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Hans Wollschläger
Hans Wollschläger (* 17. März 1935 in Minden; † 19. Mai 2007 in Bamberg) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Religions- und Literaturkritiker.
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Person und Bedeutung
Hans Wollschläger (* 17. März 1935 in Minden; † 19. Mai 2007 in Bamberg) war ein deutscher Schriftsteller, literarischer Übersetzer sowie Religions- und Literaturkritiker. Besondere Bekanntheit erlangte er durch seine deutsche Übersetzung von James Joyce’ Roman Ulysses und durch seine Biografie Karl May. Zu seinen weiteren wichtigen Arbeitsgebieten gehörten Gustav Mahler, Karl Kraus, Friedrich Rückert, Arno Schmidt, die Psychoanalyse sowie die Kritik an Kirche und Religion.
Wollschläger wuchs als Sohn des evangelischen Pastors Hermann Wollschläger und dessen Frau Gertrud in Herford auf. Nach dem Abitur 1955 studierte er an der Nordwestdeutschen Musikakademie in Detmold Kirchenmusik, Dirigieren und Komposition. Er hatte bereits seit 1948 Klavier- und seit 1949 Orgelunterricht erhalten. Das Studium brach er 1957 ab, zog nach Bamberg und arbeitete dort bis 1970 als freier Lektor für den Karl-May-Verlag. Seit 1962 war er mit Monika Ostrowsky verheiratet; ihr gemeinsamer Sohn wurde 1973 geboren.
Die Musik blieb für sein Denken und Schreiben wichtig. Zu seinen Lehrern gehörten Wolfgang Fortner, Johannes Driesler, Angela Janowski, Irmgard Lechner, Michael Schneider und Hermann Scherchen. Wollschläger beschäftigte sich intensiv mit Gustav Mahler und plante Ende der 1950er Jahre zeitweise, dessen unvollendete 10. Sinfonie zu vervollständigen. Später hielt er dieses Vorhaben für „unstatthaft“. Drei eigene abendfüllende Sinfonien blieben unveröffentlicht, weil er sie rückblickend als eklektizistische und misslungene Versuche bewertete.
Prägende Einflüsse und Themen
Zwei Personen bezeichnete Wollschläger als seine „geistigen Väter“: Theodor W. Adorno und Arno Schmidt. Mit Adorno verband ihn vor allem die Beschäftigung mit Gustav Mahler. Beide begegneten sich 1960 bei der Mahler-Zentenarfeier in Wien. Adornos Deutung von Mahlers Musik und sein Verständnis der Aufführungspraxis beeinflussten Wollschläger stark, obwohl beide einzelne Werke wie Mahlers 8. Sinfonie unterschiedlich bewerteten.
Arno Schmidt lernte Wollschläger 1957 kennen. Die gemeinsame Beschäftigung mit Karl May führte zu einem Lehrer-Schüler-Verhältnis und zu gemeinsamen Arbeiten, darunter die Übersetzung von Werken Edgar Allan Poes. Schmidt ermutigte Wollschläger zu seinem Debütroman Der Fall Adams. Seit 1968 ließ Schmidt den persönlichen Kontakt jedoch zunehmend abbrechen; auch spätere Bitten Wollschlägers um einen Besuch in Bargfeld blieben erfolglos. Trotz des großen Einflusses Schmidts entwickelte Wollschläger eine eigenständige, stärker auf stilistische Eleganz ausgerichtete Prosa.
Ein weiterer grundlegender Einfluss war die Psychoanalyse, also die von Sigmund Freud begründete Lehre von unbewussten seelischen Vorgängen. Wollschläger verstand den Zweiten Weltkrieg, den er als Kind erlebt hatte, als besonders schweren Angriff auf die Zivilisation. Freud half ihm nach eigener Auffassung, dieses Jahrhundert zu verstehen. Er schätzte Freud vor allem als Religionskritiker und Philosophen: Religion galt ihm in Freuds Sinn als „universelle Zwangsneurose“, während Freuds Denken für ihn Grundlagen einer vernünftigen Ethik enthielt. Zeitweise wandte Wollschläger psychoanalytische Techniken selbst in kleinen Gruppen mit dem Ziel einer „nachholenden Ich-Entwicklung“ an.
