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Henri Matisse

Henri Matisse [ɑ̃ʁi matis], vollständiger Name: Henri Émile Benoît Matisse (* 31. Dezember 1869 in Le Cateau-Cambrésis, Département Nord, Frankreich; † 3.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und künstlerisches Grundverständnis
  2. 2. Ausbildung, Krise und Durchbruch
  3. 3. Entwicklung der Malerei
  4. 4. Scherenschnitte, Grafik und Plastik
  5. 5. Späte Jahre, Kapelle und Wirkung

Bedeutung und künstlerisches Grundverständnis

Henri Émile Benoît Matisse (31. Dezember 1869–3. November 1954) war ein französischer Maler, Zeichner, Grafiker und Bildhauer. Gemeinsam mit Pablo Picasso zählt er zu den wichtigsten Künstlern der Klassischen Moderne. Neben André Derain war er Wegbereiter und Hauptvertreter des Fauvismus, der sich vom Impressionismus löste und als erste künstlerische Bewegung des 20. Jahrhunderts gilt.

Kennzeichnend für Matisse sind kräftige, flächig aufgetragene Farben, eine spannungsreiche Linienführung und ein dekorativer, oft spielerischer Bildaufbau. Farbe sollte bei ihm nicht einfach die wirkliche Oberflächenfarbe eines Gegenstands wiedergeben. Sie wurde zu einem eigenständigen Ausdrucksmittel für die Empfindung, die ein Motiv beim Künstler auslöste. Gegenstände und die Zwischenräume um sie herum behandelte er als gleichwertige Formen. Räumliche Tiefe trat dadurch zurück, ohne völlig zu verschwinden.

Matisse bezeichnete die Verbindung von Formen und Farben als Mittel der „Expression“, also des künstlerischen Ausdrucks und der Aussage. Er suchte keine naturgetreue Kopie, hielt jedoch am sichtbaren Gegenstand fest und vollzog nie den Schritt zur völligen Abstraktion. Sein Ziel war eine Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit und der Ruhe. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit seiner Werke standen lange Studien und wiederholte Vereinfachungen.

Ausbildung, Krise und Durchbruch

Matisse wurde in Le Cateau-Cambrésis geboren und wuchs in Bohain-en-Vermandois auf. Zunächst studierte er zwei Jahre Rechtswissenschaft in Paris und arbeitete 1889 als Anwaltsgehilfe. Nach einer Blinddarmoperation begann er 1890 während einer langen Genesungszeit zu malen. 1891 gab er die juristische Laufbahn auf. Er besuchte die Académie Julian, die École des Arts décoratifs und schließlich die École des Beaux-Arts, wo er Schüler des symbolistischen Malers Gustave Moreau wurde.

Auf Reisen in die Bretagne lernte Matisse die impressionistische Farbpalette kennen. John Peter Russell führte ihn außerdem in die Farbtheorie und in das Werk Vincent van Goghs ein. Wichtige Anregungen erhielt er später auch von Paul Cézanne, Georges Seurat und Paul Gauguin. Cézannes Gemälde Die drei Badenden, das Matisse 1899 erwarb und bis 1936 behielt, beeinflusste sein Denken und Schaffen nachhaltig.

Am 10. Januar 1898 heiratete er Amélie Noellie Parayre. Zur Familie gehörten seine Tochter Marguerite aus einer früheren Beziehung sowie die Söhne Jean Gérard und Pierre. Um 1900 geriet Matisse in eine schwere finanzielle und künstlerische Krise. Er arbeitete unter anderem als Dekorationsmaler für die Pariser Weltausstellung und erwog zeitweise, die Malerei aufzugeben. 1904 erhielt er bei Ambroise Vollard seine erste Einzelausstellung. Im selben Jahr begann er in Saint-Tropez neoimpressionistisch zu arbeiten.

Der entscheidende Durchbruch folgte 1905 in Collioure. Gemeinsam mit André Derain und zeitweise Maurice de Vlaminck entwickelte Matisse eine Malerei mit starken, unnatürlich wirkenden Farben und vereinfachten Flächen. Nach ihrer Ausstellung im Pariser Salon d’Automne nannte der Kritiker Louis Vauxcelles die Künstler „Fauves“, also „wilde Tiere“. Besonders Matisse’ Frau mit Hut erregte Aufsehen. Der Skandal erhöhte seinen Bekanntheitsgrad und Marktwert; die fauvistische Gruppe bestand allerdings nur bis 1907.

