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Dirigieren

Das Dirigieren ist eine Orientierungs-, Koordinierungs- und Gestaltungshilfe für die ausführenden Musiker eines Orchesters oder Chors oder eines anderen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Aufgaben
  2. 2. Technische Grundlagen
  3. 3. Beginn, Tempo und Schluss
  4. 4. Musikalische Gestaltung
  5. 5. Ensemblegrößen und Oper
  6. 6. Ausbildung und Beispiele

Grundidee und Aufgaben

Dirigieren ist eine Orientierungs-, Koordinierungs- und Gestaltungshilfe für Musikerinnen und Musiker in einem Orchester, Chor oder anderen Ensemble. Es geschieht vor allem durch Handbewegungen des Dirigenten. Diese Bewegungen helfen, ein Stück gemeinsam zu beginnen und zu beenden, den Takt einzuhalten, Einsätze zu geben und die musikalische Gestaltung laufend zu beeinflussen.

Das Dirigieren folgt historisch entwickelten Regeln und Techniken. Der Takt wird durch Schlagfiguren angezeigt, also wiederkehrende Bewegungsmuster für bestimmte Taktarten. Musikalische Gestaltung wie Dynamik, Artikulation oder Phrasierung wird durch weniger streng festgelegte Ausdrucksformen vermittelt. Traditionell hält die rechte Hand den Taktstock und führt die Schlagfiguren aus. Die linke Hand übernimmt vor allem Gesten für Ausdruck, Gestaltung und Verdeutlichung.

Der Begriff Dirigieren meint eher den Vorgang und das Handwerk. Dirigat, musikalische Leitung oder einfach Leitung bezeichnen eher das Dirigieren einer ganzen Aufführung. Mit musikalischer Leitung kann auch die langfristige Leitung eines Ensembles gemeint sein, einschließlich Planung und Probenarbeit.

Technische Grundlagen

Dirigieren ist die Kunst, musikalische Informationen in Echtzeit an ausführende Musiker zu übermitteln. Es gibt keine absoluten Regeln für korrektes Dirigieren; deshalb existieren viele verschiedene Techniken und Stile. Trotzdem braucht ein Dirigent ein grundlegendes Verständnis für Tempo, Rhythmus, Artikulation und Dynamik sowie die Fähigkeit, diese Elemente gestisch verständlich an ein Ensemble weiterzugeben.

Für jede Taktart gibt es üblicherweise eine bestimmte Schlagfigur. Sie wird meist mit der rechten Hand und einem Taktstock geschlagen. Manche Dirigenten verzichten jedoch zeitweise oder grundsätzlich auf den Taktstock und dirigieren nur mit den Händen. Ausdrucks- und Phrasierungsnuancen können in die rechte Hand einfließen; die linke Hand kann unabhängig vom Schlagmuster zusätzliche Gesten geben.

Die Haltung dient der Verständlichkeit: Der Dirigent steht normalerweise gerade, auf beiden Füßen, gut sichtbar vor dem Ensemble und mit dem Rücken zum Publikum. Wenn nicht alle Ensemblemitglieder ihn sehen können, wird ein Podest verwendet. Wichtig sind Blickkontakt zu allen Mitgliedern und genug Bewegungsfreiheit. Ein hoher Dirigierstuhl kann bei langen Proben genutzt werden; im Konzert ist er selten, im Orchestergraben der Oper häufiger.

Eine wichtige Grundlage ist die Schlagebene. Auf sie beziehen sich alle Schlagfiguren. Ist sie unklar, wird auch das Signal an das Ensemble ungenau. Die Schlagebene kann innerhalb bestimmter Grenzen individuell gewählt werden und sich in einem Stück zeitweise ändern, etwa wegen einer anderen Dynamik oder Orchestration.

Beginn, Tempo und Schluss

Der Beginn eines Stückes wird durch einen Vorbereitungsschlag angezeigt. Dieser Schlag kommt vor dem ersten Erklingen der Musik und vor dem Einsatzzeitpunkt der beteiligten Musiker. Er legt Tempo, Dynamik und Charakter des Anfangs fest. In der Regel soll er zeitlich zur folgenden Schlaggeschwindigkeit beziehungsweise zum Metrum passen.