Seit den 1960er Jahren interessierte er sich außerdem für den späten Wilhelm Reich, einen 1934 aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossenen Psychoanalytiker. In den 1970er Jahren experimentierte Wollschläger mit einem Orgonakkumulator. 2005 verteidigte er Reichs Spätwerk öffentlich gegen die Einordnung als bloßes Kuriosum, behandelte den Gegensatz zwischen Freud und Reich jedoch nicht ausführlich. Eine geplante Reich-Monografie wurde ebenso wenig vollendet wie ein umfangreiches Buch über Johann Sebastian Bach.
Eigene literarische und kritische Werke
Wollschlägers erste eigene Buchveröffentlichung war 1965 Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Die Biografie wurde mehrfach neu aufgelegt und galt als wichtiger Beitrag zur Karl-May-Forschung. In Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem behandelte er die Geschichte der Kreuzzüge. Die Gegenwart einer Illusion griff Sigmund Freuds Die Zukunft einer Illusion auf und richtete sich kritisch gegen die christlichen Kirchen. Wollschläger gehörte neben Karlheinz Deschner zu den bekanntesten deutschen Kirchen- und Religionskritikern. Trotz dieser Haltung wurde er nach christlichem Ritus bestattet, was viele Leser überraschte.
Sein bedeutendstes eigenes literarisches Projekt war Herzgewächse oder Der Fall Adams. 1982 erschien das Erste Buch; das für 1984 angekündigte Zweite Buch wurde nie veröffentlicht und 2004 endgültig abgesagt. Der experimentelle Roman handelt von dem 1900 in Aden geborenen Schriftsteller Michael Adams, der 1950 nach Bamberg zurückkehrt. Seine Tagebuchaufzeichnungen verbinden gegenwärtige Erlebnisse mit Erinnerungen, verschiedenen Zeitebenen und seelischen Vorgängen. Die Aufspaltung des Ichs in mehrere Personen sowie wechselnde Schriftgrößen und Schriftstile gehören zur Form des Werkes. Die Figur W. ist teilweise eine Fiktion des jungen Wollschläger; ein fiktiver Herausgeber H.W. präsentiert Adams’ Aufzeichnungen 1982 als „Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern“. Der fortschreitende Zerfall von Adams’ Ich und seine spätere psychiatrische Betreuung werden schon im Vorwort angekündigt. Der Artikel weist darauf hin, dass wesentliche Angaben zu diesem Werkabschnitt nicht ausreichend durch unabhängige Quellen belegt sind.
Im Oktober 2025 erschien posthum die vollständige Urfassung Der Fall Adams von 1961. Sie gilt als selbstständiges Werk und unterscheidet sich stark von der 1982 veröffentlichten, unvollendet gebliebenen Neubearbeitung. Nach Angaben der Rechteinhaberin Gabriele Gordon traten in der späteren Fassung die Beschäftigung mit Karl May und neu erworbene Kenntnisse der Psychoanalyse stärker hervor, während andere Motive an Bedeutung verloren.
Der Essay „Tiere sehen dich an“ oder das Potential Mengele erschien 1987. Darin kritisierte Wollschläger den Umgang mit Nutz- und Versuchstieren. Der Text behandelte zahlreiche Fragen des Tierschutzes und wurde zu einem Standardwerk der Tierrechtsbewegung. Seine Haltung beruhte auf einem Humanismus, der den Menschen nicht als alleinigen Mittelpunkt moralischer Rücksicht betrachtete.
Übersetzer und Herausgeber
Als Übersetzer arbeitete Wollschläger zunächst gemeinsam mit Arno Schmidt und weiteren Beteiligten an einer Neuübersetzung der Gesammelten Werke Edgar Allan Poes. Er übersetzte außerdem Robert Govers Kitten-Trilogie sowie Kriminalromane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett.
