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Heinrich Brüning

... Präsidialkabinette“ begann. Die erste Aufgabe des neuen Kabinetts war der Ausgleich des defizitären Haushalts. Zwar waren die Auswirkungen der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Herkunft, Studium und Krieg
  2. 2. Vom Gewerkschaftsfachmann zum Reichskanzler
  3. 3. Regieren mit Notverordnungen
  4. 4. Sturz und Verhalten gegenüber der NSDAP
  5. 5. Exil, Nachwirkung und Quellen

Herkunft, Studium und Krieg

Heinrich Aloysius Maria Elisabeth Brüning wurde am 26. November 1885 in Münster geboren und starb am 30. März 1970 in Norwich, Vermont. Er war das jüngste von sechs Kindern eines Essigfabrikanten und Weinhändlers. Sein Vater starb, als Brüning ein Jahr alt war. Brüning wuchs katholisch-konservativ geprägt auf.

Nach dem Abitur am Gymnasium Paulinum in Münster im März 1904 studierte er zunächst Jura in München. Ab 1906 belegte er in Straßburg Philosophie, Geschichtswissenschaften, Germanistik und Staatswissenschaften. 1911 legte er die Staatsprüfung für das höhere Lehramt ab, trat den Beruf aber nicht an. Danach studierte er Nationalökonomie, zunächst in Rostock, dann an der London School of Economics and Political Science und ab 1913 in Bonn. 1915 promovierte er mit einer Arbeit über die finanzielle, wirtschaftliche und gesetzliche Lage der englischen Eisenbahn und die Frage ihrer Verstaatlichung.

Im Ersten Weltkrieg meldete sich Brüning 1915 freiwillig zur Infanterie, obwohl seine körperliche Konstitution und Kurzsichtigkeit bei der Musterung Bedenken ausgelöst hatten. Er wurde Leutnant der Reserve, später Kompanieführer der MG-Scharfschützen-Abteilung 12, und erhielt wegen seiner Tapferkeit das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse. Nach dem Waffenstillstand wurde er in einen Soldatenrat gewählt, blieb aber Gegner der Novemberrevolution.

Vom Gewerkschaftsfachmann zum Reichskanzler

Nach dem Krieg gab Brüning seine geplante akademische Laufbahn auf und wandte sich der Politik zu. 1919 arbeitete er für den katholischen Sozialpolitiker Carl Sonnenschein und unterstützte entlassene Soldaten bei Studium und Beruf. 1920 wurde er Referent des preußischen Wohlfahrtsministers Adam Stegerwald. Von 1920 bis 1930 war Brüning Geschäftsführer des christlichen Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Seit 1924 gehörte er dem Reichstag an und wurde finanzpolitischer Sprecher der Zentrumsfraktion. 1925 setzte er mit der sogenannten „lex Brüning“ eine Begrenzung der Lohnsteuer auf 1,2 Milliarden Reichsmark durch. Von 1928 bis zum 12. Juli 1929 war er außerdem Mitglied des Preußischen Landtages. 1929 übernahm er den Vorsitz der Zentrumsfraktion im Reichstag und verband die Zustimmung seiner Partei zum Young-Plan mit Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen zum Ausgleich des Haushalts. Dieses Vorgehen wurde als „Junktim“ bezeichnet.

Nach dem Rücktritt des Kabinetts Müller am 27. März 1930 beauftragte Reichspräsident Paul von Hindenburg Brüning mit der Regierungsbildung. Zwei Tage später wurde Brüning Reichskanzler; am 1. April stellte er das Kabinett Brüning I vor. Hindenburg erwartete ein „antiparlamentarisches“ und „antimarxistisches“ Kabinett. Brüning war bereit, notfalls gegen das Parlament zu regieren. Damit begann die Zeit der Präsidialkabinette: Regierungen, die nicht auf einer festen parlamentarischen Koalition beruhten, aber formal verfassungskonform handeln sollten.

Die wichtigste Aufgabe war der Ausgleich des defizitären Haushalts. Wegen des Young-Plans und der Reparationsforderungen durfte die Reichsmark weder abgewertet noch die Wirtschaft durch Konjunkturprogramme angekurbelt werden. Nachdem der Reichstag Brünings erstes Sanierungsprogramm ablehnte, setzte er es am 16. Juli 1930 durch eine Notverordnung nach Artikel 48 der Weimarer Verfassung in Kraft. Der Reichstag hob sie am 18. Juli auf. Daraufhin löste Hindenburg ihn nach Artikel 25 auf. Bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930 stieg die Zahl der NSDAP-Mandate von 12 auf 107; die Partei wurde zweitstärkste Fraktion. Die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten verschärften sich.

