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Heilige Kuh
Eine heilige Kuh ist ein aus religiösen oder anderen kulturellen Gründen verehrtes und als unantastbar erklärtes Hausrind. Neben ihrer religiösen Verehrung …
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Begriff und kulturelle Bedeutung
Eine heilige Kuh ist ein Hausrind, das aus religiösen oder anderen kulturellen Gründen verehrt und für unantastbar erklärt wird. Besonders bekannt ist die religiöse Hochschätzung von Rindern im Alten Ägypten und im heutigen Indien. In manchen Gesellschaften, etwa bei den Nuer und Dinka im Südsudan, dienen Kühe und Stiere beziehungsweise Ochsen außerdem als Statussymbol und Maßstab für Vermögen.
Im übertragenen Sinn bezeichnet die Redewendung „heilige Kuh“ ein Tabu: eine Vorstellung, Einrichtung oder Sache, die nicht angetastet oder grundsätzlich infrage gestellt werden darf.
Rinderverehrung in alten Kulturen
Das domestizierte Rind lieferte seit alter Zeit Nahrung, Kleidung und Material für Behausungen. Als Zugtier stellte es zugleich Arbeitskraft bereit. Wegen dieser engen Verbindung zum menschlichen Leben wurden Rinder, in Ackerbaukulturen besonders Stiere, in religiöse Rituale einbezogen. Im Nahen Osten und im Mittelmeerraum schlachteten Priester Tiere zeremoniell und opferten einen Teil des Fleisches den Göttern.
Spuren solcher Kulte gibt es auch im deutschsprachigen Raum. Beispiele sind der herbstliche Almabtrieb und der geschmückte Pfingstochse. In Bayern wurde eine 6000 Jahre alte Stierplastik gefunden, deren Rücken einen Kelch bildet. Aus der Steinzeit sind Rinderbestattungen bekannt; auch in der Hallstattzeit galt der Stier als heiliges Tier.
Bei den alten Italikern war der Stierkult stark ausgeprägt. Der Name Italien geht möglicherweise auf „vituli“ zurück, was „Jungstiere“ oder „Söhne des Stiergottes“ bedeutet. Die Stierkämpfe der Iberischen Halbinsel und Südfrankreichs sowie Formen des Stierhetzens ohne Tötung haben kultische Ursprünge. Im minoischen Kreta gehörten der Minotauros und Stierkämpfe zum Stierkult. Im Mithras-Kult war die Tötung eines Stieres eine zentrale Kulthandlung.
Im frühen Alten Ägypten genoss die Kuh eine besonders hohe religiöse Wertschätzung. Man stellte sich den Himmel als große, Nahrung spendende Kuh vor, die mit vier Beinen auf der Erde stand. Später wurde diese Himmelskuh mit der Göttin Isis gleichgesetzt. Schließlich war ihre Schlachtung sogar zu sakralen Zwecken tabu.
Die Kuh im Hinduismus
In Indien verweist bereits der Sanskrit-Name „aghnya“, „die Unantastbare“, auf die besondere Stellung der Kuh. Ihr Schutz ist bis heute ein wichtiges Element hinduistischer Religionen. Für die meisten Hindus ist die Kuh unantastbar. Auch Menschen, die sie nicht ausdrücklich als heilig ansehen, betrachten sie als wichtiges Symbol. Das Töten einer Kuh gilt traditionellen Hindus als besonders verunreinigendes Vergehen; die meisten lehnen Rindfleisch ab, auch wenn nicht alle Hindus Vegetarier sind.
Ein zentrales Prinzip ist Ahimsa, die Gewaltlosigkeit gegenüber Lebewesen. Die heutige Rinderhaltung wird jedoch nicht allein mit diesem religiösen Grundsatz erklärt, sondern auch als Ergebnis einer langen ökologischen Anpassung. Der Anthropologe Marvin Harris (1927–2001) vertrat seit seinem Artikel „The Myth of the Sacred Cow“ von 1965 die Auffassung, Rinder erfüllten wichtige praktische Aufgaben: Sie lieferten Milch und Dung, dienten als Zugtiere, verwerteten pflanzliche Abfälle und konnten nach ihrem Tod für ihre Felle genutzt werden. Ihre Nützlichkeit bestätige wiederum die Beibehaltung des Ahimsa-Prinzips.
