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Herr der Fliegen

Herr der Fliegen (englischer Originaltitel: Lord of the Flies) ist ein 1954 erschienener Roman des englischen Schriftstellers William Golding.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Ausgangslage und Handlung
  2. 2. Zentrale Deutung und Symbole
  3. 3. Bezug zur Realität und Rezeption
  4. 4. Verfilmungen und kulturelle Beeinflussungen
  5. 5. Auszeichnungen und Ausgaben

Ausgangslage und Handlung

Herr der Fliegen (englischer Originaltitel: Lord of the Flies) ist ein 1954 erschienener Roman des englischen Schriftstellers William Golding. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe englischer Jungen im Alter von sechs bis zwölf Jahren, die nach einem Flugzeugabsturz auf einer unbewohnten Südseeinsel strandet. Ohne den Einfluss von Erwachsenen müssen sie eine eigene Ordnung schaffen. Dabei entwickeln sich ihre Beziehungen zunehmend zu einem gewalttätigen Konflikt.

Ralph wird zum Anführer gewählt. Er versucht, Regeln, gemeinschaftliche Treffen und die Rückkehr nach Europa zu organisieren. Unterstützt wird er von Piggy, einem intelligenten, dicklichen Jungen, und Simon, einem sensiblen Jungen, der für Visionen empfänglich ist. Eine Meeresschnecke, die Piggy findet und als Schneckentrompete verwendet, ruft die Jungen zusammen und wird zum Zeichen von Ordnung und gemeinsamer Entscheidungsfindung.

Ralph und Piggy wollen Hütten bauen und ein Signalfeuer auf der Bergspitze unterhalten, damit vorbeifahrende Schiffe die Kinder entdecken können. Jack, der Anführer des aus einer Eliteschule stammenden „Chors“, bevorzugt dagegen die Jagd auf wild lebende Schweine sowie „Spaß und Action“. Er schikaniert besonders Piggy. Immer mehr Jungen schließen sich ihm an und nennen sich „die Jäger“.

Unter den jüngeren Kindern, den sogenannten Littluns (little ones), entsteht das Gerücht von einem Monster. Tatsächlich handelt es sich bei dem vermeintlichen „Monster“ um die Leiche eines Soldaten, der bei einem Luftkampf getötet wurde, mit einem Fallschirm auf der Insel landete und in einem Baum hängen blieb. Der Wind bewegt den Fallschirm, sodass der Tote wie ein lebendiges Wesen erscheint.

Im letzten Drittel trennt sich Jack mit seinen Jägern von Ralph und errichtet auf der als „Felsenburg“ bezeichneten Halbinsel ein neues Lager. Schließlich folgt ihm die Mehrheit der Inselbewohner. Bei Ralph bleiben zunächst Piggy, Simon, die Zwillinge Sam und Eric, die als Samneric bezeichnet werden, sowie einige Jüngere. Simon entdeckt auf dem Berg die Wahrheit über das vermeintliche Monster. Als er den anderen davon berichten will, wird er während eines nächtlichen Jagdrituals selbst für das Monster gehalten und getötet.

Die Jäger werden immer gewalttätiger und entwickeln eigene Rituale. Roger, einer von ihnen, wird zum Folterer: Zunächst quält er Schweine, später auch andere Jungen. Bei Verhandlungen zwischen den Gruppen werden Sam und Eric gefesselt und zwangsweise Jacks Gruppe angeschlossen. Kurz darauf tötet Roger Piggy, indem er einen Felsbrocken von einer Klippe auf ihn rollt. Piggy stürzt mehr als zwölf Meter in die Tiefe und schlägt auf den Felsen im Meer auf.

Am Ende verfolgen Jack und seine „Krieger“ Ralph, um ihn ebenfalls zu töten. Sie setzen dabei die gesamte Insel in Brand. Im letzten Moment wird Ralph von einem Marineoffizier gerettet, der mit einem von einem Kriegsschiff abgesetzten Marinekutter anlegt.

Zentrale Deutung und Symbole

Die Hauptthematik des Romans ist nach Goldings Überzeugung die angeborene Gewaltbereitschaft des Menschen. Die Kinder erscheinen zunächst als Symbole von Unschuld und Reinheit. Je stärker jedoch der Einfluss von Zivilisation, Gesetz und Erwachsenen verschwindet, desto mehr setzt sich das „Recht des Stärkeren“ durch. Die Insel wirkt anfangs wie ein paradiesischer Ort und als neue Chance für die aus einer Kriegssituation evakuierten Kinder. Durch ihr individuelles und gemeinschaftliches Verhalten verwandeln sie sie jedoch in ein Inferno.

