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Ulysses

... Innerer Monolog, wird hier erstmals zentrales Gestaltungselement eines Romans. Das vollständige Werk erschien erstmals 1922, in deutscher Sprache 1927.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Aufbau
  2. 2. Entstehung und Veröffentlichung
  3. 3. Erzählweise und sprachliche Gestaltung
  4. 4. Handlung und Odyssee-Bezüge
  5. 5. Rezeption, Ausgaben und andere Medien

Werk und Aufbau

Ulysses von James Joyce gilt als bedeutendster Roman des irischen Schriftstellers und als richtungsweisendes Werk des modernen Romans. Der Roman schildert in 18 Episoden einen einzigen Tag: den 16. Juni 1904. Im Mittelpunkt steht Leopold Bloom, ein Anzeigenakquisiteur bei einer Dubliner Tageszeitung. Seine Wege durch Dublin werden in Anlehnung an die Irrfahrten des Odysseus dargestellt. Am Ende der Nacht begegnet Bloom dem jungen Lehrer Stephen Dedalus, nachdem sich beide tagsüber bereits mehrfach nahegekommen sind.

Der Roman ist in drei Hauptteile gegliedert: die „Telemachie“ mit den ersten drei Kapiteln, die „Odyssee“ mit zwölf Kapiteln und der „Nostos“ (Heimkehr) mit den letzten drei Kapiteln. Jedes der 18 Kapitel entspricht einer Episode aus Homers Odyssee, die selbst 24 Gesänge umfasst. Die Parallelen werden nicht nur durch Handlungsmotive, sondern auch durch Stil, Symbolik und Erzähltechnik gestaltet.

Ein Schlüssel zum Roman ist das Gorman-Gilbert-Schema. Es ordnet den Kapiteln jeweils ein Organ, eine wissenschaftliche Disziplin, eine Farbe, ein Symbol und eine Technik zu und verbindet Figuren der Handlung mit mythischen oder literarischen Gestalten. Stuart Gilbert und Herbert Gorman veröffentlichten diese umfangreiche Übersicht 1930, auch um den Roman gegen den Vorwurf der Obszönität zu verteidigen. Die Zuordnungen erschließen sich häufig nicht unmittelbar aus dem Text und werden in der Literaturwissenschaft teilweise kontrovers diskutiert.

Entstehung und Veröffentlichung

Ursprünglich sollte der Stoff als 13. Erzählung in Joyces Band Dubliner erscheinen. Joyce entschied sich jedoch für eine epische Bearbeitung und begann 1914 mit der Arbeit. Ab 1918 wurden Auszüge in mehreren Teilen in der amerikanischen Zeitschrift Little Review veröffentlicht. Wegen angeblicher Obszönität beschlagnahmte das United States Post Office mehrere Ausgaben. 1919 erschienen fünf weitere Fortsetzungen in der englischen Zeitschrift Egoist, die von Harriet Weaver unterstützt wurde.

Am 2. Februar 1922, an Joyces 40. Geburtstag, erschien die Erstausgabe in Paris. Verlegt wurde sie von Sylvia Beach, der Besitzerin der Buchhandlung Shakespeare and Company, Rue de l’Odéon 12. Diese Ausgabe war um Passagen gekürzt, die damals als obszön galten. Die erste vollständige und von Joyce autorisierte deutsche Übersetzung von Georg Goyert erschien 1927. Die ursprünglich vorgesehenen, auf die Odyssee bezogenen Kapitelüberschriften ließ Joyce in der endgültig veröffentlichten Fassung weg. Das Manuskript befindet sich im Rosenbach Museum & Library in Philadelphia.

Erzählweise und sprachliche Gestaltung

Die wichtigste Neuerung des Ulysses ist der konsequent eingesetzte Bewusstseinsstrom, auch Innerer Monolog genannt. Dabei werden Gedanken, Erinnerungen, Wahrnehmungen und Assoziationen so wiedergegeben, wie sie einer Figur gerade durch den Kopf gehen. Der Sprachstrom verläuft deshalb nicht linear: Sätze können unvollständig sein, Themen mitten im Satz wechseln und Eindrücke aus der Außenwelt unmittelbar in Gedanken eindringen. Gedanken verschiedener Personen können ineinander übergehen; oft unterscheidet nur die charakteristische Sprachebene, wessen Bewusstsein dargestellt wird.

