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Grimms Märchen

Grimms Märchen nennt man volkstümlich die berühmte Sammlung Kinder- und Hausmärchen, in der Forschungsliteratur auch als KHM abgekürzt, die Jacob und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Quellen
  3. 3. Auflagen und Bearbeitung
  4. 4. Textbestand und Stil
  5. 5. Forschung und Kritik
  6. 6. Wirkung und heutiges Bild

Kern und Bedeutung

Grimms Märchen ist der volkstümliche Name für die Sammlung Kinder- und Hausmärchen, in der Forschung oft KHM abgekürzt. Jacob und Wilhelm Grimm, bekannt als die Brüder Grimm, gaben sie von 1812 bis 1858 heraus. Die Sammlung war ursprünglich nicht nur für Kinder gedacht, sondern entstand vor allem aus volkskundlichem und literaturhistorischem Interesse. Sie enthielt deshalb auch märchenkundliche Kommentare.

Die Kinder- und Hausmärchen gelten als „die erste systematische Zusammenfassung und wissenschaftliche Dokumentation von Märchentraditionen“. Sie wurden in über 160 Sprachen übersetzt. Wegen ihrer weltweiten Wirkung und weil aus traditionellen Märchenüberlieferungen mehrerer Kulturen eine neue Tradition entstand, wurden Grimms Märchen 2005 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

Besonders wichtig ist Wilhelm Grimms sprachliche Bearbeitung. Sie schuf einen Buchmärchenstil, der bis heute stark prägt, wie viele Menschen sich Märchen vorstellen. Die Sammlung steht deshalb zwischen mündlichem Volksmärchen, wissenschaftlicher Dokumentation und literarisch gestalteter Erzählung.

Entstehung und Quellen

Die Brüder Grimm begannen ab 1806 auf Anregung der Romantiker Clemens Brentano, Achim von Arnim und Johann Friedrich Reichardt Märchen zu sammeln. Zunächst arbeiteten sie für Brentanos und Arnims Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn. Sie exzerpierten Märchen aus literarischen Werken und sammelten Erzählungen aus ihrem Bekanntenkreis. Eigene Kindheitserinnerungen der Brüder spielten keine Rolle; echte Feldforschung war selten.

Am 17. Oktober 1810 schickte Jacob Grimm 46 Texte an Brentano. Diese handschriftliche „Urfassung“ war insgesamt etwas größer, weil Brentano einzelne Texte schon vorher hatte. Jacob Grimm hatte 25 Texte selbst niedergeschrieben, Wilhelm 14 und verschiedene Gewährsleute sieben. Vermutlich stammten 18 Stück aus literarischen Quellen, 16 von den Geschwistern Hassenpflug, 14 von Familie Wild, sechs von Friederike Mannel, zwei von der Frau des Marburger Hospitalvogts und eins von den Geschwistern Ramus. Die mündlichen Beiträger waren meist junge Frauen aus bürgerlichem Milieu.

Brentano nutzte das Material nicht. Die Grimms führten die Sammlung selbst weiter und notierten Quellen und Aufnahmedaten genauer. Wichtige Gewährsleute blieben die Geschwister Hassenpflug und Wild. Für den zweiten Band kamen westfälische Adelsfamilien von Haxthausen und von Droste-Hülshoff hinzu, deren Märchen wiederum oft von Mägden, Bauern, Schäfern und anderen stammten. Eine besonders wichtige Erzählerin wurde Dorothea Viehmann. Die Grimms stellten sie als Idealbild einer Märchenfrau dar; ihre Texte wurden später kaum verändert und dienten auch als Vergleichs- oder Ergänzungsfassungen.

Auflagen und Bearbeitung

Die ersten Exemplare der Sammlung erschienen am 20. Dezember 1812, der größte Teil im März 1813, bei Georg Andreas Reimer in Berlin in einer Auflage von 900 Stück. Der zweite Teil wurde 1814 gedruckt, aber auf 1815 vordatiert. Der Verkauf verlief zunächst schleppend, besonders beim zweiten Band.