Zu Beginn wirkt die Sozialisation der Jungen noch als unsichtbares Tabu. Eltern, Schule, Polizei und Gesetz schützen sie und halten sie von schwerer Gewalt ab. Anfangs herrschen schulische Disziplin, Selbstbeherrschung und Zusammenarbeit. Im Verlauf der Handlung entsteht jedoch eine gefährliche Gruppendynamik: Einzelne Stimmen gehen in einem Stimmengewirr unter, und die Menge wird für logische Argumente zunehmend unzugänglich. Besonders deutlich zeigt sich das in den Scheinangriffen der Jäger auf das vermeintliche Monster und in Simons Tötung. Auch Piggys Versuch, seine gestohlene Brille zurückzuerlangen und die schwierige Lage vernünftig zu erklären, endet mit seiner Ermordung.

Die meisten Kinder besitzen keinen ausgeprägt eigenständigen Charakter und werden zu Mitläufern der attraktiv erscheinenden Jägergruppe. Der Konflikt zwischen Ralph als Vertreter von Demokratie und Zivilisation und Jack als Vertreter ungezügelter Aggression führt zu einer gnadenlosen Jagd. Die Kinder wollen die mühsamen Aufgaben des Hüttenbaus und des Signalfeuers vermeiden, während die Jagd unmittelbare Ergebnisse und Spannung bietet. Die Handlung erinnert dadurch sowohl an Thomas Hobbes’ Vorstellung vom Bellum omnium contra omnes, dem „Krieg aller gegen alle“, als auch an totalitäre und autoritäre Herrschaftssysteme. Der Roman lässt sich jedoch nicht ausschließlich als politische Kritik verstehen, weil Golding auch metaphysische und psychologische Fragen behandelt; außerdem gibt es einen Verweis auf den Kalten Krieg.

Der Titel verweist auf den „Herrn der Fliegen“, den Beelzebub beziehungsweise Ba’al Zevuv. Bei Golding wird dieser durch einen aufgespießten, von Fliegen bedeckten Schweineschädel verkörpert. Er symbolisiert die kulturferne Gewaltbereitschaft und das „Tier“ im Menschen, das darauf wartet, ihn zum Schlimmsten zu treiben.

Der tote Fallschirmspringer ist ein Zeichen aus der Welt der Erwachsenen und zugleich ein Überrest der Kriegsmaschinerie. Weil die Kinder seine Bedeutung nicht erkennen, wird er zum Furchtobjekt und verstärkt die Gewaltspirale. Die Marineoffiziere am Schluss wirken als Deus ex machina und als Symbole der Zivilisation und ihrer Autorität. Ihre bloße Anwesenheit beendet Jacks Terror, weil die Jungen in ihre gewohnten Verhaltensmuster zurückfallen. Zugleich ist der Offizier als Soldat selbst ein „Jäger“ auf einer anderen Ebene: In der Welt der Erwachsenen geht der Krieg weiter.

Bezug zur Realität und Rezeption

Der Historiker Rutger Bregman erklärt das pessimistische Menschenbild des Romans unter anderem mit dem Zeitgeist der 1960er Jahre, in dem eine neue Generation ihre Eltern zu den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs befragte. Außerdem verweist er auf Goldings Biografie und beschreibt ihn als einen zu Depressionen neigenden Alkoholiker, der als Lehrer Schüler in Gruppen aufteilte und sie zu gegenseitigen Angriffen ermutigte.

Bregman suchte nach einem realen Fall von Jugendlichen, die auf einer Insel auf sich allein gestellt waren. Im Juni 1965 entkam eine Gruppe von sechs Internatsschülern im Alter von 13 bis 15 Jahren mit einem gestohlenen Boot aus der Hauptstadt Tongas. Nach einem Unwetter strandeten sie auf der kleinen unbewohnten Insel ’Ata im Pazifik. Am 11. September 1966, nach über 15 Monaten, wurden sie von dem Australier Peter Warner, dem Kapitän einer kleinen Fischfangflotte, entdeckt und gerettet. Jahrzehnte später überprüfte Bregman die Geschichte durch Gespräche mit Warner und den noch lebenden Geretteten.

Anders als Goldings Figuren verhielten sich die Jugendlichen während ihres Aufenthalts konstruktiv. Sie kümmerten sich um einen Jungen mit gebrochenem Bein, regelten Streitigkeiten weitgehend friedlich und sorgten dafür, dass ihr Feuer nicht ausging. Der reale Fall stellt damit ein deutlich anderes Verhalten als die Gewaltentwicklung im Roman dar.