Joyce passt die Sprache an die jeweils fokussierte Person an. Bei Stephen Dedalus, dem Intellektuellen, erscheinen komplizierter Satzbau und lateinische Zitate. Im Umfeld der drei Mädchen nimmt der Text die Form einer spätviktorianischen Liebesschmonzette an. Das 7. Kapitel „Äolus“ ist wie eine Folge kurzer Zeitungsartikel gestaltet. Im 11. Kapitel „Sirenen“ wird die Handlung musikalisch organisiert: Eine Art Ouvertüre führt Motive ein, die später wiederholt und variiert werden; Rhythmus, Liedfragmente, musikalische Begriffe und Lautmalerei prägen die Sprache. Das 14. Kapitel „Die Rinder des Sonnengottes“ entwickelt den Sprachstil vom Altenglischen bis zur modernen hiberno-englischen Umgangssprache. Diese sprachliche Entwicklung symbolisiert das Wachstum eines Kindes im Mutterleib. Das letzte Kapitel, „Penelope“, besteht aus acht langen Sätzen ohne Interpunktionszeichen und gibt Mollys Bewusstseinsstrom wieder.

Auch die Zeit wird subjektiv gestaltet. Zwar markieren Uhrenschläge, Kirchenglocken und ein mittäglicher Böllerschuss objektive Zeitpunkte, doch die erzählte Zeit folgt meist dem individuellen Erleben. Gleichzeitig stattfindende Ereignisse an verschiedenen Orten können in einem Satz zusammentreten. Wenn Personen einander begegnen, berühren und verschmelzen ihre Bewusstseins- und Zeitebenen kurzzeitig.

Ein erklärender Erzähler tritt weitgehend zurück. Die Lesenden müssen Ereignisse und Personen selbst ordnen und „gehen“ gewissermaßen wie Wanderer durch die Stadt. Dadurch entsteht große Nähe zu den Figuren, aber auch eine erschwerte Orientierung. Die scheinbare Abwesenheit des Erzählers bedeutet nicht, dass Joyce unsichtbar ist: Er bestimmt genau, welche Ausschnitte des 16. Juni 1904 in das Bewusstsein der Lesenden gelangen.

Handlung und Odyssee-Bezüge

In der Telemachie wird zunächst Stephen Dedalus vorgestellt. Im 1. Kapitel „Telemachos“ lebt er mit Buck Mulligan und dem Engländer Haines im Martello-Turm von Sandycove. Nach dem Tod seiner Mutter und wegen der Spannungen mit Mulligan beschließt Stephen, nicht zurückzukehren. Wie Telemachos sucht er symbolisch nach einer Vaterfigur. Im 2. Kapitel „Nestor“ arbeitet Stephen als Hilfslehrer in Geschichte. Der Schulleiter Mr. Deasy hält ihn mit politischen und antisemitischen Ausführungen auf und gibt ihm einen Leserbrief über die Rinderseuche. Im 3. Kapitel „Proteus“ wandert Stephen am Strand von Sandymount. Der Gedankenstrom verbindet den beobachteten Hund, Phantasien und philosophische Überlegungen; ein heimwärts fahrendes Schiff verweist auf Stephens fehlendes Heimatgefühl.

Mit dem 4. Kapitel „Kalypso“ beginnt Blooms Handlung. Bloom bereitet Molly und sich Frühstück, kauft eine Niere und liest auf dem Klo die Zeitung. Molly erhält einen Brief ihres Liebhabers Blazes Boylan. Im 5. Kapitel „Lotophagen“ holt Bloom unter dem Pseudonym „Henry Flower“ einen Brief ab, kauft in Sweny’s Drogerie Zitronenseife und denkt über Körperpflege, Gerüche und ein Bad nach. Im 6. Kapitel „Hades“ fährt er zu einer Beerdigung. Tod, Vater-Sohn-Beziehungen, seine verstorbene Mutter und sein als Kind gestorbener Sohn Rudy bestimmen seine Gedanken. Im 7. Kapitel „Äolus“ versucht Bloom in der Zeitungsredaktion eine Anzeige zu platzieren; dort begegnet er Stephen nur knapp. Im 8. Kapitel „Lästrygonen“ verlässt Bloom wegen des Essens und der gierigen Gäste ein Restaurant und isst bei Davy Byrne ein Gorgonzola-Sandwich. Als er Blazes Boylan bemerkt, bricht sein Gedankenstrom ab.

