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Guillaume Tell (Rossini)

Musik: Gioachino Rossini ; Libretto: Etienne de Jouy und Hippolyte Bis ; Literarische Vorlage: Wilhelm Tell von Friedrich Schiller ; Uraufführung: 3. August 1829.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grunddaten und Bedeutung
  2. 2. Handlung im Überblick
  3. 3. Figuren und musikalische Anlage
  4. 4. Musikalische Besonderheiten
  5. 5. Entstehung und Aufführungsgeschichte
  6. 6. Nachwirkung und Aufnahmen

Grunddaten und Bedeutung

Guillaume Tell, deutsch Wilhelm Tell und italienisch Guglielmo Tell, ist eine Oper in vier Akten und sechs Bildern von Gioachino Rossini. Sie ist Rossinis letzte Oper und seine einzige vollständig neu komponierte Grand opéra, also eine groß angelegte französische Oper mit Chören, Ballett, großen Szenen und historisch-politischem Stoff. Das Libretto schrieben Étienne de Jouy und Hippolyte Bis nach Friedrich Schillers Schauspiel Wilhelm Tell. Die Uraufführung fand am 3. August 1829 an der Académie Royale de Musique in Paris statt.

Die Originalsprache ist Französisch. Die Spieldauer beträgt ungefähr vier Stunden. Ort und Zeit der Handlung sind der Kanton Uri in der Zentralschweiz am Anfang des 14. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht der Befreiungskampf der Schweizer gegen die Herrschaft der Habsburger. Die Oper übernimmt die Grundzüge von Schillers Schauspiel, verändert sie aber für die Opernbühne: Statt langer Diskussionen und moralischer Entwicklungen treten stärker lyrische Situationen in den Vordergrund, in denen Gesang und musikalischer Ausdruck Raum bekommen. Die Zahl der handelnden Personen wurde von 42 auf 11 reduziert; die Figur Berta von Brunegg wurde durch die Habsburgerprinzessin Mathilde ersetzt, die sich im Verlauf der Oper auf die Seite der Schweizer stellt.

Handlung im Überblick

Die Handlung beginnt in einem Schweizer Dorf im Kanton Uri. Die Dorfbewohner feiern eine dreifache Hochzeit unter dem Vorsitz des alten Melcthal. Dessen Sohn Arnold liebt die Habsburgerprinzessin Mathilde und steht deshalb zwischen seiner Liebe und seiner Pflicht gegenüber dem Vaterland. Das Fest wird unterbrochen, als der Hirte Leuthold vor Habsburger Soldaten flieht. Er hat einen Soldaten getötet, der seine Tochter entführen wollte. Tell bringt Leuthold über den Vierwaldstättersee in Sicherheit. Rodolphe, der Anführer von Geslers Soldaten, lässt daraufhin Melcthal festnehmen und das Dorf in Brand stecken.

Im zweiten Akt treffen sich Arnold und Mathilde. Sie bekennen einander ihre Liebe, doch Arnold erfährt kurz darauf, dass sein Vater von den Soldaten getötet wurde. Dadurch entscheidet er sich endgültig für den Freiheitskampf. Auf dem Rütli versammeln sich Vertreter der drei Urkantone Unterwalden, Schwyz und Uri. Sie ernennen Tell zu ihrem Anführer und schwören im Rütlischwur, bis zum Tod für die Freiheit des Vaterlandes zu kämpfen.

Im dritten Akt lässt der Reichsvogt Gesler in Altdorf den Jahrestag der habsburgischen Herrschaft feiern. Als Zeichen der Unterwerfung müssen die Schweizer sich vor einer Stange mit Geslers Hut verbeugen. Tell weigert sich und wird vor Gesler geführt. Zur Strafe befiehlt Gesler ihm, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes Jemmy zu schießen. Tell trifft den Apfel, hat aber einen zweiten Bolzen verborgen. Als Gesler nach dessen Zweck fragt, sagt Tell, dieser sei für ihn bestimmt gewesen. Darauf lässt Gesler Tell verhaften; Mathilde rettet Jemmy.

