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Farbenlehre
Die Farbenlehre ist die Lehre von Systemen zur Ordnung von Farben, die Farbtheorie und auch die Kunst, Farben zu verwenden.
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Begriff und Gegenstand
Die Farbenlehre umfasst Systeme zur Ordnung von Farben, die Farbtheorie sowie die Kunst, Farben zu verwenden. Zu ihren Teilbereichen gehören Farbforschung und Farbtheorie, die Gesetze der Farbmischung, Farbsysteme, Farbmodelle und Farbräume sowie die Farbvalenzmetrik.
Sie ist von Farbwahrnehmung, Farbpsychologie und der Lehre über Farbmittel zu unterscheiden. Letztere behandelt Pigmente und Farbstoffe sowie den Einfluss ihres chemischen Aufbaus auf den Farbton. Grundlegend ist auch der Unterschied zwischen wahrnehmbaren Farben durch Lichtquellen und Farbtönen, die durch Farbmittel entstehen: Bei Farbmitteln liegt zwischen Lichtquelle und Sinnesorgan eine absorbierende Fläche mit Farbkörpern; verfügbare Pigmente sind dabei chemisch beschränkt.
Eine Harmonielehre untersucht das Zusammenspiel von Farben beziehungsweise Farbtönen. Dieses hängt stark von Kulturkreis, persönlicher Erfahrung und künstlerischer Absicht ab.
Entwicklung und Arbeitsfelder
Die Formalisierung der Farbtheorie begann im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit Isaac Newtons „Opticks“ von 1704 und dem Streit über die Natur der Grundfarben. In der bildenden Kunst dient Farbtheorie als praktischer Leitfaden für Farbmischungen und die visuellen Wirkungen von Farbkombinationen. Der Farbkreis und seine Geometrie ordnen Farben in Primär-, Sekundär- und Tertiärfarben.
Farbenlehren beruhen vor allem auf vier Arbeitsfeldern. Die Physik untersucht lichtoptische Farberscheinungen anhand der wellenlängenabhängigen Wirkung sichtbaren Lichts im elektromagnetischen Spektrum. Die Kunst betrachtet Farbphänomene, ihre Wirkung auf Betrachtende und das Zusammenspiel von Farben. Physiologie und Biologie erforschen, wie Lichtreize in Pflanzen, Tieren und Menschen aufgenommen, weitergeleitet, verarbeitet und erkannt werden; einbezogen werden ultraviolettes Licht unterhalb 380 nm und infrarotes Licht oberhalb 780 nm. Die Psychologie untersucht körperliche und psychische Wirkungen der Farbwahrnehmung, die etwa in Farbtherapie und Innenarchitektur praktisch genutzt werden.
Die unterschiedlichen Schwerpunkte widersprachen sich historisch teilweise, ergänzen sich aber zunehmend durch Erkenntnisse aus Physik, Physiologie, Psychologie, Chemie der Farbmittel und Kunst.
Goethes Auffassung
Johann Wolfgang von Goethe verstand Farbe als Teil einer Einheit seines Gesamtweltbildes und interessierte sich besonders für ihre sinnlich-sittliche Wirkung sowie für farbige Schatten. Anders als Newton nahm er an, weißes Licht sei nicht additiv aus Spektralfarben zusammengesetzt. Farben entstünden vielmehr durch eine dualistische Wechselwirkung von Licht und Finsternis.
Goethe deutete im Prisma gelbe und blaue Ränder als Folge des „Übereinanderschiebens“ von Hell und Dunkel. Je nach Anteil von Hell und Dunkel sollten sie sich zu Grün oder Rot mischen; so erklärte er die Regenbogenfarben Rot, Gelb, Grün, Blau und Violett. Gelb bedeute einen größeren Hellanteil, Blau überwiegendes Dunkel. Harmonie suchte Goethe im Kampf von Hell und Dunkel: Gelb, der „Sieg“ des Hellen, wirke leichtlebig, Blau dämpfend; Purpur sei die höchste Steigerung, weil sich die Gegensätze ausglichen.
In „Zur Farbenlehre“ von 1810 behauptete Goethe, es gebe nur zwei reine Farben, Blau und Gelb, dazu Rot als gemeinsame Farbeigenschaft sowie Grün und Purpur als Mischungen. Sein Beitrag besitzt vorwiegend kulturhistorische Bedeutung. Seine Überlegungen zu physiologischen Farben und deren Wirkung wurden jedoch weiterentwickelt; seine Beobachtungen zur Farbwirkung gelten als Beginn der modernen Farbpsychologie. Goethe unterschied „schöne“, sympathische Farben von Farben, die dem Auge wehtäten und daher unsympathisch seien.
