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Gustav Stresemann

Gustav Ernst Stresemann (* 10. Mai 1878 in Berlin; † 3. Oktober 1929 ebenda) war ein deutscher Politiker und Staatsmann der Weimarer Republik, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Politiker und Staatsmann der Weimarer Republik
  2. 2. Reichskanzler im Krisenjahr 1923
  3. 3. Außenpolitik: Verständigung und internationale Einbindung
  4. 4. Krankheit, Tod und Ende der Weimarer Stabilisierung
  5. 5. Auszeichnungen, Gedenken und Schriften

Politiker und Staatsmann der Weimarer Republik

Gustav Ernst Stresemann (* 10. Mai 1878 in Berlin; † 3. Oktober 1929 ebenda) war ein deutscher Politiker und Staatsmann. 1923 wurde er Reichskanzler; anschließend war er bis zu seinem Tod Reichsminister des Auswärtigen. Sein wichtigstes politisches Ziel war, Deutschlands außenpolitische Isolation zu beenden und den Versailler Vertrag auf friedlichem Weg zu revidieren. Besonders trug er zur Verbesserung der Beziehungen zu Frankreich, zur internationalen Einbindung Deutschlands und zur Stabilisierung der Weimarer Republik bei. 1926 erhielt er gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis.

Stresemann studierte von 1898 bis 1901 zunächst Literatur und Geschichte, dann Nationalökonomie in Berlin und Leipzig. 1901 promovierte er bei Karl Bücher über „Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts“. Von 1901 bis 1904 arbeitete er als Interessenvertreter und Rechtsberater des Verbandes deutscher Schokoladenfabrikanten in Dresden. Danach wurde er zu einem bedeutenden Vertreter der deutschen Fertigwaren- und Exportindustrie. 1902 wurde er Geschäftsführer des Bezirksvereins Dresden/Bautzen des Bundes der Industriellen; im selben Jahr entstand auf seine Anregung der Verband sächsischer Industrieller. Bis 1919 war er dort hauptberuflich als Syndikus tätig. Die Mitgliederzahl stieg von 180 Unternehmen auf 5000 Betriebe mit mehr als einer halben Million Arbeitern und Angestellten. Stresemann betrieb früh systematische Pressearbeit und setzte sich nach dem Textilarbeiterstreik in Crimmitschau 1903/1904 für eine Verständigung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ein.

Politisch begann Stresemann im Nationalsozialen Verein Friedrich Naumanns und trat 1903 der Nationalliberalen Partei bei. 1906 wurde er in den Dresdner Stadtrat gewählt, 1907 gewann er den Reichstagswahlkreis Annaberg und zog als jüngster Abgeordneter in den Reichstag ein. Er vertrat wirtschaftlich den Mittelstand und das produzierende Gewerbe, setzte sich sozialpolitisch für Angestellte, freie Gewerkschaften und Tarifautonomie ein, befürwortete aber zugleich eine starke Flotten- und Kolonialpolitik. 1914 wurde er erneut in den Reichstag gewählt und blieb ihm mit kurzer Unterbrechung 1918/1919 bis zu seinem Tod angehörig.

Im Ersten Weltkrieg gehörte Stresemann zu den „Annexionisten“. Er verlangte Gebietserweiterungen im Osten, Westen und in den Kolonien, unterstützte die militärische Führung unter Ludendorff und befürwortete den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Innenpolitisch näherte er sich jedoch den späteren Parteien der Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und Linksliberalen an. 1917 trat er für Verfassungsreformen, ein gleiches Wahlrecht in Preußen und eine stärkere Stellung des Reichstags ein. Eine entsprechende Reform, die auch das Frauenwahlrecht einschloss, kam wegen der Revolution nicht mehr zur Behandlung.

Nach der Novemberrevolution 1918 gründete Stresemann mit Robert Friedberg die Deutsche Volkspartei (DVP), deren Vorsitzender er am 15. Dezember 1918 wurde. Die DVP stand rechts von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Den Versailler Vertrag lehnte Stresemann ab, hielt eine Ablehnung aus militärischen Gründen aber für nicht durchsetzbar. Deshalb betrieb er „Realpolitik“: Deutsche Interessen sollten auf der Grundlage der neuen Friedensordnung und vor allem durch wirtschaftliche Stärke, Verständigung mit den Westmächten und schrittweise Vertragsrevision verfolgt werden. 1920 beteiligte sich die zunächst republikskeptische DVP an der Minderheitsregierung Fehrenbach. Stresemann wurde Partei- und Fraktionsvorsitzender sowie Vorsitzender des Reichstagsausschusses für auswärtige Angelegenheiten.