Im vierten Akt formiert sich der Aufstand. Arnold ruft die Schweizer zur Rache auf. Während Tell in Ketten über den See gebracht wird, bricht ein Sturm aus. Da nur Tell das Schiff steuern kann, wird er von seinen Fesseln befreit. Er springt an Land und stößt das Boot zurück. Jemmy hat unterdessen Tells Hütte als Signal für die Eidgenossen angezündet. Gesler überlebt den Sturm, doch Tell erschießt ihn mit der Armbrust. Arnold verkündet, dass auch die Festung Altdorf in den Händen der Schweizer ist. Ein großer Freiheitschor beschließt die Oper.

Figuren und musikalische Anlage

Zu den Hauptfiguren gehören Guillaume Tell, ein Schweizer Verschwörer und Bariton; Arnold Melcthal, ebenfalls Verschwörer und Tenor; Walther Furst, Bass; Melcthal, Arnolds Vater; Jemmy, Tells Sohn, Sopran; Gesler, Reichsvogt der Kantone Schwyz und Uri, Bass; Rodolphe, Anführer von Geslers Bogenschützen, Tenor; Leuthold, Schäfer, Bass; Mathilde, Prinzessin aus dem Hause Habsburg, Sopran; und Hedwige, Tells Frau, Mezzosopran. Außerdem spielen große Chöre eine wichtige Rolle, etwa Bauern, Ritter, Soldaten, Jäger, Wachen und Hochzeitsgesellschaften.

Die Oper ist reich besetzt. Das Orchester umfasst Holzbläser, Blechbläser, Schlagzeug, zwei Harfen und Streicher. Zu den Holzbläsern gehören drei Flöten, auch Piccolo, zwei Oboen, Englischhörner, zwei Klarinetten und zwei Fagotte. Die Blechbläser umfassen vier Hörner, zwei Trompeten und drei Posaunen. Das Schlagzeug enthält Pauken, Triangel, Große Trommel, Becken, Tamtam und Glocken. Auf der Bühne werden zusätzlich vier Hörner eingesetzt.

Die Oper enthält zahlreiche Musiknummern: Ouvertüre, Chöre, Arien, Duette, Terzette, Quartette, Finali und Tanzstücke. Besonders wichtig sind Mathildes Romanze Sombre forêt, der Rütlischwur Jurons, jurons par nos dangers, Tells Arie Sois immobile vor dem Apfelschuss und Arnolds Arie Asile héréditaire mit der Cabaletta Amis, amis, secondez ma vengeance.

Musikalische Besonderheiten

Eine zentrale Besonderheit von Guillaume Tell ist die Verwendung von Kuhreihen, französisch Ranz des vaches. Das sind typische Weisen der schweizerischen Hirten, die beim Hüten der Herden gespielt oder gesungen wurden. Rossini verarbeitete insgesamt zehn solcher Melodien, vermutlich aus George Tarennes Recherches sur les Ranz de vaches ou sur les chansons pastorales des bergers de la Suisse von 1813. Dadurch entsteht ein einheitliches Lokalkolorit, also ein musikalischer Eindruck der Schweizer Landschaft und Lebenswelt. Manche Melodien erscheinen nur als kurze Fragmente, andere werden zu Themen ausgeweitet und bei späterer Wiederkehr verändert.

Die Ouvertüre ist besonders bekannt und vierteilig. Sie unterscheidet sich von vielen anderen Rossini-Ouvertüren, weil sie die Handlung bereits mit beschreibenden musikalischen Mitteln ankündigt. Zuerst erklingt ein Andante für fünf Solocelli, das Hector Berlioz als Ausdruck von Ruhe, Einsamkeit und feierlicher Naturstille beschrieb. Darauf folgt ein Allegro als naturalistische Sturmmusik. Das nächste Andante schildert eine ländliche Hirtenszene mit Kuhreihen und einem Solo des Englischhorns, das von der Flöte beantwortet wird; eine Triangel erinnert an Schafglocken. Den Abschluss bildet ein Allegro vivace, das mit einer Trompetenfanfare in einen schnellen Galopp übergeht.

Auch in den Akten verbindet Rossini dramatische Wirkung mit genauer musikalischer Zeichnung. Der Jägerchor am Beginn des zweiten Akts führt in eine leise ausklingende Passage über. Mathildes Romanze ist eine französisch geprägte Strophenarie. Der Rütlischwur steigert sich mit Trommelwirbel und dem dreimal wiederholten Waffenruf Aux armes! Tells Sois immobile bildet den Mittelpunkt der Oper, weil hier väterliche Angst, Selbstbeherrschung und politischer Widerstand in einer einzigen Szene zusammenkommen. Arnolds Asile héréditaire gilt als eines der schwierigsten Tenor-Stücke des Repertoires.

