Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Friedensvertrag von Brest-Litowsk

Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten, insbesondere dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung des Friedensvertrags
  2. 2. Ausgangslage und Ziele
  3. 3. Verhandlungen und Trotzkis Strategie
  4. 4. Deutsche Offensive und Vertragsbedingungen
  5. 5. Folgen, Bewertung und Haltung der Entente

Kern und Bedeutung des Friedensvertrags

Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurde am 3. März 1918 zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten unterzeichnet, besonders dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich. Er beendete den Ersten Weltkrieg an der Ostfront: Russland schied aus dem Krieg aus, während vor allem die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) ihre Vorstellungen einer territorialen Neuordnung Osteuropas durchsetzen konnte.

Dem Vertrag gingen ein Waffenstillstand an der Ostfront vom 15. Dezember 1917 und lange, zunächst ergebnislose Verhandlungen voraus. Die Ukraine hatte bereits am 9. Februar 1918 einen eigenen Separatfrieden mit den Mittelmächten geschlossen. Dieser wurde wegen zugesagter umfangreicher Getreidelieferungen auch „Brotfrieden von Brest-Litowsk“ genannt.

Der Vertrag wurde unter militärischem Druck geschlossen, nachdem die Mittelmächte in der Operation Faustschlag große Teile des ehemaligen Russischen Kaiserreichs besetzt hatten. Die Bolschewiki akzeptierten ihn trotz Protesten, weil sie die Ergebnisse der Oktoberrevolution und ihre eigene Herrschaft nicht gefährden wollten. In der Sowjetunion und später in der DDR hieß er deshalb „Raubfrieden von Brest-Litowsk“. Zeitgenossen betrachteten ihn auf beiden Seiten als einseitigen Diktatfrieden. Nach heutigem Forschungsstand waren seine Bedingungen für Russland härter als die des späteren Versailler Vertrags für Deutschland.

Deutschland wollte die an der Ostfront frei werdenden Truppen an die Westfront verlegen. Am 21. März 1918 begann dort das Unternehmen Michael, die letzte deutsche Offensive im Westen. Sie scheiterte im Sommer. Im Waffenstillstandsabkommen vom 11. November 1918 wurde der Vertrag von Brest-Litowsk annulliert.

Ausgangslage und Ziele

Nach der Oktoberrevolution 1917 waren die Bolschewiki in Russland an die Macht gekommen. Nach drei wenig erfolgreichen Kriegsjahren war die Bevölkerung kriegsmüde; die Losung „Brot und Frieden“ fand Unterstützung. Die russischen Truppen lösten sich auf, die Wirtschaft lag weitgehend am Boden. Die Bolschewiki brauchten daher eine Atempause, um ihre Herrschaft zu stabilisieren und gegen den wachsenden Widerstand im Land vorzugehen.

Für die Mittelmächte war ein Frieden im Osten ebenfalls wichtig. Deutschland war besonders durch den ergebnislosen Krieg an der Westfront erschöpft. Ein Frieden beendete den Zweifrontenkrieg und sollte den Einsatz aller verfügbaren Kräfte im Westen ermöglichen. Deutschland unterstützte außerdem separatistische, also auf Abtrennung gerichtete, Bestrebungen: Die Ukraine sollte von Russland getrennt werden, damit die Mittelmächte besser auf ihre Ressourcen zugreifen konnten.

Die Bolschewiki wollten die Verhandlungen zugleich für Propaganda zugunsten einer Weltrevolution nutzen. Ihre Delegation hoffte, die Mittelmächte würden bald von den Alliierten geschlagen; dann wären russische Zugeständnisse unnötig. Deshalb versuchte sie, die Gespräche zu verzögern und die Weltöffentlichkeit von ihrer Friedfertigkeit zu überzeugen. Die deutsche Seite reagierte darauf schließlich mit einem schnellen Truppenvormarsch.

Verhandlungen und Trotzkis Strategie

Als Ort der Verhandlungen wurde die nahe der Front gelegene, deutsch besetzte russische Festungsstadt Brest-Litowsk gewählt. Dem war ein Waffenstillstandsvorschlag Trotzkis vom 28. November 1917 vorausgegangen: Die Entente lehnte ihn ab, die Mittelmächte stimmten zu. Am 9. Dezember trafen die Delegationen erstmals zusammen. Die bolschewistische Delegation forderte den Verzicht auf Annexionen, die schnelle Räumung besetzter Gebiete, das Selbstbestimmungsrecht der Völker und den Verzicht auf Reparationen.

