Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Hans Joachim Morgenthau
Bekannt ist Morgenthau als Begründer und wesentlicher Vertreter des Klassischen Realismus im politikwissenschaftlichen Teilbereich Internationale Beziehungen.
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Grundgedanke
Hans Joachim Morgenthau (17. Februar 1904–19. Juli 1980) war ein deutschamerikanischer Politikwissenschaftler und Jurist jüdischer Abstammung. Er gilt als Begründer und zentraler Vertreter des Klassischen Realismus in den Internationalen Beziehungen. Sein 1948 veröffentlichtes Hauptwerk „Politics Among Nations: The Struggle for Power and Peace“, auf Deutsch „Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik“, zählt zu den einflussreichsten theoretischen Werken dieses Fachgebiets.
Der Klassische Realismus versteht internationale Politik als einen fortdauernden Kampf um Macht. Nach Morgenthau ist Macht eine zentrale Antriebskraft menschlichen und staatlichen Handelns; er unterschied jedoch ausdrücklich zwischen Machtpolitik und Gewaltpolitik. Die internationale Ordnung ist für ihn keine grundsätzlich harmonische Welt, sondern ein Schauplatz wiederkehrender Macht- und Interessenkonflikte. Diese können gewaltsam werden, wenn Macht im internationalen System nicht eingehegt wird.
Als Ursachen nennt Morgenthau die sozialethisch unvollkommene Natur des Menschen und die Anarchie des internationalen Systems. „Anarchie“ bedeutet hier, dass über den Staaten keine selbstständige, übergeordnete Ordnungsinstanz steht. Sein Menschenbild umfasst sowohl die Fähigkeit zu Liebe und schöpferischem Handeln als auch die Möglichkeit destruktiver, ungehemmter imperialistischer Politik. Imperialismus bezeichnet bei ihm die Überwindung des bestehenden Status quo, etwa durch das Streben nach lokaler Vorherrschaft oder Weltherrschaft. Strukturelle Bedingungen verleiten Menschen dazu, eher auf Kontrolle als auf unsicheres Vertrauen zu setzen.
Staaten beteiligen sich unterschiedlich stark am Machtkampf; entscheidend sind unter anderem ihre Fähigkeit, die Weltpolitik zu beeinflussen, und ihre geopolitische Lage. Morgenthau unterscheidet drei politische Ziele: die Bewahrung des bestehenden Zustands und der eigenen Macht, die Veränderung der Machtverhältnisse und Steigerung der eigenen Macht sowie Prestige und Machtdemonstration.
Seine Theorie erhebt einen universalen Geltungsanspruch: Sie soll Aussagen über politische Akteure unabhängig von kulturellen, zeitlichen oder technischen Grenzen ermöglichen und Theorie mit politischer Praxis verbinden. Morgenthau arbeitete dabei mit dem „dialektischen historischen Rationalismus“, einer aus dem kantischen Dualismus abgeleiteten Verbindung positivistischer und hermeneutischer Methoden zur Untersuchung langfristiger internationaler Prozesse. Aus dem Klassischen Realismus gingen unter anderem Kenneth Waltz’ Struktureller Realismus beziehungsweise Neorealismus, John Mearsheimers Offensiver Realismus, der Defensive Realismus, der Neoklassische Realismus und der Neorealismus der Münchner Schule hervor.
Mächtegleichgewicht und Außenpolitik
Das Mächtegleichgewicht ist für Morgenthau ein wichtiger Mechanismus zur Regelung des internationalen Machtkampfs. Es entsteht aus dem Machtstreben verschiedener Nationen, von denen einige den Status quo erhalten und andere ihn verändern wollen. Staaten können bewusst ein Gleichgewicht schaffen, um Angriffe gegen sich weniger attraktiv zu machen. Dazu gehört eine flexible Allianzpolitik, bei der Bündnisse den jeweiligen Machtverhältnissen angepasst werden.
Das Gleichgewicht besitzt eine präventive und stabilisierende Funktion, kann Konflikte aber nur begrenzen, nicht vollständig verhindern. Als Ideal betrachtete Morgenthau das Mächtegleichgewicht des 19. Jahrhunderts. Nach dem Wiener Kongress hätten konstruktive Normen und die abgestimmten Beziehungen der Akteure für relative Stabilität und eine Begrenzung von Konflikten gesorgt. Ein Gleichgewicht verliert dagegen seine Wirkung, wenn es nur aus mechanischen und unkoordinierten Handlungen entsteht. Als negatives Beispiel nennt Morgenthau die Zwischenkriegszeit, in der Staatsmänner auf Signale wie die Rheinlandbesetzung durch die Nationalsozialisten nicht reagierten.