Das Tempo wird durch rhythmisch gleiche Dirigiergesten, also Schlagfiguren, angezeigt, meist mit der rechten Hand. Diese Gesten können vorher beim Erlernen der Partitur einstudiert oder spontan gewählt werden. Sie dienen dazu, den Tempofluss zu steuern. Allmähliche Tempoänderungen werden durch langsamer oder schneller werdende Schlagfiguren gezeigt. Bei einem plötzlichen Tempowechsel muss sich auch das Tempo der Schlagfigur gleichzeitig ändern. Kurt Thomas fasste die Bedeutung des Taktschlagens so zusammen: „Nicht mit dem Taktschlagen ist es getan, sondern mit der restlosen Beherrschung des Taktschlagens beginnt überhaupt erst das Dirigieren, die Kunst, allen Ausdruck, jede sprachliche Nuance und manches andere in die Bewegung zu legen.“

Das Ende eines Stückes wird durch einen Abschlag markiert. Dafür können die Hände und Unterarme zum Beispiel kreisförmig vor dem Körper geschlossen oder nach außen geführt werden. Bei leisen Schlüssen können auch nur die Finger zusammengeführt werden. Entscheidend ist immer der präzise Zeitpunkt des Endes. Wenn Musik leise bis in die Stille verklingt oder in theoretisch unendlicher Wiederholung in Lautlosigkeit verschwindet, zeigt der Dirigent ein decrescendo bis zur Bewegungslosigkeit.

Ein Abbruch während einer Probe oder die Forderung nach Ruhe wird durch eine hoch erhobene, nach außen gekehrte Handfläche signalisiert. Eine ältere, heute antiquiert wirkende Möglichkeit ist wiederholtes Anschlagen des Taktstocks am Notenpult.

Musikalische Gestaltung

Dynamik bedeutet die Lautstärke der Musik. Sie kann durch die Größe der Schlagfiguren angezeigt werden: Große Gesten bedeuten lauteren Klang, kleinere Gesten leiseren Klang. Übergänge werden oft mit der freien Hand gezeigt. Eine aufsteigende Bewegung, meist mit der Handfläche nach oben, signalisiert crescendo, also lauter werden. Eine Abwärtsbewegung, meist mit der Handfläche nach unten, zeigt diminuendo, also leiser werden. Plötzliche Wechsel wie forte oder piano werden durch gleichzeitig wechselnde große oder kleine Dirigiergesten angezeigt. Dabei muss der Dirigent beachten, dass größere oder kleinere Bewegungen unbeabsichtigt das Tempo beeinflussen können.

Einsätze, auf Englisch cues, zeigen an, wann ein neues Instrument, eine Orchestersektion oder eine Stimmgruppe beginnt. Technisch entsprechen sie einem Auftakt. Sie sind besonders wichtig, wenn Musiker nach einer Pause wieder einsetzen sollen. Ein Einsatz muss präzise sein, damit alle gemeinsam beginnen. Dazu gehören Konzentration auf die betreffende Person oder Gruppe, eine eindeutige Geste, ein kurzes Signal und möglichst Blickkontakt.

Artikulation bezeichnet die Art, wie Töne gespielt oder gesungen werden. Die Dirigierbewegung kann kurze, scharfe Bewegungen für staccato zeigen oder weiche, getragene Bögen für legato. Angespannte Hände und Arme sowie schnelle, rigide Bewegungen können marcato ausdrücken, also eine scharfe, gestoßene Artikulation. Entspannte, fließende Bewegungen können legato oder espressivo anzeigen. Da sich die Artikulation sogar innerhalb eines Taktes ändern kann, muss der Dirigent verschiedene Bewegungsarten miteinander verbinden können.

Phrasierung meint die Gestaltung musikalischer Sinneinheiten, der Phrasen. Sie wird über kleinere und größere sowie langsamere und schnellere Bewegungen vermittelt. Im besten Fall erkennt der Musiker an der Geste, wohin eine Phrase zielt. Eine Fermate, also ein gehaltener Klang, wird durch Anhalten der Dirigierbewegung angezeigt. Eine nach oben gehaltene offene Handfläche kann das Halten des Klanges und seine Dauer unterstützen.

