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Heiliger
In religiösen Vorstellungen ist ein Heiliger ein Mensch, der einer Gottheit besonders nahestehend beziehungsweise als in religiöser und ethischer Hinsicht …
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Begriff und religionswissenschaftliche Einordnung
Ein Heiliger ist in religiösen Vorstellungen ein Mensch, der einer Gottheit besonders nahesteht oder als religiös und ethisch vorbildlich gilt. Seine Anerkennung kann durch religiöse oder politische Autoritäten erfolgen, aber auch durch Akklamation und Verehrung im gläubigen Volk. Häufig sind ihm zugeschriebene Wunder wichtig. Die meist erst nach dem Tod einsetzende kultische Verehrung heißt Heiligenverehrung.
Religionswissenschaftlich gibt es keine für alle Religionen gültige Definition: Die Anforderungen unterscheiden sich, und der Typ des Heiligen überschneidet sich mit anderen Formen religiöser Autorität. Ähnlichkeiten bestehen besonders mit Märtyrer und Heros: Grab oder Reliquien können Kultzentren, Ziele von Pilgerreisen und Orte einer Nekropole werden; allen wird Fürsprache bei der göttlichen Autorität zugeschrieben. Der Märtyrer erlangt Vollkommenheit durch die Art seines Sterbens, der Heilige durch sein vorbildliches vorheriges Leben. Vom Heros unterscheidet ihn die fehlende göttliche oder halbgöttliche Abstammung. Er muss weder Kleriker noch Angehöriger eines gottgeweihten Standes sein. Anders als Religionsstifter oder Reformer steht bei ihm nicht die Verkündigung einer Lehre, sondern das vorbildliche Leben im Mittelpunkt.
Heilige dienen Gläubigen als Vorbilder und bestätigen ihren Glauben. Über Grab, Reliquien und Verehrung bleiben sie als Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits präsent. Zugeschriebene Wunder gelten als Antwort auf die Frage nach Sinn und Wahrhaftigkeit einer Religion.
Heiligkeit und Verehrung im Christentum
Im Christentum ist Gott selbst das Heilige. Seine Heiligkeit wird als wirksame Dynamik verstanden, die irdische Dinge für sich aussondern und heiligen kann. Im Neuen Testament bewirkt Jesus Christus aufgrund seiner einzigartigen Beziehung zum Vater, seines Todes und seiner Auferstehung Heiligkeit in seinen Nachfolgern.
Es gibt die Heiligkeit eines „heiligen Volkes“ – Israel im Alten Testament und die Kirche als „neues heiliges Volk“ – sowie die individuelle Heiligkeit. Diese individuelle Heiligkeit ist stets Ausdruck der Zugehörigkeit zur Kirche als „Gemeinschaft der Heiligen“ (communio sanctorum). Nach dem Katechismus der Katholischen Kirche erklärt die Kirche bei einer Heiligsprechung feierlich, dass Gläubige Tugenden heldenhaft geübt und in Treue zur Gnade Gottes gelebt haben; sie gibt sie als Vorbilder und Fürsprecher.
Die Verehrung unterscheidet sich grundlegend von Anbetung. Das Zweite Konzil von Nicäa klärte 787: Anbetung (griechisch λατρεία, lateinisch adoratio; auch Latrie) gebührt allein Gott. Verehrung (griechisch δουλεία, lateinisch veneratio; auch Dulia) gilt Heiligen und Reliquien. Die Hyperdulia, eine Hochverehrung, ist ausschließlich der Jungfrau Maria vorbehalten.
Entwicklung, Konfessionen und Volksfrömmigkeit
Die frühchristliche Verehrung richtete sich zunächst auf Märtyrer und Apostel. Der Bericht über Polykarp von Smyrna von etwa 160 ist der erste Beleg für Märtyrerverehrung; ein Graffito in San Sebastiano in Rom aus dem Jahr 260 belegt Heilige als Fürsprecher bei Gott. Nach dem Ende der Verfolgungen wurden auch Bekenner (confessores), die Verfolgung ohne Martyrium überstanden hatten, sowie Menschen mit radikal asketischem und jungfräulichem „engelgleichen Leben“ verehrt.
