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Grossmünster
Das Grossmünster ist eine romanische Kirche in der Altstadt von Zürich, erbaut zwischen 1100 und 1220. Die erste Altarweihe war 1104 für die Krypta und 1107 …
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Bedeutung und Nutzung
Das Grossmünster ist eine romanische Kirche in der Zürcher Altstadt. Es wurde zwischen 1100 und 1220 errichtet; 1104 wurde der Altar der Krypta, 1107 der Chor geweiht. Die Schlussweihe erfolgte 1117 durch Erzbischof Bruno von Trier. Zusammen mit dem Fraumünster und der St.-Peter-Kirche gehört es zu den bekanntesten Kirchen Zürichs. Seine beiden Türme mit den neugotischen Abschlüssen von 1787 sind ein Wahrzeichen der Stadt.
Bis zur Reformation war das Grossmünster zugleich Pfarrkirche und Kirche eines weltlichen Chorherrenstifts. Seine Patrone waren die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula sowie Exuperantius. Von der Pfarrei Grossmünster ging unter Huldrych Zwingli zwischen 1522 und 1525 die Zürcher Reformation aus. Heute dient das Gebäude als Pfarrkirche der evangelisch-reformierten Landeskirche, als Kulturdenkmal, touristische Sehenswürdigkeit und Konzertort. Es gehört dem Kanton Zürich.
Seit dem 9. Jahrhundert betreute die Pfarrei zunächst ein großes Gebiet zwischen Limmat und Glatt, später die rechts der Limmat entstandene Stadt. Für die ältere Stadt links der Limmat war St. Peter zuständig. Zwingli wurde 1519 Leutpriester am Grossmünster. Sein Nachfolger Heinrich Bullinger war ab 1531 zugleich Pfarrer und als Antistes Oberhaupt der reformierten Kirche Zürichs. Von 1833 bis 2018 bestand eine eigene Kirchgemeinde Grossmünster; seit der Fusion der 32 städtischen Kirchgemeinden im Jahr 2019 gehört die Kirche zum ersten Kirchenkreis.
Legende, Stift und Reformation
Das Grossmünster entstand am Verehrungsort von Felix und Regula. Ein wohl im späteren 8. Jahrhundert aufgezeichnetes Zeugnis berichtet, sie lägen dort „mit grossem Schmuck“ und an diesem Ort seien „von alters her“ Blinde und Lahme geheilt worden. Eine Gründung durch Karl den Grossen erwähnt diese frühe Quelle jedoch nicht. Als möglicher Ausgangspunkt der Verehrung gelten die Entdeckung eines auffälligen römischen Grabes oder die Überführung von Reliquien der zuvor in Chur verehrten Regula; dies bleibt eine Vermutung.
Die hochmittelalterliche Gründungslegende ist seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar: Ein Hirsch soll Karl den Grossen von Köln nach Zürich geführt haben. Dort seien Hirsch, Hunde und Pferd auf die Knie gesunken, weil Felix und Regula an dieser Stelle begraben lagen. Karl habe ihre Überreste suchen und in geschmückte Särge legen lassen. Ein romanisches Kapitellrelief zeigt das vor den Heiligen kniende Pferd. Die Legende hängt wahrscheinlich mit Reliquien Karls zusammen, die 1233 nach Zürich kamen, und spiegelt die Konkurrenz mit dem Fraumünster. Die Heiligengräber waren bis zur Reformation in der Zwölfbotenkapelle für Pilger zugänglich.
Das spätere Kollegiatstift entwickelte sich vermutlich in frühkarolingischer Zeit aus dem Wallfahrtsort und nahe gelegenen Einsiedeleien. Sicher belegt ist es 870, als Karl der Dicke es als Kollegiatstift bestätigte. Nach einem Brand von 1078 entstand die heutige Kirche. Im Hochmittelalter umfasste die Propstei 24 Chorherren und 32 Kaplane und war neben dem Konstanzer Münster das wichtigste Stift im historischen Bistum Konstanz. Die Chorherren lebten nach der Aachener Regel: Sie versahen Gottesdienst und Verwaltung, legten aber keine Mönchsgelübde ab und durften Privatbesitz haben. Als Reichsstift besaß das Grossmünster Güter und Einkünfte, besonders in Albisrieden, Schwamendingen, Fluntern, Höngg und Meilen.