Regieren mit Notverordnungen

Nach der Wahl gewann Brüning die Duldung der SPD. Diese stimmte nicht für seine Notverordnungen, verhinderte aber regelmäßig deren Aufhebung, um Neuwahlen und weitere Erfolge der NSDAP zu vermeiden. Eine solche Zusammenarbeit wurde „Tolerierungskoalition“ genannt. Der Reichstag wurde immer seltener einberufen; Brüning erließ während seiner Amtszeit 62 Notverordnungen.

In vier großen Notverordnungen betrieb seine Regierung eine Spar- und Deflationspolitik. Deflation bedeutet hier eine Politik, die durch höhere Steuern, geringere staatliche Leistungen sowie sinkende Löhne und Gehälter die Ausgaben und Preise drücken sollte. Brüning hoffte, dadurch den deutschen Export zu stärken und die Reichsfinanzen zu sanieren. Da die Handelspartner ebenfalls sparten und ihre Zölle erhöhten, verschärfte diese prozyklische Politik jedoch die Wirtschaftskrise.

Umstritten ist, ob Brüning die Deflation vor allem betrieb, um den Alliierten die Unfähigkeit Deutschlands zur Zahlung der Reparationen zu beweisen. Viele Historiker nehmen einen solchen „Primat der Reparationspolitik“ an; andere bezweifeln ihn. Brüning und seine Mitarbeiter erklärten, sie hätten die Finanzkrise überwinden und eine neue Inflation verhindern wollen.

Außenpolitisch plante die Regierung im Frühjahr 1931 eine Zollunion mit Österreich. Frankreich lehnte dies ab, weil es darin einen möglichen Versuch sah, das Anschlussverbot des Versailler Vertrags zu umgehen. Französische Banken zogen daraufhin Geld aus Deutschland und Österreich ab. Ein Aufruf der deutschen Regierung vom Juni 1931, in dem die Reparationen als „Tribute“ bezeichnet wurden, verstärkte zusammen mit einem Besuch in Großbritannien den Eindruck eines bevorstehenden Konflikts. Die Kreditabzüge nahmen zu.

US-Präsident Herbert Hoover schlug am 20. Juni 1931 ein Moratorium für deutsche Reparationen und interalliierte Kriegsschulden vor. Die Verhandlungen dauerten jedoch mehrere Wochen. Am 13. Juli 1931 mussten alle deutschen Großbanken für mehrere Tage schließen. Im Februar 1932 waren offiziell 6 Millionen Deutsche arbeitslos, real wahrscheinlich sogar 8 Millionen; 37 % der Erwerbsbevölkerung waren ohne Beschäftigung. Die Konferenz von Lausanne brachte erst im Sommer 1932, nach Brünings Entlassung, die faktische Streichung der Reparationen gegen eine nie geleistete Restzahlung von drei Milliarden Goldmark. Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit kaufte die Regierung von Friedrich Flick ein Aktienpaket der Gelsenberg-AG im Nominalwert von 100 Millionen RM. Diese Transaktion wurde als Gelsenberg-Affäre bekannt.

Sturz und Verhalten gegenüber der NSDAP

Im Frühjahr 1932 verlor Brüning zunehmend die Unterstützung Hindenburgs, der ein rein rechtes Kabinett ohne SPD-Duldung wollte. Brüning hatte Hindenburg zwar im Wahlkampf zur Wiederwahl am 10. April 1932 verholfen, doch Hindenburg missbilligte, dass dafür Katholiken und Sozialdemokraten notwendig gewesen waren. Das SA-Verbot vom 13. April 1932 durch Innen- und Wehrminister Wilhelm Groener verschärfte den Konflikt mit der Reichswehrführung und General Kurt von Schleicher. Groener trat am 13. Mai zurück.