Im Mittelalter verehrte das Volk regional Kirchenlehrer, Könige, Ritter- und Soldatenheilige sowie Personen wie Franziskus und Benedikt. Bei Herrschern, Bischöfen und Ordensgründern förderten oft Nachfolger oder Dynastien den Kult, auch zur eigenen Legitimation. Die erste päpstliche Heiligsprechung war 993 die Ulrichs von Augsburg. Alexander III. beanspruchte 1171 die alleinige päpstliche Zuständigkeit; allgemein verbindlich wurde sie durch den Liber Extra von 1234. Die Kurie kanonisierte im Mittelalter nur 79 Personen, während die Volksfrömmigkeit Hunderte weitere Heilige hervorbrachte. Heilige wurden zunehmend als Schutzpatrone für Orte, Gruppen und Berufe verstanden. Blasius wird gegen Halskrankheiten, Sebastian gegen die Pest angerufen; auch die vierzehn Nothelfer gehören in diesen Zusammenhang.
Die Reformation kritisierte die Rolle von Heiligen als unmittelbare Mittler und betonte die einzigartige Heilsmittlerschaft Christi. Lutherische Kirchen befürworteten nach der Confessio Augustana XXI das Gedächtnis altkirchlicher Heiliger zur Stärkung des Glaubens; hinzu kamen etwa Jan Hus und Akteure der Reformation. Reformierte wie Ulrich Zwingli und Johannes Calvin lehnten Heiligenverehrung, Wallfahrten und Reliquienverehrung ab. Das Konzil von Trient bestimmte 1563 für die römisch-katholische Kirche, es sei „gut und nützlich“, Heilige um Beistand anzurufen, um durch Jesus Christus Wohltaten von Gott zu erhalten (DH 1821). Das Zweite Vatikanische Konzil betonte, ihre Fürbitte sei nicht „heilskonstitutiv“ wie Christi Mittlerfunktion.
Ostkirchen verehren Heilige unter anderem durch Ikonen, Viten, Kanonisationen, Gedenktage sowie Besuche von Gräbern und Reliquien. Altkatholiken betrachten Heilige als Vorbilder und Gemeinschaftspartner, richten Gebete aber in der Regel nur direkt an Gott. Seit den 1960er-Jahren können zeitgeschichtliche Menschen wie Gandhi, Mutter Teresa und Martin Luther King konfessionsübergreifend als Vorbilder gelten. Zugleich wurden von den seit 1588 insgesamt 839 römisch-katholisch kanonisierten Personen 482 durch Johannes Paul II. heiliggesprochen. Papst Franziskus regte einen ab 2025 jeweils am 9. November begangenen Gedenktag für „Alltagsheilige“ an.
Volksheilige sind besonders beliebte Heilige und Selige, deren Feste oft Brauchtum prägt: Barbara mit Barbarazweigen, Nikolaus mit Kinderbeschenkung, Martin mit Martinszug und Martinisingen sowie Lucia in Schweden mit dem Luciafest. Wer als Volksheiliger gilt, ist regional verschieden. Christliche Heilige werden auch synkretistisch außerhalb des Christentums verehrt: Im haitianischen Voodoo erscheinen einzelne Heilige als Geistwesen; die kubanische Santería setzt zahlreiche Orisha mit christlichen Heiligen gleich.
Judentum und Islam
Im Judentum bedeutet קדוש (kadosch, „heilig“) zunächst „abgesondert“, im Gegensatz zu profan, also weltlich und alltäglich. Das orthodoxe Judentum behandelt persönliche Heiligkeit zurückhaltend; vor allem Gemeinden gelten als heilig. Dennoch entstanden in der Praxis Heiligengräber und eine Verehrung von Propheten, besonders Mose. Seit dem makkabäischen Widerstand gewann das Märtyrertum an Bedeutung. In der Spätantike entwickelte die Volksfrömmigkeit Gräberkulte um besonders fromme Juden; Synagogen wurden teils über oder nahe Gräbern errichtet. Im osteuropäischen Chassidismus wurde der Zaddik als Heilsbringer mit enger Gottesbeziehung und als Mittler göttlicher Gnade verehrt. Heiligengräber bleiben Wallfahrtsziele, etwa die Gräber der Erzväter in Hebron, das Davidsgrab in Jerusalem, das Grab Schimon ben Jochais in Meron und das Menachem Mendel Schneersons. Patriarchen und Propheten des Alten Testaments wurden auch in christliche und islamische Heiligenreihen aufgenommen.