Die Theorie geht vom Primat der Außenpolitik aus: Vorgänge im internationalen System bestimmen das Verhalten eines außenpolitischen Akteurs stärker als innenpolitische Faktoren. Zugleich wirkt die internationale Stellung einer Nation erheblich auf deren Innenpolitik zurück. Für die USA nennt Morgenthau drei grundlegende Interessen: die Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre sowie die Verteidigung eines Mächtegleichgewichts in Europa und in Asien.
Morgenthau wandte sich sowohl gegen einen aggressiven Isolationismus als auch gegen naive wissenschaftliche Weltverbesserungskonzepte und den amerikanischen Exzeptionalismus. Außenpolitiken sollten aus der Perspektive des nationalen Interesses beurteilt werden, um eine realistische und rationale Strategie zu entwickeln. Einen Pazifismus, der Gewalt völlig ausschließt, hielt er ebenfalls für problematisch, weil dies aggressive Gegner und Despoten ermutigen könne. Eine Gleichgewichtspolitik werde für ihn besonders deutlich, wenn die Außenpolitik eines Staates seiner eigenen politischen Kultur oder Ideologie widerspricht.
Krieg, Kalter Krieg und Vereinte Nationen
Kriege entstehen nach Morgenthau nicht hauptsächlich aus mangelndem Wissen über den Gegner, sondern aus fehlendem Verständnis für dessen politische Sachzwänge. Zum internationalen Machtkampf tragen neben materiellen Interessengegensätzen auch Konflikte zwischen unvereinbaren Weltanschauungen bei. Als kriegsfördernd betrachtete er übersteigerte nationale Interessen, exzessiven Nationalismus und eine übermäßige Ideologisierung der Politik. Nicht nur der Kommunismus, sondern auch eine fanatisch vertretene Demokratie könne gefährlich werden. Bei der Konfliktlösung setzte er vor allem auf die Diplomatie verantwortlicher Staatsmänner.
Obwohl der Klassische Realismus mitunter als Verherrlichung von Gewalt kritisiert wurde, gehörte Morgenthau im Kalten Krieg zu den wichtigsten Gegnern einer zu stark auf militärische Mittel ausgerichteten Außenpolitik. Eine funktionierende nationale Sicherheitspolitik war für ihn vorrangig; andere Ziele wie die weltweite Verbreitung der Demokratie bezeichnete er als „Extras“. Nach dem Ende des amerikanischen Nuklearmonopols durch die UdSSR im Jahr 1949 befürwortete er eine stärkere Rüstung. Zugleich erkannte er das Paradox atomarer Abschreckung: Wegen der Gefahr einer nuklearen Eskalation nahm die tatsächlich einsetzbare militärische Macht der Großmächte ab. Er kritisierte Henry Kissingers Konzept eines begrenzten Nuklearkriegs und betrachtete die Verbreitung von Nuklearwaffen als größte Bedrohung für die USA und die Weltpolitik.
Den Kalten Krieg deutete Morgenthau eher als geostrategischen denn als rein ideologischen Konflikt. Einen einheitlichen Weltkommunismus habe es nie gegeben; ideologische Gegensätze hätten unterschiedliche strategische Interessen verdeckt. So meinte er, der Vietnamkrieg habe mit China einen natürlichen Gegner Vietnams geschwächt beziehungsweise vernichtet.
Die Vereinten Nationen waren für Morgenthau kein Allheilmittel. Ihre Wirksamkeit hing seiner Ansicht nach von den übergeordneten politischen Bedingungen ab. Dennoch wünschte er ihnen eine bedeutende Rolle bei der Regulierung weltpolitischer Konflikte. Ebenso erkannte er das Völkerrecht an, betonte aber dessen begrenzte Wirkung.
Lebensweg
Morgenthau wurde am 17. Februar 1904 als einziges Kind einer bürgerlichen jüdischen Familie in Coburg geboren. Seine Eltern waren der Arzt Ludwig Morgenthau und Frieda Bachmann. Bereits seine Jugend war von antisemitischer Diskriminierung geprägt. Am Gymnasium Casimirianum durfte er als zweitbester Schüler am 3. Juli 1922 die traditionelle Lobrede halten; dagegen wurden antisemitische Flugblätter verteilt, Zuhörer verließen zeitweise die Veranstaltung, und anschließend wurde er beschimpft.
Von 1923 bis 1927 studierte er in Frankfurt am Main, München und Berlin zunächst Philosophie, dann Jura. Zu seinen Studiengebieten gehörten Staatsrecht und Völkerrecht. Seine Referendarzeit verbrachte er von 1928 bis 1931 in Frankfurt bei Hugo Sinzheimer. 1929 promovierte er dort über das Völkerrecht und arbeitete anschließend als Richter am Arbeitsgericht.