Auch Intonation, also die Tonhöhe und Stimmung, gehört zur Arbeit. Vor Probe oder Konzert werden Instrumente gestimmt. Im Sinfonieorchester initiiert der Konzertmeister das Einstimmen; meist gibt die Oboe den Kammerton „a“ an, der gewöhnlich zwischen 435 und 445 Hz liegt. Bei A-cappella-Chorwerken gibt der Dirigent vor dem Konzert den ersten Ton oder Akkord mit einer Stimmgabel an. Während der Probe braucht der Dirigent ein gutes, zuverlässiges Gehör, um Ungenauigkeiten zu erkennen und zu korrigieren. Innerhalb eines Stückes kann er durch nach oben oder unten zeigende Handzeichen der freien Hand die Intonation einzelner Musiker oder Stimmgruppen beeinflussen.

Mimik, Gestik, Körperhaltung und Körperspannung können den gewünschten Ausdruck eines Stücks zusätzlich verdeutlichen. Manchmal ist eine vorherige Verständigung über den Inhalt sinnvoll; oft kann aber eindeutige Körpersprache während der Probe eine Unterbrechung und verbale Erklärung vermeiden.

Ensemblegrößen und Oper

Bei kleinen, kammermusikalischen Ensembles kann ein Ensemblemitglied die Rolle des Dirigenten übernehmen. In Kammerorchestern geschieht das besonders durch den Konzertmeister, in einem Streichquartett durch den ersten Geiger, den Primarius. Auch bei A-cappella-Chören kann es einen Dirigenten innerhalb des Ensembles geben. Diese Form des Dirigierens ist oft nur angedeutet: Der Musiker bleibt an seinem Platz und verständigt sich nonverbal durch Blickkontakt und reduzierte Gestik, die vom Publikum möglichst nicht wahrgenommen werden soll. Kleinere Orchester wurden im 18. Jahrhundert noch vom Tasteninstrument aus geleitet, dabei auch mit deutlicheren Gesten.

Bei mittelgroßen und sehr großen Ensembles, zum Beispiel einem Sinfonieorchester oder einem Orchester mit Chor, wird häufig ein Taktstock benutzt. Er macht kleinere Handbewegungen über eine größere Entfernung sichtbar. Der Dirigent steht gut sichtbar vor dem Ensemble, meist auf einem Podest und mit dem Rücken zum Publikum. Eine Ausnahme bilden Militärmusik und Festumzüge, bei denen das Orchester oder die Kapelle in Bewegung ist und der Dirigent mitmarschiert.

In der Oper hat der Dirigent eine Doppelrolle: Er leitet die Sänger und Chöre auf der Bühne und zugleich das Orchester im Orchestergraben. Dafür muss er für alle sichtbar sein, damit er das Zusammenspiel der Ebenen koordiniert und die Gestaltung der Aufführung beeinflusst. Der Operndirigent steht mit dem Rücken zur Wand des Orchestergrabens und hat Orchester und Bühne vor sich. Weil sich Sängerinnen und Sänger durch die Regie auf der Bühne räumlich bewegen, ist die Kommunikation erschwert. Deshalb können Monitore an der Bühne die Bewegungen des Dirigenten übertragen. Manchmal hilft ein zweiter Dirigent, der die Bewegungen des ersten möglichst genau von einem Monitor übernimmt und weitergibt. In manchen Opernhäusern übernimmt auch der Souffleur diese Aufgabe, etwa an der Metropolitan Opera in New York oder an der Königlichen Staatsoper Stockholm.

Ausbildung und Beispiele

Es ist möglich, als Amateur oder ohne formale Ausbildung ein Ensemble zu dirigieren. Seit dem 19. Jahrhundert ist Dirigieren aber auch ein universitärer Studiengang. Heute dauert er in der Regel vier Jahre und wird von den meisten Musikhochschulen angeboten. Kirchenmusiker und Schulmusiker erhalten ebenfalls eine grundlegende Ausbildung in Ensembleleitung.

Der Artikel nennt einige Beispiele für besondere Formen des Dirigierens. Daniel Barenboim pflegt bei Klavierkonzerten die Sitte, vom Flügel aus zu leiten. Lorin Maazel spielte beim Dirigieren gelegentlich Violine, zuletzt im Wiener Neujahrskonzert 2005 mit der Solostimme im Vorspiel der „Geschichten aus dem Wienerwald“ von Johann Strauss. Als humoristisches Beispiel wird Loriots satirisches Beethoven-Dirigat beim „humoristischen Festkonzert“ zum 100. Geburtstag der Berliner Philharmoniker erwähnt, das ihm Respekt des Orchesters einbrachte.

Lernvideos zu Dirigieren

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