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Der gestiefelte Kater
Der gestiefelte Kater (Französisch: Le Maître chat ou le Chat botté, „Der Meister Kater oder der Kater in Stiefeln“) ist ein Märchen (ATU 545B).
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und Bedeutung
„Der gestiefelte Kater“ ist ein Märchen des internationalen Märchentypus ATU 545B. Im Mittelpunkt steht ein scheinbar wertloses Erbe, das sich durch die Klugheit und Täuschungsmanöver eines Katers als entscheidender Vorteil erweist. Das Märchen erzählt vom sozialen Aufstieg eines armen Müllersohns zum König und verbindet einfache Motive wie eine ungerechte Erbteilung, Dankbarkeit, List und unerwartetes Glück.
Bei den Brüdern Grimm stand der Text nur in der 1. Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 als Nr. 33 (KHM 33a). In der modernen, von Heinz Rölleke herausgegebenen Ausgabe befindet er sich als Nr. 5 im Anhang. Der Stoff ist jedoch weit über diese Fassung hinaus bekannt: Er wurde in zahlreichen Sprachen verbreitet und vielfach für Literatur, Bühne, Oper, Film, Hörspiel, Puppentheater und Comic bearbeitet.
Handlung
Nach dem Tod eines Müllers erhält der älteste Sohn die Mühle, der zweite einen Esel und der dritte lediglich einen Kater. Der jüngste Sohn hält sein Erbe zunächst für nutzlos und meint, aus dem Fell des Tieres höchstens Handschuhe machen zu können. Der Kater verspricht ihm jedoch Hilfe, wenn er dafür ein Paar Stiefel bekommt.
Mit einem Sack fängt der Kater Rebhühner und schenkt sie dem König im Namen seines Herrn, den er als Grafen ausgibt. Dafür wird er mit Gold belohnt. Später veranlasst er den Müllersohn, „splinternackend“ in einem See zu baden, an dem der König mit seiner Tochter vorbeifährt. Der Kater behauptet, ein Dieb habe seinem Herrn die Kleider gestohlen. Daraufhin lässt der König dem angeblichen Grafen vornehme Kleidung bringen und nimmt ihn in seiner Kutsche mit.
Der Kater läuft voraus und bringt Arbeiter auf Feldern und in Wäldern dazu, dem vorbeifahrenden König zu sagen, die Ländereien gehörten dem Grafen. In Wahrheit besitzt sie ein mächtiger Zauberer. Diesen fordert der Kater auf, seine Verwandlungskünste vorzuführen. Als der Zauberer sich in ein Mäuslein verwandelt, frisst der Kater ihn auf und nimmt dessen Schloss für den Müllersohn in Besitz.
Am Ende wird die Prinzessin dem vermeintlichen Grafen versprochen. Nach dem Tod des Königs wird der Müllersohn selbst König, während der gestiefelte Kater zum ersten Minister aufsteigt. Der soziale Erfolg beruht somit nicht auf Zauberei des Helden, sondern auf der planvollen List seines tierischen Helfers.
Überlieferung und Fassungen
Wilhelm Grimm hörte das Märchen seiner Notiz zufolge offenbar von Jeanette Hassenpflug, die aus einer französischsprachigen Hugenottenfamilie stammte. Später entfernte er es vermutlich wegen seiner Ähnlichkeit mit Charles Perraults „Le Maître Chat ou le Chat botté“. Dieser Text war 1697 in Perraults Sammlung „Histoires ou contes du temps passé, avec des moralités: Contes de ma mère l’Oye“ erschienen; deutsche Übersetzungen lagen bereits im 18. Jahrhundert vor.
Wilhelm Grimm überarbeitete seine Fassung sowohl vor als auch nach dem Druck. Dabei wurden die sozialen Gegensätze aus Perraults Erzählung abgeschwächt und ausdrückliche Wertungen entfernt. Durch volkstümlich klingende Wendungen erhielt der Text den Charakter einer schwankhaften Volkserzählung. Ein Schwank ist eine kurze, meist komische Erzählung, in der List, Täuschung oder menschliche Schwächen eine wichtige Rolle spielen.
Frühe italienische Fassungen blieben offenbar ohne Einfluss auf Grimms Text. Dazu gehören „Costantino Fortunato“ in Giovanni Francesco Straparolas „Ergötzliche Nächte“ 11,1 und „Cagliuso“ in Giambattista Basiles „Pentameron“ 2,4. Tierische Helfer und besonders geschickte Diebe besitzen allerdings eine lange literarische Tradition. Hans-Jörg Uther zieht unter anderem Vergleiche zu „Reineke Fuchs“, „Der Pfaffe Amis“, „Till Eulenspiegel“ und „Lazarillo de Tormes“. In bulgarischen, rumänischen, serbischen, griechischen, estnischen und kurdischen Varianten übernimmt teilweise ein Fuchs die Rolle des Katers.