Die Verhandlungen hatten zwei Phasen. In der ersten war Russland formal gleichberechtigter Partner; sie wurde auf deutscher Seite vor allem von Diplomaten um Richard von Kühlmann geführt. In der zweiten Phase, nach der militärischen Niederlage Sowjetrusslands, setzte die OHL unter Erich Ludendorff ihre Bedingungen durch. Ihr Bevollmächtigter war General Max Hoffmann. Zunächst führte Adolf Abramowitsch Joffe die sowjetrussische Delegation, ab dem 7. Januar 1918 Leo Trotzki.

Trotzki sollte die Gespräche bewusst verlangsamen, um Arbeiter in Deutschland, Österreich-Ungarn und den Ententeländern für die Sowjetrevolution und die Friedenspolitik der Bolschewiki zu gewinnen. Hoffmann verlangte dagegen unter anderem die Unabhängigkeit Polens sowie der baltischen Gebiete Litauen und Livland. Währenddessen erkannte die OHL die ukrainische Volksrepublik an und schloss mit ihr am 9. Februar 1918 den „Brotfrieden“.

Am 10. Februar erklärte Trotzki, Russland beende den Kriegszustand mit den Zentralmächten, werde aber keinen „annexionistischen Vertrag“ unterzeichnen; zugleich sollten die russischen Truppen vollständig demobilisiert werden. Diese Linie nannte er „weder Krieg noch Frieden“. Die deutsche Delegation warnte, ohne Friedensvertrag würden die Kämpfe wieder beginnen. Trotzki hielt einen erneuten deutschen Angriff für unwahrscheinlich; diese Einschätzung erwies sich als Irrtum.

Deutsche Offensive und Vertragsbedingungen

Deutschland erklärte den Waffenstillstand am 17. Februar 1918 für beendet und begann die Operation Faustschlag. Die deutschen Truppen stießen schnell vor und trafen fast auf keinen Widerstand. Schon am 19. Februar bat Sowjetrussland um Frieden. Die neuen deutschen Forderungen sahen die Räumung Finnlands, Livlands, Estlands und der Ukraine sowie die vollständige Demobilisierung der russischen Armee vor. Russland erhielt nur 48 Stunden für eine Antwort und höchstens drei Tage für Verhandlungen.

In der bolschewistischen Führung war die Lage umstritten: Bucharin wollte den Krieg fortsetzen, Trotzki war unentschlossen. Lenin setzte die Annahme der Forderungen unter Androhung seines Rücktritts durch. Der Vertrag wurde am 3. März 1918 unterzeichnet und am 15. März vom 4. Außerordentlichen Sowjetkongress in Moskau ratifiziert.

Sowjetrussland verzichtete auf Hoheitsrechte in Polen, Litauen und Kurland. Estland, Livland und fast ganz Weißrussland westlich des Dnepr blieben deutsch besetzt. Die Ukraine und Finnland wurden als selbstständige Staaten anerkannt. Armenien, Ardahan, Kars und das georgische Batumi mussten an das Osmanische Reich abgetreten werden. Zwar verzichteten die Mittelmächte auf Annexionen und Reparationen, doch die abzutretenden Gebiete umfassten 1,42 Millionen km² und rund 60 Millionen Menschen, mehr als ein Drittel der Bevölkerung des früheren Russischen Reiches.

Die Angaben zu den Verlusten werden im Artikel unterschiedlich beziffert. Einmal werden 26 % des europäischen Territoriums, 27 % des anbaufähigen Landes, 26 % des Eisenbahnnetzes, 33 % der Textilindustrie, 73 % der Eisenindustrie und 73 % der Kohlegruben genannt. In der Bewertung erscheinen 34 % der Bevölkerung, 54 % der Industrie, 89 % der Kohlevorkommen sowie die gesamte Erdöl- und Baumwollproduktion. Am 27. August 1918 verpflichtete ein Ergänzungsabkommen Sowjetrussland außerdem zu einer Entschädigung von sechs Milliarden Goldmark für zuvor enteignete deutsche Vermögenswerte.

Folgen, Bewertung und Haltung der Entente

Der Vertrag verschaffte den Bolschewiki die benötigte Atempause, um ihre Macht in Russland und den weiterhin von Russland beherrschten Teilen des ehemaligen Zarenreiches zu festigen. Die Linken Sozialrevolutionäre verließen wegen ihrer Ablehnung des Vertrags das Kabinett Lenins; dadurch wuchsen der Einfluss der Bolschewiki und zugleich innerbolschewistische Spannungen. Die Hoffnung der Mittelmächte, durch den Frieden im Osten die Entscheidung im Westen herbeizuführen, erfüllte sich nicht: Truppen blieben im Osten gebunden, erwartete Rohstoff- und Lebensmittellieferungen blieben weit hinter den Erwartungen zurück, und die USA stärkten die Entente.

