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Hedwig Richter

Hedwig Richter (* 1973 in Urach) ist eine deutsche Historikerin und Publizistin. Sie ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und Arbeitsgebiet
  2. 2. Ausbildung und beruflicher Weg
  3. 3. Demokratie und moderne Wahlen
  4. 4. Migration
  5. 5. Aufnahme ihrer Werke und Auszeichnungen

Person und Arbeitsgebiet

Hedwig Richter (* 1973 in Urach) ist eine deutsche Historikerin und Publizistin. Sie ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München. Ihre Forschung behandelt die europäische Geschichte und die Geschichte der Vereinigten Staaten im 19. und 20. Jahrhundert. Wichtige Themen sind Demokratie und Diktatur, Geschlechtergeschichte, Migration und Kirchengeschichte.

Richters Arbeiten befassen sich besonders mit der Frage, wie moderne Demokratien und ihre Wahlverfahren entstanden, wie sie gesellschaftlich wirkten und welche Spannungen sie enthalten. Ihr Satz „Der Modus der Demokratie ist die Krise, daher gehört zu ihrer Geschichte die fortdauernde Ankündigung ihres Endes“ fasst ihre Sicht auf Demokratie als konfliktreiche und stets gefährdete politische Ordnung zusammen.

Ausbildung und beruflicher Weg

Richter wuchs in einem protestantischen Elternhaus in Bad Urach auf. Nach dem Abitur leistete sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in Israel. Sie studierte Geschichte, deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Heidelberg, der Queen’s University Belfast und der FU Berlin.

2008 promovierte sie an der Universität zu Köln bei Ralph Jessen über die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. Die Veröffentlichung der Buchfassung verzögerte sich einige Monate, weil ein Herrnhuter erfolglos gegen Zitate aus seinen Stasi-Akten klagte. Danach arbeitete Richter unter anderem an der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, an der Universität Bielefeld, an der damaligen Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald und am Hamburger Institut für Sozialforschung. 2016 habilitierte sie sich in Greifswald; eine Habilitation ist eine wissenschaftliche Qualifikation nach der Promotion. Seit Januar 2020 hat sie die W3-Professur für Neuere und Neueste Geschichte in München inne.

Neben der Wissenschaft schreibt sie für Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche, taz und Die Zeit, teils gemeinsam mit Bernd Ulrich. Im März 2021 unterzeichnete sie das „Manifest der offenen Gesellschaft“, das während der Corona-Pandemie freiere Debattenräume forderte. Sie ist zudem in Herausgeber- und wissenschaftlichen Beiräten tätig, etwa für die Reihe „Geschichte und Geschlechter“, die Zeitschrift für Ideengeschichte, das Progressive Zentrum und die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus.

Demokratie und moderne Wahlen

Richter bezeichnet Demokratie in ihren Arbeiten als „Elitenprojekt“. Damit meint sie, dass demokratische Praktiken zu Beginn der Demokratiegeschichte um 1800 häufig nicht hauptsächlich von breiten Bevölkerungsschichten gefordert, sondern „von oben oktroyiert“, also von politischen Eliten eingeführt worden seien. Dies gelte ihrer Darstellung zufolge teilweise auch für das 19. Jahrhundert.

In ihrer Habilitationsschrift Moderne Wahlen untersucht sie Preußen und die USA im 19. Jahrhundert. Sie vertritt die Auffassung, Demokratiegeschichte könne nicht nur als Geschichte weniger Staaten wie der USA oder Großbritanniens erzählt werden. Sie müsse vielmehr als gemeinsame, transnationale Geschichte verstanden werden. Transnational bedeutet hier: Entwicklungen werden über Ländergrenzen hinweg verglichen und in ihren Verbindungen betrachtet.

Wahlen hatten nach Richter in den nordatlantischen Ländern nicht allein die Funktion, politische Herrschaft zu legitimieren. Sie konnten auch die Bevölkerung disziplinieren oder als Ritual wirken, durch das Bürgerinnen und Bürger der Staatsmacht zustimmten oder sich ihr unterordneten. Ihre Themen werden auch in den Büchern Demokratie. Eine deutsche Affäre und Aufbruch in die Moderne. Reform und Massenpolitisierung im Kaiserreich behandelt.

Migration

Mit Blick auf Diskussionen über Arbeitsmigration nach Deutschland spricht Richter von einem „Opfer-Plot“. Sie kritisiert damit Erzählungen, in denen Migrantinnen und Migranten vor allem als hilflose Opfer dargestellt würden. Nach ihrer Auffassung entmündigt diese Sicht die Betroffenen: Viele Arbeitsmigranten hätten sich nicht naiv nach Deutschland locken lassen, sondern wollten schnell Geld verdienen und möglichst bald in ihre Herkunftsländer zurückkehren.

Unter Berufung auf Hans-Ulrich Wehler schreibt Richter, dass ein großer Teil der Arbeitsmigranten der 1950er bis 1970er Jahre tatsächlich zurückkehrte. Grundlage ihrer als „provokant“ bezeichneten These ist eine historische Untersuchung, die sie mit Ralf Richter über italienische Arbeitsmigranten bei Volkswagen in Wolfsburg veröffentlichte.

Aufnahme ihrer Werke und Auszeichnungen

Richters Bücher wurden unterschiedlich bewertet. Moderne Wahlen wurde als provokativ bezeichnet. Hartwin Spenkuch kritisierte im Rezensionsjournal sehepunkte Verkürzungen historischer Zusammenhänge, Widersprüche, Sachfehler und kontrafaktische Behauptungen. Stine Marg bewertete das Buch dagegen positiv: Es sei nicht einfach eine Geschichte der Demokratie, sondern ein Beitrag zum Verständnis der modernen Demokratie und ein Argument für deren „fiktionalen Charakter“. Boris Barth urteilte gemischt: Die Thesen seien originell und die Methode eröffne eine neue Perspektive auf die Geschichte der „westlichen“ Welt; die Auswahl Preußens und der USA sei jedoch willkürlich, und die amerikanischen Teile seien zu anekdotisch. Weitere Rezensionen lobten die vielfältige politische Kulturgeschichte der Wahlen, während Thomas Mergel methodische Beliebigkeit, begriffliche Vagheit, argumentative Unschärfe und Redundanz beanstandete.

Auch Demokratie. Eine deutsche Affäre löste gegensätzliche Reaktionen aus. Christian Jansen und Andreas Wirsching warfen Richter Verstöße gegen wissenschaftliche Standards vor; Patrick Bahners wies diese Kritik in der FAZ zurück. Der Tagesspiegel hob Richters Blick auf demokratische Entwicklungen in anderen Ländern, ihr Gespür für die „Dialektik der Demokratie“ und die Bedeutung ihrer Argumente für Reformen hervor. Der Essay Aufbruch in die Moderne wurde ebenfalls teils als instruktiv, teils wegen methodischer Schwächen und einer teleologischen Perspektive kritisiert.

Für ihre Dissertation Pietismus im Sozialismus erhielt Richter den Offermann-Hergarten-Preis der Universität zu Köln. 2018 bekam sie für Moderne Wahlen den Preis der Demokratie-Stiftung. Demokratie. Eine deutsche Affäre war 2020 für den Bayerischen Buchpreis nominiert; im selben Jahr erhielt Richter den Anna-Krüger-Preis des Wissenschaftskollegs zu Berlin.

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