Entstehung und Aufführungsgeschichte

Schon im April 1828 berichtete La Revue musicale, Rossini habe ein neues Werk mit dem Titel Guillaume Tell versprochen und zugleich erklärt, es werde seine letzte Oper sein. Tatsächlich komponierte er danach keine weitere Oper. Der 36-jährige Rossini war gesundheitlich angeschlagen und fühlte sich ausgebrannt, nachdem er über gut zwei Jahrzehnte hinweg teils bis zu fünf Opern pro Jahr für verschiedene Opernhäuser geschrieben hatte. Guillaume Tell war seine erste neu komponierte Grand opéra für Paris; frühere große französische Opern waren Umarbeitungen älterer italienischer Werke.

Rossini wollte zunächst Eugène Scribe als Librettisten gewinnen, lehnte dessen Stoffvorschläge aber ab. Étienne de Jouys Bearbeitung von Schillers Wilhelm Tell fand seine Zustimmung. Hippolyte Bis überarbeitete das Libretto, besonders den schwierigen zweiten Akt. Noch vor der Uraufführung strich Rossini Rezitative, eine Arie und den Schluss des zweiten Akts, weil ihm das Werk zu lang erschien.

Die Premiere war ursprünglich spätestens für den 15. Juli 1829 geplant, wurde aber mehrfach verschoben, unter anderem wegen Vertragsfragen, der Schwangerschaft von Laure Cinti-Damoreau, Besetzungsproblemen und möglicherweise wegen der noch nicht vollendeten Partitur. Die Uraufführung fand schließlich am 3. August 1829 unter François-Antoine Habeneck im Salle Le Peletier statt. Henry-Bernard Dabadie sang Guillaume Tell, Adolphe Nourrit Arnold, Laure Cinti-Damoreau Mathilde und Alexandre Prévost Gesler.

Die ersten Reaktionen waren unterschiedlich: Das Publikum blieb respektvoll verhalten, die Presse war Rossini aber wohlgesinnt. Allmählich wuchs die Beliebtheit. Bis zum Sturz Karls X. im Juli 1830 wurde die Oper 43 Mal an der Opéra aufgeführt. Wegen ihrer Länge wurde sie jedoch bald gekürzt oder nur teilweise gespielt. 1831 kürzte Rossini selbst die Oper auf drei Akte. Am 17. September 1837 gab es offiziell die hundertste Aufführung an der Opéra, am 10. Februar 1868 die 500. Aufführung. Bis 1932 blieb die Oper im Repertoire der Pariser Oper.

Nachwirkung und Aufnahmen

Die Ouvertüre wurde deutlich bekannter als die vollständige Oper. Sie diente jahrzehntelang als musikalischer Hintergrund für Reitszenen, besonders in Komödien. Sie erscheint oder wird aufgegriffen in Filmen und Werken wie Der kleine Däumling, Walt Disneys The Band Concert von 1935, Uhrwerk Orange, Good Bye, Lenin!, dem Computerspiel Day of the Tentacle, der Fernsehserie The Lone Ranger und dem Kinofilm Lone Ranger. Auch das Postauto verwendet mit dem Dreiklanghorn auf der Bergpoststrasse eine Tonfolge aus dem Andante der Ouvertüre. Dadurch wird die Ouvertüre viel häufiger in Konzertsälen gespielt als die ganze Oper in Opernhäusern.

Guillaume Tell erschien vielfach auf Tonträgern. Operadis nennt 32 Aufnahmen im Zeitraum von 1952 bis 2007. Erwähnt werden unter anderem eine stark gekürzte Verfilmung von 1948 in italienischer Fassung von Calisto Bassi und die erste bekannte Audio-Aufnahme von 1951, live und konzertant aus Turin. Eine wichtige vollständige Aufnahme entstand 1973 unter Lamberto Gardelli mit dem Royal Philharmonic Orchestra London, dem Ambrosian Opera Chorus, Gabriel Bacquier als Guillaume Tell, Nicolai Gedda als Arnold und Montserrat Caballé als Mathilde; sie wurde in Opernwelt als Referenz-Aufnahme bezeichnet.

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