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Ahimsa
Ahimsa (Sanskrit, f., अहिंसा, ahiṃsā, wörtlich das Nicht-Verletzen) bedeutet Gewaltlosigkeit – eines der wichtigsten Prinzipien im Hinduismus, …
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Bedeutung und Entwicklung
Ahimsa (Sanskrit: ahiṃsā, „Nicht-Verletzen“) bedeutet Gewaltlosigkeit. Das Prinzip untersagt das Töten oder Verletzen von Lebewesen oder beschränkt es auf ein unumgängliches Minimum. Es ist ein wichtiges Prinzip des Hinduismus, Jainismus und Buddhismus. Damit verbindet sich die Karma-Lehre: Gewaltausübung erzeugt schlechtes Karma und wirkt sich negativ auf die Zukunft des Täters aus.
Wie streng Ahimsa im Alltag gelten soll und ob Selbstverteidigung erlaubt ist, wird in den Religionen unterschiedlich beurteilt. Der historische Ursprung ist unbekannt. Für die vorarische Indus-Kultur gibt es kaum archäologische Anzeichen militärischer Auseinandersetzungen, wohl aber Belege für Jagd und gehaltene Schlachttiere.
In der vedischen Zeit, deren Ende gewöhnlich um ca. 500 v. Chr. angesetzt wird, waren rituelle Tieropfer und Fleischverzehr üblich; auch Rindfleisch wurde gegessen. Ahimsa erscheint erstmals in der Taittiriya Samhita (TS 5.2.8.7) und bezeichnet dort zunächst nur das Gegenteil von Gewalt ohne moralische Bedeutung. Um das 8. Jahrhundert v. Chr. fordert die Kapisthala Katha Samhita mit pashu-ahimsa das Nicht-Töten von Opfertieren. Die Chandogya-Upanishad des 8. oder 7. Jahrhunderts v. Chr. verlangt Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen (sarva-bhuta), ausgenommen an Opferstätten (tīrtha), und zählt Ahimsa zu den fünf wesentlichen Tugenden.
Tiere, Nahrung und Karma im Hinduismus
Im Hinduismus besteht dem Wesen nach kein Unterschied zwischen der Seele eines Menschen und der eines Tieres. Ahimsa schützt daher grundsätzlich beide. Daraus lässt sich die Ablehnung von Jagd, Schlachtung und Fleischnahrung ableiten. Zugleich zeigen die als verbindlich geltenden vedischen Schriften eine Vergangenheit, in der Tieropfer und Fleischverzehr unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt oder geboten waren.
Es lassen sich drei Entwicklungsphasen unterscheiden: Zunächst war Ahimsa kein Thema. Später missbilligte man Tiertötung und beschränkte sie auf Opfer und Jagd. Schließlich setzte sich Ahimsa stärker durch, während Ausnahmen immer mehr verpönt wurden. Dennoch gab es noch im ersten Jahrtausend n. Chr. Fleischesser. Dharmasutras des 5. oder 4. Jahrhunderts v. Chr. führen erlaubte und verbotene Tiere als Nahrung auf. Ayurveda-Schriften behandeln Fleisch als gesundheitliche Nahrung: Die Sushruta Samhita empfiehlt Rindfleisch bei manchen Beschwerden und in der Schwangerschaft; die Charaka Samhita bevorzugt Fleisch in der Rekonvaleszenz.
Mahabharata, Bhagavatapurana (11.5.13–14) und Manusmriti (5.27–44) verurteilen Schlachtung und Fleischessen grundsätzlich, erlauben jedoch Opferfleisch. Im Mahabharata darf ein Kshatriya jagen, ein Waldeinsiedler nicht. Ahimsa-Anhänger verweisen auf karmische Folgen, etwa dass ein vorsätzlicher Tiertöter künftig von einem Tier gefressen werde. Als Folgen von Ahimsa nennen die Quellen spirituelle Glückseligkeit, Erlösung vom Kreislauf der Wiedergeburt und Schutz vor der Hölle.
Die Manusmriti (10.63), das Arthashastra (1.3.13) und das Vasishtha-Dharmasutra (4.4) erklären Ahimsa für alle Kasten verbindlich. Verteidiger von Opfer und Jagd behaupteten dagegen, erlaubte Gewalt sei keine wirkliche Gewalt: Opfer dienten dem Weltwohl und dem Opfertier, Ackerbau töte ebenfalls Lebewesen, und Jagd sei ein Kampf, bei dem auch das Tier den Jäger töten könne.
Pflanzen, Recht, Krieg und Yoga
Ahimsa gilt im Prinzip für alle Lebewesen; auch Pflanzen besitzen nach hinduistischer Auffassung keinen grundsätzlich anderen Status als Tiere. Die Manusmriti (11.145) verbietet die willkürliche, unnötige Zerstörung von Wild- und Nutzpflanzen. Sannyasins, also asketische Einsiedler, ernähren sich frutarisch: Sie essen etwa Früchte, deren Gewinnung die Pflanze nicht zerstört.