Heilige Kühe erreichen dennoch durchschnittlich kein hohes Alter. Unbrauchbar gewordene Tiere sterben häufig wegen Futtermangels und Vernachlässigung. Ariel Glucklich kritisierte 1997 die utilitaristische Deutung von Harris, weil sie die Heiligkeit der Kuh auf eine Art Kalorienrechnung reduziere. Weitere Forschende brachten ökologische, politische, religionsphilosophische und psychoanalytische Argumente in die Debatte ein; eine einheitliche Bewertung entstand nicht.
Mythen, Gottheiten und Rituale
Bereits in den ältesten indischen Schriften, den Veden, erscheint die Kuh in bildhafter Sprache als Göttin und als Verkörperung der Erde, Prithivi Mata. Besonders bedeutend ist Kamadhenu, die Wunschkuh, Erfüllerin der Wünsche und Mutter aller Kühe. Sie wird als Mischwesen dargestellt: mit dem Körper einer Kuh, den Flügeln eines Adlers, dem Schwanz eines Pfaus sowie Kopf und Brüsten einer schönen Frau.
Eng mit der Kuh verbunden ist Krishna, eine besonders populäre Inkarnation des Gottes Vishnu. Krishna wuchs unter Kuhhirten auf und trägt als Kuhhirte den Namen Gopala. Auch im Bhagavatapurana, der heiligen Schrift über seine Lebensgeschichte, spielt die Kuh eine wichtige Rolle. Der Stier ist in Gestalt Nandis das Begleittier des Gottes Shiva. Nandi-Statuen stehen häufig am Eingang von Shiva-Tempeln; in früher Zeit wurde Shiva selbst in dieser Form verehrt.
Kuhprodukte sind für hinduistische Rituale wesentlich. Ghi, also geklärte Butter, wird als Licht und Opferspeise verwendet; Milch und Joghurt dienen ebenfalls als Opfergaben. Ohne diese Produkte kann keine Puja, ein formeller hinduistischer Gottesdienst, stattfinden. Die Überlieferung betrachtet sämtliche Kuhprodukte als besonders rein und reinigend.
Obwohl „Kuh“ männliche und weibliche Rinder umfassen kann, besitzt das weibliche Tier den höheren Rang. Es wird nur in lebendiger Gestalt verehrt, nicht in Abbildungen. Zu Feiertagen oder privaten Anlässen wie Gedenktagen und Wallfahrten berühren Gläubige das Tier rituell und sprechen Gebete, teilweise unter Anleitung eines Brahmanen. Im ländlichen Raum werden Kühe an bestimmten Tagen rund um das Lichterfest Divali gereinigt, geschmückt und besonders gefüttert. Viele hinduistische Schriften empfehlen das Schenken einer Kuh als größtes Geschenk, durch das besonders große religiöse Verdienste erworben werden; heute wird dieses Ritual meistens symbolisch vollzogen.
Für heutige Hindus ist die Kuh eine Mutter, die den Menschen alles zum Leben gibt, und damit ein Symbol für Fürsorge und Lebenserhaltung. Im Atharvaveda heißt es: „Die Kuh ist Vishnu, der Herr des Lebens“. Vishnu gilt als Erhalter der Welt.
Praktischer Nutzen und Alltag
In früheren Zeiten erfüllte die Kuh im Hinduismus buchstäblich die Funktion einer Erhalterin: Sie lieferte Nahrung, Bekleidung, Dünger, Material für Behausungen, Medizin und Arbeitskraft. Noch heute ist sie für viele arme Bauern das einzige Zugtier und damit eine Stütze der Landwirtschaft. Für Millionen Menschen in Dörfern und Städten ist Kuhdung ein wichtiges Brennmaterial zum Kochen. In Dörfern wird er auch beim Hausbau eingesetzt.
