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Märchen

Märchen (Diminutiv zu mittelhochdeutsch mære „Kunde, Bericht, Nachricht“) sind Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Merkmale und Bedeutung
  2. 2. Volksmärchen, Kunstmärchen und Parodie
  3. 3. Aufbau und moralische Funktion
  4. 4. Alter, Überlieferung und historische Prägung
  5. 5. Forschung und Deutungsansätze
  6. 6. Märchen in verschiedenen Kulturen und ihre Pflege

Begriff, Merkmale und Bedeutung

Märchen sind Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen. Sie gehören zu den ältesten und wichtigsten Gattungen der mündlichen Überlieferung und kommen in allen Kulturkreisen vor. Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff besonders durch die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm geprägt. Märchenerzählen wurde 2010 in Österreich und im Dezember 2016 in Deutschland als Immaterielles Kulturerbe anerkannt.

Märchen sind frei erfunden; ihre Handlung ist gewöhnlich weder zeitlich noch räumlich festgelegt. Dadurch unterscheiden sie sich von Sage und Legende, obwohl besonders die Grenze zur mythologischen Sage unscharf ist. Friedrich Panzer betrachtete etwa Dornröschen als märchenhaft „entschärfte“ Fassung der Brünnhilden-Sage: Die Waberlohe werde zur Rosenhecke verniedlicht, die Nornen würden zu Feen verharmlost.

Typische Merkmale sind formelhafte Anfänge und Schlüsse wie „Es war einmal …“ und „Und wenn sie nicht gestorben sind …“, übernatürliche Eingriffe in den Alltag, sprechende oder verwandelte Tiere sowie Hexen, Zauberer, Zwerge, Riesen, Drachen, Feen und andere Fabelwesen. Meist verläuft die Handlung klar und einsträngig. Häufig gibt es einen dreiteiligen Aufbau mit einer Steigerung im dritten Abschnitt, beispielsweise drei Aufgaben oder drei Geschwister. Wiederkehrende Rollen sind Held, Gegenspieler und Helfer.

Trotz ihrer fantastischen Elemente spiegeln Märchen gesellschaftliche Verhältnisse: Herrschaft und Knechtschaft, Armut und Hunger, Familienstrukturen und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Nach ihrer schriftlichen Fixierung wurden sie nicht mehr hauptsächlich mündlich weitergegeben, sondern durch Bilder, Übersetzungen, Nacherzählungen, Parodien, Theaterstücke, Filme und Vertonungen verbreitet.

Volksmärchen, Kunstmärchen und Parodie

Volksmärchen haben keinen feststellbaren Urheber. Sie wurden lange ausschließlich mündlich überliefert und existieren deshalb in zahlreichen Varianten. Je älter und weiter verbreitet ein Märchen ist, desto zahlreicher können diese sein. Schriftliche Literatur beeinflusste die Erzählweise bereits im Mittelalter; seit der Verbreitung des Buchdrucks am Ende des 15. Jahrhunderts gewann die schriftliche Überlieferung weiter an Bedeutung.

Volksmärchen kennen im üblichen Sinn weder Originale noch Nachahmungen. Ihre Handlungseinheiten werden immer wieder neu kombiniert. Deshalb ist beispielsweise das arabische Märchen Der Fischer und der Geist nicht die Vorlage des deutschen Märchens Der Geist in der Flasche; beide verwenden lediglich dieselbe zentrale Handlungseinheit.

Kunstmärchen oder Moderne Märchen sind dagegen bewusste Schöpfungen bekannter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Sie können Motive aus Volksmärchen übernehmen, erfinden aber meist neue fantastische Geschichten. Inhalt und Gestaltung werden von der Weltanschauung des jeweiligen Autors und von literarischen Strömungen geprägt. In der Romantik erreichte das Kunstmärchen einen frühen Höhepunkt. Clemens Brentano und Ludwig Tieck schufen künstliche, dramatische oder satirische Bearbeitungen; die Spätromantik bevorzugte wieder einen einfacheren Märchenton.

Wilhelm Hauff verband seine Kunstmärchen mit Abenteuern in unterschiedlichen Schauplätzen. Hans Christian Andersen beschrieb Orte genauer als Volksmärchen und holte das Wunderbare in die Alltagswirklichkeit. Obwohl seine oft traurigen Geschichten vor allem als Kinderliteratur galten, verstand er sich als Autor für alle Altersklassen. Oscar Wilde nutzte Märchen für Sozialkritik. Carlo Collodis Pinocchio und Selma Lagerlöfs Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen erzählen von der Erziehung eines unartigen Kindes durch schmerzliche Erfahrungen.

Märchenparodien verändern bekannte Vorlagen und können sich auf ein oder mehrere Märchen beziehen. Beispiele sind Roald Dahls Konfetti, Walter Moers’ Ensel und Krete sowie die Filme Shrek – Der tollkühne Held und Die Rotkäppchen-Verschwörung.