Am 17. Februar 1932 verließ Morgenthau Deutschland und lehrte als Privatdozent Öffentliches Recht an der Universität Genf. 1934 reichte er dort seine Habilitationsschrift ein. Wegen des antisemitischen Berufsverbots verlor er im Herbst 1933 seine Stellung am Frankfurter Arbeitsgericht. Ab 1935 arbeitete er an der Universität Madrid und heiratete Irma Thormann. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme kehrte er nicht nach Deutschland zurück. Über Italien, Paris und Genf emigrierte das Ehepaar 1937 in die Vereinigten Staaten.
In den USA lehrte Morgenthau zunächst an verschiedenen New Yorker Universitäten und ab Januar 1939 in Kansas City am Liberal Arts College und an der Law School. Nach dem Kriegseintritt der USA 1941 bewarb er sich erfolglos bei der US Army und der US Navy. 1943 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1944 wechselte er nach Chicago; von 1946 bis 1951 veröffentlichte er sechs Bücher, 34 Artikel sowie zahlreiche Kommentare und Rezensionen. 1949 wurde er Ordinarius für Politikwissenschaft und Zeitgeschichte an der University of Chicago. Zwischen 1949 und 1977 übernahm er 20 Gastprofessuren an zehn amerikanischen Universitäten, darunter Harvard, Yale, Columbia, Princeton und die University of California. 1971 zog er wieder nach New York.
1958 wurde Morgenthau in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, seit 1961 gehörte er der American Philosophical Society an. 1975 erhielt er das Große Verdienstkreuz. Er starb am 19. Juli 1980 in einem New Yorker Krankenhaus an einem perforierten Geschwür.
Wissenschaft, Vorbilder und politisches Engagement
Morgenthau verband wissenschaftliche Arbeit mit politischem Engagement. Gemeinsam mit George D. Schwab gründete er das National Committee on American Foreign Policy, das amerikanische Interessen zu aktuellen Fragen formulierte. Außerdem war er langjähriger Vorsitzender des „Akademischen Komitees der Sowjetischen Juden“ und setzte sich für die Auswanderung sowjetischer Juden nach Israel ein.
Zu seinen geistigen Vorläufern gehörten Friedrich Nietzsche und Max Weber. Von Nietzsche übernahm er nicht dessen normative Voraussetzungen, wohl aber wesentliche Elemente der Weltsicht und der diagnostischen Methode. Nietzsches Betonung des „Willens zur Macht“ und der irrationalen Seiten des Menschen beeinflusste Morgenthaus Erklärung menschlicher Handlungsmotive; Morgenthau ergänzte biologische durch philosophische Vorstellungen vom Machttrieb. Mit Weber teilte er die Auffassung, dass Politik von unvermeidbaren Machtkämpfen geprägt sei und oft nur das geringere Übel verwirklicht werden könne. Beide sahen sozialwissenschaftliche Erkenntnis als durch Wertideen strukturiert an. Während Weber lediglich den Kampf unterschiedlicher Wertanschauungen beschrieb, verlangte Morgenthau jedoch die Durchsetzung bestimmter Werte.
Morgenthau unterschied sich trotz mancher Gemeinsamkeiten deutlich von Henry Kissinger. Kissinger war vor allem Historiker und politischer Pragmatiker, Morgenthau ein systematischer politischer Theoretiker. Morgenthau begrüßte Kissingers Bemühen um interessengeleitete Politik, kritisierte aber den Widerspruch zwischen der amerikanischen Großstrategie und dem Vorgehen in Vietnam. Die Rechtfertigung des Krieges durch Glaubwürdigkeit hielt er für unvereinbar mit pragmatischer Interessenpolitik. Auch die Invasion von Laos und die Bombardierung Kambodschas betrachtete er als Bestandteile dieser fehlgeleiteten Politik. Die Aussagen im entsprechenden Artikelabschnitt sind allerdings als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet.
Im Widerstand gegen den Vietnamkrieg wurde Morgenthau zum politischen Aktivisten und zu einer führenden intellektuellen Stimme der Protestbewegung. Er hielt die amerikanische Indochinapolitik für grundsätzlich verfehlt und wurde im Weißen Haus sogar zum Gegenstand einer Untersuchung unter dem Codenamen „Project Morgenthau“. Kommunistische Gruppierungen und sozialistische Staaten versuchten zugleich, ihn für ihre Zwecke zu vereinnahmen, obwohl seine antikommunistische Haltung nicht ernsthaft bezweifelt wurde. Die Konflikte zwischen Kambodscha und Vietnam 1978 sowie Vietnam und China 1979 entsprachen seiner Kritik an der Dominotheorie: Sie zeigten, dass sozialistische Staaten trotz verwandter Ideologien aufgrund regionaler Machtinteressen gegeneinander Krieg führen konnten.