Reichskanzler im Krisenjahr 1923

Am 13. August 1923 übernahm Stresemann während der schwersten Krise der Weimarer Republik das Amt des Reichskanzlers und zugleich die Leitung des Auswärtigen Amtes. Er führte eine Große Koalition aus SPD, DDP, Zentrum, DVP und BVP. Die Republik war durch die französisch-belgische Ruhrbesetzung, den passiven Widerstand, die Hochinflation, politische Radikalisierung und Gefahren von rechts und links bedroht.

In seiner Regierungserklärung vom 14. August 1923 forderte Stresemann den „Zusammenschluss aller den verfassungsmäßigen Staatsgedanken bejahenden Kräfte“. Von 342 anwesenden Reichstagsmitgliedern stimmten 239 für die Regierung, 76 dagegen und 24 enthielten sich. Stresemann erkannte bald, dass der passive Widerstand gegen die Ruhrbesetzung nicht erfolgreich fortgesetzt werden konnte. Die Kosten des Widerstands hatten wesentlich zum Zusammenbruch der Mark beigetragen. Am 26. September 1923 wurde der Ruhrkampf offiziell und bedingungslos beendet. Stresemann hoffte zunächst, durch Zugeständnisse bei den Reparationszahlungen Gespräche mit Frankreich und Belgien zu ermöglichen; der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré lehnte Bedingungen jedoch ab.

Gleichzeitig musste sich die Regierung gegen Umsturzversuche von rechts und links behaupten. In Bayern übertrug die Landesregierung am 26. September 1923 die vollziehende Gewalt an Gustav von Kahr. Rechte Verbände und die NSDAP strebten den Sturz der Reichsregierung und letztlich das Ende der Republik an. Eine Reichsexekution gegen Bayern, also ein zwangsweises Vorgehen des Reiches gegen ein Land, hatte wegen der fehlenden Bereitschaft der Reichswehr kaum Erfolgsaussichten. In Sachsen und Thüringen bildeten kommunistische Kräfte proletarische Hundertschaften. Die Regierung verbot diese Verbände und unterstellte die sächsische Polizei der Reichswehr. Die Pläne für den „Deutschen Oktober“ wurden am 21. Oktober 1923 aufgegeben; nur in Hamburg kam es zu einem begrenzten Aufstand.

Anfang Oktober geriet das Kabinett wegen eines Ermächtigungsgesetzes in eine Krise. Ein solches Gesetz sollte der Regierung weitreichende politische und finanzielle Maßnahmen erlauben. Die SPD lehnte insbesondere eine Verlängerung der Arbeitszeit ab, während der DVP-Fraktionsvorsitzende Ernst Scholz den Achtstundentag beenden, mit Frankreich brechen und die DNVP in die Regierung aufnehmen wollte. Nach dem Scheitern eines Kompromisses trat Stresemann zurück, wurde von Reichspräsident Friedrich Ebert aber erneut mit der Regierungsbildung beauftragt. Im zweiten Kabinett Stresemann blieb der Achtstundentag grundsätzlich bestehen, durfte aber überschritten werden. Die SPD stimmte einem begrenzten Ermächtigungsgesetz zu. Darauf folgten unter anderem eine umstrittene Personalabbauverordnung und die staatliche Zwangsschlichtung in Tarifkonflikten.

Die SPD verließ die Koalition, weil sie ein energischeres Vorgehen gegen Bayern forderte. Stresemann stand nun einer bürgerlichen Minderheitsregierung vor. Am 9. November 1923 scheiterte der Hitler-Putsch. Eine Woche später führte die Regierung die Rentenmark ein. Die Reichsbank legte den Umtauschkurs von 1 Billion Papiermark zu 1 Rentenmark fest; dadurch wurde das Wechselkursverhältnis von 4,2 Mark zu einem US-Dollar, das vor dem Krieg bestanden hatte, wiederhergestellt. Der Kursverfall der deutschen Währung wurde gestoppt.