Aufbau und moralische Funktion

Viele Märchen ordnen die Welt durch Gegensätze wie Gut und Böse, stark und schwach oder arm und reich. Die Figuren besitzen meist keine ausführlich dargestellte Innenwelt; ihr Charakter zeigt sich an ihrem Verhalten. Im Mittelpunkt steht häufig ein Held oder eine Heldin, der oder die natürliche und übernatürliche Auseinandersetzungen bestehen muss. Oft handelt es sich um ein Kind, den benachteiligten jüngsten Sohn oder eine andere zunächst schwache Figur. Klugheit, List, Naivität oder Angstfreiheit können stärker sein als Macht und gesellschaftlicher Rang. Ausnahmen von der eindeutigen Einteilung sind ambivalente Trickster und Tiere, die „gut mit den Guten und bös mit den Bösen“ umgehen.

Nach André Jolles vermitteln Märchen weniger eine Handlungsethik, die einzelne Absichten und Taten moralisch beurteilt, als eine Geschehensethik. Das Publikum empfindet Befriedigung, wenn eine ungerechte Ausgangslage durch den Verlauf der Handlung ausgeglichen wird. Benachteiligte gewinnen Glück, während Bevorzugte ihren Vorsprung verlieren. Dies bedeutet nicht, dass Benachteiligte immer tugendhaft und Bevorzugte stets böse wären. Entscheidend ist die Wiederherstellung eines naiven Gerechtigkeitsgefühls, häufig unterstützt durch Wunder. Die unbestimmten Orte und Zeiten sowie die oft namenlosen und austauschbaren Figuren drängen individuelle Motive in den Hintergrund.

In literarisch bearbeiteten Märchen werden die Guten in der Regel belohnt und die Bösen bestraft. In Die Sterntaler erhält das selbstlose Mädchen für seine weggegebenen Güter Sterne, die zu Talern werden, und bleibt reich. In Aschenputtel verlieren die falschen Schwestern als Strafe für Bosheit und Falschheit durch Tauben beide Augen. Das Böse kann sich auch selbst vernichten: In Hänsel und Gretel wird die Hexe durch ihre eigene Fresssucht besiegt.

Alter, Überlieferung und historische Prägung

Märchen reichen weiter in die Menschheitsgeschichte zurück als andere literarische Formen. Zu den ältesten Typen zählen Zaubermärchen, deren Strukturen auch in griechischen und lateinischen Mythen vorkommen. Eine 2016 veröffentlichte Untersuchung von Sara Graça da Silva und Jamshid J. Tehrani kam durch Sprachvergleiche zu dem Ergebnis, dass sich die Wurzeln einzelner Märchen wie Der Schmied und der Teufel wahrscheinlich bis zu 6000 Jahre zurückverfolgen lassen.

Schon frühe Hochkulturen hinterließen märchenhafte Texte. Das Gilgamesch-Epos enthält bekannte Märchenmotive; das Alte Ägypten kannte Zauber- und Tiergeschichten. Indien vermittelte Erzählstoffe zwischen Asien und dem Vorderen Orient. Die frühere These Theodor Benfeys, europäische Märchen seien insgesamt indischen Ursprungs, gilt jedoch als überholt. Gleiche Motive können in weit voneinander entfernten Kulturen auftreten, zugleich spiegeln Märchen stets soziale Wirklichkeiten ihres jeweiligen Umfelds.

Johannes Merkel verbindet west- und mitteleuropäische Märchen mit der extremen Ausbeutung ländlicher Unterschichten durch die Leibeigenschaft. Motive wie Tischlein deck dich, reichliches Essen sowie Silber und Gold drücken die unerfüllbare Hoffnung auf ein besseres Leben aus. Giambattista Basiles Il Pentamerone aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gilt als erste große europäische Volksmärchensammlung; Charles Perraults Histoires ou contes du temps passé folgte 1697. Beide Sammlungen wurden deutlich durch ihre Herausgeber gestaltet.

Im 19. Jahrhundert fixierten Sammler viele mündlich überlieferte Märchen schriftlich. Die Brüder Grimm überarbeiteten ihre Texte sprachlich, verharmlosten sie teilweise und beeinflussten sie christlich-sentimental. Dennoch blieben viele brutale Motive wie Kindermord, Geschwisterrivalität oder die böse Stiefmutter erhalten. Die überlieferten Fassungen verbinden daher ältere Inhalte mit den literarischen Formen und pädagogischen Vorstellungen der Romantik und des Biedermeiers.

Forschung und Deutungsansätze

Die Brüder Grimm begründeten die vergleichende Märchenforschung, die Theodor Benfey im 19. Jahrhundert weiterführte. Sie untersucht Gemeinsamkeiten zwischen Erzählungen verschiedener Sprachen und Kulturen. Antti Aarne ordnete Märchen 1910 nach ihren wesentlichen Inhalten. Daraus entstand der Aarne-Thompson-Index, im Deutschen meist AaTh abgekürzt. Hans-Jörg Uther überarbeitete ihn 2004 zum Aarne-Thompson-Uther-Index (ATU), einem internationalen Katalog von Märchentypen und Handlungseinheiten.