Im 9. Kapitel „Scylla und Charybdis“ diskutieren Stephen, Mulligan und Gelehrte in der Nationalbibliothek über Shakespeare. Stephen deutet Hamlet biografisch und setzt Hamlets Vater und Shakespeares Sohn Hamnet miteinander in Beziehung. Im 10. Kapitel „Symplegaden“ treten 19 Episoden aus dem Alltag Dublins nebeneinander. Die Bewusstseinsströme und Begegnungen überschneiden sich; Kirche und britische Herrschaft erscheinen als Mächte, zwischen denen Irland wie zwischen beweglichen Felsen bedroht ist. Im 11. Kapitel „Sirenen“ sitzt Bloom im Ormond-Hotel, während Boylan auf dem Weg zu Molly ist. Musik, Eifersucht und die Bardamen Miss Douce und Miss Kennedy bestimmen die Szene. Im 12. Kapitel „Der Zyklop“ wird Bloom in einer Kneipe von dem antisemitischen Nationalisten „Bürger“ angegriffen. Bloom wehrt sich, bevor er von Martin Cunningham fortgebracht wird; der Bürger wirft ihm eine Keksdose hinterher.

Im 13. Kapitel „Nausikaa“ beobachtet Bloom am Strand Gerty MacDowell. Sie wird zunächst im Stil sentimentaler viktorianischer Literatur beschrieben und erregt Bloom, der masturbiert. Das Feuerwerk begleitet den Höhepunkt der Szene. Im 14. Kapitel „Die Rinder des Sonnengottes“ besucht Bloom ein Frauenspital, in dem Mina Purefroy in den Wehen liegt. Dort trifft er Stephen und Medizinstudenten. Die Sprachentwicklung vom Altenglischen zum Dubliner Slang entspricht der Entwicklung eines Embryos; die Rinder stehen für Fruchtbarkeit. Im 15. Kapitel „Circe“ erleben Bloom und Stephen in Bella Cohens Bordell eine halluzinatorische Traum- und Dramaszene. Bloom wird unter anderem zur Frau, wird schwanger und gebiert. Danach begleitet er den von einem Soldaten niedergeschlagenen Stephen.

Im Nostos kümmern sich Bloom und Stephen im 16. Kapitel „Eumaeus“ in einem Schuppen um einen betrunkenen Seemann. Bloom entwickelt väterliche Sympathie für Stephen und lädt ihn zu sich ein. Im 17. Kapitel „Ithaka“ kommen beide in Blooms Haus in der Eccles Street 7 an. Bloom hat seinen Schlüssel vergessen, klettert durch ein Fenster und lässt Stephen ein. Die Handlung wird in Form pseudo-wissenschaftlicher Fragen und Antworten erzählt. Die Vater-Sohn-Beziehung, Erkennen und Erkenntnis stehen im Mittelpunkt; Stephen lehnt die Übernachtung ab. Im 18. Kapitel „Penelope“ liegt Bloom neben Molly. In acht langen, unpunktierten Sätzen strömen ihre Erinnerungen und erotischen Gedanken ineinander. Der Roman endet mit ihrem bejahenden „Ja“.

Rezeption, Ausgaben und andere Medien

Die Veröffentlichungsgeschichte war von Zensur geprägt. Ulysses wurde in den USA und Großbritannien verboten; in den 1930er Jahren erschien der Roman dort wieder. Seit 1954 wird der 16. Juni als Bloomsday gefeiert. Der Roman beeinflusste unter anderem Virginia Woolfs Mrs. Dalloway, obwohl Woolf ihn zugleich scharf kritisierte. Weitere Nachahmungen der auf einen Tag konzentrierten Handlung sind etwa Malcolm Lowrys Unter dem Vulkan, Alexander Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, Don DeLillos Cosmopolis und Ian McEwans Saturday. Ulysses wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen und von Le Monde und der BBC zu den 100 wichtigsten Werken der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts gezählt.

Wichtige deutsche Übersetzungen sind Georg Goyerts autorisierte Fassung von 1927 und Hans Wollschlägers Übersetzung von 1975. Eine kommentierte Wollschläger-Ausgabe mit Karten und Personenregister erschien 2004. Eine Revision durch Harald Beck, Ruth Frehner und Ursula Zeller erschien 2018 nur als unverkäuflicher Sonderdruck, nachdem die Rechteerbin Gabriele Wolff der Veröffentlichung widersprochen hatte. 2023 erschien eine kurdische Übersetzung in Kurmancî von Kawa Nemir. Daneben gibt es englische Original- und kommentierte Ausgaben sowie Hans Walter Gablers „Critical and Synoptic Edition“ von 1984.

Der Roman wurde als Hörbuch, Hörspiel, Graphic Novel, Illustrationsprojekt, Film und Musikwerk bearbeitet. Genannt werden unter anderem Joseph Stricks Film Ulysses von 1967, Werner Nekes’ uliisses von 1982 und Sean Walshs Bloom von 2003. Musikalisch beziehen sich Luciano Berios Thema (Omaggio a Joyce), Hans Zenders Oper Stephen Climax, Michael Heischs Zyklus Brouillage/Bruitage und Kate Bushs The Sensual World auf den Roman oder einzelne Kapitel.

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