Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Hermann Müller (Reichskanzler)
Im Kabinett Bauer war er von 1919 bis 1920 zunächst Reichsminister des Auswärtigen, ehe er von März bis Juni 1920 kurzzeitig Reichskanzler des Deutschen Reiches …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und politischer Werdegang
Hermann Müller (* 18. Mai 1876 in Mannheim; † 20. März 1931 in Berlin), nach seinen Reichstagswahlkreisen auch Müller-Breslau und ab 1920 Müller-Franken genannt, war ein führender Politiker der SPD in der Weimarer Republik. Er war von 1919 bis 1928 einer der SPD-Vorsitzenden, von 1920 bis 1928 Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion und zweimal Reichskanzler: vom 27. März bis 6. Juni 1920 sowie ab dem 28. Juni 1928.
Besonders wichtig ist seine zweite Kanzlerschaft: Sein Rücktritt am 27. März 1930 im Streit um die Arbeitslosenversicherung beendete die letzte Reichsregierung, die auf einer parlamentarischen Mehrheit beruhte. Danach begann mit Heinrich Brüning die Zeit der Präsidialkabinette, also Regierungen, die sich vor allem auf den Reichspräsidenten und dessen Notverordnungsrecht stützten. Müller gehörte außerdem dem republikanischen Schutzverband Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an.
Herkunft und Aufstieg in der SPD
Müller verließ nach dem Tod seines Vaters 1892 die Schule ohne Abitur, machte eine kaufmännische Lehre bei Villeroy & Boch in Frankfurt am Main und arbeitete als Handlungsgehilfe in Frankfurt und Breslau. Er trat 1893 der SPD und 1894 den freien Gewerkschaften bei. Sein politisches Engagement begann unter anderem mit der Organisation von Handlungsgehilfen, also kaufmännischen Angestellten. Von 1899 bis 1906 war er Redakteur der Görlitzer Volkswacht.
In Görlitz war er von 1903/04 bis 1906 Stadtverordneter und Vorsitzender des sozialdemokratischen Unterbezirks. 1906 wurde er Parteisekretär im SPD-Vorstand und leitete das Referat für die Parteipresse. Er setzte ein SPD-Nachrichtenbüro durch, damit Parteizeitungen unabhängiger von bürgerlichen Nachrichtenagenturen wurden.
Durch Sprachkenntnisse und Reisen zu Parteitagen ausländischer sozialistischer Parteien wurde Müller zum außenpolitischen Kenner der SPD. Innerhalb der Partei galt er als Zentrist: Er grenzte sich sowohl von der Linken um Rosa Luxemburg als auch von den Revisionisten ab. Gemeinsam mit Friedrich Ebert setzte er einen Parteiausschuss als höchstes Parteigremium zwischen den Parteitagen durch.
Krieg, Revolution und Außenpolitik
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs versuchte Müller in Paris noch, ein gemeinsames Vorgehen mit der französischen Schwesterpartei zu beraten. Nach der Ermordung Jean Jaurès’ kam jedoch keine Einigung zustande. Müller erfuhr erst später, dass die SPD-Reichstagsfraktion in Berlin bereits die Zustimmung zu den Kriegskrediten beschlossen hatte.
Während des Krieges rückte Müller politisch nach rechts und unterstützte die Burgfriedenspolitik, also das Zurückstellen parteipolitischer Konflikte zugunsten des Krieges. Von 1916 bis 1918 war er Reichstagsabgeordneter für Reichenbach-Neurode. Er lehnte bürgerliche Annexionsforderungen ab und trat für die Unabhängigkeit Belgiens nach dem Krieg ein, befürwortete aber die Annahme des Diktatfriedens von Brest-Litowsk.
In der Novemberrevolution 1918 wurde Müller mit Gustav Noske nach Kiel geschickt. Vom 11. November bis 21. Dezember 1918 gehörte er dem Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlin an, danach dem Zentralrat der Deutschen Sozialistischen Republik. Dort setzte er sich für die SPD-Positionen und für eine baldige Wahl zur Nationalversammlung ein.