Wladimir Jakowlewitsch Propp untersuchte 1928 in seiner Morphologie des Märchens wiederkehrende Strukturen und Funktionen. Eleasar Meletinsky trug zur Abgrenzung von Märchen und Mythos bei. Strukturanalysen gelten als weniger spekulativ als psychologische Deutungen, weil sie den klaren Handlungsaufbau, wiederkehrende Rollen und regelmäßige Folgen von Handlungseinheiten untersuchen.

Psychologische und psychoanalytische Ansätze fragen nach der symbolischen Bedeutung. Marie-Louise von Franz vertrat in Anlehnung an C. G. Jung die These, Märchen stellten archetypische Inhalte des kollektiven Unbewussten und deren Zusammenwirken in der menschlichen Psyche dar. Sie enthielten psychologisches Orientierungswissen und könnten einseitige gesellschaftliche Werte ausgleichen. Bruno Bettelheim sah ihre pädagogische Wirkung darin, den Unterschied zwischen Lustprinzip und Verantwortungsprinzip zu verdeutlichen.

Solche Interpretationen sind umstritten, weil verschiedene Deuter selten zu übereinstimmenden Ergebnissen gelangen. Lutz Röhrich zeigte dies am Beispiel Rumpelstilzchens. Psychoanalyse könne persönliche Assoziationen erschließen, liefere aber keine Erkenntnisse über Herkunft, Alter, Verbreitung und kulturhistorischen Hintergrund eines Märchens. Röhrich plädierte deshalb für Methodenpluralismus, also die Verbindung verschiedener Forschungsweisen.

Märchen in verschiedenen Kulturen und ihre Pflege

Europäische Märchen zeigen gemeinsame Motive, aber unterschiedliche soziale und kulturelle Prägungen. Deutsche Sammlungen stammen besonders von den Brüdern Grimm, Ludwig Bechstein, Johann Wilhelm Wolf und Johann Karl August Musäus. Englische Überlieferungen wirken oft optimistischer und liegen häufig als Reime oder Lieder statt als vollständige Erzählungen vor. Französische Märchen um 1700 zeigen Hunger, Kindesaussetzung, Bettelei und andere Folgen sozialer Not; ihre Schauplätze sind eher Haushalt, Dorf und Landstraße als der Wald. Italienische Fassungen verlegen bekannte Stoffe häufig in adlige oder kaufmännische Milieus und behandeln sie komisch-machiavellistisch.

Alexander Nikolajewitsch Afanassjews zwischen 1855 und 1863 erschienene Sammlung umfasst etwa 600 russische Märchen. Neben Zaubermärchen um Baba Jaga oder Wassilissa enthält sie viele Tiermärchen. Rhythmus, Wiederholungen und lange Aufzählungen in „Kettenmärchen“ stärken die Merkfähigkeit. Skandinavische Märchen sind durch Trolle, Riesen, Wichtel und Hausgeister geprägt. Spanische cuentos populares spiegeln die Konkurrenz zwischen maurisch-islamischer Kultur und christlichem Rittertum während der Reconquista und ähneln wegen ihres konkreten historischen Milieus teilweise Sagen. Schweizer und tschechische Sammler hielten regionale Varianten fest; zahlreiche tschechische Märchen wurden später verfilmt, darunter Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.

Außereuropäische Traditionen erweitern das Bild: Chinesische Märchen sind schwer von der Mythologie zu trennen und oft episodisch aufgebaut. Das ungefähr 2000 Jahre alte indische Panchatantra wirkte vermutlich über eine mittelpersische Sammlung auf Tausendundeine Nacht ein, das außerdem Einflüsse griechischer Sagen enthält. Märchen indigener Völker Nordamerikas wurden ebenso gesammelt wie Erzählungen aus Meso- und Südamerika und von den Inuit. Sibirische Märchen verbinden mongolisch-türkische Ursprünge, Heldenepen und schamanistische Traditionen. In der Südsee vermischen sich Märchen mit Mythen und Ritualen.

Märchensammler und Erzähler bewahren diese Vielfalt. Zu den einflussreichsten Sammlern gehören Basile, Perrault, die Brüder Grimm, Asbjørnsen, Němcová, Afanassjew und Sutermeister. Gegenwärtige Erzähler pflegen die mündliche Tradition; Hörspiele führen sie akustisch fort. Festivals wie die seit 1985 veranstalteten Brüder Grimm Märchenfestspiele in Hanau, die Berliner Märchentage seit 1990 und das Yukon International Storytelling Festival seit 1987 halten Erzähl- und Theaterformen lebendig. Märchenwälder und Märchenzoos stellen Geschichten in Dioramen dar; der Märchenpark Salzwedel zeigt bekannte deutsche Stoffe in 35 Märchenhütten.

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