Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Mathilde von Canossa
Mathilde (auch Mathilde von Tuszien; * um 1046; † 24. Juli 1115 in Bondeno) aus der Familie der Herren von Canossa war eine der mächtigsten Adligen in …
Inhalt6 Abschnitte
Bedeutung und Herkunft
Mathilde von Canossa, auch Mathilde von Tuszien genannt, wurde um 1046 geboren und starb am 24. Juli 1115 in Bondeno. Sie gehörte zu den mächtigsten Adligen Italiens in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Als Markgräfin beherrschte sie große Gebiete in der Toskana, der Emilia und der Lombardei. Ihre besondere historische Bedeutung liegt in ihrer Unterstützung des Reformpapsttums während des Investiturstreits, also des Konflikts zwischen geistlicher Macht (sacerdotium) und weltlicher Herrschaft (regnum). Berühmt wurde vor allem ihre Vermittlung zwischen Papst Gregor VII. und König Heinrich IV. in Canossa im Januar 1077.
Mathilde entstammte der später als Canusiner bezeichneten Familie der Herren von Canossa. Seit dem 10. Jahrhundert hatten ihre Vorfahren durch Burgen, Grafschaften, Klostergründungen und enge Beziehungen zu den ottonischen und salischen Herrschern ihre Macht ausgebaut. Mathildes Vater Bonifaz von Canossa erhielt 1027 die Markgrafschaft Toskana und wurde zur mächtigsten Person zwischen dem mittleren Po und der Nordgrenze des päpstlichen Herrschaftsgebiets. Ihre Mutter Beatrix war eine Tochter Herzog Friedrichs von Oberlothringen und mit dem Kaiserhaus verwandt.
Bonifaz wurde 1052 ermordet. Mathildes Geschwister starben früh, sodass sie zur einzigen überlebenden Erbin wurde. Nachdem Beatrix 1054 Gottfried den Bärtigen, einen Gegner Kaiser Heinrichs III., geheiratet hatte, wurden Mutter und Tochter 1055 gefangen ins Reich nördlich der Alpen gebracht. Nach Heinrichs Tod im Oktober 1056 kehrten sie nach Italien zurück. Unterstützt vom Papsttum stellten sie ihre Macht wieder her. Mathildes genauer Geburtsort ist umstritten; vorgeschlagen wurden unter anderem Lucca, Canossa, Mantua, Ferrara und San Miniato.
Ehen und Vorbereitung auf die Herrschaft
Mathilde heiratete 1069 Gottfried den Buckligen und lebte zunächst in Lothringen. Ihre Tochter Beatrix starb am 29. Januar 1071 wenige Wochen nach der Geburt. Die Ehe zerbrach bald darauf: Mathilde kehrte zu ihrer Mutter nach Italien zurück und bemühte sich 1073/74 erfolglos beim Papst um eine Auflösung der Verbindung. Das Paar lebte bis zu Gottfrieds Ermordung im Februar 1076 getrennt.
Beatrix bereitete Mathilde als Nachfolgerin vor. Mutter und Tochter traten gemeinsam in verschiedenen Teilen ihres Herrschaftsgebiets auf, stellten Urkunden aus und leiteten Gerichtsversammlungen, sogenannte Placita. Mathilde führte auch allein Gerichtsverhandlungen und wurde mit wichtigen Vertretern der Kirchenreform bekannt gemacht, besonders mit dem späteren Papst Gregor VII. Nach Beatrix’ Tod am 18. April 1076 übernahm Mathilde das canusinische Erbe. Nach dem damals in Italien geltenden salischen und langobardischen Recht wäre eigentlich Heinrich IV. der rechtmäßige Erbe gewesen; Mathilde wurde zudem niemals förmlich vom König mit der Markgrafschaft belehnt. Dieses Legitimationsproblem prägte ihre spätere Herrschaft.
Investiturstreit und Canossa
Der Konflikt zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. eskalierte 1076. Nachdem Heinrich und zahlreiche Bischöfe dem Papst den Gehorsam aufgekündigt hatten, exkommunizierte Gregor den König am 15. Februar 1076 und entband dessen Anhänger vom Treueid. Mathilde gehörte zu Gregors engsten Vertrauten, war aber zugleich als Cousine zweiten Grades mit Heinrich verwandt. Dadurch eignete sie sich als Vermittlerin.
