche Bewegung. Weitere wichtige Schriften sind Das Zeitalter der deutschen Erhebung 1795–1815 (1906), Probleme des Weltkriegs (1917), Nach der Revolution (1919), Staat und Persönlichkeit (1933), Vom geschichtlichen Sinn und vom Sinn der Geschichte (1939), die Autobiographie Erlebtes. 1862–1901 (1941) und Ranke und Burckhardt (1948).
Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen erschien 1946 und wurde mehrfach aufgelegt sowie in zahlreiche Sprachen übersetzt. Insgesamt befasste sich Meinecke in seinen Schriften mit deutscher Geschichte, politischer Ideengeschichte, Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie. Bibliographien zu seinen Arbeiten, Festschriften, Übersetzungen und der Sekundärliteratur erschienen unter anderem 1922, 1952, 1981 und 2006.
Im Auftrag des Friedrich-Meinecke-Instituts der Freien Universität Berlin erschienen von 1957 bis 1979 neun Bände seiner Werke; 2012 folgte ein zehnter Band. Die Gesamtausgabe umfasst unter anderem seine Schriften zur Staatsräson, politische Schriften und Reden, Die Entstehung des Historismus, Texte zur Theorie und Philosophie der Geschichte, Weltbürgertum und Nationalstaat, ausgewählten Briefwechsel, Schriften zur Geschichte der Geschichtsschreibung, autobiographische Schriften sowie kleinere Schriften zu Brandenburg, Preußen und Deutschland.
Im Herbst 1951 wurde das Seminar für Mittelalterliche und Neuere Geschichte der Freien Universität Berlin in Friedrich-Meinecke-Institut umbenannt; das geschichtswissenschaftliche Institut trägt diesen Namen bis heute. Seit 2001 wird in Berlin ein Friedrich-Meinecke-Preis für historische Dissertationen verliehen. Seit 2012 vergeben ihn der Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin und die Friedrich-Meinecke-Gesellschaft.