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Die Gänsemagd

Die Gänsemagd ist ein Märchen (ATU 533). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 89 (KHM 89). Illustration von George Cruikshank, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Kernkonflikt
  2. 2. Handlung
  3. 3. Märchensprache und zentrale Symbole
  4. 4. Deutungen
  5. 5. Herkunft und Varianten
  6. 6. Nachwirkung und Bearbeitungen

Einordnung und Kernkonflikt

„Die Gänsemagd“ ist ein Märchen des Typs ATU 533. In den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm steht es als KHM 89. Im Mittelpunkt stehen eine vertauschte Identität, die Bewährung einer zunächst passiven Königstochter und die spätere Aufdeckung des Betrugs. Eine Kammermagd zwingt die Prinzessin während ihrer Brautfahrt zum Rollenwechsel und tritt am Ziel selbst als königliche Braut auf. Magische Helfer und Zeichen bewahren jedoch die Erinnerung an die wahre Herkunft der Prinzessin.

Handlung

Eine verwitwete Königin schickt ihre einzige Tochter zu einem fernen Königssohn, den sie heiraten soll. Die Prinzessin reist mit einer Magd, dem sprechenden Pferd Falada und einem schützenden Tuch, auf dem sich drei Blutstropfen ihrer Mutter befinden.

Als die Prinzessin an einem Bach trinken möchte, verweigert ihr die Magd den goldenen Becher. Beim Hinunterbeugen verliert die Prinzessin das Tuch mit den Blutstropfen und damit ihren Schutz. Die Magd zwingt sie daraufhin, Pferde und Kleider zu tauschen und zu schwören, keinem Menschen die Wahrheit zu sagen. Am Schloss wird deshalb die Magd als Braut empfangen. Der alte König lässt die wirkliche Königstochter zusammen mit dem Jungen Kürdchen die Gänse hüten.

Die falsche Braut lässt Falada enthaupten, weil sie seine Aussage fürchtet. Auf Bitten der Prinzessin wird der Kopf unter einem Tor befestigt. Wenn sie dort vorbeigeht, spricht Falada sie als „Jungfer Königin“ an. Auf der Wiese öffnet die Prinzessin ihr goldglänzendes Haar. Will Kürdchen ihr Haare ausreißen, ruft sie mit einem Zauberspruch den Wind, der seinen Hut fortweht.

Kürdchen beschwert sich beim alten König. Dieser beobachtet beide heimlich und verlangt anschließend eine Erklärung. Wegen ihres Schwurs weigert sich die Prinzessin, einem Menschen die Wahrheit zu sagen. Der König lässt sie daher ihr Leid einem Eisenofen klagen und belauscht sie. So wird der Betrug aufgedeckt. Die falsche Braut spricht unwissentlich ihr eigenes Urteil: Sie soll in einem mit Nägeln beschlagenen Fass zu Tode geschleift werden. Danach findet eine prächtige Hochzeit statt.

Märchensprache und zentrale Symbole

Das Übernatürliche erscheint selbstverständlich: Zuerst sprechen die drei Blutstropfen, später der abgeschlagene Pferdekopf; außerdem kann die Prinzessin durch einen Spruch den Wind beeinflussen. Die Blutstropfen sagen zweimal: „Wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen“. Die Wechselrede mit Falada und der Windzauber werden jeweils dreimal wiederholt. Die dunklen a-Laute und die Anrede „O du“ geben der Falada-Formel einen würdig-traurigen Klang, während das Windgedicht leichter und lebhafter wirkt. Bei der Klage im Ofen übernimmt die Prinzessin selbst die Worte der Blutstropfen; diese Textfassung steht so seit 1843.

Ein „Schnatz“ ist ein Haarknoten: Zwei geflochtene Zöpfe werden als Dutt um den Kopf gesteckt, anschließend wird die Haube aufgesetzt. Das Märchen schildert seine magischen Vorgänge ohne Verwunderung und kennzeichnet sich damit deutlich als Märchen.

Die Prinzessin besteht eine Prüfung ihrer Standhaftigkeit und Duldsamkeit. Blutstropfen und Pferdekopf stehen als Teile für ihre verletzte Bindung an Heimat und Mutter. Die Geschichte kann als Entwicklungsmärchen gelesen werden: Anfangs besitzt die Prinzessin Würde, aber wenig Durchsetzungskraft; im Verlauf bewahrt sie ihre Identität und gewinnt Selbstständigkeit. Der Konflikt beginnt am Bach mit Wasser und den flüssigen Blutstropfen und endet am harten Eisenofen, einer Wärmequelle. Fluss und Tor markieren Übergänge. Pferdekopf, Haarpflege und Wind verweisen zugleich auf Kopf, Denken und Kühle.

Deutungen

Die psychologischen und symbolischen Auslegungen widersprechen einander teilweise. Hedwig von Beit deutet das goldene Haar als Licht des Bewusstseins, den alten König als Vaterbild und das Pferd als Bild der „Großen Mutter“. Der rot-weiße Blutlappen gewährleiste Rückbindung und Orientierung; sein Verlust führe zu Passivität und zum Pferde- und Kleidertausch. Andere Autoren halten diese ambivalente Mutterdeutung für übertrieben, weil keine symbolische Verbindung zwischen Mutter und Magd bestehe.