Brünings Regierung plante eine fünfte Notverordnung und erwog, Arbeitslose auf dem Land anzusiedeln. Das Land sollte durch ein Ende der Osthilfe gewonnen werden, also der Subventionen für überschuldete ostdeutsche Großgüter. Nicht mehr entschuldungsfähige Güter sollten zwangsversteigert und ihre Flächen durch eine staatliche Auffanggesellschaft für Siedlungen genutzt werden. Ostdeutsche Agrarier und konservative Politiker bekämpften den Plan; die DNVP bezeichnete ihn als „vollendeten Bolschewismus“. Hindenburg, der selbst Gut Neudeck besaß, erklärte am 29. Mai 1932, keine Notverordnung mehr zu unterzeichnen. Brüning trat am 30. Mai 1932 zurück. Der Streit wurde später mit dem Begriff Osthilfeskandal verbunden.

Brüning unterschätzte zunächst wie viele Zeitgenossen die Gefahr des Nationalsozialismus. Er wollte die NSDAP durch politische Verantwortung zähmen und war zeitweise offen für eine Koalition von Zentrum und NSDAP. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler lehnte das Zentrum dessen nachträgliches Koalitionsangebot jedoch ab, was Brüning unterstützte. Gegen das Ermächtigungsgesetz war seine Haltung zunächst eindeutig ablehnend. Nach nicht vollständig schriftlich fixierten Zusagen Hitlers, unter anderem zum Reichskonkordat mit Rom und zur Zusammenarbeit mit den christlichen Kirchen, stimmte die Zentrumspartei einschließlich Brüning am 23. März 1933 zu. Brüning wurde am 5. Mai 1933 Vorsitzender des Zentrums und löste die Partei am 5. Juli 1933 auf, um einem Verbot durch die Nationalsozialisten zuvorzukommen.

Exil, Nachwirkung und Quellen

Nach seinem Rücktritt hielt sich Brüning zunächst im Untergrund auf und ging über die Niederlande in die Vereinigten Staaten. Im Mai 1934 verließ er Deutschland endgültig, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen. Er lebte zunächst in Großbritannien und der Schweiz und diktierte Teile seiner Memoiren. 1935 übersiedelte er in die USA. An der Harvard University erhielt er 1937 einen Lehrauftrag und wurde 1939 ordentlicher Professor für Verwaltungswissenschaft. 1951 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde Professor für Politische Wissenschaft an der Universität zu Köln; 1953 wurde er emeritiert. 1955 ging er wegen seiner Unzufriedenheit mit der Politik Konrad Adenauers wieder in die USA. Seine Memoiren erschienen wegen ihrer politischen Brisanz erst nach seinem Tod 1970.

In den Memoiren stellte Brüning sich als kühlen Strategen dar, der Deutschland durch die Streichung der Reparationen, militärische Gleichberechtigung und anschließend die Wiedereinführung der Monarchie vor dem Nationalsozialismus hätte bewahren wollen. Neuere Forschung bewertet diese Darstellung vielfach als nachträgliche Selbstrechtfertigung. Andreas Rödder zufolge folgte Brüning häufig seinen „inneren Wahrnehmungen“ und habe äußere Tatbestände „erfunden“; seine behaupteten langfristigen Pläne gelten daher als unglaubwürdig.

Brüning starb im Alter von 84 Jahren in Norwich und wurde am 8. April 1970 auf dem Zentralfriedhof in Münster beigesetzt. Münster ernannte ihn zum Ehrenbürger und benannte eine Straße nach ihm; auch in einigen westdeutschen Städten gibt es Straßen oder Plätze mit seinem Namen. 1938 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.

Seine historische Bewertung ist umstritten. Einerseits gilt er als „Hungerkanzler“, weil seine Spar- und Deflationspolitik die Krise verschärfte und das Regieren mit Notverordnungen die Demokratie aushöhlte. Andererseits wird ihm zugerechnet, dass die deutschen Reparationsverpflichtungen faktisch gestrichen wurden. Historiker diskutieren deshalb, ob Brüning ein „letztes Bollwerk“ der Republik oder ihr „Totengräber“ war; beide Einschätzungen können sich durch seine autoritären Schutzmaßnahmen zugleich erklären.

Brünings Hauptnachlass, die „Brüning Papers“, wurde 1990 mit 15 Kartons und elf Regalmetern Material an die Harvard University Archives übergeben und 1993 der Forschung zugänglich gemacht. Er enthält unter anderem persönliche und politische Korrespondenzen, Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg, Unterlagen aus der Studienzeit, Kalender aus der Kanzlerzeit und verschiedene Fassungen seiner Memoiren. Zu seinen wichtigen Veröffentlichungen zählen „Zwei Jahre am Steuer des Reichs“ von 1932 sowie „Memoiren. 1918–1934“, das 1970 erschien.

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