Heinrich überquerte im Winter die Alpen und erschien am 25. Januar 1077 vor der Burg Canossa. Nach einer durch Vermittler ausgehandelten Vereinbarung wartete er drei Tage im Büßergewand, barfuß und ohne Herrschaftszeichen im Vorhof. Gregor löste ihn anschließend vom Bann und nahm ihn wieder in die Kirche auf. Mathildes Burgen dienten als Schauplatz der Verhandlungen; sie war an der Organisation, Unterbringung und Versorgung der Beteiligten maßgeblich beteiligt. Die Aussöhnung blieb jedoch kurzlebig.
Nachdem Gregor Heinrich im März 1080 erneut gebannt hatte, stellte Mathilde ihre militärischen und materiellen Mittel in den Dienst des Reformpapsttums. Heinrich ließ sie 1081 mit der Reichsacht belegen und entzog ihr alle Güter und Lehen. Pisa und Lucca wechselten auf seine Seite. Mathilde finanzierte Gregor sogar durch eingeschmolzene Kirchenschätze und den Verkauf eigenen Besitzes. Nach einer Niederlage bei Volta Mantovana im Oktober 1080 gewann ihr Heer 1084 bei Sorbara gegen königliche Truppen. Dennoch nahm Heinrich 1091 nach elfmonatiger Belagerung Mantua ein und kontrollierte bald große Gebiete nördlich des Po sowie Teile von Modena und Reggio. Eine Belagerung Canossas scheiterte 1092.
Mit Mathildes Unterstützung erhob sich 1093 Heinrichs Sohn Konrad gegen seinen Vater und wurde zum König gekrönt. Auch Heinrichs zweite Frau Praxedis fand nach ihrer Flucht bei Mathilde Schutz. Zur politischen Isolierung Heinrichs heiratete die 43-jährige Mathilde 1089 den höchstens 17-jährigen Welf V. Die Ehe blieb kinderlos und zerbrach 1095, wurde aber nie förmlich geschieden oder für ungültig erklärt.
Erholung der Herrschaft und Regierungspraxis
Heinrich IV. kehrte 1097 in das Reich nördlich der Alpen zurück und kam nicht mehr nach Italien. Mathilde konnte seit Herbst 1098 viele verlorene Gebiete zurückgewinnen. Gleichzeitig hatten sich Städte wie Lucca, Pisa, Pavia und Mantua zunehmend verselbstständigt. Konsuln und städtische Gemeinden bauten eigene Territorien auf. Mathilde musste daher stärker durch Beratung und Ausgleich herrschen, Zugeständnisse machen und die Interessen geistlicher und weltlicher Großer berücksichtigen.
Ihre Herrschaft beruhte auf ständiger persönlicher Anwesenheit. Sie besaß keine Hauptstadt oder feste Residenz, sondern reiste mit Beratern, Geistlichen und Bewaffneten durch ihr Gebiet. Burgen sicherten ihre Macht. Bei Gerichtsentscheidungen zog sie zahlreiche gelehrte Juristen hinzu; knapp 30 Placita sind allein für die Toskana belegt. Eine Beteiligung Mathildes an der Gründung der Bologneser Rechtsschule gilt dagegen als unwahrscheinlich, und auch die Rolle des Juristen Irnerius an ihrem Hof ist umstritten.
Mathildes Hof war ein bedeutendes geistiges Zentrum. Gelehrte wie Anselm von Lucca, Heribert von Reggio und Johannes von Mantua hielten sich dort auf. Mehrere Werke wurden auf ihre Anregung geschrieben oder ihr gewidmet. Während des Investiturstreits nahm sie vertriebene Anhänger der Kirchenreform auf. 1112 gewährte sie etwa Erzbischof Konrad von Salzburg Asyl.
Schriftlichkeit wurde zu einem wichtigen Mittel ihrer Herrschaft. Von Mathilde sind 139 Urkunden, darunter 74 Originale, vier Briefe und Hinweise auf 115 verlorene Dokumente bekannt. Während der schweren Krise von 1081 bis 1098 sind nur 17 Schriftstücke überliefert; aus ihren letzten 20 Jahren dagegen 94. Mindestens 18 Urkunden waren gesiegelt, was für eine Laienfürstin in Reichsitalien ungewöhnlich war. Häufig verwendete sie die Formel „Matilda Dei gratia si quid est“ („Mathilde von Gottes Gnaden, wenn sie etwas ist“). Der Sinn des einschränkenden Zusatzes ist umstritten; möglicherweise verweist er auf ihre fehlende königliche Belehnung.