Im Islam entstanden Heiligenverehrungen früh, etwa um ʿAlī ibn Abī Tālib sowie Hasan ibn Ali und Husain ibn Ali im Schiitentum. Als „Freunde Gottes“ (auliyāʾ Allāh; Koran, Sure 10:62) gelten Menschen nicht durch eigene Leistung, sondern durch Allahs Wirken und Nähe. Es gibt kein offizielles Heiligsprechungsverfahren; die Anerkennung beruht auf dem Konsens der Gläubigen und kann auch Propheten und Patriarchen vor Mohammed betreffen. Heilige gelten als Fürsprecher und Mittler, Wundertäter und Wächter des Glaubens. Ihre Gräber sind Ziele von Ziyāra-Wallfahrten. Ihre spirituelle Energie, Baraka, soll über den Tod hinaus wirken und wird über eine spirituelle Kette, Silsila, mit der Familie des Propheten verbunden.
Spätere Verehrung gilt häufig Sufis, oft Scheichs eines Sufiordens (Tariqa). Ein bekannter Heiliger ist ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī, dessen Grab in Bagdad Pilger anzieht. Wahhabiten, Salafisten und Ahl-i Hadīth bekämpfen Heiligenverehrung dagegen, weil sie dem Tauhid, der absoluten Einzigkeit und Erhabenheit Gottes, widerspreche; sie verweisen auf Sure 9:31 und 10:19.
Indische und chinesische Religionen
In Hinduismus, Buddhismus und Jainismus werden Heilige grob als Menschen verstanden, die durch radikale Askese und Meditation einen höheren Bewusstseinszustand oder Erleuchtung erreicht haben. Wegen verbreiteter atheistischer oder agnostischer Vorstellungen steht nicht die Vermittlung zwischen Gottheit und Menschen im Vordergrund. Für den vielfältigen Hinduismus ist eine allgemeingültige Definition eines Heiligen praktisch unmöglich; verehrt werden jedoch religiöse Lehrer wie Namdev, Dnyaneshwar, Tukaram, Shankara, Ramakrishna und Gandhi.
Im Hinayana-Buddhismus ist ein Arhat heilig: Er erreicht durch asketisches Leben und Befolgung der Lehren Buddhas bereits zu Lebzeiten Nirvana und scheidet aus dem Kreislauf der Wiedergeburten aus. Auch Siddhartha Gautama gilt als heiliger Mensch, weil er die vier edlen Wahrheiten erkannte und in Meditation vollkommene innere Ruhe fand. Im Mahayana werden außerdem Bodhisattvas verehrt: Sie haben Erleuchtung erreicht, verzichten aber aus Altruismus auf das Nirvana, um andere zur Erleuchtung zu führen. Reliquien und Gräber können in Stupas verehrt werden, beispielsweise in Thailand durch barfüßiges, rechtsherum gerichtetes Umschreiten mit Blumen-, Weihrauch- und Kerzenopfern. Genannt werden Padmasambhava, Milarepa und Tsongkhapa. Im Jainismus gelten 63 exemplarische Menschen, darunter 24 Tirthankaras („Furtbereiter“, „Bahnbrecher“), als Heilige: Obwohl sie selbst Erlösung fanden, zeigen sie den Menschen wiederholt den Weg zur Erleuchtung.
Im Konfuzianismus ist der Heilige (聖人, Shengren) mit dem „Edlen“ (君子) verbunden. Er vereint die fünf Kardinaltugenden Menschlichkeit (Ren, 仁), Gerechtigkeit (Yi, 義), ethisches Verhalten (Li, 礼), Weisheit (Zhi, 智) und Aufrichtigkeit (Xin, 信). Dazu zählen Konfuzius, seine Schüler, ideale mythische Herrscher und regierende Kaiser. Der Daoismus verehrt historische Gestalten, die im Einklang mit dem Dao gelebt haben, etwa die „Acht Unsterblichen“. Ihnen werden übernatürliche Fähigkeiten zugeschrieben; sie können vor Krankheit und Tod bewahren und gelten im daoistischen Pantheon häufig als Gottheiten.
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