Am 22. November 1923 brachte die SPD wegen der unterschiedlichen Behandlung Sachsens und Bayerns einen Misstrauensantrag ein. Stresemann verband ihn mit der Vertrauensfrage und verlor. Damit endete seine Reichskanzlerschaft nach kurzer Zeit, doch die wichtigsten Schritte zur Beendigung des Ruhrkampfes, zur Währungsstabilisierung und zur außenpolitischen Neuorientierung waren eingeleitet.

Außenpolitik: Verständigung und internationale Einbindung

Als Außenminister wollte Stresemann Deutschland wieder als gleichberechtigten Staat in die internationale Politik einführen. Er setzte auf Verständigung mit den Siegermächten, besonders mit Frankreich, und auf internationale Zusammenarbeit statt auf Drohungen oder Krieg. Voraussetzung für eine spätere Änderung des Versailler Vertrags war aus seiner Sicht zunächst dessen Anerkennung. Die verbliebene deutsche Wirtschaftskraft betrachtete er als wichtigste noch verfügbare Machtquelle. Der deutsch-amerikanische Handelsvertrag vom Dezember 1923 betonte die gegenseitige Gleichberechtigung und half, Deutschland international einzubinden.

In der Forschung ist umstritten, ob Stresemann letztlich ein friedlich kooperierendes Deutschland oder erneut eine deutsche Großmachtstellung anstrebte. Im sogenannten Kronprinzenbrief vom 7. September 1925 erklärte er den Beitritt zum Völkerbund als Mittel, den Versailler Vertrag zu revidieren. Er nannte die Beendigung der Besatzung, die „Wiedergewinnung von Danzig, vom polnischen Korridor und eine Korrektur der Grenze in Oberschlesien“ sowie den Anschluss Österreichs als mögliche Ziele. Historiker bewerten den Brief unterschiedlich: Einige sehen darin seine tatsächlichen Revisions- und Großmachtziele, andere eine innenpolitische Einflussnahme auf Wilhelm von Preußen, Paul von Hindenburg und die DNVP. Ein großer Teil der Forschung geht davon aus, dass Stresemann die Vertragsrevision ausschließlich mit friedlichen Mitteln erreichen wollte.

Der Dawes-Plan von 1924 regelte die Reparationszahlungen neu. Deutschland akzeptierte unter anderem die internationale Kontrolle von Reichsbank und Reichsbahn. Frankreich sagte im Gegenzug den Abzug seiner Truppen aus dem Rheinland innerhalb eines Jahres zu und musste auf sein Sanktionsrecht verzichten. Deutschland erhielt eine internationale Anleihe von 800 Millionen Mark, die weiteres Kapital anzog und zum wirtschaftlichen Aufschwung beitrug. Der Plan wurde auf der Londoner Konferenz im August 1924 angenommen, war in Deutschland aber umstritten und wurde erst nach langen Verhandlungen vom Reichstag gebilligt.

Im Februar 1925 schlug Stresemann einen Sicherheitspakt zwischen England, Frankreich, Deutschland und Italien mit den USA als Garantiemacht vor. Daraus entwickelte sich die Konferenz von Locarno. Die Verträge vom Oktober 1925 legten die deutschen, französischen und belgischen Grenzen fest, vereinbarten gegenseitigen Gewaltverzicht und bestätigten die Entmilitarisierung des Rheinlandes. Großbritannien und Italien wurden Garantiemächte. Vorgesehen waren außerdem der deutsche Beitritt zum Völkerbund und ein ständiger Sitz im Völkerbundsrat. Eine Regelung der deutschen Ostgrenze zu Polen gelang dagegen nicht; Frankreich schloss Schutzbündnisse mit Polen und der Tschechoslowakei.

Im April 1926 schloss Stresemann mit der Sowjetunion einen Freundschaftsvertrag, der das Abkommen von Rapallo ergänzte. Im September 1926 trat Deutschland dem Völkerbund bei. Stresemann erklärte am 10. September in Genf, nur eine Gemeinschaft aller Staaten „in voller Gleichberechtigung“ könne Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit ermöglichen. Deutschland wurde acht Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder vollwertiges Mitglied der Staatengemeinschaft. Bei einem Treffen in Thoiry mit Briand wurden weitere Erleichterungen wie das Ende der Rheinlandbesetzung, die Rückgabe des Saargebiets und die Aufhebung der Militärkontrolle besprochen, aber bis Stresemanns Tod nicht verwirklicht. 1928 war Stresemann außerdem am Zustandekommen des Briand-Kellogg-Pakts beteiligt.