Eine bedeutende literarische Bearbeitung schuf Ludwig Tieck mit seiner gleichnamigen Komödie von 1797, die erst am 20. April 1844 in Berlin uraufgeführt wurde. Gustav Falke veröffentlichte 1904 eine weitere Version als Dichtung in 11 Gesängen.
Deutungen
Eugen Drewermann deutet den pfiffigen Kater als Verkörperung des Überlebenswillens seines Herrn. Die Erbteilung nimmt auf dessen Not keine Rücksicht; deshalb wird der scheinbar harmlose Kater zum Vertreter eines entschlossenen Überlebenskampfes. Seine Stiefel sind für eine Katze zwar unnatürlich, verschaffen ihm aber ein glaubwürdiges Auftreten unter Menschen. Er unterdrückt zunächst sogar den eigenen Appetit, um sich durch die Rebhühner beim König einzukaufen.
Nach Drewermann nutzt der Kater die Gefühle und Schwächen anderer gezielt aus. Die Liebe der Königstochter und das Mitleid mit dem angeblich beraubten, nackten Grafen werden zu Werkzeugen seines Plans. Die Arbeiter werden eingeschüchtert, während König und Untertanen offenbar nicht prüfen, wem Land und Schloss tatsächlich gehören. Drewermann sieht deshalb eine Gesellschaftssatire: Ein großer Betrüger, der Zauberer, wird nicht durch eine gerechtere Ordnung, sondern durch einen neuen Betrüger abgelöst. Das unterscheide die Geschichte von Märchen wie „Der arme Müllerbursch und das Kätzchen“, in denen die Liebe als wirklicher Ausweg ernst genommen werde.
Wilhelm Salber beschreibt als Grundmuster ein Gefühl, dass die Welt den eigenen Wünschen nicht entgegenkommt. Die verdrängten Sehnsüchte des Müllersohns würden daher abgespalten und durch den hilfreichen Kater ausgelebt. Beide Deutungen betonen, dass der Kater nicht bloß ein Tierhelfer ist, sondern Fähigkeiten und Wünsche verkörpert, die sein passiver Herr selbst nicht zeigt.
Verbreitung und Bearbeitungen
Der Stoff wurde in fast allen wichtigen Medien weiterverarbeitet. Für die Oper entstanden unter anderem César Cuis 1913 in Sankt Petersburg uraufgeführte Kinderoper, Xavier Montsalvatges 1947 geschriebene und im Januar 1948 am Gran Teatre del Liceu in Barcelona uraufgeführte Oper „El Gato con Botas“ sowie Günter Bialas’ komische Oper „Der gestiefelte Kater oder Wie man das Spiel spielt“, deren Libretto Tankred Dorst nach Ludwig Tieck verfasste. Sie wurde am 15. Mai 1975 in Schwetzingen uraufgeführt und 1987 in München neu gefasst.
Die zahlreichen Verfilmungen reichen vom Silhouettenfilm „Der Graf von Carabas“ von Lotte Reiniger aus dem Jahr 1934 über deutsche, sowjetische und japanische Spiel-, Zeichen- und Puppentrickfilme bis zu modernen Computeranimationen. Besonders bekannt wurden „Der gestiefelte Kater“ von DreamWorks Animation aus dem Jahr 2011 und „Der gestiefelte Kater: Der letzte Wunsch“ von 2022. In „Shrek 2“, „Shrek der Dritte“ und „Für immer Shrek“ tritt die Figur außerdem in einer wichtigen Nebenrolle auf.
Auf dem Theater wirkten vor allem Tiecks Komödie von 1797 und Tankred Dorsts Komödie von 1964 weiter; hinzu kamen Kinderstücke und Musicals. Die Augsburger Puppenkiste eröffnete am 26. Februar 1948 mit „Der gestiefelte Kater“ und brachte später mehrere Neubearbeitungen heraus. Weitere Umsetzungen entstanden für Figuren- und Marionettentheater, Hörspiele, Comics und Manga. Janosch kehrte in seiner literarischen Parodie die Vorstellung vom erstrebenswerten Reichtum um: Der Kater zeigt Hans, wie unglücklich die Reichen trotz Häusern, Autos und teurem Essen sind.
Die internationale Verbreitung ist auch durch Sammlungen belegt. Im Kasseler Brüder Grimm-Zentrum der Brüder Grimm-Gesellschaft befinden sich zahlreiche italienische, französische und deutsche Märchenausgaben aus dem 16. bis 21. Jahrhundert sowie mehr als 200 Illustrationen, vor allem aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Dort ist das Märchen außerdem in mehr als 100 Sprachen dokumentiert.