Seinen größten Ruf als Übersetzer begründete die deutsche Übertragung von James Joyce’ Ulysses, an der er mehrere Jahre bis 1976 arbeitete. Die Übersetzung wurde damals vielfach gelobt und ausgezeichnet. Auch seine Übertragung des Kapitels Anna Livia Plurabelle aus Joyce’ Finnegans Wake gilt als bedeutende schöpferische Nachdichtung, also als Übersetzung, die sprachliche Gestaltungsmittel eigenständig in der Zielsprache nachbildet. Später wurde seine Arbeit differenzierter beurteilt. Bereits vor der Veröffentlichung hatten Verlagsmitarbeiter Zweifel an seinen Kenntnissen des Alltagsenglischen und kritisierten einzelne zu freie oder falsche Lösungen.
Eine geplante Überarbeitung der Ulysses-Übersetzung führte nach Wollschlägers Tod zu einem Konflikt. Eine Gruppe von Übersetzern und Literaturwissenschaftlern hatte mehr als zehn Jahre daran gearbeitet. Gabriele Gordon, die Wollschlägers Urheberrechte geerbt hatte, verhinderte 2018 die reguläre Veröffentlichung. Nur 200 Exemplare des bereits fertiggestellten Werks durften für wissenschaftliche Zwecke ausgegeben werden; in den Handel durfte es nicht gelangen.
In seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten arbeitete Wollschläger auch als Herausgeber. Gemeinsam mit Hermann Wiedenroth betreute er die historisch-kritische Ausgabe der Werke Karl Mays. Eine historisch-kritische Ausgabe versucht, Texte anhand der überlieferten Quellen möglichst zuverlässig wiederzugeben und ihre Entstehung zu dokumentieren. Mit Rudolf Kreutner gab Wollschläger die Gesammelten Werke Friedrich Rückerts heraus. Seine 1988 erschienene Ausgabe von Rückerts Kindertodtenliedern sollte erstmals eine unverfälschte Lektüre dieses zusammengehörigen Werkkomplexes ermöglichen.
Anerkennung, Nachlass und Wirkung
Wollschlägers literarisches, übersetzerisches und kulturkritisches Werk war zu seinen Lebzeiten anerkannt. Er erhielt unter anderem den Förderpreis für Literatur des Landes Nordrhein-Westfalen (1968), den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1976), den Deutschen Jugendbuchpreis für Übersetzungen (1977), den Arno-Schmidt-Preis und den Kulturpreis der Stadt Nürnberg (beide 1982), den Deutschen Sprachpreis (1988), den E.-T.-A.-Hoffmann-Preis der Stadt Bamberg (1989), das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland (2000) und den Friedrich-Rückert-Preis der Stadt Schweinfurt (2003). 1983 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Außerdem erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Bamberg. Der August-Graf-von-Platen-Preis der Stadt Ansbach wurde ihm 2007 posthum verliehen.
Das Erste Buch der Herzgewächse galt 1982 als literarische Sensation und wurde in mehreren wissenschaftlichen Arbeiten untersucht. Seit dem Ende der 1990er Jahre nahm die öffentliche Aufmerksamkeit für Wollschlägers Werk jedoch ab. Als wichtiger Grund gilt, dass der angekündigte zweite Teil der Herzgewächse ausblieb. Dadurch verlor das zunächst stark gelobte Romanprojekt für einen Teil der Leserschaft an Bedeutung. Die Bewertung seiner Übersetzungen, besonders des Ulysses, wurde mit der Zeit ebenfalls kritischer.
2011 wurde Wollschlägers Wunsch entsprechend fast sein gesamtes Archiv, jedoch nicht seine Bibliothek, der Staatsbibliothek Bamberg übergeben. Es enthält Korrespondenzen, erhaltene musikalische Kompositionen und das einzige bekannte Exemplar der vollständigen Romanfassung von 1961. Die Originalbriefe Arno Schmidts an Wollschläger waren bereits 2010 an die Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld verkauft worden. Kopien befinden sich weiterhin im Bamberger Archiv. Der Briefwechsel zwischen Hans Wollschläger sowie Arno und Alice Schmidt erschien 2018, herausgegeben von Giesbert Damaschke. Seit 2002 veröffentlicht der Wallstein Verlag zudem die Reihe Hans Wollschläger – Schriften in Einzelausgaben, die eigene Werke, Essays, Briefe und posthume Texte zugänglich macht.