Krankheit, Tod und Ende der Weimarer Stabilisierung

Stresemann war seit seiner Jugend gesundheitlich angeschlagen. Im Juni 1919 erlitt er einen ersten Herzinfarkt. Eine chronische Stoffwechselkrankheit schädigte Nieren und Herz; wahrscheinlich handelte es sich um eine besonders schwere Form der Basedowschen Krankheit. Wiederholt musste er seine politische Tätigkeit für Genesungs- und Kuraufenthalte unterbrechen.

Seit 1928 verschlechterte sich sein Zustand durch die Belastung der Regierungsgeschäfte. Im August 1928 erlitt er einen kleinen Schlaganfall, der seine Lese- und Schreibfähigkeit beeinträchtigte. Trotzdem nahm er keine längere Auszeit. Seine letzte große Amtshandlung war die Aushandlung des Young-Plans. Die politische Rechte bekämpfte den Plan in einem Volksbegehren und forderte die Bestrafung seiner Unterzeichner wegen Landesverrats. Vermutlich verstärkten die dadurch ausgelösten Belastungen seine letzten Schlaganfälle und den tödlichen Herzinfarkt.

Am 2. Oktober 1929 erlitt Stresemann gegen 22:00 Uhr einen vorletzten Hirnschlag, am 3. Oktober kurz nach 5:00 Uhr einen weiteren. Kurz darauf starb er an einem Herzinfarkt. Das Reichskabinett Müller II beschloss ein Staatsbegräbnis. Am 6. Oktober 1929 erwiesen ihm Hunderttausende die letzte Ehre; der Trauerzug führte vom Reichstag durch das Brandenburger Tor über die Wilhelmstraße zum Luisenstädtischen Friedhof. Seine Grabstelle wird bis heute als Ehrengrab des Landes Berlin gepflegt.

Mit Stresemann verlor die Weimarer Republik ihren bedeutendsten Staatsmann für Innen- und Außenpolitik. Sein Tod und der Beginn der Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 markierten den Anfang vom Ende der Republik. Am 27. März 1930 trat die Große Koalition zurück; die Ära der Präsidialkabinette begann und mündete schließlich in die Kanzlerschaft Adolf Hitlers. Die Familie Stresemann musste Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus verlassen.

Auszeichnungen, Gedenken und Schriften

1926 erhielt Stresemann zusammen mit Aristide Briand den Friedensnobelpreis. 1928 verlieh ihm die Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde. In Deutschland wurde seine Verständigungspolitik zugleich von politischen Gegnern als „Erfüllungspolitik“ beschimpft. Für die Nationalsozialisten war Stresemann wegen seiner internationalen Zusammenarbeit und seiner Einbindung Deutschlands in die Staatengemeinschaft ein politischer Gegner.

Zahlreiche Straßen, Plätze, Ufer und Schulen tragen seinen Namen, darunter die Stresemannstraße in Berlin, Stresemannufer in Bonn und Mainz sowie die Stresemannallee in Frankfurt am Main. Seit 1959 besteht das Gustav-Stresemann-Institut als europäische Tagungs- und Bildungsstätte in Bonn. Auch der elegante Vormittagsanzug „Stresemann“ und ein Füllfederhalter der Pelikan AG wurden nach ihm benannt. 2019 untersagte das Landgericht Berlin der AfD, seinen Namen für eine parteinahe Stiftung zu verwenden.

Eine 1931 in Mainz eingeweihte Stresemann-Gedenkstätte wurde 1935 von Nationalsozialisten zerstört; 1960 entstand ein neues Ehrenmal. Sein Monumentalgrab auf dem Luisenstädtischen Friedhof und weitere Gedenktafeln erinnern an ihn.

Zu den allgemeinen Quellen gehören die „Akten zur Auswärtigen Politik 1918–1945“ und die „Akten der Reichskanzlei Weimarer Republik“, darunter die Dokumentation der Kabinette Stresemann I und II. Seine Reden, Schriften und der Nachlass wurden in mehreren Sammlungen veröffentlicht. Zu seinen eigenen Schriften gehören unter anderem „Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts“ (1902), „Wirtschaftspolitische Zeitfragen“ (1911), „Von der Revolution bis zum Frieden von Versailles“ (1919), „Weimar und die Politik“ (1919), „Schutz der Verfassung“ (1922) und „Der Weg des neuen Deutschland“ (1927).

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