Während der Reformation erreichten Propst Felix Frey und das Kapitel 1523 den Fortbestand des Stifts. Vogtei- und Gerichtsrechte gingen an den Zürcher Rat, der Grundbesitz blieb bis zur endgültigen Aufhebung 1832 beim Stift. Danach konzentrierte sich dieses auf Bildung: Neben Lateinschule und höherem Gymnasium bestand Zwinglis theologische Akademie, zunächst „Prophezei“, später „Carolinum“ genannt. Dort wurde unter Beteiligung des 1525 berufenen Hebraisten Conrad Pellikan die Zürcher Bibel erarbeitet. Stift und Bibliothek wurden zu einer Keimzelle der 1833 gegründeten Universität Zürich.
Baugeschichte und Architektur
Archäologische Funde belegen ein römisches Gräberfeld im Umfeld der Kirche. Ein kleines Erinnerungsgebäude und eine Gemeinschaft zur Betreuung von Pilgern werden vermutet. Das Grossmünster bildete mit der Wasserkirche, dem überlieferten Hinrichtungsort von Felix und Regula, und dem Fraumünster eine religiöse „Prozessionsachse“ durch Zürich.
Reste eines Vorgängerbaus aus dem 11. Jahrhundert wurden in den 1930er Jahren entdeckt. Der Bau der bestehenden romanischen Kirche begann um 1100 und endete 1220. Er erfolgte in sechs Etappen; wechselnde Baustile führten zu Abweichungen vom ursprünglichen Plan. Zwischen 1487 und 1492 erhielten die Türme gleiche Höhe und Nadelhelme, 1498 entstand der Dachreiter in seiner heutigen Form.
Die Reformation veränderte den Innenraum grundlegend. Auf Zwinglis Initiative entfernte der Rat 1524 die Altarbilder. 1526 entstand aus zerstörten Altären ein Kanzellettner vor dem Chor: Nicht mehr die Handlungen an den Altären, sondern die Predigt sollte im Mittelpunkt stehen. Bullinger ließ später die mutmaßlichen Überreste der Heiligen aus der Zwölfbotenkapelle entfernen.
Nach einem Blitzschlag am 24. August 1763 brannten Glockenturm und Spitzhelm. Die Glocken wurden mit nassen Ochsenhäuten gerettet. Ein geplanter vollständiger Neubau wurde verhindert. 1770 erhielten die Türme flache Terrassen und Balustraden; 1781 bis 1787 schufen Johann Caspar Vögeli und Johannes Haggenmiller die heutigen neugotischen Abschlüsse. Ab 1845 wurden Emporentreppen, Lettner und später sämtliche barocken Elemente entfernt, um nach damaligem Verständnis den romanischen Zustand wiederherzustellen. Gustav Gull und Hermann Fietz schlossen 1913–1915 die Innenrenovation und Rekonstruktion ab. Nach Arbeiten von 1931–1936 und 1989/1990 begann 2023 eine weitere Sanierung. Die Außenrenovation startete 2025 und soll 2028 enden.
Die Hauptfassade liegt im Norden. Das Hauptportal markierte den Beginn des Prozessionswegs zu den Reliquien im Fraumünster. Seine Bronzetür von Otto Münch aus dem Jahr 1950 zeigt biblische Geschichten; Münchs Südtür behandelt die Reformation. Die beiden Westtürme sind jeweils 64 Meter hoch. Im Südturm, dem Karlsturm, führen 187 Stufen zu einem Aussichtsraum in 50 Metern Höhe. Außen befindet sich eine Sitzfigur Karls des Grossen. Der Nord- oder Glockenturm trägt ein Bullinger-Denkmal und ein Reiterrelief von etwa 1180, möglicherweise ein Herrschaftszeichen Berchtholds IV. von Zähringen.
Innenraum und Kunstwerke
Der Innenraum ist bewusst schlicht. Zur Ausstattung gehören Sitzbänke, Chorgestühl, eine Kanzel von 1853 und ein Taufstein von 1598, der zugleich als Abendmahlstisch verwendet wird. Erhalten sind romanische Kapitelle, Reste der ursprünglichen Bemalung in der gerade abgeschlossenen Apsis und eine schemenhafte Darstellung des Schweißtuchs der Veronika aus dem 16. Jahrhundert.
Die Krypta ist der älteste Teil der Kirche. Stark verblasste Wandmalereien aus dem 14. oder 15. Jahrhundert zeigen das Martyrium von Felix und Regula und werden Hans Leu dem Älteren zugeschrieben. Dort steht auch das Original der thronenden Karlsfigur vom Südturm. In den Resten der Zwölfbotenkapelle befinden sich weitere Freskofragmente und ein Modell des ursprünglichen Münsters. Von einem Altarbild Hans Leus mit einer frühen Zürcher Stadtansicht blieb ein Teil erhalten; die Originaltafeln befinden sich im Schweizerischen Landesmuseum.