Als Reichsminister des Auswärtigen im Kabinett Gustav Bauer amtierte er vom 21. Juni 1919 bis zum 26. März 1920. Gemeinsam mit Johannes Bell unterzeichnete er den Versailler Vertrag. Nationalistische Gegner diffamierten ihn deshalb als Landesverräter; Müller hielt den Vertrag für kaum erträglich, aber unter den gegebenen Umständen für unvermeidbar. Zugleich verfolgte er das Ziel, den Vertrag später zu revidieren, und bereitete eine Verständigungspolitik vor, die Gustav Stresemann fortsetzte.
Opposition und erste Kanzlerschaft
Nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch wurde Müller am 27. März 1920 erstmals Reichskanzler. Seine Regierung war eine Übergangsregierung bis zur Reichstagswahl und konnte die Erwartungen auf eine reine „Arbeiterregierung“ nicht erfüllen. In ihre Amtszeit fielen die Niederschlagung des Ruhraufstands und der Unruhen in Mitteldeutschland, Bemühungen zur Auflösung rechtsgerichteter Einwohnerwehren, die zweite Sozialisierungskommission mit USPD-Vertretern sowie die Reparationskonferenz von Spa.
Die Reichstagswahl von 1920 brachte den Weimarer Koalitionsparteien eine schwere Niederlage. Da eine Regierung unter Beteiligung der USPD nicht zustande kam, ging die SPD in die Opposition. Müller führte von 1920 bis 1928 die SPD-Fraktion im Reichstag. Er vertrat die Auffassung, Opposition bedeute keine Absage an den Staat: Die SPD kritisierte etwa die Regierung Constantin Fehrenbach innenpolitisch, unterstützte aber deren Reparationspolitik.
Müller erweiterte den möglichen Handlungsspielraum der SPD. Auf dem Görlitzer Parteitag setzte er mit Otto Braun und Eduard Bernstein durch, dass eine Koalition mit der zuvor gemiedenen DVP grundsätzlich möglich war. Koalitionen betrachtete er als taktische und nicht als grundsätzliche Frage. Außenpolitisch unterstützte er weiterhin Stresemanns Annäherung an die Westmächte und den Beitritt zum Völkerbund.
Große Koalition, Rücktritt und Tod
Nach den SPD-Gewinnen bei der Reichstagswahl 1928 wurde Müller am 28. Juni 1928 erneut Reichskanzler. Im Frühjahr 1929 entstand die Große Koalition aus SPD, DDP, DVP, BVP und Zentrum. Sie war von Beginn an durch Konflikte zwischen SPD und DVP belastet. Persönlich gute Beziehungen zwischen Müller und Außenminister Stresemann halfen zunächst, die Regierung zusammenzuhalten.
Wichtige Themen waren Reparationszahlungen, die Räumung des besetzten Rheinlandes, der Young-Plan von 1929 und der Bau neuer Panzerschiffe. Die SPD war mit der Parole „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ in den Wahlkampf gezogen. Zwar stimmten ihre Minister im Kabinett dem Bau zu, um die Regierung zu erhalten, doch die SPD-Fraktionsmehrheit lehnte die Vorlage im Reichstag ab. Müller wurde dadurch innerparteilich geschwächt.
Im September 1928 erreichte Müller beim Völkerbund in Genf trotz eines Konflikts mit Aristide Briand die Zusicherung der westlichen Siegermächte, über Reparationen und die Rheinlandräumung zu verhandeln. Diese Verhandlungen bildeten eine Grundlage des Young-Plans. Dauerhafte Konflikte entstanden jedoch über Haushaltspolitik und Arbeitslosenversicherung: Die DVP verlangte Steuersenkungen und Kürzungen von Sozialleistungen, die SPD lehnte dies ab.
Müller war seit Anfang 1929 schwer krank und litt ab April an einer Gallenblasenentzündung. Dennoch führte er die Verhandlungen weiter. Am 27. März 1930 trat er zurück, weil die SPD-Reichstagsfraktion einem Kompromiss zur Arbeitslosenversicherung nicht zustimmte. Reichspräsident Paul von Hindenburg beauftragte anschließend Heinrich Brüning mit der Regierungsbildung. Nach den Erfolgen der NSDAP bei der Reichstagswahl im September 1930 rief Müller die SPD zur Tolerierung der Regierung Brüning auf.
Müller starb am 20. März 1931 an den Folgen einer Gallenoperation. Mindestens 50 000 Menschen nahmen an seinem Trauerzug in Berlin teil, weitere 350 000 säumten den Weg. Er wurde auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg beigesetzt.