Bruno Bettelheim sieht einen Ödipuskonflikt und eine Warnung vor zu langer kindlicher Abhängigkeit. Die Prinzessin übertrage ihre Abhängigkeit von der Mutter auf die Zofe. Das Gänsehüten mit Kürdchen zeige ihre Unreife; indem sie später ihr Goldhaar verteidigt, zu ihrem Schwur steht und ihre Identität bewahrt, entwickle sie sich weiter. Die falsche Braut wolle dagegen als jemand erscheinen, der sie nicht ist. Eugen Drewermann widerspricht der Ödipusdeutung: Weil der Vater lange tot sei, klammere sich vielmehr die Mutter an ihre Tochter und habe sie zur Widerspruchslosigkeit erzogen.

Olga Rinne versteht Falada als magischen Begleiter, Schutz und Bild der wilden Seele, der Gefühle und des richtigen Instinkts. Sein Tod ermögliche der Prinzessin Trauerarbeit; das Verhältnis zu Kürdchen werde zur Phase der Selbstfindung. Friedel Lenz verbindet die Fernheirat mit der Entwicklung des Ichs, das Pferd mit dem Verstand, das Gänsehüten mit Sammlung und das Haar mit der Pflege der Gedanken. Verena Kast sieht vor allem die Ablösung von der Mutter. Heinz-Peter Röhr liest das Märchen als Darstellung von Abhängigkeit und emotionalem Missbrauch in der Familie. Weitere Deutungen beziehen es auf verdrängte Konflikte, Egoismus, Therapie und werteorientierte Führung.

Herkunft und Varianten

Bekannt wurde das Märchen durch die Brüder Grimm. Es erschien 1815 im zweiten Teil der ersten Auflage als Nr. 3 und steht seither an Stelle 89; der Wortlaut wurde nur geringfügig verändert. Nach Jacob Grimm beruhte der Text auf einer mündlichen Erzählung Dorothea Viehmanns aus Niederzwehren bei Kassel. Die Grimms suchten besonders für die Rolle des Pferdes Bezüge zur altgermanischen Mythologie.

Als mögliche Vorläufer gelten die französische Bertasage und „Le doje pizzelle“ aus Giambattista Basiles „Pentameron“ (IV,7). Heinz Rölleke betont Parallelen zur keltischen Tristansage. Er vermutet außerdem eine Umgestaltung während der katholischen Gegenreformation, bei der die Erlösung an ein beichtähnliches Aussprechen der Wahrheit geknüpft worden sei.

Das Motiv der untergeschobenen Braut ist weit verbreitet und erscheint unter anderem in der Bibel bei Jakob, Rahel und Lea, in der Lieder-Edda sowie in mittelalterlichen Überlieferungen wie „Tristan“. Fast weltweit existieren mündliche Varianten. Der Pferdekopf kann durch einen Esel, Hund oder Vögel ersetzt werden; an die Stelle der Blutstropfen treten mitunter Tränen, Goldhaare der Mutter, eine Brosche, ein Tuch oder ein Goldapfel. Trotz solcher Vermischungen bleibt die Grundhandlung meist stabil.

Nachwirkung und Bearbeitungen

Das Märchen wirkte auf Literatur, Musik, Theater und Film. Heinrich Heine wurde dadurch zu den Versen 29 bis 48 in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (Caput XIV) und möglicherweise zu „Die Lore-Ley“ angeregt. Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen bildete sein Pseudonym Hans Fallada aus „Hans im Glück“ und dem Pferdenamen Falada. Bertolt Brechts Gedicht „Ein Pferd klagt an“ trägt den Untertitel „Oh Falladah, die du hangest!“ und wurde von Hanns Eisler vertont. Spätere Romane, Gedichte, Comics und Jugendbücher greifen vor allem Identitätstausch, Falada, das Bluttuch oder die Klage am Ofen auf.

Für die Bühne entstanden 1996 Natascha Retschys Stück „Die Gänsemagd“, 2010 eine Kinderoper von Iris ter Schiphorst und 2024 ein Musical von Franziska Kuropka und Lukas Nimschek bei den Brüder Grimm Festspielen Hanau.

Zu den Verfilmungen gehören der westdeutsche Spielfilm „Die Gänsemagd“ von Fritz Genschow (1957, 73 Minuten), der Schweizer Film von Rudolf Jugert (1977, 25 Minuten), der DDR-Animationsfilm von Horst Tappert (1986, 11 Minuten), der DEFA-Spielfilm „Die Geschichte von der Gänseprinzessin und ihrem treuen Pferd Falada“ von Konrad Petzold (1988, 80 Minuten) und der ARD-Märchenfilm von Sibylle Tafel (2009, 60 Minuten). Außerdem wurde der Stoff in Zeichentrick- und Fernsehserien bearbeitet.

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