Farbsysteme und Mischungsmodelle
Physikalische Ansätze erhielten 1861 einen wichtigen Ausgangspunkt durch James Clerk Maxwells Nachweis, dass sich jede Farbe aus den Grundfarben Rot, Grün und Blau, also aus „Farblicht“ zusammensetzt. Mit Industrialisierung, Photographie und Spektralanalyse stieg das Bedürfnis, Farben zu normieren.
A. H. Munsells „A Color Notation“ von 1905 ist ein weit verbreiteter Atlas von Farbproben. Munsell wollte gleiche empfundene Abstände zwischen Farbnuancen schaffen und verwarf dafür Kreis und Farbkugel als ausreichende Ordnungsformen. Sein Farbraum verwendet drei Koordinaten: Der Farbton („Hue“) hat 100 Stufen und basiert auf fünf Hauptfarben yellow-green-blue-purple-red sowie fünf Nebenfarben YG, BG, PB, RP und YR. Für den Helligkeitswert („value“) legte er zehn V-Units zugrunde; unbunte Farben reichen von Schwarz mit 0 bis Weiß mit 100 und werden in zehn Neutralgraustufen geteilt. Der C-Wert („Chroma“) misst die Sättigung und bildet eine offene Skala.
Johannes Itten ordnete Farbtöne mit den Komplementärfarben Orange, Grün und Violett in einem Farbkreis. Weiß und Schwarz nannte er „Nicht-Farben“. Sein dreidimensionales Modell war die von Philipp Otto Runge 1810 entwickelte Kugel. Ittens Theorie der „Sieben Farbkontraste“ beschreibt die gegenseitige Abhängigkeit und Beeinflussung von Farben und ist damit eine Harmonielehre.
Harald Liebedank Küppers entwickelte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine technisch orientierte Farbenlehre. Er definierte acht nicht aus deckenden Farbmitteln mischbare Grundfarben: sechs bunte und zwei unbunte. Sein Ordnungssystem ist ein Rhomboeder, ein über die senkrecht gestellte Schwarz-Weiß-Diagonale gestreckter RGB-Würfel. Drei „Urfarben“ beziehungsweise „Empfindungskräfte“ sind Orangerot (R), Grün (G) und Violettblau (B); jeweils zwei erzeugen Gelb (Y), Magentarot (M) und Cyanblau (C), alle drei vollständig Weiß. Seine Ansichten stehen vielfach im Widerspruch zum Stand der Wissenschaft.
Unterscheidung wissenschaftlicher und künstlerischer Lehren
Farblehren unterscheiden sich nach Zielsetzung und Methode. Naturwissenschaftlich ist Farbe die Information des sichtbaren elektromagnetischen Lichts, die als Farbe empfunden wird. Ältere künstlerisch-ästhetische Lehren gingen vom unmittelbaren Sehen aus und wollten den Einsatz gesehener Farben sowie ihre Beziehungen systematisieren. Später kamen physikalische Erkenntnisse und industrielle Anforderungen hinzu, etwa bei Munsell und Wilhelm Ostwald.
Biologische Forschung erweiterte das Wissen über Sehphysiologie sowie chemische und physiologische Aspekte der Farbwahrnehmung. Farbenlehren, die Farbe und Seele bewerten, beruhen auf Farbenpsychologie; Ittens Lehre gab Anregungen zur populären Farbtypenlehre.
Die Farbmetrik misst Farben und insbesondere Farbabstände. Die niedere Farbmetrik beschreibt physikalische Ursachen und Eigenschaften, die höhere Farbmetrik bezieht die Wahrnehmung ein. Ihr Ziel ist ein Farbraum mit gleichabständig angeordneten Farben, weil das Auge physikalische Reize je nach Farbbereich nicht linear und nicht gleichmäßig unterscheidet. Empfindungsgleiche Abstände werden durch die Beziehung ΔE = f(X,Y,Z) und durch MacAdam-Ellipsen verdeutlicht. Farbmetrik verknüpft Spektralfarben, additive und subtraktive Farbmischung sowie Lichttechnik. Naturwissenschaftliche, psychologische und künstlerisch-ästhetische Sichtweisen können nebeneinanderstehen, einander widersprechen oder verbunden werden; technische Anwendungen benötigen eine alphanumerische Farberfassung, künstlerische Gefälligkeit lässt sich nicht vorrangig numerisch erfassen.