1906 stellte Matisse Die Lebensfreude aus, das er später als Beginn seines eigentlichen Lebenswerks bezeichnete. Im selben Jahr lernte er Pablo Picasso kennen. Zwischen beiden entstand eine von gegenseitigem Respekt, intensivem Austausch und schöpferischer Rivalität geprägte Freundschaft. Eine Algerienreise von 1906 wirkte sich ebenfalls auf sein Werk aus: Orientalische Keramiken, Stoffe und Teppiche regten ihn zu reinen Farbflächen, arabeskenartigen Linien und einer flächigen Raumordnung an.

Entwicklung der Malerei

Matisse’ malerisches Werk wird in mehrere Hauptphasen gegliedert. Seine frühen Bilder bis 1900 waren zunächst dem bürgerlichen Naturalismus verpflichtet. Impressionistische Einflüsse zeigen sich etwa in Belle Île von 1897/98. Frauenfiguren und Stillleben blieben vom Frühwerk bis in die 1950er-Jahre wichtige Motive.

In der Fauve-Periode von 1900 bis 1907 entfernte sich Matisse vom Impressionismus und vom Divisionismus, bei dem Farben in einzelne Punkte oder kleine Flächen zerlegt werden. Er suchte festere, geschlossene Formen und setzte Farbe flächig und unabhängig von der Natur ein. In Der grüne Streifen. Bildnis Madame Matisse von 1905 trennt ein grüner Streifen die Licht- und Schattenzone des Gesichts. Weitere Schlüsselwerke sind Offenes Fenster in Collioure, Frau mit Hut, Die Lebensfreude und Blauer Akt (Erinnerung an Biskra).

Die experimentelle Periode von 1908 bis 1917 umfasst zunächst organisch-fließende, arabeske Formen und später eine stärkere geometrische Vereinfachung unter dem Einfluss des Kubismus. Für den russischen Sammler Sergei Iwanowitsch Schtschukin schuf Matisse 1909/10 die monumentalen Werke Der Tanz und Die Musik. Der Tanz zeigt fünf Figuren in starker Bewegung vor einem intensiv farbigen Hintergrund. Wenige Farben, große einheitliche Flächen und reine Umrisslinien erzeugen seine Wirkung. Während des Ersten Weltkriegs wurde Matisse’ Farbskala dunkler; Schwarz gewann an Bedeutung. Die geometrische Reduktion erreichte 1914 in Ansicht von Notre Dame einen Höhepunkt.

In der Nizza-Periode von 1917 bis 1929 malte er wieder naturalistischer. Häufige Themen waren Odalisken, also idealisierte Frauenfiguren in orientalisch wirkender Umgebung, außerdem Porträts, lichtreiche Innenräume, Stillleben und Landschaften. Bunte Stoffe, Teppiche, Vorhänge und Blumen bildeten ornamentale Hintergründe. Ein Hauptwerk dieser Phase ist Dekorative Figur vor ornamentalem Hintergrund von 1925/26.

Von 1929 bis 1940 suchte Matisse erneut nach Einfachheit und nach einem Gleichgewicht zwischen starker Farbe und zunehmender Abstraktion der gegenständlichen Form. Für die Barnes Foundation schuf er das große Wandbild Der Tanz, das 1932/33 installiert wurde. Wegen eines Fehlers bei den Maßangaben entstanden drei Versionen. Bei der Vorbereitung setzte Matisse erstmals ausgeschnittene Stücke farbigen Papiers zur Planung der Komposition ein – eine wichtige Vorstufe seines Spätwerks.

Scherenschnitte, Grafik und Plastik

Nach einer schweren Darmoperation im Jahr 1941 konnte Matisse nur noch begrenzte Zeit aufrecht arbeiten. Um 1943 wurden Scherenschnitte zu einem seiner wichtigsten Ausdrucksmittel; um 1948 gab er die Malerei ganz auf. Assistenten bemalten Papierbögen einfarbig mit Gouache, einer deckenden Wasserfarbe. Matisse schnitt daraus Figuren und freie Formen aus und ordnete sie zu Kompositionen. Er nannte dieses Verfahren „mit der Schere zeichnen“. Dadurch konnte er Linie und Farbe unmittelbar verbinden.

