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Schweizerdeutsch

Der Sprachgebrauch in der Schweiz unterscheidet zwischen Dialekt und Standardsprache. Während die Dialekte ein Kontinuum bilden, gibt es kein Kontinuum …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Verbreitung und gesellschaftliche Rolle
  2. 2. Dialekträume und regionale Unterschiede
  3. 3. Laute, Betonung und Endungen
  4. 4. Grammatik, Wortbildung und Wortschatz
  5. 5. Schrift, Sprachwandel und Dokumentation

Begriff, Verbreitung und gesellschaftliche Rolle

Schweizerdeutsch ist die Sammelbezeichnung für die alemannischen Dialekte, die in der Deutschschweiz von allen Gesellschaftsschichten gesprochen werden. Es gehört über das Alemannische zu den westoberdeutschen Varietäten der deutschen Sprache. Die Zahl der Sprecher wird auf 4,9 Millionen geschätzt; der Sprachcode nach ISO 639-2 und ISO 639-3 lautet gsw.

Schweizerdeutsch und Schweizer Hochdeutsch erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Schweizer Hochdeutsch dient vor allem als Schrift- und Bildungssprache sowie in bestimmten förmlichen und mehrsprachigen Situationen. Die Dialekte werden dagegen in fast allen mündlichen Alltagssituationen verwendet, auch gegenüber Behörden, vor Gericht und gegenüber gesellschaftlich höhergestellten Personen. Diese funktionale Zweiteilung heißt Diglossie. Zwischen Dialekt und Standardsprache besteht dabei kein stufenloser Übergang: Eine Äußerung ist entweder schweizerdeutsch oder standarddeutsch, auch wenn beide Formen einander beeinflussen.

Sprachwissenschaftlich bilden die schweizerdeutschen Mundarten keine klar abgegrenzte Sprache gegenüber den alemannischen Dialekten im Elsass, in Baden-Württemberg, Bayerisch-Schwaben, Vorarlberg, Liechtenstein und den Walsersiedlungen. Sie gehören zu einem Dialektkontinuum, also einem Gebiet mit allmählichen sprachlichen Übergängen. Besonders ist vor allem ihr breiter Gebrauch: Außerhalb der Schweiz wurden viele alemannische Ortsdialekte durch die jeweilige Standardsprache stärker zurückgedrängt.

Nach der Erhebung des Bundesamts für Statistik von 2010 waren 65,6 % der Gesamtbevölkerung deutschsprachig. Von den Deutschschweizern gaben 2000 noch 93,3 % und 2014 noch 87 % an, im Alltag Dialekt zu sprechen. Als Familiensprache verwendeten ihn 2019 78,4 % der Einwohner ab 15 Jahren in der deutschen Schweiz. Dialekt ist auf dem Land häufiger als in Städten; die Werte unterscheiden sich stark zwischen den Kantonen. Schweizerdeutsch stiftet Gemeinschafts- und Heimatgefühl und wird weder als Sprache einer Unterschicht noch als bloße Trendsprache betrachtet.

Dialekträume und regionale Unterschiede

Die Schweiz besitzt Hunderte Ortsmundarten. Ihre Vielfalt entstand unter anderem durch die starke topografische Gliederung des Landes und die bis zum frühen 20. Jahrhundert geringe Mobilität. Manche Dialekte unterscheiden sich so stark, dass selbst Deutschschweizer Verständigungsprobleme haben können, besonders beim höchstalemannischen Urner- oder Walliserdeutsch. Sehr regional sind auch Flurnamen und Bezeichnungen für Pflanzen, Werkzeuge und landwirtschaftliche Geräte.

Das Baseldeutsche von Basel-Stadt gehört zum Niederalemannischen. Ein Merkmal ist anlautendes k wie in Kind statt des hochalemannischen ch in Chind. Reine mittelalemannische beziehungsweise bodenseealemannische Dialekte gibt es in der Schweiz nicht; die Nordostschweiz und das Churer Rheintal bilden jedoch eine mittelalemannisch-hochalemannische Übergangszone. Die meisten schweizerdeutschen Dialekte sind hochalemannisch.

Zum Höchstalemannischen gehören die Mundarten des Wallis und der Walsersiedlungen, des Berner Oberlands, Schwarzenburgerlands, Senselands und von Jaun, der südlichen Innerschweiz sowie des Kantons Glarus. Kennzeichnend sind Formen wie schnyyä, nüü(w)/nyyw und buu(w)e/büü(w)ä gegenüber hochalemannischem schneie/schnäie, nöi und boue/baue. Walliser- und Walserdialekte bilden eine besonders konservative Untergruppe. Die Mundart von Samnaun gehört dagegen zum Tirolerischen und damit zum Bairischen, nicht zum Schweizerdeutschen.