Die zweite Auflage von 1819 gilt als die wichtigste in der Editionsgeschichte. Viele Texte wurden neu aufgenommen, darunter Märchen, die heute zum Grundbestand zählen, etwa Die Bremer Stadtmusikanten, Hans im Glück und Tischlein deck dich. Viele Texte der ersten Auflage wurden grundlegend bearbeitet. Ab dieser Zeit übernahm vor allem Wilhelm Grimm das Sammeln und Überarbeiten der Texte; Jacob Grimm besorgte nur noch einzelne Texte für die zweite und dritte Auflage und wirkte wohl weiter an wissenschaftlichen Anmerkungen mit.

Wilhelm Grimm reagierte auf Kritik, die eine gefälligere und kindgerechtere Erzählweise verlangte. Dadurch entstand ein Spannungsverhältnis: Die Grimms wollten einerseits eine literaturhistorische Sammlung, andererseits erwartete das Publikum zunehmend ein Kinderbuch. In den späteren Auflagen wurden Texte stärker sentimentalisiert, entsexualisiert und verchristlicht. Beispiele sind Rapunzel für Entsexualisierung sowie Das Mädchen ohne Hände, Der Gevatter Tod, Allerleirauh, Die Nelke und Die Sterntaler für stärkere christliche Prägung. In Hänsel und Gretel und Schneewittchen wurde die Rolle des Bösen Stiefmüttern zugeschrieben, um das Familienbild zu schonen. Fremdwörter wurden ersetzt, etwa Feen durch Zauberinnen und Prinzen durch Königssöhne.

Die dritte Auflage erschien 1837, die vierte 1840, die fünfte 1843, die sechste 1850 und die siebte Auflage letzter Hand 1857. Die „Kleine Ausgabe“ erschien ab 1825 mit 50 Titeln und war ausdrücklich für Kinder gedacht. Sie wurde zum ersten Publikationserfolg und erschien zu Lebzeiten der Grimms in zehn Auflagen: 1825, 1833, 1836, 1839, 1841, 1844, 1847, 1850, 1853 und 1858.

Textbestand und Stil

Die Kinder- und Hausmärchen veränderten sich von Auflage zu Auflage. Die Brüder Grimm tauschten Märchen aus, nahmen neue auf, verschmolzen Fassungen und fügten Redensarten und Sprichwörter ein. Jacob Grimm räumte ein, dass dies nichts mit Exaktheit im mathematischen Sinn zu tun habe. Daher gleicht keine Auflage in ihrem Textbestand ganz der anderen.

Wilhelm Grimms Stil zielte auf klare, ausgewogene Textstruktur. Er arbeitete oft ein romantisches oder biedermeierliches Ideal heraus. Häufig ist eine Tendenz zur Dreigliedrigkeit, also zu Strukturen mit drei Schritten, drei Aufgaben oder drei Gaben. Ein wiederkehrendes Motiv ist der Erwerb von Zaubergaben: Die erste Gabe bringt oft Nahrung, die zweite Schnelligkeit und die dritte, häufig ein Musikinstrument, bestraft die Gegenspieler. Als Beispiel nennt der Artikel Das blaue Licht.

Die Sammlung enthält nicht nur Märchen im engeren Sinn. Neben Märchen und Tiermärchen gibt es viele Schwänke, also komische oder derbe Erzählungen, und teilweise Motive der Sage. Von der Auflage letzter Hand würden heute nur etwa 50 Texte als reine Märchen gelten. Die Texte werden in der Forschung nach ihrer Nummer innerhalb der Kinder- und Hausmärchen abgekürzt, zum Beispiel KHM 15 für Hänsel und Gretel. Der Zusatz „a“ bezeichnet Texte, die bis zur Ausgabe letzter Hand durch andere ersetzt wurden.

Forschung und Kritik

Die handschriftliche Urfassung von 1810 ist für die Forschung besonders wertvoll, weil andere frühe Aufzeichnungen der Brüder Grimm nach dem Druck vernichtet wurden. Schon 1808 hatte Jacob Grimm sieben handschriftliche Texte an Savigny geschickt. Die Erforschung begann mit Wilhelms Sohn Herman, der auch Notizen in den Handexemplaren auswertete. Lange war seine falsche Zuschreibung von Beiträgen der jungen Marie Hassenpflug an eine „Alte Marie“ irreführend.