Mit Wasser vermischter Dung dient zur Reinigung von Haus, Hof und Gottesdienstplatz. Gläubige Hindus schreiben dieser Reinigung sowohl eine materielle als auch eine spirituelle Wirkung zu. Dung wirkt außerdem als Insektizid; entsprechende Produkte werden gewerblich hergestellt. In der traditionellen Volksmedizin Ayurveda kommen Rinderdung und Rinderurin gegen verschiedene Krankheiten zum Einsatz.
Panchagavya bedeutet ungefähr „fünf Erzeugnisse der Kuh“ und ist eine Mischung aus Dung, Urin, Milch, Ghee und Joghurt. Sie wird als biologisches Düngemittel, im Ayurveda und als Opferspeise, Prasad, beim Tempeldienst verwendet.
Dass Kühe häufig frei durch indische Straßen laufen, hat einen praktischen Grund: Viele Bauern lassen sie selbstständig nach verwertbaren Abfällen suchen. Dadurch sparen sie Futter und die Tiere beseitigen zugleich einen Teil des Abfalls.
Schlachtung, Gesetze und Konflikte
Hindus schlachten traditionell keine Rinder; Rindfleisch ist ein Nahrungstabu. Theoretisch soll eine Kuh nach dem Ende ihrer Milchproduktion bis zu ihrem natürlichen Tod versorgt werden. In der Praxis werden unproduktive Tiere jedoch häufig an Muslime oder Dalits verkauft, für die wegen ihrer Kastenlosigkeit weniger Tabus gelten. Wirtschaftlicher Druck und die Haltbarkeit von Rindsleder führen auch dazu, dass Bauern Tiere bei angeblichen „Unfällen“ sterben lassen oder verkaufen. Manche geben vor, nicht zu wissen, dass die Tiere später geschlachtet werden, etwa für die Lederproduktion.
In einigen Regionen bestehen Goshalas, also Tierasyle, in denen kranke und alte Kühe bis zu ihrem Lebensende versorgt werden. Sie werden durch Spenden wohlhabender Privatpersonen oder von Tempelinstitutionen unterstützt. Trotz des religiösen Schlachttabus ist Indien weltweit der fünftgrößte Exporteur von Rindfleisch.
Das absolute Schonen der Kuh ist möglicherweise keine uralte hinduistische Tradition. Hinweise sprechen dafür, dass Rinder zur Zeit der Veden noch geschlachtet und gegessen wurden. Erst mit der stärkeren Ausarbeitung des Ahimsa-Prinzips gewann die Ablehnung des Tötens von Tieren an Bedeutung und wurde auf die Kuh übertragen. Möglicherweise gelangte das weitverbreitete Tabu vom Jainismus in den Hinduismus.
In den meisten indischen Bundesstaaten ist die Tötung von Kühen gesetzlich verboten, doch es gibt keine unionsweit einheitliche Regelung. Rajasthan richtete 2014 ein Ministerium für Kuh-Wohlfahrt ein. In Westbengalen und Assam dürfen Rinder geschlachtet werden, wenn sie älter als 14 Jahre und als Nutztiere nicht mehr brauchbar oder wenn sie verletzt sind; ein Grund dafür dürfte die wirtschaftlich wichtige Lederindustrie sein. Kerala, Manipur, Meghalaya und Nagaland besitzen keine entsprechende gesetzliche Regelung. Manche Bundesstaaten machen zeitlich begrenzte Zugeständnisse zugunsten der muslimischen Bevölkerung.
Für Bauern ist es eine große finanzielle Belastung, wenn sie Tiere in Notzeiten wie Dürren nicht an Metzger verkaufen können. In Nordindien dient die Verfolgung tatsächlicher oder angeblicher Vergehen gegen Kühe zudem als Ausgangspunkt für Gewaltverbrechen und Korruption durch organisierte Wächtermilizen. Laut Artikel werden diese durch die von der nationalistisch-populistischen Hindu-Partei BJP gestellte Regierung entscheidend gefördert.