Die hinduistischen Schriften befürworten Gewalt zur Selbstverteidigung gegen bewaffnete Angreifer. Ahimsa gilt nicht für Kriminelle; ein Übeltäter soll getötet werden, wenn er den Tod verdient hat. Der König muss Verbrecher bestrafen und nötigenfalls töten, auch wenn es eigene Geschwister oder Kinder sind. Ahimsa fordert daher keinen Pazifismus. Krieg gilt als normaler Teil des Daseins und als Pflicht der Krieger. In der Bhagavad Gita weist Krishna Arjunas pazifistische Haltung zurück und verlangt von ihm, in der bevorstehenden Schlacht zu kämpfen.
Im klassischen Raja Yoga nach Patañjali steht Ahimsa als erste der fünf Yamas, der Enthaltungen, an erster Stelle des achtgliedrigen Yoga-Weges. Auch im Bhakti-Yoga und nach der Hathayogapradipika (1.1.17) ist sie verbindlich. Sie umfasst auch das seelische Nicht-Verletzen.
In der Neuzeit betonten unter anderem Swami Vivekananda, Ramana Maharshi, Swami Sivananda und A. C. Bhaktivedanta Swami Ahimsa. Mahatma Gandhi (1869–1948) übertrug sie besonders auf die Politik. Seine gewaltfreie Bewegung gegen die britische Kolonialherrschaft nannte er Satyagraha, „Festhalten an der Wahrheit“. Für Gandhi schloss Ahimsa auch Hass, üble Gedanken, verletzende Worte, Unredlichkeit und Lüge aus. Sri Aurobindo hielt dieses Konzept für nicht allgemein anwendbar und beurteilte Gewalt nach den Umständen. Albert Schweitzer entwickelte im Gespräch mit der Ahimsa-Idee seine „Ehrfurcht vor dem Leben“ und kritisierte eine bloß negative Unterlassung von Übeltaten gegenüber aktiver Hilfeleistung.
Besonders strenge Gewaltlosigkeit im Jainismus
Im Jainismus ist Ahimsa die wichtigste Tugend: ahiṃsā paramo dharmaḥ. Sie verpflichtet nicht nur Mönche und Nonnen, sondern alle Jains, weil sie die Ansammlung schädlichen Karmas verhindern soll. Ahimsa bestand bereits in den „Vierfachen Beschränkungen“ (Caujjama) des Parshva, der etwa im 8. Jahrhundert v. Chr. lebte. Mahavira reformierte und organisierte die Jain-Bewegung im 6. oder 5. Jahrhundert v. Chr. neu.
Tötung für Nahrung, Jagd und Tieropfer sind absolut verboten. Die heute allgemein befolgte Regel erlaubt nur Lacto-Vegetarismus oder Veganismus. Überliefert ist allerdings, dass frühe Jain-Asketen möglicherweise Fleisch als Almosen annahmen, wenn ein Tier nicht eigens für sie getötet worden war; heutige Jains bestreiten dies vehement.
Jains vermeiden nach Möglichkeit auch Schäden an Pflanzen sowie das Töten von Insekten und Kleinstlebewesen. Honig ist verboten, da seine Gewinnung Gewalt gegen Bienen bedeute. Manche Jains meiden den Ackerbau, weil beim Pflügen viele Lebewesen sterben; generell untersagt ist Landwirtschaft aber nicht. Unachtsam verursachter Schaden wiegt ebenso schwer wie absichtlich zugefügter.
Das Ideal lässt sich im Alltag nicht vollständig verwirklichen. Deshalb unterscheiden Jains eine Rangordnung: Bewegliche Wesen sind stärker geschützt als unbewegliche; bei beweglichen Wesen steigt der Schutz mit der Zahl der Sinne. Menschen haben unter den Wesen mit fünf Sinnen Vorrang. Laien mit den „Kleinen Gelübden“ (anuvrata) haben geringere Pflichten als Mönche und Nonnen mit den „Großen Gelübden“ (mahavrata). Trotz der Strenge gilt Selbstverteidigung als zulässig; ein Soldat kann im Kampf eine legitime Pflicht erfüllen.
Buddhistische Regeln
Im frühen buddhistischen Schrifttum ist ahimsa kein technischer Begriff. Das buddhistische Verständnis von Gewaltlosigkeit ist weniger streng als das jainistische. Rituelle Tieropfer wurden stets abgelehnt. Vegetarismus ist jedoch in den meisten buddhistischen Traditionen nicht vorgeschrieben: Mönche, Nonnen und Laien dürfen Fleisch und Fisch essen, wenn das Tier nicht eigens ihretwegen getötet wurde.
Mönche und Nonnen folgen seit den Anfängen den „Zehn Tugendregeln“ (Dasa-sila). Laien werden zur freiwilligen Einhaltung der „Fünf Tugendregeln“ (Silas), des Pañca-sīla, ermutigt. In beiden Regelgruppen lautet die erste Regel, kein Lebewesen zu töten.
Der frühe Buddhismus hat gewaltsame Bestrafung von Übeltätern und Krieg zur Selbstverteidigung weder ausdrücklich gebilligt noch ausdrücklich verurteilt. Frühbuddhistische Erzählungen heben friedliche Konfliktlösung und die mögliche Bekehrung von Räubern hervor.