Die Forschung konzentrierte sich lange auf die Ausgabe letzter Hand. Erst der Vergleich verschiedener Auflagen machte viele starke Bearbeitungen sichtbar. Heinz Rölleke veröffentlichte 1975 eine Ausgabe der handschriftlichen Urfassung von 1810 und ersetzte damit einen weniger zuverlässigen Abdruck von Joseph Lefftz aus dem Jahr 1927. Nach Rölleke lässt sich kein klarer Gegensatz zwischen Jacob und Wilhelm Grimm in der Bearbeitung nachweisen.

Neuere Forschung betont, dass die Sammlung keine einfache Wiedergabe „rein deutscher“ Volksüberlieferung ist. Das bürgerliche Umfeld in Kassel war vielfach hugenottisch geprägt. Dorothea Viehmann war nicht die alte hessische Bäuerin, als die sie dargestellt wurde, sondern eine gebildete Frau mit französischen Wurzeln. Über Perrault, Viehmann sowie die Familien Hassenpflug und Wild gelangten auch französische Kunstmärchen und Märchenvarianten in die Sammlung. Einige Märchen französischer Herkunft, etwa Der gestiefelte Kater oder Blaubart, wurden nach der ersten Ausgabe entfernt, aber nicht konsequent. Eine nationale Eingrenzung ist auch deshalb schwierig, weil Märchen wie Aschenputtel eine breite europäische und internationale Verbreitung haben.

Wirkung und heutiges Bild

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Grimms Märchen in Westdeutschland zeitweise kritisch gesehen. Der britische Major T. J. Leonard kam 1947 in First steps in cruelty zu dem Schluss, die Grimmschen Märchen hätten bei deutschen Kindern eine unbewusste Neigung zur Grausamkeit erzeugt. In der amerikanischen Besatzungszone wurden die Kinder- und Hausmärchen aus Schulen und Bibliotheken aussortiert; in der britischen Besatzungszone wurde zeitweise keine Lizenz für Nachdrucke vergeben. Bis in die 1970er Jahre dominierten märchenkritische Stimmen. Ein Umschwung setzte mit Bruno Bettelheims Kinder brauchen Märchen von 1976 ein, das den Märchen aus psychoanalytischer Sicht eine tröstliche und stärkende Wirkung zuschrieb.

Neuere Forschung, unter anderem von Holger Ehrhardt, weist auf antisemitische Inhalte in einzelnen Texten hin. Genannt werden Das von den Juden getötete Mägdlein, Der Judenstein, Der Jude im Dorn und Rumpelstilzchen. Bei Der Jude im Dorn hätten die Grimms die antijüdische Stigmatisierung in der Auflage von 1837 gegenüber der Erstausgabe von 1815 verschärft.

Viele allgemein bekannte Vorstellungen über Grimms Märchen stimmen nicht genau mit den Originaltexten überein. Die Märchen beginnen nicht immer mit „Es war einmal“; diese Formel steht nur bei etwa 40 Prozent der Geschichten. Das Hexenhaus in Hänsel und Gretel besteht nicht aus Lebkuchen, sondern aus Brot, Kuchen und Zucker. Schneewittchen heißt bei den Grimms Sneewittchen. Dornröschen sticht sich an einer Spindel, nicht an einer Rose. Aschenputtel erhält die Kleider nicht von einer Fee, sondern von einem Baum am Grab der Mutter. Der Froschkönig wird nicht durch einen Kuss zurückverwandelt, sondern nachdem er mit Abscheu an die Wand geschleudert wird.

Grimms Märchen wurden vielfach kulturell weiterverarbeitet, unter anderem in Musicals, Filmen, Fernsehserien, Hörspielen und Dramen. Beispiele aus dem Artikel sind Into the Woods von Stephen Sondheim und James Lapine, der Film Brothers Grimm von Terry Gilliam und die Serien SimsalaGrimm sowie Once Upon a Time – Es war einmal …

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