Alltagsbezeichnungen wie Berndeutsch, Zürichdeutsch oder Bündnerdeutsch folgen meist Kantonsgrenzen, bilden dialektologisch aber oft keine einheitlichen Gruppen. Traditionell unterscheidet man westliche und östliche sowie nördliche und südliche Merkmale. Daraus ergeben sich Nordwest-, Südwest-, Nordost- und Südostschweizerdeutsch. Tatsächlich bestehen viele Übergänge; das Mittelland lässt sich vereinfacht als westlich-östliche Staffel aus bernischer, aargauisch-luzernischer, zürcherischer und nordostschweizerischer Hauptgruppe beschreiben.

Mobilität und Medien schwächen kleinräumige Unterschiede zunehmend ab. Besonders in den Großräumen Zürich, Basel und Bern entstehen großräumigere Ausgleichsdialekte, umgangssprachlich auch „Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt“ genannt. Die regionale Herkunft bleibt meist dennoch hörbar.

Laute, Betonung und Endungen

Viele schweizerdeutsche Lautmerkmale entsprechen eher dem Mittelhochdeutschen als der Standardsprache. Alte lange Monophthonge, also einfache Vokale, bleiben häufig erhalten: Huus entspricht „Haus“, Züüg „Zeug“ und wiit „weit“. Auch die mittelhochdeutschen Diphthonge ie, ue und üe, also Verbindungen zweier Vokale, sind erhalten: lieb wird [liəb̥] gesprochen, und Rudolf lautet Ru-edi [ˈruəd̥i]. Daher bezeichnet Muus die „Maus“, Mues beziehungsweise Muos aber „Mus“; Müesli bedeutet somit nicht „Mäuslein“. In vielen Dialekten werden alte und später entstandene Diphthonge unterschieden, etwa zürichdeutsch Bäi „Bein“ gegenüber frei sowie Baum gegenüber boue „bauen“.

Weitere Vokalmerkmale sind ein oft sehr dunkles langes a und unterschiedliche e- beziehungsweise ä-Laute. Viele Mundarten unterscheiden dabei den Sekundärumlaut, das germanische ë und den Primärumlaut. Die genaue Aussprache variiert regional stark.

In hochalemannischen Dialekten wurde germanisches k auch am Silbenanfang verschoben: Chind und chalt beginnen mit [x]; in Stock und Sack steht die Affrikate [k͡x]. Das ch wird meist velar oder uvular ausgesprochen, auch nach vorderen Vokalen. Das r ist überwiegend ein Zungenspitzen-R, im Baseldeutschen und in Teilen der Ostschweiz jedoch ein Zäpfchen-R. /p t k/ sind gewöhnlich nicht behaucht, /b d g/ stimmlos. Ob sich beide Reihen vor allem durch Stärke, als Fortes und Lenes, oder durch ihre Dauer unterscheiden, ist nicht abschließend geklärt. In vielen westlichen Dialekten wird l am Silbenende zu einem u-ähnlichen Laut, etwa alle [ˈawːi].

Die Betonung liegt häufiger als im Standarddeutschen auf der ersten Silbe. Das gilt auch für französische Wörter und Abkürzungen: Fóndü, Béllvü, Wéé-zee und Ú-äss-aa.

Bei Endungen unterscheiden die meisten Dialekte -i und -ə, etwa machi im Konjunktiv und machə im Indikativ. Höchstalemannische Dialekte können zusätzlich -a, -o, -u und geschlossenes -e unterscheiden. Ein auslautendes n fällt häufig weg, etwa chouffe „kaufen“, Wy „Wein“ und Maa „Mann“. Zwischen zwei Vokalen erscheint jedoch oft ein Verbindungs-n: I ha-n es Buech. Auch auslautendes -e entfällt vielfach. Die Endung -ung wird meist als -ig gesprochen, etwa Chrüüzig „Kreuzung“, allerdings nicht überall. Verben auf standarddeutsch -eln und -ern enden gewöhnlich auf -(e)le und -(e)re, etwa zügle und ruedere.

Grammatik, Wortbildung und Wortschatz

Ein auffälliges grammatisches Merkmal ist die Anpassung bestimmter Zahlwörter an das grammatische Geschlecht, besonders bei älteren Sprechern. Verbreitet sind zwee Manne, zwo Fraue und zwäi, zwöi oder zwaa Chind. Beim Zahlwort „drei“ lauten Formen etwa drei Manne, drei Fraue und drüü Chind.