Kirchenförderung, Erbe und Tod
Mathilde unterstützte Kirchen, Klöster und Hospitäler, allerdings nicht während ihres gesamten Lebens gleichmäßig. Bedeutende Zuwendungen gingen unter anderem an Fonte Avellana, Farfa, Montecassino, Vallombrosa, Nonantola und besonders Polirone. Ihre Mittel trugen zum Ausbau wichtiger Kirchen in Mantua, Modena, Parma, Lucca, Pisa und Volterra bei. Sie förderte vor allem Bischöfe, die den gregorianischen Reformen treu waren. Hospitäler für Arme und Pilger entstanden in Städten und an wichtigen Apenninpässen; sie dienten zugleich der Fürsorge und der Festigung ihrer Herrschaft.
Da Mathilde keine Kinder hatte, stellte sich die Erbfrage. Um 1099 bezeichnete eine Urkunde Guido Guerra als ihren Adoptivsohn. Ob eine wirkliche Adoption vorlag, ist umstritten: Elke Goez bejaht sie, Paolo Golinelli bezweifelt sie. Am 17. November 1102 übertrug Mathilde auf der Burg Canossa ihren Besitz dem Apostolischen Stuhl und erneuerte damit eine angeblich verlorene frühere Schenkung. Auch die Echtheit und rechtliche Bedeutung dieser „Mathildischen Schenkung“ sind umstritten. Paolo Golinelli und Johannes Laudage halten sie für eine spätere Fälschung, Elke und Werner Goez für authentisch. Mathilde verfügte auch nach 1102 weiter über ihre Eigengüter.
In ihren letzten Jahren konzentrierte sie zwölf Schenkungen auf die Abtei Polirone, die zum Hauskloster der Canusiner und zu ihrer vorgesehenen Grabstätte wurde. Dort sollte durch Gebete, ein Memorialbuch und eine kostbare Evangelienhandschrift ihre Memoria, also das dauerhafte Totengedenken, gesichert werden.
1111 traf Mathilde Kaiser Heinrich V. auf der Burg Bianello. Er löste sie von der Reichsacht; nach Donizo übertrug er ihr zudem die Herrschaft über Ligurien als Vizekönigtum. Beide schlossen ein nicht näher bekanntes „festes Abkommen“. Ob Heinrich dabei als ihr Erbe eingesetzt wurde, ein Stillhalteabkommen entstand oder Mathilde lediglich seine Erbansprüche anerkannte, ist in der Forschung umstritten.
Mathilde starb in der Nacht des 24. Juli 1115 mit 69 Jahren in Bondeno, vermutlich an einem plötzlichen Herzstillstand. Mit ihr erlosch die Familie. Heinrich V. nahm 1116 die mathildischen Güter ohne erkennbaren Widerstand in Besitz. Um diese Besitzungen stritten Kaiser und Päpste dennoch bis weit in das 13. Jahrhundert.
Überlieferung und Nachwirkung
Die wichtigste zeitgenössische Quelle ist Donizos zwischen 1111 und 1115 entstandene Vita Mathildis. Sie erzählt die Geschichte der Canusiner und verherrlicht Mathilde, hebt positive Ereignisse hervor und übergeht negative. Andere mittelalterliche Autoren beurteilten sie je nach politischem Standpunkt gegensätzlich: Anhänger lobten ihre Frömmigkeit und Unterstützung der Reformkirche, Gegner machten sie für Heinrichs Konflikte, den Abfall seines Sohnes Konrad oder sogar die Ermordung ihres ersten Mannes verantwortlich.
Im späteren Mittelalter und in der Frühen Neuzeit entstanden zahlreiche Legenden. Mathilde wurde zur angeblichen Gründerin von rund einhundert Kirchen, verschiedene italienische Adelsfamilien beanspruchten sie ohne historische Grundlage als Vorfahrin. Während der Gegenreformation erreichte ihre Verehrung einen Höhepunkt. Papst Urban VIII. ließ ihren Leichnam 1630 nach Rom überführen; als erste Frau wurde sie in Sankt Peter bestattet. Gian Lorenzo Bernini entwarf ihr Grabmonument, Andrea Bolgi schuf die Statue.
Katholische Darstellungen verehrten sie als Verteidigerin des Papstes, protestantische Autoren verurteilten sie wegen der Demütigung Heinrichs IV. Seit dem 19. Jahrhundert wurde sie im italienischen Risorgimento, in Literatur, Festen und regionalen Traditionen erneut politisch und kulturell gedeutet. In zahlreichen Orten der Emilia und der Toskana gilt sie bis heute als Gründerin von Kirchen und Burgen. Die moderne Forschung untersucht besonders ihre Urkunden, ihre Herrschaftspraxis, den Investiturstreit und die spätere Legendenbildung. Eine maßgebliche wissenschaftliche Edition ihrer Urkunden veröffentlichten Elke und Werner Goez 1998.