1947 erschien das Künstlerbuch Jazz mit Scherenschnitten aus den Jahren 1943 und 1944, die im Schablonendruck vervielfältigt worden waren. Der Titel verweist auf Spontaneität und Improvisation. Weitere bedeutende Arbeiten sind Polynesien – Der Himmel und Polynesien – Das Meer von 1946, die blau-weiße Serie Blauer Akt von 1952 sowie The Snail (Die Schnecke) von 1953. Die Vereinfachung reicht hier bis nahe an die Abstraktion, bleibt aber an Figuren oder Gegenstände gebunden.

Matisse hinterließ außerdem ein umfangreiches grafisches Werk. Das Werkverzeichnis nennt etwa 800 Druckgrafiken, darunter rund 300 Radierungen aus den Jahren 1908 bis 1948 und 300 Lithografien aus den Jahren 1906 bis 1952. Hinzu kommen 62 Aquatinten, 68 Monotypien, 70 Linolschnitte und vier Holzschnitte von 1906/07. Er illustrierte unter anderem 1935 James Joyces Ulysses mit 26 ganzseitigen Bildern, die auf Homers Odyssee beruhen. Weitere Buchprojekte galten Werken von Stéphane Mallarmé, Charles Baudelaire, Pierre de Ronsard und Charles d’Orléans.

Von Matisse sind insgesamt 82 dreidimensionale Arbeiten bekannt; mehr als die Hälfte entstand zwischen 1900 und 1910. Er arbeitete häufig in Serien und vereinfachte eine Form über Jahre hinweg. Zu den bedeutenden Arbeiten zählen Der Knecht von 1900–1903, die Serie Jeannette I–V von 1910–1913 sowie die vier Rückenakte, die zwischen 1909 und 1930 entwickelt wurden. Motive wechselten teilweise zwischen Malerei und Plastik. Seine Skulpturen waren meist kleiner als lebensgroß; viele wurden als Editionen von zehn Exemplaren gegossen.

Späte Jahre, Kapelle und Wirkung

Seit 1916/17 lebte und arbeitete Matisse überwiegend in Nizza und Umgebung. Von 1908 bis 1911 hatte er außerdem die private Académie Matisse geleitet, an der zuletzt etwa 100 Schülerinnen und Schüler aus dem In- und Ausland unterrichtet wurden. Die nicht kommerziell ausgerichtete Schule legte Wert auf klassische Grundlagen, das Kopieren und gemeinsame Museumsbesuche.

Nach seiner Erkrankung arbeitete Matisse zeitweise in der Villa Le Rêve bei Vence. Ab 1947 entwarf er die Rosenkranzkapelle der Dominikanerinnen in Vence. Er gestaltete das gesamte Projekt einschließlich der Glasfenster, die er durch Scherenschnitte vorbereitete. Die Kapelle wurde am 25. Juni 1951 eingeweiht und von Matisse als sein Meisterwerk angesehen. Sein letztes Werk war 1954 das Glasfenster Rockefeller Rose für die Union Church of Pocantico Hills. Matisse starb am 3. November 1954 in Nizza an einem Herzanfall.

Seine kunsttheoretischen Grundsätze veröffentlichte er vor allem in Notes d’un peintre von 1908 und Notes d’un peintre sur son dessin von 1939. Er betonte Ausdruck, Klarheit, Farbe, die geistige Verarbeitung von Natureindrücken und Kunst als Ausdruck der Persönlichkeit. Seine scheinbar einfachen Federzeichnungen seien erst nach Hunderten von Studien und Versuchen entstanden.

Matisse’ Neuerungen beeinflussten die moderne Kunst weit über den Fauvismus hinaus. Besonders amerikanische Künstler des Abstrakten Expressionismus und der Farbfeldmalerei bezogen sich auf ihn. Mark Rothko war stark von Das rote Atelier von 1911 beeindruckt; auch Robert Motherwell, Sam Francis, Frank Stella und Ellsworth Kelly wurden von Matisse beeinflusst. Matisse selbst lehnte die vollständig abstrakte Malerei jedoch entschieden ab, weil sie seiner Auffassung nach die Abstraktion lediglich imitiere. Trotz ihrer gegensätzlichen Ziele blieb Picasso sein wichtigster künstlerischer Gesprächspartner: Picasso suchte eher das dissonante, Matisse das harmonische Bild. Beide verbanden die intensive Auseinandersetzung mit Cézanne und das fortdauernde Forschen nach einer überzeugenden Bildordnung.

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