Der Vertrag gilt als durch militärischen Vormarsch erzwungener Gewaltfrieden, nicht als Verständigungsfrieden. Deutsche Vertreter verwiesen darauf, dass in den abgetretenen Gebieten nichtrussische Völker nach Unabhängigkeit strebten und damit das Selbstbestimmungsrecht der Völker verwirklicht werde. Der Artikel betont jedoch, dass Brest-Litowsk keine zeitliche Begrenzung der ausländischen Besatzung vorsah, anders als Versailles. Nach der Annullierung sollten deutsche Truppen sich grundsätzlich auf die Grenze von 1914 zwischen Preußen und Kongresspolen zurückziehen; im Baltikum und in der Ukraine sollten sie zunächst auf Anweisungen der alliierten Sieger warten. Die Ukraine wurde 1919 und 1920 schrittweise von der Roten Armee zurückerobert; Finnland blieb unabhängig.

Die Entente-Staaten waren unsicher, wie stark Deutschland nach dem Frieden sein würde und ob Sowjetrussland mit ihm zusammenarbeiten könnte. Großbritannien fürchtete besonders einen deutschen Zugriff auf die Ölfelder am Kaspischen Meer und einen Vormarsch Richtung Britisch-Indien. Die Alliierten versuchten zunächst erfolglos, Sowjetrussland zum Weiterkämpfen zu bewegen. Drei Tage nach dem Vertrag landeten 130 britische Marinesoldaten in Archangelsk; später standen im September 1918 etwa 15.000 alliierte Soldaten in Murmansk und etwa 7000 in Archangelsk. Sie wollten unter anderem Material sichern, das Russland von der Entente erhalten hatte. Die Interventionen verwickelten die Alliierten in den Russischen Bürgerkrieg, blieben aber unkoordiniert und erfolglos.

Weiterlesen

Friedensvertrag Ein Friedensvertrag ist ein völkerrechtlicher Vertrag zwischen Kriegsparteien, der den Kriegszustand beendet (Frieden) und einen Friedensschluss … Deutsches Kaiserreich Die innen- und außenpolitische Entwicklung des Reichs wurde von 1871 bis 1890 von seinem ersten und am längsten amtierenden Kanzler, Otto von Bismarck, bestimmt … Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde. Ostfront (Erster Weltkrieg) Die Ostfront war im Ersten Weltkrieg der Hauptschauplatz der Kriegshandlungen der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn mit Russland. Russisches Kaiserreich Geschichte · Zar Peter I. als Kaiser (seit 1721) · Das Zeitalter der Kaiserinnen · Die entwickelte Autokratie (1796 bis 1855) · Kaiser Alexander II. „der Befreier“ … Oktoberrevolution November 1917 war die gewaltsame Machtübernahme durch die kommunistischen Bolschewiki unter Führung Wladimir Iljitsch Lenins in Russland. Sie beseitigte die aus … Westfront (Erster Weltkrieg) Die Westfront entstand nach dem Erstarren der deutschen und alliierten Fronten zum Stellungskrieg im Oktober/November 1914. Sie verlief von der Nordseeküste … Max Hoffmann Carl Adolf Maximilian Hoffmann (* 25. Januar 1869 in Homberg; † 8. Juli 1927 in Bad Reichenhall) war ein deutscher Generalmajor, der im Ersten Weltkrieg … Selbstbestimmungsrecht der Völker Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist ein völkerrechtlicher Grundsatz. Er besagt, dass jedes Volk das Recht hat, frei über seinen politischen Status, … Estland Als nördlichster der drei baltischen Staaten grenzt er im Süden an Lettland, im Osten an Russland und im Norden und Westen an die Ostsee. Über den Finnischen … Ukraine Die Ukraine (ukrainisch Ukrajina [ʊkraˈjina]; im Deutschen [ ʊkʁaˈiːnə] oder [ ʊˈkʁaɪ̯nə]) ist ein Staat in Osteuropa mit knapp 39 Millionen Einwohnern. Finnland Finnland grenzt an Schweden, Norwegen, Russland und die Ostsee. Republik Finnland. Suomen tasavalta (finnisch) Republiken Finland (schwedisch) …