Die Sakristei diente vom 16. Jahrhundert bis zur Französischen Revolution als Schatzkammer des Zürcher Stadtstaats. Heute enthält sie unter anderem eine Eisentruhe, zwei Zinnkannen von 1580, Kirchengeräte, Bibelausgaben und Übersetzungen seit 1524 sowie Literatur zum Grossmünster.
Drei farbige Chorfenster von Augusto Giacometti stellen seit 1933 die Weihnachtsgeschichte dar. Zwölf Seitenfenster Sigmar Polkes wurden 2009 fertiggestellt. Sieben hintere Fenster bestehen aus abstrakten Mustern geschnittener Achate, fünf vordere aus buntem gerastertem Glas. Zum Chor hin gehen abstrakte Formen in figürliche Darstellungen mit Bezügen zum Alten Testament über. Die Fenster beschäftigen sich damit zugleich mit der reformierten Ablehnung religiöser Bilder.
Orgeln und Glocken
Eine erste Orgel bestand vermutlich bereits im 14. Jahrhundert. Ein Neubau von 1505 wurde 1527 auf Zwinglis Anweisung abgerissen. 1876 baute Johann Nepomuk Kuhn eine Orgel mit 52 Registern, also 52 einzeln wählbaren Klangfarben, auf drei Manualen und Pedal. Carl Theodor Kuhn erweiterte sie 1913–1915 auf 79 Register; ab 1915 galt sie als größte Kirchenorgel der Schweiz. Sie wurde 1956 entfernt.
Die heutige Metzler-Orgel auf der Westempore wurde 1960 vollendet. Sie besitzt 66 Register mit einer Verlängerung, vier Manuale und Pedal sowie eine mechanische Spiel- und elektrische Registertraktur. 16 Register der Kuhn-Orgeln von 1876 und 1915 wurden ganz oder teilweise übernommen, darunter die großen hölzernen Pfeifen des 32-Fuß-Registers im Pedal. Zur Ausstattung gehören mechanische und elektrische Koppeln, mit denen verschiedene Werke gemeinsam gespielt werden, eine elektronische Setzeranlage von 2010, zwei Schwelltritte und ein 1981 eingebauter Zimbelstern.
Im Nordturm hängt ein vierstimmiges Geläut, 1889 von Jakob Keller gegossen. Es erklingt in der Tonfolge c¹–e¹–g¹–c². Die größte Glocke misst 1751 Millimeter und wiegt 4050 Kilogramm; die weiteren wiegen 1680, 965 und 420 Kilogramm. Eine fünfte, 1716 von Moritz Füssli gegossene c²-Glocke hängt im Dachreiter und läutet abends um 20.00 Uhr. Für tägliche Gebetszeiten, den Beginn und das Ende des Sonntags sowie Gottesdienste gelten feste Läuteordnungen. Am Samstag um 19.00 Uhr läuten alle vier Turmglocken gemeinsam mit den anderen Innenstadtkirchen 15 Minuten lang den Sonntag ein. Die große Glocke wird auch beim „Sechseläuten“ verwendet.
Stiftsbibliothek
Die Stiftsbibliothek bewahrte die für Liturgie und Seelsorge notwendigen Bücher. Seit dem 12. Jahrhundert lagen sie in der „Grossen unteren Sakristei“, ab Mitte des 13. Jahrhunderts im „Schatzgewölbe“. Zwischen 1482 und 1522 entstand über dem Westflügel des Kreuzgangs ein eigener Bibliotheksraum. Die Sammlung wurde später ein Grundstock der Kantons- und Universitätsbibliothek und damit der seit 1914 bestehenden Zentralbibliothek Zürich.
Statuten von 1346 regelten die Arbeit des Bibliothekars, des „Librarius“. Er musste Bücher verwahren und reparieren sowie Ausleihen gegen Quittung überwachen. Ausleihen außerhalb des Stifts benötigten die Zustimmung des Kapitels. Der Propst kontrollierte den Bestand jährlich mit zwei Chorherren; für Verluste haftete der Librarius persönlich.
Während der Reformation gingen besonders liturgische Pergamenthandschriften verloren. Nach Zwinglis Tod wurde die Bibliothek neu gegründet und Zwinglis Büchersammlung von seiner Witwe gekauft. Conrad Pellikan, Bibliothekar von 1532 bis 1551, erfasste mittelalterliche Bestände und Neuerwerbungen in einem Katalog. Mithilfe dieses Katalogs von 1531/1552 ließ sich die mittelalterliche und frühneuzeitliche Stiftsbibliothek rekonstruieren. Der größte Teil des erhaltenen Bestands befindet sich heute in der Zentralbibliothek Zürich.