In Großbritannien wurde der Roman ähnlich wie Jerome D. Salingers Der Fänger im Roggen kontrovers diskutiert. In den USA wurde er zunächst allgemein sehr positiv aufgenommen und schnell zu einem Kultbuch. Die religiösen, psychologischen und soziologischen Aspekte blieben zunächst jedoch weitgehend unbeachtet. Ab 1974 wurde der Zugang zum Buch in verschiedenen Schulen und Schulbezirken der USA und Kanadas erschwert oder das Buch aus Bibliotheken entfernt. Zugleich gilt das Werk als Parabel über das Ende menschlicher Unschuld. Seine mythisch-symbolische Bedeutung wird durch die lyrisch geprägte Sprache verstärkt.

Verfilmungen und kulturelle Beeinflussungen

Der Roman wurde 1963 erstmals in Schwarz-Weiß verfilmt. Eine amerikanische Farbfilm-Neuverfilmung unter der Regie von Harry Hook entstand 1990 in Hawaii, Kalifornien und Port Antonio auf Jamaika. Sie lässt zwar einen Teil der Symbolik des Romans weg, arbeitet den Gegensatz zwischen Zivilisation und ungezügelter Aggression jedoch dramatisch heraus.

Eine weitere Umsetzung ist eine vierteilige Streamingserie der BBC, die am 8. Februar 2026 im Vereinigten Königreich erschien. In Deutschland soll sie am 24. Februar auf Sky ausgestrahlt werden. Die Serienform ermöglicht eine ausführlichere Behandlung; jede Episode konzentriert sich auf einen der gestrandeten Hauptcharaktere.

Inhaltlich angelehnt ist die Simpsons-Folge „Das Bus“ (deutscher Titel: „Der blöde UNO-Club“), die am 15. Februar 1998 ausgestrahlt wurde. Darin stranden Kinder der Grundschule Springfield auf einer Insel und entwickeln zunächst gesellschaftliche Strukturen, bevor chaotische Tendenzen entstehen. Die neuseeländische Fernsehserie The Tribe – Eine Welt ohne Erwachsene, produziert zwischen 1999 und 2003, greift ebenfalls die Grundidee auf: Ein Virus tötet alle Erwachsenen, woraufhin sich die Kinder zu Stämmen zusammenschließen.

Auch die US-Serie Lost enthält mehrere Parallelen: zwei Gruppen mit unterschiedlichen Anführern, wobei der eine eher für Demokratie und der andere eher für Diktatur steht, das Motiv des Fallschirmspringers im Baum und ein Inselmonster. In Lost existiert dieses Monster im Unterschied zum Roman tatsächlich. Weitere Parallelen werden zu The 100, The Society und zum ersten Teil der Maze-Runner-Serie, Die Auserwählten – Im Labyrinth, genannt.

Der Roman beeinflusste außerdem Musikwerke. 1995 veröffentlichte Iron Maiden das Lied Lord of the Flies auf dem Album The X Factor, 2008 veröffentlichte Rage ein gleichnamiges Lied. 2010 erschien Caesar von I Blame Coco mit Robyn; der Song lehnt sich thematisch an den Roman an und zitiert den Titel.

Auszeichnungen und Ausgaben

William Golding wurde 1983 für seine Romane mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Herr der Fliegen erschien unter anderem als Fischer-Taschenbuch, 50. Auflage, 2008, ISBN 978-3-596-21462-4, sowie in einer Neuübersetzung von Peter Torberg als Fischer-Klassik-Ausgabe von 2016, ISBN 978-3-596-95028-7. Eine englische Ausgabe Lord of the Flies erschien 2002 bei Petersen Buchimport, ISBN 3-88389-165-7.

Als Hörbuch liegt der Roman unter anderem in einer 2009 beim Argon Verlag erschienenen Fassung mit Andreas Fröhlich vor. Weitere Fassungen sind eine vom Autor gelesene englische Ausgabe von 2005 sowie eine gekürzte Ausgabe auf 3 CDs mit Tim Pigott-Smith von 1999. Ein Hörspiel wurde 1996 vom MDR produziert; beteiligt waren unter anderem Christoph Zapatka, Axel Wandtke, Dirk Audehm, Götz Schweighöfer und Ulrich Wildgruber. Bearbeitung, Komposition, Realisation und Regie lagen bei Gisela Pankratz, Wolfgang Lenk, Tobias Künzel von den „Prinzen“ und Joachim Staritz.

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