Typisch für die Wortbildung sind Verkleinerungen auf -li, etwa Hündli. Einige sind eigenständige Wörter geworden: Müesli bezeichnet ein Frühstück aus Getreideflocken, Rüebli eine Karotte und Gipfeli ein Croissant. Verkleinerungsverben auf -ele können eine kindlich-niedliche, abwertende oder gemütlich-ausgedehnte Tätigkeit ausdrücken, etwa schlääffele, schäffele, käfele und zmörgele. Täterbezeichnungen auf -i werden aus Verben gebildet, beispielsweise Laferi von lafere „weitschweifig reden“. Die Endung -ete bezeichnet Vorgänge oder daraus entstandene Gegenstände und Bräuche, etwa Züglete „Umzug“, Lismete „Strickzeug“ und Metzgete.

Der Wortschatz enthält viele regional unterschiedliche Ausdrücke. Beispiele sind Anke „Butter“, Büez „Arbeit“, Büsi „Katze“, luege „schauen“, lose „zuhören“, poschte „einkaufen“, Stäge „Treppe“, Uufzgi „Hausaufgaben“, Zmorge „Frühstück“, Zmittag „Mittagessen“, Znacht „Abendessen“, Znüüni für eine Zwischenmahlzeit am Vormittag und Zvieri für eine am Nachmittag. Manche Wörter können mehrere Bedeutungen haben: Sack bedeutet „Tüte“ oder als Kurzform von Hosesack „Hosentasche“, Stutz eine steile Geländestelle oder umgangssprachlich einen Franken. Viele Ausdrücke kommen auch in alemannischen Dialekten des Südschwarzwalds vor. Wörter wie Müesli und Putsch gingen ins allgemein verbreitete Hochdeutsch ein; andere gelten als Helvetismen des Schweizer Hochdeutschen.

Schrift, Sprachwandel und Dokumentation

Für Schweizerdeutsch gibt es keine verbindliche Rechtschreibung. In Wörterbüchern und Literatur stehen sich zwei Grundrichtungen gegenüber: die weitgehend lautbezogene Schwyzertütschi Dialäktschrift nach Eugen Dieth und eine stärkere Orientierung an der Standardschreibung, wie sie Werner Marti in der Bärndütschi Schrybwys zusammenfasste. Im Alltag, etwa in Chats, SMS und E-Mails, schreiben viele nach Gefühl. Meist dienen standarddeutsche Laut-Buchstaben-Beziehungen als Grundlage. Abweichend stehen k und ck für [k͡x], gg für die unbehauchte Fortis [k], y für geschlossenes [iː] oder [i], ä häufig für [æ] und ie ausschließlich für [ɪə], nicht für langes i.

Seit dem 18. Jahrhundert wandelte sich die Bewertung des Dialekts von einer als minderwertig betrachteten Sprachform zu einem wichtigen kulturellen und regionalen Ausdrucksmittel. Eine ausgeprägte Mundartwelle setzte Ende der 1960er Jahre ein. Radio, Fernsehen und Mundartmusik verstärkten sie; seit den 1980er Jahren trugen private Radiosender erheblich dazu bei. SMS, Chats, soziale Netzwerke und E-Mails weiteten den Gebrauch später auf „geschriebene Gespräche“ aus.

Heute wird Dialekt in Unterhaltungssendungen, Interviews, vielen Radioformaten sowie Gemeinde- und Kantonsparlamenten breit verwendet. Nachrichten, politische Informationssendungen, Radio SRF 2 Kultur und die Reden deutschsprachiger Mitglieder des eidgenössischen Parlaments verwenden überwiegend Schweizer Hochdeutsch. Im Unterricht soll Hochdeutsch gesprochen werden, doch wechseln Lehrkräfte und Lernende häufig für Hinweise oder Zwischenfragen zum Dialekt. In der privaten schriftlichen Kommunikation gewinnt Schweizerdeutsch ebenfalls an Raum.

Gleichzeitig verändern Mobilität, deutsche Medien und Englisch die Dialekte. Kleinräumige Formen werden durch Großraumdialekte verdrängt, während hochdeutsche und englische Wörter, Formen und Satzmuster eindringen. Viele Schweizer verstehen Hochdeutsch vollständig, haben aber weniger Übung darin, es selbst flüssig zu sprechen.

Das Schweizerische Idiotikon dokumentiert den lebenden und historischen Wortschatz seit etwa 1300 einschließlich der Walsergebiete Oberitaliens, jedoch ohne das bairische Samnaun. Der Sprachatlas der deutschen Schweiz erfasst den Dialektstand um 1950; 2010 erschien der Kleine Sprachatlas der deutschen Schweiz. Der Syntaxatlas der deutschen Schweiz untersucht die Dialektsyntax, die im älteren Sprachatlas weitgehend ausgespart blieb.

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